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Mama Béa Tékielski

La Folle

Coverbild
Informationen

Allgemeine Angaben

Erscheinungsjahr: 1976
Besonderheiten/Stil: Blues; Elektronische Musik; Folk; Jazzrock / Fusion; RIO / Avant
Label: Isadora
Durchschnittswertung: 12/15 (1 Rezension)

Besetzung

Béatrice Tékielski Gesang, Gitarre
Gilles Tinayre Klavier, Synthesizer
François Jeanneau Synthesizer, Flöte, Saxophon
Jean-Claude d'Agostini Gitarre
Nigel Morris Schlagzeug
Joël Dugrenot Bass

Tracklist

Disc 1
1. Le préau 6:35
2. Le vent 5:44
3. Le secret 5:35
4. La Mort-Musik 16:09
5. Les pissenlits 4:10
6. L'enfant 7:42
7. Les clowns 3:46
8. La folle 8:48
9. Visages 4:26
Gesamtlaufzeit62:55


Rezensionen


Von: Jochen Rindfrey @


Mama Béa Tekielski, bürgerlich Béatrice Tékielski, wurde 1948 im südfranzösischen Avignon als Tochter einer italienischen Mutter und eines polnischen Vaters geboren. Ihre musikalischen Einflüsse sind einerseits die französischen Chansonniers, aber auch Janis Joplin, Jimi Hendrix oder Bob Dylan. Das mag nun nicht besonders proggig klingen, aber ebenso wie ihr Landsmann Emmanuel Booz hatte auch Mama Béa (gelegentlich lässt sie den Nachnamen weg) in den 70ern eine experimentelle Phase, und - um gleich einmal diejenigen, denen schon das Wasser in den Ohren zusammenläuft, zu enttäuschen - ebensowenig wie Booz' grandioses Dans quel état j'erre. sind diese Alben auf CD erhältlich (von zweifelhaften Asien-Importen abgesehen).

Booz ist auch in anderer Beziehung hier das Stichwort. Nicht nur, dass einige der auf La Folle mitwirkenden Musiker auch am erwähnten Dans quel état j'erre beteiligt waren, die Musik beider Alben weist auch sonst einige Parallelen auf. Vor allem die seltsam surreale Stimmung ist beiden Werken gemein, und wie bei Emmanuel Booz ist auch bei Mama Béa der Gesang zu großem Teil dafür verantwortlich. Mama Béa hat eine veritable Bluesstimme, kraftvoll, dunkel und rauchig, manchmal etwas an das Vorbild Janis Joplin erinnernd. Ebenso wie Booz setzt sie ihre Stimme sehr exaltiert ein, schreit, fleht, jammert, stöhnt in allen Variationen, oder bringt auch mal stakkatoartigen Sprechgesang. Und immer wieder Passagen voller Theatralik (etwa zu Beginn von Le vent). Dazu werden gelegentlich dezente Hall- und Echoeffekte eingesetzt. Der ungewöhnliche Gesang verleiht selbst dem ausnahmsweise etwas konventioneller gestrickten Les pissenlits eine hypnotische Kraft.

Damit wären wir endlich bei der Musik. La Folle bedeutet so viel wie "die Irre" oder "die Wahnsinnige", und dieser Titel passt perfekt zur Musik. Diese ist zwar immer wieder deutlich im Chanson und im Blues verwurzelt, lässt aber konventionelle Songformate weit hinter sich, löst sich gelegentlich gar in weitgehend freie Strukturen auf. Wuseliges Schlagzeug und zirpende Gitarren begleiten Mama Béas Vokalakrobatik, dazu kommen seltsame elektronische Geräusche, hin und wieder auch ein paar jazzige Einsätze von Holzbläsern. Eine einmalige Melange aus Chanson, Blues, Jazz, Elektronik und Avantgarde, abgedreht, kantig, und doch nicht völlig unnahbar.

Höhepunkt ist dabei das viertelstündige La Mort-Musik, bei dem Mama Béas Stimme noch wildere Kapriolen schlägt als auf dem Rest des Albums. Über weite Strecken scheint mir das gar kein Text zu sein, sondern eher Stimmimprovisationen, die vom tiefsten Brummen bis in schrillste Höhen reichen. Als Begleitungen fungieren fast nur elektronische Geräusche mit freiformatigem Zirpen und Fiepen, die ohne den Gesang an irgendein frühes Krautrockexperiment gemahnen würden. Hier hat Mama Béa endgültig alle Traditionen hinter sich gelassen und ist komplett in die elektronische Avantgarde abgetaucht. Etwa ab der Mitte des Stücks kommt ein wild hämmerndes E-Piano dazu, Mama Béa schreit sich immer mehr die Seele aus dem Leib, in den letzten zwei Minuten setzt dann der Rest der Begleitband ein. Was für ein Koloss!

La Folle reiht sich ein in die Reihe ungehobener Prog-Schätze. Ein gleichermaßen erdiges wie abgehobenes Album, das unterschiedlichste musikalische Einflüsse zu einem faszinierenden Ganzen vermengt. Vielleicht insgesamt nicht ganz so bizarr und abgedreht wie das drei Jahre später erschienene Album von Booz, aber nicht weniger gelungen. Ich bin begeistert!

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 17.6.2012
Letzte Änderung: 17.6.2012
Wertung: 12/15

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