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17438 Rezensionen zu 11867 Alben von 4429 Bands.
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Shining

Blackjazz

(Tipp des Monats 4/2010)
Coverbild
Informationen

Allgemeine Angaben

Erscheinungsjahr: 2010
Besonderheiten/Stil: improvisiert; Metal; Progmetal; RIO / Avant
Label: Indie Recordings
Durchschnittswertung: 11.67/15 (6 Rezensionen)

Besetzung

Jørgen Munkeby Vocals, guitars, saxophone, additional keyboards, winds, programming
Torstein Lofthus drums
Tor Egil Kreken bass
Bernt Moen Synths and keyboards
Even Helte Hermansen Guitars

Gastmusiker

Grutle Kjellson vocals on track 8, Omen, and track 9, 21st Century Schizoid Man

Tracklist

Disc 1
1. The Madness And The Damage Done 5:20
2. Fisheye 5:08
3. Exit sun I 8:36
4. Exit sun II 0:57
5. Healter Skelter 5:35
6. The Madness And The Damage Done 3:24
7. Blackjazz Deathtrance 10:52
8. Omen 8:45
9. 21st Century Schizoid Man 8:41
10. Fisheye (extended version)   (Bonustrack der Vinylausgabe)
11. RMGDN   (Bonustrack der Vinylausgabe)


Rezensionen


Von: Andreas Pläschke @ (Rezension 1 von 6)


Transformation gelungen könnte man als Fazit für diese Besprechung ziehen. Zwei Alben als klassische Jazzband, zwei weitere als gelungene Mischung von Jazz, Metal und RIO und nun nur noch Metal. Der Titel ist Programm und soll den jetzigen Sound der Gruppe beschreiben.

Diese Entwicklung deutete sich in den letzten beiden Jahren schon an, erst eine gelungene, aber recht harte Version von Crimsons "21st century man" auf "Money will ruin everything II", danach die Auftragsarbeit ″Armageddon Concerto″, Nine Nights in Nothingness – Glimpses of Downfall für das Moldejazz 2008 zusammen mit der norwegischen Metalband "Enslaved" und Ende letzten Jahres die Vorabsingles "Fisheyes (extended version)" bzw. "The madness and the damage done". Dabei hat das Kernduo Munkeby/Lofthus neue Musiker um sich geschart und ihre instrumentelle Vielfalt für dieses Album deutlich zurückgeschraubt. Auf diesem gibt es lautes, sehr schnell gespieltes Schlagzeug, harte Gitarren und deftige Saxophonlinien zu hören, passend dazu einen sehr nervös-flirrenden Synthiesound und Urschreitherapie als Gesang.

Das Ganze treibt die Band ohne Atempause durch bis zum Titel "Omen", der zum ersten Mal eine gewisse Erholungspause für die Ohren bietet. Nicht, dass er leise wäre, aber zumindest ist er nicht derart hektisch-schnell, dass man als Hörer glaubt, sein letztes Stündchen hätte geschlagen. Hier kann man ahnen, dass die Band vom Jazz kommt und findet zumindest phasenweise Erinnerungen an die letzten beiden CDs.

Den Abschluss der CD bildet eine neue Version von Crimsons "21st century man", die noch schräger ist als die schon erwähnte auf dem RuneGrammofon-Sampler. Hier lobe ich mir besonders das wüste Zusammenspiel von Schlagzeug und Saxophon. Als Gastsänger wirkt hier (und auch auf "Omen") Grutle Kjellson von Enslaved mit. Auf der LP findet sich noch der Extended Mix von "Fisheye", der ein paar gute Soli auf Gitarre bzw. Saxophon bietet, die in der um zwei Minuten kürzeren Version nicht enthalten sind. Bei "RMGDN" handelt es sich um eine Studioeinspielung eines Teils der oben erwähnten Auftragsarbeit.

Anspieltipp(s): Fisheye, Omen
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 1.2.2010
Letzte Änderung: 1.2.2010
Wertung: 8/15
rein persönliche Wertung, mir ist deutlich zu viel Metall drin

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Von: Thomas Kohlruß @ (Rezension 2 von 6)


Furcht ist der Pfad zur dunklen Seite. Furcht führt zu Wut, Wut führt zu Hass, Hass führt zu unsäglichem Leid.

Oh, oh, wer steht denn da in der Tür? Es ist der Behemoth begleitet von einem Krieger mit der todbringenden elektrischen Axt. Dahinter kommen schon die Reiter der dunklen Apokalypse mit glühenden Morgensternen und düsteren Dampframmen. Und der Chor der gepeinigten Seelen kreischt gar fürchterlich. Du ahnst es schon, es gibt kein Entrinnen... die brutale Gewalt der dunklen Horden entlädt sich über Dich. Widerstand ist zwecklos.

"Ist die dunkle Seite stärker?" - "Nein. Nein... nein. Schneller, leichter, verführerischer."

Szenenwechsel. Mit ohrenbetäubendem Brüllen rauschen die Flugzeuge tief über Deinen Kopf hinweg. Ja, die Arbeit in der Einflugschneise des Flughafens ist unangenehm und gefährlich. Schon donnert wieder einer der großen Trucks vorbei, die den Bauschutt im Minutentakt von der Baustelle abfahren. Und da setzt zu guter Letzt auch noch die Presslufthammerbrigade zu einer neuen Attacke auf die Asphaltschicht der alten Landebahn an...

Vergessen du musst was früher du gelernt.

Ja, besser so... denn was Shining auf „Blackjazz“ fabrizieren, da ist in der Tat weit von „Grindstone" & Co. entfernt. Extrem-Metal? Avantgarde-Krach? Einfach nur Krach? Was immer die Herren Munkeby und Lofthus mit ihren neuen Mitstreitern geritten hat... Weltschmerz, unsäglicher Frust, beginnender Wahnsinn. Wer weiß es genau, auf jeden Fall hat das Ganze in ein Lärmgewitter biblischen Ausmaßes gemündet. Aber Shining wären nicht Shining, wenn sich nicht unter all dem Lärm und Krach immer wieder vertrackte Strukturen, komplexe Versatzstücke und vor allem immer wieder interessante Bassläufe finden würde. Man muss sich nur den Mut nehmen genau hinzuhören. Man muss sich nur immun gegen das Gekreische und Geröchel machen. Kreischendes Saxophon, flirrende und grummelnde elektronische Effekte, krachiges Schlagzeug, Blastbeats auf „Blackjazz“ ist alles überdreht, übersteuert, larger than life. In seinen besten Momenten hat das Album eine richtiggehend kathartische Wirkung, aber wenn die eigene Stimmung nicht passt, dann ist man schnell dem Wahnsinn nahe.

Sag niemand, er sei nicht gewarnt gewesen. Die Single „Fisheye“ - samt Video auf YouTube schon Ende letzten Jahres zu bewundern - hat nicht getrogen. Aber das das gesamte Album so extrem werden würde, das hat man vielleicht nicht erwarten können.

Und das „21st Century Schizoid Man“-Cover? Wer braucht sowas? Vermutlich niemand... aber trotzdem nötigt mir diese überdrehte Extrem-Fassung ein gewisses Grinsen ab.

„Blackjazz“ das sind Extreme in allen Richtungen und Belangen... Ihr müsst selber herausfinden, ob Ihr das braucht. Ob ich das brauche, ich habe keine Ahnung, aber irgendwie lege ich es immer wieder auf...

Nachtrag im November 2011: Dieses Album steht immer noch irgendwie solitär da. Also bewerte ich nun doch und bin voller gespannter Vorfreude auf das Live-Dokument, welches uns Ende November ins Haus steht.

Anspieltipp(s): egal
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 25.2.2010
Letzte Änderung: 20.11.2011
Wertung: 14/15
...auch wenn es sicherlich 'historische' Wurzeln gibt, irgendwie ist dieses Album ein wüster Solitär...

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Von: Michael Büttgen @ (Rezension 3 von 6)


Selten fielen die Bewertungen für einen Tipp des Monats so uneinig aus. Ich selbst, der sich gerne in Bereiche des harten Metals vorwagt, die für viele nicht mehr auszuhalten sind, war anfangs, nach ca. 2 Durchläufen, der Meinung, dass „Blackjazz“ einfach nur Krach ist. Zusammenhangloser, wirrer, unaushaltbarer Krach.

Nachdem aber nun der Kollege Sadler satte 14 Punkte gezogen hat, und dieses Scheibchen damit in den schwindelerregend hohen „Meisterwerk“-Bereich katapultiert hat, wollte ich es genauer wissen und habe mich intensiver und konzentrierter mit „Blackjazz“ beschäftigt.

Nun, nach ca. 20 Durchläufen, habe ich das Gefühl, als hätte jemand meine Schädeldecke aufgeschraubt, mein Hirn entnommen und falsch herum wieder eingesetzt. Shining machen tatsächlich Krach. Aber guten Krach. Ich fühle mich unterhalten und gleichzeitig genervt.

Einige Kollegen assoziieren Krach mit Metal, was ein Fehler und schlichtweg falsch ist, wenn man behauptet Shining würden Metal machen. „Blackjazz“ ist (Avant)Jazzcore mit elektronischen Spielereien. Das, was einige für Metal halten, ist hier eigentlich Punk, bzw. Grindcore. Dabei geht der Gesang, bzw. das grenzwertig aggresive, oftmals stark übersteuerte Gebrüll in die The Dillinger Escape Plan-Richtung, welches für Fans dieser Art von Bands sicherlich interessant ist.

Das für mich zentrale und beste Stück „Exit Sun“ reißt mich ordentlich mit und glänzt dabei mit einer schon fast eingängigen, nachvollziehbaren Struktur, wobei „Healter Skelter“ vom Krankheitsfaktor her glatt von John Zorn stammen könnte. „The Madness and the Damage Done“ ist lupenreiner Cypergrind und eine Empfehlung für Fans von Genghis Tron und Co..

Das 10minütige Inferno „Blackjazz Deathtrance“ ist zum Kopfschütteln bemerkenswert. Trotz des Chaos sitzt jede Note, jedes Instrument hat seine Daseinsberechtigung und die nackenhaarsträubende Geschwindigkeit, die die Band hier abzieht ist letztendlich einfach unfassbar. Schlussendlich möchte ich noch erwähnen, dass die Norweger es tatsächlich schaffen, einen eigentlich schon totgecoverten Song wie „21st Century Schizoid Man“ auf ihre durchgeknallte Art und Weise wirklich hervorragend neu zu interpretieren.

„Blackjazz“ ist anstrengend, nervenaufreibend, manchmal nicht nachvollziehbar, aber irgendwie faszinierend, fesselnd und vor allem unterhaltsam. Shining verspeisen Schmallappen wie z.B. die Jerseyband zum Frühstück, John Zorn-Experten werden anerkennend nicken, und ich selbst möchte diese Band auf jeden Fall mal live erleben. Ich kann mir kaum vorstellen, dass die DAS hier auf der Bühne hinbekommen. Gibt es schon den Begriff Avantcore?

Anspieltipp(s): Exit Sun, Blackjazz Deathtrance
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 3.4.2010
Letzte Änderung: 3.4.2010
Wertung: 13/15

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Von: Andreas Hofmann @ (Rezension 4 von 6)


Wie zur Hölle kann man dieses Album bitteschön dreimal hier besprechen, ohne Nine Inch Nails zu nennen? So wie die Norweger von Shining hätte Trent Reznor nämlich zu seiner wütendsten Zeit bestimmt gerne geklungen. Zumindest live ist er diesem Sound in den frühen Neunzigern sogar durchaus sehr nahe gekommen, und nicht nur der Opener "The Madness and the Damage Done" hätte sich wohl auch auf der "Broken"-EP gut eingefügt. Dass dieser Vergleich so abwegig nicht ist, wird einem dann spätestens beim Blick auf den Produzenten von "Blackjazz" klar, denn Sean Beavan saß nicht nur bei den ersten beiden NIN-Alben mit am Mischpult, sondern war auch an dem einen oder anderen Album von Reznors Zieh-Sohn Marilyn Manson, dessen Band ebenfalls (und aufgrund des Gesang vielleicht sogar noch mehr) als Referenz herhalten muss, nicht ganz unbeteiligt.

Dass der Name John Zorn fällt, liegt natürlich zum einen an der Verwendung des Tenorsaxophons, ist aber gleichwohl auch sonst keine Überraschung, denn gerade seine Veröffentlichungen aus der ersten Hälfte der Neunziger waren für die etwas mehr zur Avantgarde schielenden Vertreter der alternativen Musikszene – allen voran natürlich Mike Patton – wegweisend. Umgekehrt wäre allerdings ein Album wie "Leng T’che" von Naked City ohne die Melvins wohl auch nicht möglich gewesen. In dieser Zeit wuchs musikalisch einfach vieles zusammen, es gab viele aufregende Kollaborationen und gegenseitige Befruchtungen, und neben Grindcore war gerade der Industrialbereich für Jazzer wie John Zorn oder Bill Laswell ein beliebtes Experimentierfeld.

"Blackjazz" klingt für mich somit alles andere als neu, sondern geradezu vertraut, da ich zu ebendieser Zeit vielleicht mehr denn je auf der Suche nach aufregender Musik war und nicht unbeträchtliche Anteile meines finanziellen Budgets für Musik ausgab, die mitunter ganz ähnlich klang. Vor 15-20 Jahren hätte mich "Blackjazz" daher wohl auch umgebracht, denn exakt so etwas hätte ich damals gerne gehabt. Selbstverständlich wird diese Art von Musik heute von Shining wesentlich druckvoller und instrumental versierter gespielt, und natürlich klingt dieses Album heute moderner und auch produktionstechnisch besser, aber auf eine sehr eigentümliche Weise verbreitet "Blackjazz" bei mir vor allem eine sehr nostalgische Stimmung. Dieser Umstand und die Tatsache, dass die Platte also fast zwei Jahrzehnte zu spät für mich kommt, macht sie natürlich keineswegs schlechter; sie ist aber ein weiterer Nadelstich in die Voodoo-Puppe namens "Midlife Crisis" und muss daher mit ein paar Abzügen leben.

Anspieltipp(s): in der Tat egal
Vergleichbar mit: siehe Review(s)
Veröffentlicht am: 9.5.2010
Letzte Änderung: 23.8.2011
Wertung: 11/15
kommt fast zwei Jahrzehnte zu spät

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Von: Jochen Rindfrey @ (Rezension 5 von 6)


Uff, das ist wirklich starker Tobak, selbst wenn man sich für einigermaßen abgebrüht hält. Die Musik gleicht einem auf die Schädeldecke aufgesetzten Presslufthammer, der auf höchster Stufe im Dauerbetrieb ist, der, hm, "Gesang" dagegen eher einer Kreissäge, die sich unerbittlich durch die Gehörgänge ins Hirn fräst. Unaufhörlich schreddert und hämmert es in atemberaubendem Tempo, dabei kommt das Schreddern und Hämmern meist gar nicht von der Gitarre, sondern ist oft elektronischer Natur - was, wie schon einige Kollegen bemerkten, die Bezeichnung "Metal" ziemlich in Frage stellt. Eher hat das Gekreische des Sängers etwas von Metal und dürfte eigentlich so gar nicht mein Fall sein. Aber hier kommt das schon wieder derart überdreht, dass es doch wieder passt. Zudem sind die Lautäußerungen (sag ich mal jetzt ganz neutral) eher im Hintergrund gehalten und wirken schon fast wie ein weiteres Instrument.

Von Anfang bis Ende herrscht pure Brutalität. Aber was beim ersten Hören wie formloser Krach erscheinen mag, offenbart bei genauerem Hinhören (das hier wirklich anstrengend ist) seine ganz eigene Ästhetik, einen Abwechslungsreichtum und eine Vertracktheit, den man in einer solchen Lärmorgie gar nicht vermuten würde. Allerdings wirkt die permanente Presslufthammerattacke auf Dauer schon etwas ermüdend, macht sich doch eine leichte Gleichförmigkeit breit. Immerhin gibt's zum Abschluss mit der furiosen Version von Schizoid Man noch einen richtigen Knaller.

Ich glaub', ich brauch mehr von denen...

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 10.9.2010
Letzte Änderung: 10.9.2010
Wertung: 11/15

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Von: Nik Brückner @ (Rezension 6 von 6)


Vor ein paar Jahren hörte ich die Proglegende Michael Bäcker sagen "der Prog ist tot". Ohne jede Ahnung, was er damit meinen könnte, tat ich das ab. Vor einigen Tagen allerdings saß ich wie gelähmt auf dem Loreleyfelsen und konnte diese Worte einfach nicht aus dem Kopf kriegen: Bands, die Musik von vor dreißig Jahren machten, gaben sich die Tür in die Hand mit Bands, die unsäglich inkompetente Longtracks fabrizierten und dabei geflissentlich klangen wie irgendeine epigonale Band aus den dunklen Zeiten der 80er Jahre - nur schlechter. Die ein, zwei Lichtblicke bestätigten den Eindruck nur, handelte es sich doch um Bands, die ihre guten 30 oder gar 40 Jahre auf dem Buckel hatten. Eine Szene, die das Ganze irgendwie getragen hätte, war nicht zu spüren: Auf dem nicht gerade gut besuchten Festival sahen viele Leute die meiste Zeit ziemlich bedröppelt drein. Hatte Michael etwa Recht behalten?

Nun, was die bekannten Namen angeht, vermutlich. Längst verflogen sind da die Abenteuerlust und die Experimentierfreude, die gepaart mit musikalischer Kompetenz einst das Herz des Progressive Rock ausmachten. Hochstylische, aber letztlich banale Rockmusik, die - wohl wegen des verruchten Beigeschmacks - von Plattenfirmen mit dem Etikett "Prog" versehen wird, tut da lediglich ein Übriges.

Aber Michael, der Prog lebt. Nur eben anderswo. Die Dynamik, die Power, die Lust, es gibt sie noch, und das obwohl mittlerweile bereits 40 Jahre lang alles Mögliche schon durchprobiert wurde!

Ich muss zugeben, die zahlreichen Warnungen meiner Vorredner bezüglich der Krässe dieses Albums haben mich eine Weile abgeschreckt. Aber man soll Rezensenten nicht über den Weg trauen! Das Album ist wahrlich anstrengend, das kann kein vernünftiger Mensch leugnen. Aber auch Krässe ist relativ: Für Hörer von Ruins, Death oder den frühen Mastodon zum Beispiel ist "Blackjazz" sicherlich weniger eine Herausforderung als für Hörer gepflegterer Klänge. Auch Andreas' Verweis auf die Nine Inch Nails ist ein wichtiger Anhaltspunkt. Tatsächlich verursacht die Scheibe gehörig Ohrenpfeifen, das Ganze klingt in etwa so, wie wenn man ein zu lautes Album zu laut über eine zu billige Box hört – nur eben absichtlich und durchaus nicht billig. Im Gegenteil: Die Produktion ist eines der Highlights der Scheibe.

Was den Gehalt angeht, ist das Album, wie Andreas ebenfalls schon erwähnt hat, sooo avantgardistisch nicht. Tatsächlich wird hier, denkt man sich den für Prog durchaus ungewöhnlichen Sound mal weg, oft genug sogar recht klassischer Prog geboten - wenn auch in deutlich höherem Tempo...: Gefrickel mit kleinen Intervallen, was bei den schnellen Passagen (es gibt eh keine langsamen) für den seltsam unmelodiösen Charakter sorgt, dessen Wurzeln irgendwo in der Frühzeit von ELP und King Crimson zu suchen sind, Stop-and-Go-Gestolpere, krumme Rhythmen, ineinander verwobene Linien, die von zwei oder mehreren Instrumenten gespielt werden, all das ist nicht neu, auch nicht, dass dazu aus Leibeskräften geschrien wird, - die Potenz, mit der das Ganze hier intensiviert ist, ist es, die den Charakter von "Blackjazz" ausmacht.

Die Attitüde der Scheibe ist dabei eben das, was eigentlich Arsch tritt: der tobsüchtige Habitus der Gitarren, verstärkt durch die pegelsprengenden elektronischen Geräusche und das herzerkaltende Gekreische Jørgen Munkebys, das man, wenn man nicht gerade in den Stahlgewittern überdrehten Derbmetals gehärtet wurde, wohl Wenigen durchgehen lässt. Dass man (nun ja, hin und wieder) eine Melodie erkennen kann, macht das Ergebnis umso eindrucksvoller. Der Soundrausch ist heftig, aber er ist genauestens kalkuliert – noch etwas, was hervorragenden Prog schon immer gekennzeichnet hat.

Fazit: Berührungsängste sind für Viele sicher gerechtfertigt, und zu Recht, aber bekanntlich bereut man nur das, was man nicht getan hat. Also kaufen, den starken Tobak abfackeln und bis in die letzten Verästelungen der Lungen inhalieren. Unwohl bekomm's!

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit: den wenigen anderen relevanten Progalben
Veröffentlicht am: 14.9.2010
Letzte Änderung: 28.6.2011
Wertung: 13/15

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Alle weiteren besprochenen Veröffentlichungen von Shining

Jahr Titel Ø-Wertung # Rezis
2003 Sweet Shanghai Devil 10.00 1
2005 in the kingdom of kitsch you will be a monster 12.00 1
2007 Grindstone 12.00 2
2011 Live Blackjazz 13.00 2

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