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Wobbler

From Silence To Somewhere

(Tipp des Monats 12/2017)
Coverbild
Informationen

Allgemeine Angaben

Erscheinungsjahr: 2017
Besonderheiten/Stil: RetroProg
Label: Karisma Records
Durchschnittswertung: 12/15 (3 Rezensionen)

Besetzung

Andreas Wettergreen Strømman Prestmo Gesang, Gitarre, Glockenspiel, Percussion
Geir Marius Bergom Halleland Gitarre, Gesang
Lars Fredrik Frøislie Keyboards, Gesang
Kristian Karl Hultgren Bass, Klarinette
Martin Nordrum Kneppen Schlagzeug, Percussion, Blockflöte

Tracklist

Disc 1
1. From Silence to Somewhere 20:59
2. Rendered in Shades of Green 2:05
3. Fermented Hours 10:10
4. Foxlight 13:19
Gesamtlaufzeit46:33


Rezensionen


Von: Gunnar Claußen @ (Rezension 1 von 3)


Zwar haben Wobbler wieder mal sechs Jahre für die Fertigstellung ihres dritten Albums gebraucht. In dieser Zeit ist aber einiges passiert. Insbesondere hat sich interessanterweise die Tendenz gezeigt, dass Norwegen dem benachbarten Schweden in Sachen Retroprog (und auch sonst) den Rang abzulaufen droht: Hüben konnten Bands wie Shamblemaths, Gentle Knife, Seven Impale, Tusmørke oder White Willow auftrumpfen, während drüben das Blumen-Königreich gänzlich zerfiel und auch andere altgediente (und auch verwandte) Kapellen wie Paatos, Beardfish oder Kaipa bestenfalls stagnierten. Insofern springt "From Silence To Somewhere" einerseits in eine bereits geschlagene Bresche - andererseits erwartet "man" von Wobbler selber mit der neuen Platte trotzdem eine weitere Bestätigung des eigenen Ausnahmestatus inmitten dieser Phalanx.

Angesichts der langen Abwesenheit der Band ist man geneigt, von einer "Rückkehr" zu sprechen. Sinnig wird diese Formulierung auch deshalb, weil schon die Anlage von "From Silence To Somewhere" nicht an "Rites At Dawn", sondern an das Debütalbum "Hinterland" erinnert: Der Titel-Longtrack an erster Stelle, ein Zwischenstück und zwei Zehnminüter auf der B-Seite. Okay, diesen Ablauf haben Wobbler anno 2005 ja nicht gerade erfunden, aber da "Rites At Dawn" bekanntlich kleinteiliger aufgebaut war, ist diese Struktur dennoch bemerkenswert. Wer will (besonders einfach für den, der die schon vergriffene LP rechtzeitig geordert hat), kann sich das Album übrigens auch ohne Qualitätsverlust seitenverkehrt anhören: "Rendered In Shades Of Green" ergibt ein ebenso hübsches Intro, und "From Silence To Somewhere" einen gleichfalls adäquaten Abschluss. Aber vielleicht gehört das auch zum Konzept, denn wie Cover und Texte des Titeltracks deutlich machen, geht es wohl um Geburt, Tod und nachfolgend die, nein, nicht Auferstehung, sondern Wiedergeburt.

Jedenfalls nehme ich diesen ermöglichten Kunstgriff dankend an und behalte es mir daher vor, die B-Seite zuerst zu besprechen. "Fermented Hours" (da geht's übrigens allem Anschein nach um besonders groteske Alchemie - in Form eines Knödel-Rezepts...?!) eröffnet nervös und schnell und erinnert mit seinem Keyboard-Arpeggiomotiv einerseits und den bizarren Stimmungen tatsächlich an eine Kreuzung aus "Sound Chaser" und Tusmørkes "Et Djevelsk Mareritt", ruhiger wird es dagegen ab 2:30 mit einem gesanglichen Part zu sowas wie der 6/8-Version von "Take Five", zumal hier Orgel-, Gitaren- und Bassmotive in einem ähnlichen Hau-Ruck-Rhythmus ertönen. Hieraus steigert man dann die Intensität mit marschierend-nervöser Snare und Crescendo und greift dabei wiederum Melodien aus dem ruhigen Part auf. Der folgende Groove-Part klingt mit einem kurzen Zitat von Rick Wakemans Kirchenorgel aus "I Get Up, I Get Down" aus, kehrt anschließend zur Intensität des Intros und seiner "Sound Chaser"-Bezüge zurück, ganz am Schluss allerdings ist noch mal kurz "Hocus Pocus" dran. Spaßig!

"Foxlight" ist gemessen daran etwas weniger konkret, gerade der Anfang ist mit minutenlangem repetetivem Arpeggio auf der A-Gitarre, ineinanderlaufenden Gesangslinien sowie arhythmischen Einsätzen auf Flöte und Keyboards kaum zu greifen. Erst um 3:30 herum rafft man sich mit einem Glockenspiel-Crescendo zu einem Absprung gen 9/8-Retroprog auf, in dem graduelle Härte, eine kontrolliert taumelnde Rhythmik und immer wieder verträumte Rückgriffe auf das Intro eine gutklassige Abwechslung schaffen. Für die Zitatesammler gibt's dazwischen noch ein paar Anklänge an "Orabidoo" von Mike Oldfield. Kurioser ist allerdings der weitere Verlauf: Ab Minute 8 scheint das Lied nur noch auszuklingen... aber gut zwei Minuten später gibt es den finalen Ausbruch mit vorwärts trabendem Rhythmus, fröhlichen Melodien und Drehleier-Einsätzen. So gut mir diese Komponenten gefallen, ihre Abfolge ist doch etwas merkwürdig.

Bleibt noch der Titeltrack (und Opener!), und der hat es in sich: Ein heftiges, aber polyphon verspieltes Intro, sozusagen die Steigerung selbigens von "Hinterland", aber natürlich liegt damit auch "Close To The Edge" (mal wieder...) nicht fern, später dann eine thematische Keyboard-Melodie vor einem beeindruckenden Hardprog-Rhythmus, dazwischen immer wieder Flötenmotive aus dem Intro. Ab 2:40 gibt es eine folkig-ruhige Passage, in der später auch Gesang folgt, dessen verschnörkelte Linien aber erst mal auf dem Keyboard vorgegeben werden. Percussion und in der zweiten "Strophe" hinzukommende marschtrommeln verdüstern die Stimmung bis zu einer erneuten harten Steigerung mit Präsentation des Hauptthemas. Die nächste Ruhepause um 6:00 herum greift motivisch einige Riffs aus dem vorangegangenen Rock-Part mit der Flöte auf, derweil der "Nanana"-Gesang überdeutlich an Yes' "Revealing Science Of God" erinnert. Um 9:45 führen schließlich Dissonanzen zu einem orgel-lastigen Flamenco/Fandango-Freakout à la "Hinterland" (oder "In Taberna"/"Leprechaun Behind The Door"), der anschließend Änglagård-artig geordnet wird, indem alles auf ein massives Keyboard-Arpeggiomotiv als Basis für hymnische Melodien auf verfügbaren Instrumenten hinausläuft.

Nun offenbart sich die eigentliche Dramatik dieses Stücks: Gegen 14:20 gibt es Klagegesang zu durchaus kirchlich tönenden Orgelklängen und Trauermarsch-Percussion... und es wird deutlich, dass hier der Protagonist zu Grabe getragen wird, nachdem wir zuvor seinen fulminant vertonten Exitus zu hören bekommen haben. Somit wird auch deutlich, dass der nun folgende Rückgriff auf den folkigen Part vom Anfang dann eben die Handlung ins Jenseits verlegt. Der Anekdoten-artige Fortgang mit groovig-vollem Rhythmus und Fortspinnen der Gesangslinien auf dem Mellotron steuert dann einen abschließenden Höhepunkt an, der offen endet. Die Wiedergeburt steht bevor... und den Abschluss des Stückes markiert eine balladeske Coda mit A-Gitarre, pastoraler Stimmung, Chorgesang und diversen Reprisen auf dem Keyboard, die in ihrer Rekapitulation des Werdens und Vergehens bittersüß und doch versöhnlich klingt. Nun, es braucht ein paar Durchläufe, bis Struktur und Handlung deutlich werden, aber "From Silence To Somewhere" ist ein Epos von einem Longtrack, das mit den großen Genre-Klassikern konkurrieren kann, ohne sich, obschon mit einschlägigen Zitaten gespickt, zu offenkundig anzubiedern. Chapeau!

Als Fazit unter diesem Text stelle ich somit fest, dass Wobbler mit "From Silence To Somewhere" jegliche Erwartungen übertreffen - man kann sich in dieses Album wunderbar versenken, ohne ständig an das Retro-Paradigma und die Bezugnahme auf existente Vorbilder zu denken. So wirken auch die genannten Zitate nicht wie ein um Genre-Konventionen bemühter Selbstzweck, sondern sind lässig in das ansonsten recht eigenständige Geflecht eingewoben und somit mehr Draufgabe denn Verpflichtung. Mit den Stücken selber - was wie erwähnt für "Foxlight" etwas weniger gilt - liegen ansonsten amtliche Schwergewichte vor, die auch den Reifeprozess der Band unter Beweis stellen und hierbei den Fortschritt gegenüber allzu großer Lockerheit wie etwa auf "Hinterland" demonstrieren. Darüber hinaus postiert sich "From Silence To Somewhere" auch gegenüber "Rites At Dawn" mit seiner Düsternis und Schwere in einer eigenen Ecke. Kurz gesagt? Ich bin beeindruckt.

Anspieltipp(s): "Fermented Hours", aber man sollte es natürlich ganz hören
Vergleichbar mit: Yes zu "Relayer"-Zeiten - aber weniger stilistisch, sondern von der Güte her
Veröffentlicht am: 1.11.2017
Letzte Änderung: 30.11.2017
Wertung: 13/15
Ernster und düsterer als "Rites At Dawn" - genau so bleibt man hervorragend, ohne sich zu wiederholen.

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Von: Marc Colling @ (Rezension 2 von 3)


Die Norweger haben sich ja mächtig viel Zeit gelassen um den Nachfolger von „Rites at Dawn“ zu präsentieren. Das Resultat sind 46 Minuten Musik auf 4 Songs verteilt die zwischen 2 und 20 Minuten dauern. Das kennt man ja schon von den Retroproggern, doch schaffen sie es auch an das bereits gute Vorgängeralbum anzuknüpfen?

Der Fan von Wobbler weiß also, was ihn erwartet. Retroprog, Retroprog, Retroprog. Mellotron, Hammond, akustische Drum, analoge Aufnahme, echte Instrumente wie Bassklarinette, Glockenspiel, Flöten. Dazu immer wieder eingewebte folkige Momente, komplexere Passagen, großartige Melodien die aber nicht auf den ersten Hör sitzen sondern einige Umdrehungen im Player brauchen. Das Mellotron setzt in vielen Momenten den Akzent, lässt natürlich an alte Helden wie Yes, Genesis oder auch mal Gentle Giant erinnern. Aber auch die E-Gitarre hat ihre Einsätze und manchmal bratzt sie so sehr durch die Songs, dass man eher an Hardrock als an Progrock denkt. Besonders der Anfang von FERMENTED HOURS ballert dir die Riffs um die Ohren wie weiland Deep Purple, um nur 2 Minuten später Keith Emerson die Ehre zu erweisen.

Was mir an Wobbler immer wieder gut gefällt ist die Mischung von verschiedenen Stilen bis hin zum Folk, sowie die klaren und vor Ideen strotzenden Arrangements. Alles wirkt harmonisch passend, man bekommt nie das Gefühl irgend etwas sei bemüht oder erzwungen. Der Bandname bedeutet ja „Fischköder“ und bereits mit ihrem Namen beweisen sie Humor. Denn wer hier rein hört und Retroprogfan ist, den haben sie bildlich gesprochen „am Haken“.

Wer also mit Retroprog aufgewachsen ist und bereits in seiner Jugend nicht genug von dieser Richtung bekommen konnte, der ist hier gut aufgehoben. Und wer zu spät geboren wurde und sich nie so richtig an Retro ran getraut hat, der sollte Wobbler unbedingt eine Chance geben. Nicht viele aktuelle Bands verfolgen ihren Stil so konsequent wie diese Männer aus dem Norden.

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit: fast allen klassischen Progbands der frühen Jahre
Veröffentlicht am: 17.12.2017
Letzte Änderung: 17.12.2017
Wertung: 11/15
2017 das Maß aller Dinge im Retroprog, Hardcorefans geben 1-2 Punkte dazu

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Von: Markus Peltner @ (Rezension 3 von 3)


Steht man auf den klassischen englischen Progressive Rock und kann auch damit leben, dass dieser nicht in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts entstand, sondern in der heutigen Zeit, dann sollte man sich definitiv mal Zeit für die norwegische Band Wobbler nehmen. Das vierte Studioalbum der Retro-Progger aus dem Norden heißt „From Silence To Somewhere“ und erschien im Herbst des Jahres 2017 auf dem Plattenlabel Karisma Records – acht Jahre nach der letzten Platte „Rites At Dawn“.

„From Silence To Somewhere“ wimmelt nur so von Reminiszenzen an Prog-Größen der 70er Jahre. Genesis hört man fast an jeder Stelle der Scheibe heraus, angefangen vom wahrlich epischen Titellied bis hin zum Ausklang mit „Foxlight“. Aber auch Gentle Giant, Yes und Emerson, Lake & Palmer schimmern immer wieder durch – und ganz bestimmt noch jede Menge andere Bands. Dies alles jedoch in einer keinesfalls störenden Art und Weise, denn die Musik ist spannend, melodiös, abwechslungsreich und spielt mit den Emotionen, die beim Hören dieser „Erinnerungen“ zwangsläufig aufkommen müssen. Einen kleinen und intensiven Ausflug in die Melancholie stellt dabei ebenfalls das kurze „Rendered In Shades Of Green“ dar. Dieses traurige Stückchen Musik geht in seinem kurzen Verlauf fast in David Bowies „Warszawa“ über, dass einem die Tränen in die Augen schießen – vor Rührung.

Bei Musikliebhaberinnen und -liebhabern ist solche Musik, wie diese zitierende von Wobbler auf „From Silence To Somewhere“ häufig umstritten. Wie viel darf denn überhaupt „zitiert“ werden? Wie viele neue Ideen muss solch ein Album des Retro Prog enthalten? Komischerweise stellt sich für mich im Falle dieser Veröffentlichung diese Frage überhaupt nicht. Die vier auf „From Silence To Somewhere“ enthaltenen Lieder klingen so überzeugend und mitreißend, dass sie eher eine Art Ergänzung der Musik der Heroen der End-60er bis Mid-70er darstellen, als dass sie lediglich zusammengesetzte Kopien schon längst veröffentlichter Stücke wären. Die hier wiedergegebenen Zitate wirken.

Fazit: Ein Retro-Prog-Album der allerfeinsten Sorte haben die norwegischen Musiker von Wobbler mit ihrem vierten Album „From Silence To Somewhere“ veröffentlicht. Wer Spaß daran hat, in den Klängen der frühen 70er Jahre zu schwelgen, die oder der wird hier auf das Allerbeste bedient. Die Musik ist abwechslungsreich, spannend, sehr melodiös und schafft es einen zu packen. Alles schon mal dagewesen? Na und? In der Zusammenstellung wie auf „From Silence To Somewhere“ nämlich ganz bestimmt noch nicht.

Anspieltipp(s): From Silence To Somewhere und die restlichen Lieder
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 7.2.2018
Letzte Änderung: 7.2.2018
Wertung: 12/15

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Alle weiteren besprochenen Veröffentlichungen von Wobbler

Jahr Titel Ø-Wertung # Rezis
2005 Hinterland 9.00 6
2009 Afterglow 11.00 3
2011 Rites at Dawn 10.83 7

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