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Morphelia

Waken the Nightmare

Coverbild
Informationen

Allgemeine Angaben

Erscheinungsjahr: 2009
Besonderheiten/Stil: Konzeptalbum; Krautrock; Neoprog; Progmetal; RetroProg
Label: Vossphor Records
Durchschnittswertung: 10.5/15 (2 Rezensionen)

Besetzung

Kurt Stwrtetschka lead vocals
Guido Fröhlich guitars, backing vocals
Günter Grünebast synthesizers, organ
Renko Rickerts bass, acoustic guitar, backing vocals
Elmar de Groot drums, percussion

Tracklist

Disc 1
1. Walk through the Park 3:57
2. The En-Trance (from the outside coming in) 1:20
3. Hunt in the Hall 10:29
4. In the Captain's Room 6:00
5. Never-ending steps 8:01
6. Blue Chamber 4:36
7. 365 Windows (from the inside looking out) 10:14
8. Mirror Labyrinth (Lost the Way) 8:37
9. From the Room of Silence 6:16
Gesamtlaufzeit59:30
Disc 2
1. Imaginos (A Taste of Evil) 6:47
2. On the Roof (A Taste of Freedom) 7:44
3. In the Hall of stormy Oceans 15:42
4. The End is the Beginning of the End (from the inside coming out) 27:17
Gesamtlaufzeit57:30


Rezensionen


Von: Henning Mangold @ (Rezension 1 von 2)


Passend zur Vorweihnachtszeit fällt mir auf, dass Wünsche manchmal in Erfüllung gehen – meine ganz persönlichen Wünsche zur Weiterentwicklung des Prog zum Beispiel:

Auf meinem Wunschzettel stand, dass Progmetal zu einem frei einsetzbaren Stilmittel des Prog werden möge – ohne Verpflichtung auf Dauer-Präsenz über eine ganze Albumlänge hinweg – und mein Wunsch wurde mittlerweile schon mehrfach erfüllt.

Ein anderer meiner Wünsche bestand darin, Platten nicht unnötig in die Länge zu ziehen, nur weil das heute so üblich ist. Auch der hat sich schon mehrfach erfüllt, aber da gibt es noch ‚Reserven’.

Und dann hatte ich mir noch gewünscht, dass der Prog – wenn er schon die Brücken zum Metal schlägt – auch andere Brücken schlagen möge: Sprünge ins Musical wären mal was, oder rüber zum Gothic, oder in längst vergangene Bereiche, die trotzdem nicht automatisch ‚Retroprog’ heißen müssten, sondern vielleicht auch mal ‚Krautrock’.

Ach ja, und mal wieder ein richtig sorgfältig gestaltetes und dramaturgisch überzeugendes Konzept-Doppelalbum – das wär ja auch mal wieder eine gute Idee (aber dann muss es zwingend so konzipiert und nicht als Baugruppen-Konzept entstanden sein).

Einige meiner Wünsche wurden pünktlich zur Adventszeit tatsächlich erfüllt, und zwar durch Morphelia’s Doppelalbum „Awaken the Nightmare“. Morphelia sind eine noch wenig bekannte deutsche Progband, die 2003 mit dem Debütalbum „Prognocircus“ positiv aufgefallen waren; sie hatten sich da zwar noch überdeutlich als Saga-Fans geoutet, aber waren dennoch so typisch krautrockig-deutsch rübergekommen, dass es ungemein sympathisch klang. So ganz „fertig“ hatte dieses Album allerdings noch nicht gewirkt – ihm war anzumerken, dass seine Aufnahmen aus verschiedenen Zeiten stammten (und in unterschiedlicher Qualität waren), also stellte das Album eher eine Art Materialsammlung dar – und konnte in dieser Form aber durchaus überzeugen.

Und nun – nach ein paar Jahren, in denen man sie hätte vergessen können – legt die Band ihr Zweitwerk vor, was mich eigentlich hätte freuen müssen, aber selbst ich bin skeptisch geworden, als ich las, dass es gleich ein Doppelalbum geworden ist: zu oft haben Bands es zu eilig gehabt und zu früh zu viel veröffentlicht…

…aber nicht Morphelia! Es ist schon fast unheimlich, wie richtig die alles machen: sie legen ein perfekt produziertes, ansprechend verpacktes, außerordentlich sorgfältig konzipiertes und produziertes Konzept-Doppelalbum vor, dessen einzige zwei denkbaren Schwächen darin liegen, dass sein Inhaltskonzept nicht ganz neu ist und dass der Schlagzeuger nicht so mitreißend spielt, wie es die mitreißend geschriebene Musik verdient hätte.

Das ist aber auch schon alles, was sich bemängeln ließe – wenn es denn schon sein muss, überhaupt zu meckern. In jeder anderen Hinsicht ist dieses Album fast schon unheimlich perfekt. Da mein persönliches Steckenpferd immer die Komposition der Musik ist, lege ich mal darauf mein Haupt-Augenmerk: Die Story – musikalisch wie auch erzählerisch – beginnt damit, dass Protagonist Elias träumend in einem Park ein großes altes Haus entdeckt (eins von den Landhäusern, wo Nosferatu seine Kisten mit Erde hätte lagern können), und zu der Entdeckung hören wir ein musikalisches Thema, das an dieser Stelle aufrüttelnd wie ein Weckruf klingt. Exakt dieses Thema werden wir mehrfach wieder hören – zwischendurch versteckt in Song-Refrains, in vermeintlichen Improvisationen, in elektronischen Spielereien, als Stakkato in kurzen Bass-Kapriolen und zum Schluss als bombastische Koda mitten im Finale – dort unterbrochen durch eine knarrende Tür und gefolgt von Vogelgezwitscher: nach einer Odyssee durch ein Haus mit 365 Fenstern kehrt die Geschichte wieder in den Park an ihren Anfangspunkt zurück, so wie Alpträume es zu tun pflegen – und nach den Angaben in den Linernotes des Booklets beruht das Inhaltskonzept auf einem tatsächlich wiederkehrenden Traum des Sängers Kurt Stwrtetschka.

Auf der Reise durch den Alptraum geschehen denn auch recht merkwürdige Ereignisse: Elias irrt durch die Räume des Hauses und sieht dabei Spiegelbilder seiner selbst in verschiedenen Gestalten und Altersphasen, darunter aber auch das Bild einer blauäugigen Dame, die in ein Gemälde gebannt wurde; dann verwandelt sich das Haus in ein Schiff (es lag sowieso mitten im Wasser und treibt plötzlich in Richtung Meer), das von dem dämonischen Kapitän Imaginos gelenkt wird, dem Elias unweigerlich gegenübertreten muss…

…und falls jetzt jemand zugleich an das „Subterranea“-Album von IQ und an eine gewisse Kammer mit 32 Türen denken muss, in die uns Genesis geführt haben, dann ist das sicher kein Zufall. Es ließe sich auch an „Rockpommel’s Land“ von Grobschnitt denken und an den „Ocean“ und die „Planets“ von Eloy sowieso, vielleicht (und mit gutem Recht) auch an Marillions „Misplaced Childhood“ (und der Ansager im kurzen zweiten Track hat was von einem Prog-Hörspiel im Stile von Anyones Daughter’s „Piktors Verwandlungen“). Außerdem verbreitet die einleitende (und bereits erwähnte) Konzept-Melodie eine Atmosphäre, wie sie mich an „Tales from the lush attic“ von IQ erinnert – was aber nur rein atmosphärisch, nicht kompositorisch verstanden werden sollte.

Faszinierend ist, wie dieses Album wirklich alles hat: nicht nur kommen mir beim Hören alle bekannten Bandnamen in den Sinn; fast erscheint es mir so, als müsste ich das ganze Album irgendwie schon kennen (als wäre es selbst so ein Traum mit vielen Türen): manche Melodie- und Rhythmus-Führungen erinnern mich z.B. konkret an Grey Lady Down, während die ersten zehn Minuten des ultra-langen Schlusstracks ein Floydsches „Shine on“ wiederzuspiegeln scheinen – nur „scheinen“, denn auch hier verstecken sich in den thematischen Wendungen die Leitmotive, die die Songs des Albums bereits vorher geprägt haben, und die Klangfarben dieses „Shine on“ erinnern mehr als einmal und keineswegs zufällig an die deutsche Elektronik-Schule, wie wir sie von Tangerine & Schulze kennen. Aber der Einsatz solcher Mittel wirkt dennoch sehr selbstständig: Sogar die quirlige Saga-Gitarre klingt zwar nach Saga, aber nur der reinen Klangfarbe nach – eingesetzt wird sie für noch proggigere Zwecke, als wir sie von den echten Saga kennen. Und Sänger Kurt Stwrtetschka hat inzwischen das gewisse Etwas, das einen tollen Madhatter-Progsänger ausmacht, aber wie ein Klon klingt er trotzdem nicht (er hat eher eine Ausstrahlung gewonnen, die es fast als unmöglich erscheinen lässt, dass seine Texte von jemand anderem als von ihm gesungen werden könnten).

Aber die kleinen Teufel stecken auch in allen möglichen noch kleineren Details: So führen Morphelia uns z.B. in „Mirror Labyrinth“ einen Rhythmus vor, der – mehr als alles andere auf dem Album – an Saga denken lässt; fast verbreitet sich hier eine regelrechte „Humble-Stance-Stimmung“. „Blue Chamber“ dagegen (wenn Elias mit dem Bild des blauen Schneewittchens konfrontiert wird) spielt sich im Mittelteil in einen Dialog aus einem Keyboard-Lockruf und einer Pfeif-Antwort hinein, die so viel Atmosphäre erzeugt, dass sie mich nur noch an das früh-genetische „White Mountain“ oder „Stagnation“ erinnert. Auf das legendäre „Trespass“-Album verweist in „The hunt in the hall“ auch der Text: „See the fox when he’s sleeping in his lair“ spiegelt die „White Mountain“-Zeile „The fox is asleep in his lair“ überdeutlich wieder. Hinzufügen ließe sich noch so viel, dass es für eine Prog-Dissertation reichen würde (z.B. erinnert mich „On the roof“ an „Assassing“ von Marillion, vor allem wegen der Gitarre, aber es wirkt hier eher lazy, als käme es von einem Fish-Soloalbum, und ich könnte „Imaginos“ erwähnen, das die Leitmotive der Musik mit Grusel-Orgel und Flüster-Stimmen präsentiert – wie Marillion in „Blind Curve – und wie wär’s mit „From the room of silence“, in dem der Song von einer betörenden Akustikgitarre und ihrem eigenen Echo getragen wird das deutet auf die Welt eines Anthony Phillips hin), aber ich breche ab, die Zeit drängt, die Weihnachtsmärkte schließen bald, die Weihnachtsmänner suchen schon ihre Bärte, und es mag ja sein, dass sich noch jemand dieses tolle Album als Weihnachtsgeschenk für sich selbst bestellen will…;-)

Und wenn jetzt wieder einer lautstark den drohenden Klonprog heraufbeschwört, aus dem das Album ja nur bestehen kann, dann muss ich ihm entgegnen: Recht hat er – und zwar in einem solchen Maße, dass er schon wieder Unrecht hat. Wenn wir allen Prog der 70er und der beginnenden 80er als Alptraum klassifizieren würden, bekäme der Albumtitel „Awaken the Nightmare“ einen ganz neuen Sinn. Dann würde das Album nämlich den Alptraum wirklich zum Erwachen bringen – aber den ganzen Alptraum auf einem einzigen Album, so dass man kaum noch unterscheiden könnte, was wohin gehört (und so dass man den Eindruck nicht loswird, man müsste das schon mal wo gehört haben).

Aber wenn man gerade darauf steht (alles auf einem Album, noch dazu auf einem so langen, damit man es nicht so oft wechseln muss ;-)), dann ist dieses Album eine einzige Offenbarung, an der man sich selbst teilhaben lassen sollte – in solcher Qualität gibt’s das so bald nicht wieder: das lehrt einen sogar der echte Klonprog.

Anspieltipp(s): Ich empfehle den Opener wegen des wichtigsten musikalischen Themas: Wer sich an einem Konzept erfreuen könnte, in dem dieses Thema dominiert, den wird dieses Album dauerhaft begleiten. Und wer nicht, den nicht – ganz einfach.
Vergleichbar mit: Genesis, Marillion, Pink Floyd, Arena, Grey Lady Down, IQ, Eloy, Grobschnitt, Anyone’s Daughter, Tangerine Schulze (Ich hasse dieses Aufzählen aller bekannten Namen, aber hier passt es wirklich!)
Veröffentlicht am: 13.12.2009
Letzte Änderung: 13.12.2009
Wertung: 12/15
Ich steh drauf – aber ich kann auch über gut erzählte alte Witze immer wieder herzhaft lachen…

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Von: Thomas Schüßler @ (Rezension 2 von 2)


Sechs Jahre nach ihrem Erstlingswerk bringt die relativ unbekannte deutsche Band Morphelia plötzlich ein ambitioniertes Doppel-Album auf den Markt, an dem sie zwei Jahre gearbeitet hat. Fast zwei Stunden Musik, mehrere Longtracks, darunter einer von fast einer halben Stunde, ein umfassendes Konzept, Leitmotive... - Kann das gut gehen?

Die Musik würde ich mal als Neoprog charakterisieren, der einen Anteil Retroeinflüsse beinhaltet und immer wieder mal gerne durch progmetallische Einsprengsel aufgewertet wird. Hauptinspirationsquellen sind dabei Genesis und Pink Floyd, aber interessanterweise auch einige andere deutsche Bands wie Inquire, Amon Ra oder Everon, denen wohl gemein ist, dass sie sich auf die gleichen Vorbilder beziehen, was dann für einen typisch "deutschen" Sound sorgt. "Krautig" würde ich das jedoch nicht unbedingt bezeichnen, darunter stelle ich mir etwas anderes vor. "Berliner Schule" kann ich allenfalls insofern entdecken, als sich Rick Wright auf Tangerine Dream oder Klaus Schulze bezieht.

Der Sound wird geprägt durch das Dreigestirn Gesang/Gitarren/Keyboards. Der Sänger hat eine ganz angenehme, jedoch nicht unbedingt prägnante Stimme. Das geht soweit voll in Ordnung. Die Gitarre wird variabel eingesetzt, mal floydig gefühlvoll, akustisch gezupft, dann wieder hart riffend. Besonders letzteres setzt ein paar sehr schöne Akzente, das der Musik etwas von ihrem Wohlklang nimmt und sie "erdet". Der Keyboarder scheint ein großer Pink Floyd-Fan zu sein. Besonders "Wish You Were Here" dürfte er sich mehr als einmal angehört haben, wovon nicht nur die ellenlange Einleitung zum halbstündigen Abschlusstrack zeugt. Daneben ist er es, der hauptsächlich für das neoproggige Feeling der Musik verantwortlich ist, insbesondere indem er fast alles mit einem wohlklingenden Soundteppich unterlegt. Das ist dann aber leider irgendwann zuviel des guten. Der unspektakuläre Bass ist irgendwo am unteren Bereich des Wahrnehmungsbereichs und hätte gerne etwas weiter in den Vordergrund gemischt werden dürfen. Der Schlagzeuger beherrscht sein Handwerkszeug, das wendet er auch an. Allerdings geht er dabei nicht besonders innovativ zu Werke, d.h. in entscheidenden Momenten kann er die Musik nicht so unterstützen, wie sie es in diesem Moment bräuchte.

Ich hatte oben als Vergleich Inquire herangezogen. Das dürfte vielleicht bei dem einen oder anderen ungute Assoziationen wecken. Genauso wie Inquire eine polarisierende Band war, so habe ich zu "Waken the Nightmare" neben einigen begeisterten Rezensionen auch schon andere Stimmen gehört. Die Begeisterung kann ich nicht in letzter Konsequenz teilen. Dazu sind die Einflüsse duch die Vorbilder noch zu deutlich herauszuhören, ergeben sich in dem zweistündigen Werk einige Längen, wo man besser etwas gestrafft hätte, und verfängt sich die Band in dem einen oder anderen Neoprog-Klischee. Andererseits muss ich all die Arbeit anerkennen, die in dieses Werk geflossen ist. Und letztlich handelt es sich hierbei um ein sehr ordentliches, einheitliches Album, in dem es vom Songwriting her keine echten Ausfälle zu beklagen gibt, jedoch auch keine absoluten Highlights.

Anspieltipp(s): In the Hall of stormy Oceans
Vergleichbar mit: Pink Floyd, Genesis, Inquire
Veröffentlicht am: 16.12.2009
Letzte Änderung: 16.12.2009
Wertung: 9/15

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Jahr Titel Ø-Wertung # Rezis
2003 Prognocircus 11.00 1

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