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Can

the lost tapes

Coverbild
Informationen

Allgemeine Angaben

Erscheinungsjahr: 2012
Besonderheiten/Stil: Krautrock
Label: Spoon Records
Durchschnittswertung: 12/15 (1 Rezension)

Besetzung

Michael Karoli Guitars, Vocals
Holger Czukay Bass, Wave Receiver, Sounds
Jaki Liebezeit Drums, Percussion
Irmin Schmidt Keyboards
David Johnson Flute
Malcolm Mooney Vocals, Toilet
Damo Suzuki Vocals
Rosco Gee Bass

Gastmusiker

Gerd Dudek Sax

Tracklist

Disc 1
1. Millionenspiel   (1969) 5:49
2. Waiting for the streetcar   (1968) 10:08
3. Evening all day   (1972) 6:57
4. Deadly Doris   (1968) 3:10
5. Graublau   (1969) 16:46
6. When darkness comes   (1969) 3:47
7. Blind mirror surf   (1968) 8:39
8. Oscura primavera   (1968) 3:19
9. Bubble rap   (1972) 9:23
Gesamtlaufzeit67:58
Disc 2
1. Your friendly neighbourhood whore   (1969) 3:42
2. True story   (1968) 4:30
3. The agreement   (1971) 0:36
4. Midnight sky   (1968) 2:44
5. Desert   (1969) 3:19
6. Spoon (live)   (1972) 16:46
7. Dead pigeon suite   (1972) 11:46
8. Abra cada braxas (live)   (1973) 10:12
9. A swan is born   (1972) 3:00
10. The loop   (1974) 2:32
Gesamtlaufzeit59:07
Disc 3
1. Godzilla fragment (live)   (1975) 1:59
2. On the way to mother sky   (1970) 4:35
3. Midnight men   (1975) 7:35
4. Networks of foam (live)   (1975) 12:36
5. Messer, scissors, fork and light   (1971) 8:23
6. Barnacles   (1977) 7:46
7. E.F.S. 108   (1976) 2:07
8. Private nocturnal   (1975) 6:49
9. Alice   (1974) 1:56
10. Mushroom (live)   (1972) 8:18
11. One more saturday night (live)   (1973) 6:34
Gesamtlaufzeit68:38


Rezensionen


Von: Achim Breiling @


Geldsorgen hat man offenbar keine im Hause Spoon. Ansonsten hätte man wohl schon sehr viel früher das Can-Archiv geplündert und Teile davon veröffentlicht. Groß muss es sein, dieses Archiv. Can haben immer alles aufgenommen, im Studio und auch die meisten Konzerte. War man am Improvisieren, Proben, Rumprobieren, Jammen oder Komponieren, im Schloss Nörvenich und später im Inner Space Studio, wurde mitgeschnitten. Vielleicht war das Resultat ja schon brauchbar für das in Arbeit befindliche Projekt. Can-Musik wurde meist spontan eingespielt und improvisiert. Was nicht verwendbar erschien wanderte ins Archiv.

Irgendwann wurden dann die Tonbänder knapp, die waren nämlich teuer, und man konnte es sich auf Dauer nicht leisten alles aufzuheben. Vieles wurde daher später wieder überspielt und nur das gelagert, was in irgendeiner Weise als wichtig angesehen wurde. Nur zweimal wurde für ein Album umfangreich auf die Tonbandsammlung zurückgegriffen. "Unlimited Edition" (1976) und "Delay 1968" (1981) bestanden aus zum Veröffentlichungszeitpunkt "altem", aus dem Archiv zusammengestelltem Material. Vermutlich hat die Band aber auch allerlei Weiteres aus ihrem Fundus für das eine oder andere Studioalbum verwertet. Das Meiste blieb aber unveröffentlicht, insbesondere die Konzertmitschnitte.

Ein Hauptgrund für das Nichterscheinen weiterer Archivscheiben oder gar eines Livealbums, war offenbar die Zeit. All das Material zu sichten und durchzuhören, eine Auswahl zu treffen, manches vielleicht neu abzumischen, das würde sehr lange dauern. Dazu hatte wohl niemand der Ex-Can-Musiker Lust und Zeit. Und nötig hatte man es offenbar auch nicht. So warteten die Can-Fans jahrelang vergeblich.

Als sich die Bandgründung zum vierzigsten Mal jährte hat die Bandmanegerin und Nachlassverwalterin Hildegard Schmidt ihren Ehemann dann aber doch noch dazu überredet das Can-Archiv zu sichten. Allzu eilig hatte der es damit offenbar nicht, hat es doch bis zum Juni 2012 gedauert, bis man das Ergebnis der Bemühungen erstehen konnte. Aus gut 50 Stunden an Material haben Schmidt und Jono Podmore etwas mehr als drei Stunden an Musik destilliert, im Studio aufgenommen im Zeitraum 1968-1977, aber auch ergänzt um einige Liveaufnahmen. "the lost tapes" heißt das Ergebnis und kommt als großformatige quadratische Box daher, in der man ein umfangreiches "Beibuch" (mit allerlei Kommentaren zu den einzelnen Stücken von Schmidt, vielen Fotos und weiteren Texten zur Box und zu Can) und drei CDs findet (keine Murmeln).

Was gibt es nun hier zu hören? Kurz: Über drei Stunden an typischer (und untypischer) Can-Musik, eingespielt zwischen 1968 und 1977. Länger: Bizarre Songs und seltsame Textrezitationen mit Malcolm Mooney (ganz im Stil des Debüts oder des schon erwähnten "Delay 1968"), spätpsychedelisch-seltsame Miniaturen à la "Sing Swan Song", ausgedehnte Freak-Out-Jams, hypnotisch-heftige Liveimprovisationen, das wirre Gelaber Damo Suzukis, sehr viel metronomhaftes Schlagwerk, schneidende E-Gitarrenexzesse, allerlei freiformatige Klangexperimente, funkig-cooles Gerocke, wüsten Krach, krautige Soundmeditationen, schräges Klangschweben und natürlich viele monoton-rhythmisch dahin treibende Musik im typischen Can-Stil der ersten Hälfte der 70er.

Im Grossen und Ganzen ist das also eigentlich nichts, was der Can-Fan nicht schon gut kennen wird, also "more of the same". Eine gewisse Redundanz war auch zu erwarten, wird es doch schon Gründe gegeben haben, warum diese Nummern nicht auf einem der Studioalben gelandet sind. Aber, man könnte auch nicht behaupten, dass hier minderwertiges Material am Start wäre. Vor den regulären Studioscheiben oder vor "Unlimited Edition" braucht sich "the lost tapes" auf keinen Fall verstecken. "More of the same" auf sehr hohem Niveau also.

Zudem gibt auch einiges zu entdecken, was man von Can so nicht kennt. Sehr interessant sind da die Filmmusikstücke, das "Millionenspiel", "Graublau", die "Dead pigeon suite" (mit dem bekannten "Vitamin C" im Zentrum), "Midnight men" und "Messer, scissor, fork and light". Bei diesen wurden meist verschiedene Nummern aus den jeweiligen Soundtrackaufnahmen nachträglich auf sehr gelungene Weise zu Suiten zusammengemischt. Hier gibt es neben den Can-typischen Sounds auch elegische Abschnitte, getragene, fast perkussionsfreie Klanglandschaften, exotische Einlagen, Elektronikexperimente, feinsinnige Tongeflechte und auch einmal Instrumente zu hören, die sonst im Klangbild von Can seltener vorkommen (wie z.B. Flöte und Sax). Schließlich kann man an einer Stelle auch noch einem Bandmitglied beim Wasserlassen zuhören.

Die klanglich hervorragenden Livenummern bieten dann noch willkommene Einblicke in die Bühnentätigkeit der Gruppe, die im Konzert meist wild drauflos improvisiert und nur gelegentlich von den Studioalben bekannte Stücke als Ausgangsbasis für ihre Improvisationen verwendet hat. Doch sind diese handvoll Nummern nur ein schwacher Ersatz für ein wirkliches Livealbum, vielleicht mit einem kompletten Konzert aus den frühen 70ern, oder zumindest einer Zusammenstellung aus ähnlich gut klingendem Livematerial. "Can Live", die derzeit einzige offizielle Livescheibe der Band, hat doch eine eher bescheidene Klangqualität.

Man könnte hier noch viel schreiben, doch um den Leser nicht zu ermüden jetzt das Fazit: "the lost tapes" ist eine unverzichtbare Sammlungsergänzung für den Fan und Krautrock-Freak! Wer die Musik von Can schätzt, der braucht auf jeden Fall auch diese Box und sollte zuschlagen, bevor die "limited edition" vergriffen ist! Er wird mit ziemlicher Sicherheit in diesem Schatzkästlein die eine oder andere dicke Perle finden. Wer noch nie etwas mit den Klängen der Formation hat anfangen können, der wird durch "the lost tapes" sicher auch nicht bekehrt werden. Nun warten wir auf "the lost concerts"!

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 11.8.2012
Letzte Änderung: 22.5.2013
Wertung: 12/15

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Alle weiteren besprochenen Veröffentlichungen von Can

Jahr Titel Ø-Wertung # Rezis
1969 Monster Movie 13.00 3
1970 Soundtracks 11.50 2
1971 Tago Mago 13.67 3
1972 Ege Bamyasi 13.00 3
1973 Future Days 12.50 2
1974 Soon Over Babaluma 13.00 2
1975 Landed 11.00 2
1976 Flow Motion 7.00 2
1976 Unlimited Edition 12.00 2
1977 Saw Delight 10.67 3
1978 Out Of Reach 8.00 2
1979 Can 8.00 2
1981 Delay 1968 11.00 2
1989 Rite Time 10.00 2
1995 The Peel Sessions 12.00 1
1999 Can Live 10.50 2
1999 The Legendary Can 8.50 2
2003 DVD - 1

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