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Necronomicon

Verwundete Stadt

Coverbild
Informationen

Allgemeine Angaben

Erscheinungsjahr: 2017
Besonderheiten/Stil: Klassischer Prog; Krautrock; Psychedelic
Label: Eigenproduktion
Durchschnittswertung: 11/15 (1 Rezension)

Besetzung

Walter Sturm g, voc
Helmut Herzog keys, voc
Norbert Breuer g, voc
Karl Swiontek flute, sax, mix
Harald Bernhard dr, voc
Gerd Libber b, voc

Tracklist

Disc 1
1. Trostlose Stadt 5:33
2. Licht und Schatten 8:34
3. Frühling in Fukushima 6:30
4. Alle Jahre wieder 12:11
5. Verwundete Stadt Berlin 5:11
6. Licht und Schatten (nur auf CD) 3:39
Gesamtlaufzeit41:38


Rezensionen


Von: Volkmar Mantei @


Krautrock – anfangs fühlten sich deutsche Bands beleidigt, als sie diesen Begriff vernahmen. Bald jedoch, so etwa Mani Neumeier von Guru Guru, nahmen sie das Label, die Beschreibung an und der Name Krautrock wurde zum Allgemeinbegriff. Allerdings ist er sehr ungenau, denn was tummelt sich alles darin: nicht nur typisch deutscher („teutonischer“) Sound, sondern Progressive Rock, Heavy Psych, Symphonic Rock, Electronic, Hardrock, Psychedelic Rock, Deutschrock, Pop, Jazzrock, Jazz, Free Jazz Rock und alles dazwischen etc. – wie jede Schublade braucht jedes Teil, das da reingelegt wird, noch seine eigene Farbe zur Wiedererkennung.

Necronomicon sind eine Krautrockband, eine ‚alte‘ Band, 1970 gegründet. In Aachen zuhause, wo auch Charles & Morgan aktiv waren – und etliche weitere Musiker und Bands aktiv sind. Die Band hat ein ganz bestimmtes Alleinstellungsmerkmal. Ihr Sound ist ‚krautig‘ rau, Jazzdurchflutet, von liedhafter und doch anspruchsvoll komplexer Struktur und symphonisch lyrisch. Es gab nur diese eine Platte: „Tips zum Selbstmord“ (1972). 1974 löste sich die Band nach einigen Umbesetzungen auf und die einzelnen Musiker gingen in den Alltag.

Und plötzlich kam wie von Geisterhand diese Box unters Volk. „Vier Kapitel“ war auf 500 Stück limitiert. Darauf enthalten: Songs aus dem Jahr 1971, ein Konzert, die LP und ein viertes Kapitel namens ‚1974‘. Also war die Band gar nicht aufgelöst, sondern brachte nur keine Platten mehr raus? So war es! Immer wieder wurde die Band aktiv, auch im Kampf gegen immer neue Bootlegs.

2009 folgte „Strange Dreams“ mit historischen Konzertaufnahmen. 2012 „Haifische“ – das starke, eindrucksvolle Album ließ aufhorchen. Auf CD und LP veröffentlicht, waren hier neue Studioaufnahmen zu hören (siehe auch 'Haifische').

Und jetzt, weitere fünf Jahre später, sind sie wieder da. „Verwundete Stadt“ ist wiederum für LP wie CD produziert, und wie vordem ist das Cover der LP fünffach aufklappbar, in Kreuzform designt – alle Achtung, das ist beeindruckend. Auf der einen Seite ein weißes, schönes, sehr abstraktes und inhaltsreiches Motiv. Sehr kunstvoll und doch mit kritischem Unterton. Auf den ‚Flügeln‘ des Kreuzes sind die Texte abgedruckt. Auf der anderen, der schwarzen Seite, ein düsteres Motiv, das Symbol der Radioaktivität, verfremdete Fotos der Musiker, Texte zur Band, zu den Songs. Schon vor der Musik macht das Werk optisch einen sehr ansprechenden Eindruck. Hier ist viel zu entdecken! Sofort zu erkennen, wie gut Schlagzeuger Harald Bernhard sein Kunsthandwerk versteht. Hier wird Sammlerleidenschaft geweckt!

Auf der LP sind 5 Songs enthalten, die Titellängen sind abgedruckt – doch die stimmen nicht. Die drei ersten Songs sind entweder weitaus kürzer als angegeben – oder etwas länger. Die Zeiten der beiden Songs auf der zweiten LP-Seite sind nur um ein paar Sekunden ungenau – geschenkt. Meine Frage: wurden andere Versionen für LP und CD produziert, als die Band ursprünglich auswählte oder ist dies ein dummer Fehler, der zu spät aufgefallen ist?

Auf der CD gibt es einen Track mehr, die Kurzversion von „Licht und Schatten“.

„Trostlose Stadt“ und „Alle Jahre wieder“ stammen ursprünglich aus dem Jahr 1973, die Grundidee von „Frühling in Fukushima“ ebenso. Aber alle Songs sind neu eingespielt worden, im aktuellen Arrangement – und wie auf den früheren Alben sind die Texte kritisch, politisch, aussagekräftig. Das Gegeneinander von Reichtum und Armut wird thematisiert; Fukushima und Umweltzerstörung werden ebenso beschrieben wie die Schrecken und Folgen des Krieges. Die Texte sind, wenig aktualisiert und ergänzt, erschreckend aktuell.

Und Wow!, mit dem ersten Song legen sie gleich gut los. 1972 wäre nicht denkbar gewesen, dass ‚Herren‘ im Rentenalter harten Rock spielen. Aber die 1972er Jünglinge sind heute in diesem Alter und heute ist alles denkbar. Punks im Altersheim, Rockfestivals, die von jungen Menschen im Alter von 0 bis 87 Jahren besucht werden und alles tanzt und fühlt sich wohl. Die Rockästhetik, einmal ins die Blutbahn gelangt, bleibt. Die Popzeiten der 1980er sind vergangen, alle Musikstile stehen gleichberechtigt nebeneinander, Grubenkämpfe sind ausgetragen, der Nachwuchs verbindet in seiner Musik, was früher extrem gegeneinanderstand. Aber war das nicht schon immer so gewesen? Die eine Generation baut auf die andere auf. 1964 waren Jazz und Rock feindliche Lager, 1969 war Jazzrock en vogue. Später kamen Funk und Disko dazu, Disko schmissen wir dann wieder raus und Metal, Free Jazz, Punk und Progressive Rock basteln verrücktes Neues (bitte mehr davon!).

Diese sechs Jungs machen deftig knackfrischen und schön hart angeschrägten Krautrock (heute fast eine „Edel“-Bezeichnung) mit liedhaften und symphonisch progressiven Ansätzen. Erstaunlich klare, luftig jazzige, klanglich exzellent aus den Boxen kommende, aufgeräumt überlegte und in aller Nüchternheit saftig frische Songs sind hier zu hören, die kurzweilig sind und ordentlich Spaß machen. Schön, dass ihr euch aufgemacht habt, dieses Album zu erarbeiten, einzuspielen, zu produzieren. Und bitte, hört damit nicht auf!

Überaus komplex geht es nicht zur Sache und das Instrumentalgeschehen ist im Vergleich zu ‚Haifische‘ zugunsten der Texte etwas in den Hintergrund gerückt. Der Gesang hat es in sich. Kräftige, starke Stimme (alle Beteiligten singen, außer dem Flötisten) straff nach vorn gemischt, laut, deutlich, vital – sehr gut. Zwar stammen die Ideen aus den Siebzigern, doch die Arrangements klingen nicht alt, ganz im Gegenteil sehr aktuell, zeitlos. Die instrumentale Sprache ist modern, der Klang der Instrumente perfekt aufgenommen, alles ist deutlich und präsent. Knifflige und anspruchsvolle Ideen sind zu hören, nicht wie heute üblich im Progressive Rock sehr komplex, sondern geerdet, lyrisch und symphonisch, getragen und episch. Nichts wirkt gekünstelt, hier wurde keine Idee verschenkt, alles ist auf den Punkt gespielt und macht einen fabelhaften Eindruck.

Trotz der wenigen instrumentalen Eskapaden und Verrücktheiten haben die Songs doch ihre ausgeprägte instrumentale Seite, von der meine Mutter (85 Jahre) sagen würde: das ist doch die gute Rockmusik, schöngeistig und klug (wenn ich ihr schräges Zeug vorspiele, meint sie stets: Puh, ist das schrecklich!).

Mein Lieblingsstück ist „Frühling in Fukushima“, kurz gefolgt von „Alle Jahre wieder“. Ich bin ganz baff, dass diese Ideen so kernig und scharfkantig sind.

„Verwundete Stadt“ ist ein homogenes, straff organisiertes, rasant hartes Progressive Rock – Album ohne Macken, ohne Angeberei, ohne Übertreibung. Gekonnt eingespielt, überraschend reich im instrumentalen Geschehen – macht Spaß, zuzuhören und wieder zuzuhören. Jetzt muss ich „Haifische“ auflegen, zum Vergleich.

Macken kann ich hier kaum ausmachen, vielleicht gibt es von „Trostlose Stadt“ wirklich eine 10-Minuten-Version, wie es auf dem Cover steht? Die würde ich gern hören.

Heute kann nur besser sein als 1972. Zwar war Rockmusik damals jung und frisch, aber das soziale Umfeld war feindlich und spießig. Gut, spießig wird die Welt immer bleiben, weil sie faul und dumm ist. Aber es gibt weniger Feindlichkeit (damaliger Art) und – ist doch cool, dass Jungs, auch wenn sie mehr Winter auf den Schultern tragen, nicht aufhören, diese ihre fette, laute Musik zu machen!?!

Fangt ganz am Ende des letzten Songs an, nach dem Text, wenn Gitarre, Bass und Schlagzeug das Outro spielen – das ist fast Metal und weiß nix von Kompromissen - - -

Anspieltipp(s): Frühling in Fukushima, Alle Jahre wieder
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 17.11.2017
Letzte Änderung: 18.11.2017
Wertung: 11/15

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Alle weiteren besprochenen Veröffentlichungen von Necronomicon

Jahr Titel Ø-Wertung # Rezis
1972 Tips zum Selbstmord 9.00 1
2012 Haifische 9.00 1

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