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Dialeto

Bartók in Rock

Coverbild
Informationen

Allgemeine Angaben

Erscheinungsjahr: 2017
Besonderheiten/Stil: instrumental; Klassikrock / Adaptionen
Label: Cromatic Music/Moonjune Records
Durchschnittswertung: 10/15 (2 Rezensionen)

Besetzung

Nelson Coelho guitar
Gabriel Costa bass
Fred Barley drums

Gastmusiker

David Cross violin (Track 1)

Tracklist

Disc 1
1. Mikrokosmos 113 Bulgarian Rhythm I 4:21
2. Mikrokosmos 149 Six Dances in Bulgarian Rhythm II 3:40
3. An Evening in the Village 3:21
4. Roumanian Folk Dances 1 Stick Game 5:39
5. Roumanian Folk Dances 2 Peasant Costume 3:15
6. Roumanian Folk Dances 3 Standing Still 3:48
7. Roumanian Folk Dances 4 Mountain Horn Song 4:20
8. Roumanian Folk Dances 5 Roumanian Garden Gate 1:54
9. Roumanian Folk Dances 6 Little One 1:54
10. The Young Bride 5:26
Gesamtlaufzeit37:38


Rezensionen


Von: Ralf J. Günther @ (Rezension 1 von 2)


Vorweg: Bei diesem Album handelt es sich um eine sogenannte Klassikadaption (Klassik im Sinne von E-Musik-Kanon). Die Frage, inwieweit die Band ihren Vorlagen "gerecht" wird, steht bei dieser Rezension aber nicht im Mittelpunkt. Die Idee, dass Rockbands je gewichtige Interpretationen von "E-Musik" vorgelegt hätten, halte ich für ziemlich gewagt. Solche Adaptionen hatten und haben m.E. vielmehr primär den Sinn, dem Rock – wenn es denn gelingt – ein bisschen auf die Füße zu helfen. Zu Zeiten von ELP war das allerdings sicher ein dringenderes Thema als heutzutage, wo die Rockmusik in ihren besseren Spielarten selbst schon sehr weit entwickelt ist. Eine Klassik-Adaption läuft da eher Gefahr, arg bieder zu wirken. Umso mehr muss die vorrangige Frage lauten: Ist guter Rock dabei herausgekommen?

Dass das brasilianische Trio Dialeto nicht die erste Rockband ist, die sich an Béla Bartók versucht, gehört zum Prog-Allgemeinwissen. Neben dem Erstling von Emerson, Lake & Palmer kann man dabei auch auf viele unbekanntere Veröffentlichungen verweisen, etwa auf die ungarische Band Panta Rhei. Es sind also gleich zwei Herausforderungen, denen sich Dialeto auf dieser Veröffentlichung im Moonjune-Vertrieb stellen: Bartók rockig in den Griff zu kriegen und zugleich vor der – teilweise schon rockhistorischen – Konkurrenz zu bestehen. Selbst bezieht sich die Gruppe auf Bartóks Aussagen gegen "chinesische Mauern" in der Musik, mit denen er sich 1942 gegen die Ideologie "reinrassiger" musikalischer Kulturen wandte.

Der Vergleich mit Bands wie ELP und Panta Rhei ist umso interessanter, als Dialeto ganz ohne Keyboards auskommen – was den Arrangements einerseits gewisse Grenzen setzt, andererseits aber auch hilft, viele Soundklischees zu vermeiden. Mit der zigsten ELP-Nachahmung haben wir es hier jedenfalls keinesfalls zu tun. Das unterstreicht schon Track 1, in dem das Trio durch die Geige von David Cross zum Quartett wird: Oberflächlich entsteht dadurch ein jagendes Jazzrockfeeling, dem allerdings das ziemlich einfallslose Schlagzeug entgegensteht. Hier beschlich mich arges Unbehagen. Das Schlagzeug ist das Folterinstrument Nummer 1 des Rocks. Minutenlang gefühlt immer auf dieselbe Taktzeit einen Klopp auf die kleine Trommel – das mag toll finden wer will, ich find´s doof. Zumal, wenn dabei tatsächlich vorhandene metrische Abwechslung absurderweise wie überdeckt erscheint.

Zum Glück geht es auf dem Album nicht so einseitig weiter. Es gibt ganz wunderbare Passagen – beispielsweise den leicht eingespielten Rumänischen Tanz Nr. 5, der hier wirklich besser klingt als etwa bei Panta Rhei. Und bei dem man durchaus den Wunsch hätte, die Sache würde etwas länger dauern. Aber schon die Bartók-Vorlagen sind bekanntlich oft ultrakurz. Wenn bei Dialeto zum Beispiel die "Young Bride" fünfeinhalb Minuten dauert, dann ist das schon das Mehrfache der nur anderthalbminütigen Vorlage. Die junge Braut stammt aus Bartóks Zyklus mit Klaviermusik für Kinder, sie klingt aber so, als sei sie geradezu geschaffen für die gehobene rockmusikalische Verwurstung. Warum, das machen Dialeto unmittelbar hörbar - Rock wird hier nicht behauptet, er ist unmittelbar präsent. Was im Übrigen einmal mehr beweist, dass der Prog (im engeren Sinne) durchaus nicht nur im romantischen 19. Jahrhundert verwurzelt ist. Das frühe und schon "moderne" 20. Jahrhundert tut´s mindestens genauso.

Manche der Bartókschen Vorlagen sind extrem langsam, so z.B. der Abend im Dorf (Track 3). Dialeto halten sich auch an die elegische Stimmung (mit schnellerem Zwischenteil). Andere Bartók-Nummern drücken von Anfang an sehr aufs Tempo und werfen insofern von selbst eine Menge Drive ab (Track 2 Mikrokosmos 149). Doch genug. Man könnte über diese nur gut 37 Minuten lange Platte noch viel schreiben. Sie unterstreicht mit ungeheurer Anschaulichkeit, wie viel der Prog der bildungsmusikalischen Tradition zu verdanken hat – tut das aber ohne jede Peinlichkeit, sondern aufs Neue interesseweckend und sehr unterhaltsam. Ich würde jedermann ein, zwei Hörproben mit der Gegenüberstellung von Original/Adaption empfehlen. Es dauert ja nur ein paar Augenblicke.

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 11.11.2017
Letzte Änderung: 12.11.2017
Wertung: 10/15

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Von: Nik Brückner @ (Rezension 2 von 2)


Ich höre dieses Scheibchen jetzt seit etwa einer Woche, und kann mich nicht wirklich entscheiden. Eigentlich stehe ich auf sowas: Rockbands, die Klassik nachspielen, jedenfalls wenn zwei Voraussetzungen erfüllt sind. Erstens muss es interessante Klassik sein. Das kann Verschiedenes heißen, z. B. dass die Vorlage sich für ein Rock-Arrangement eignet - und das tun bei weitem nicht alle. Hält man sich z. B. an die Klassik, die der Durchschnittskonsument kennt, geht das fast immer schief. Bartók dagegen... - interessant, denn da gibt es viel, was zur Rockmusik passt. Aggressivität zum Beispiel. Dissonanz. Punch.

Zweitens muss es gut gemacht sein. Und das ist ein weites Feld.... Die müssen das klug arrangieren, korrekt spielen, und gut spielen, in dem Sinne, in dem das Original nicht verhunzt werden darf, es gleichzeitig aber überzeugend in den Rock hineintransformiert werden muss. Das ist nicht so einfach, und weit schwieriger, als es die große Zahl der Klassik->Rock-Alben suggeriert. Die meisten sind nämlich äußerst kläglich.

Das hier siegt also in Bezug auf die erste Voraussetzung. Bartók in Rock passt - trotz des doofen Titels. Eine kluge Wahl, ich habe in meinem Leben zu viel Barock-Rock gehört um noch ernsthaft daran zu glauben, dass das jemals einem Rockmusiker gelingen könnte. Bartók dagegen passt.

Und die Umsetzung? Zunächst einmal überrascht es, dass das Album lange nicht so aggressiv ist, wie man es angesichts des großen Komponisten (oder ELPs) vielleicht erwarten könnte. Das Ganze ist doch recht zahm. Dennoch: "Mikrokosmos 113 Bulgarian Rhythm I" eröffnet das Album stark, und David Cross ist eine echte Bereicherung (angesichts seines müden Auftritts auf der Loreley dieses Jahr konnte man ja wirklich zweifeln). Aber Ralf hat es schon angesprochen: Fred Barley zerkloppt das Ganze derart, dass es spätestens dann nervt, wenn man Ralfs Rezension gelesen hat. Nun muss man dem Mann (Barley, nicht Ralf) zugute halten, dass man ihm keinen guten Sound verpasst hat, insbesondere seine Snare klingt das gesamte Album hindurch seltsam ("Roumanian Folk Dances 1 Stick Game" mal anchecken). Gleich auf z. B. "Roumanian Folk Dances 2 Peasant Costume" zeigt der Mann doch, dass er durchaus was kann, die schnellen Taktwechsel bei hohem Tempo kommen sehr präzise - wenn auch vielleicht ein wenig maschinenhaft.

Aber auch Nelson Coelho ist nicht immer auf Augenhöhe mit dem Material. Bei "Roumanian Folk Dances 5 Roumanian Garden Gate" hat er mit den schnellen Läufen doch sehr zu ringen, und öfter als es dem Album guttäte, verliert er diese Ringkämpfe.

Und Gabriel Costa? Nun, man hört nicht viel von ihm - das ist ein Grund dafür, warum das Album im Ganzen ein wenig zahm klingt. der "Roumanian Folk Dances 6 Little One" zum Beispiel hätte durchaus ein wenig mehr Roughness im unteren Bereich des klanglichen Spektrums vertragen.

Dennoch hat Ralf Recht: Das Album hat auch ganz wunderbare Passagen, er weist zu Recht auf "Roumanian Folk Dances 5 Roumanian Garden Gate" hin, ich möchte noch "Roumanian Folk Dances 2 Peasant Costume" ausdrücklich erwähnen - über den Einstiegstrack "Mikrokosmos 113 Bulgarian Rhythm I" habe ich ja schon gesprochen.

Im Ganzen ein gemischte Geschichte, aber dennoch ein gutes Album. Wer solche Klassikadaptionen mag, der sollte hier unbedingt mal reinhören. Galactic Empires Adaptionen der Star-Wars-Filmmusik sollte man vorher aber besser nicht gehört haben.

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 17.11.2017
Letzte Änderung: 17.11.2017
Wertung: 10/15

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