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Klaus Schulze

Eternal. The 70th Birthday Edition

Coverbild
Informationen

Allgemeine Angaben

Erscheinungsjahr: 2017
Besonderheiten/Stil: Elektronische Musik
Label: MIG Music
Durchschnittswertung: 10/15 (1 Rezension)

Besetzung

Klaus Schulze Synthesizer, Keyboards, Elektronik

Gastmusiker

Christoph Titz Trompete (Track 2, CD 2)

Tracklist

Disc 1
1. Rhodes Romance   (Alternative Version von "The Rhodes Violin", auf Bonus-CD v. "Shadowlands") 47:47
2. Minority Report   (Studio-Version von "Breeze To Sequence", auf "Live@Klangart") 13:41
3. Mongolia   (Studio-Version von "From Church To Search", auf "Live@Klangart") 18:24
Gesamtlaufzeit79:52
Disc 2
1. Schrittmacher   (ursprünglich auf "Schrittmacher" (Sampler von Manikin Records, 2004)) 13:43
2. Ion/Andromeda - The Ion Perspective   (ursprünglich auf einer Promo-CD der Firma Alesis, 2004) 16:07
3. Andromeda - The Grand Trance   (ursprünglich auf einer Promo-CD der Firma Alesis, 2004) 41:09
Gesamtlaufzeit70:59


Rezensionen


Von: Michael Brückner @


Klaus Schulze, Krautrock- und Elektronik-Pionier der ersten Stunde, veröffentlicht nun bereits seit einer gefühlten Ewigkeit einen immerwährenden Strom endlos langer Kompositionen. „Ich habe den Langzeit-Effekt drauf…“ konstatierte Schulze einst in einem seiner gewohnt launigen Interviews. „Was habe ich nicht alles für Gruppen überlebt! Alle sind sie weg, und wer sitzt immer noch am Pult? Na icke!“


Tatsächlich erreichte der „Papst der elektronischen Musik“ im vergangenen August – wenn auch mittlerweile geplagt von erheblichen gesundheitlichen Problemen - das stolze Alter von 70 Jahren. Was lag also näher, als diesen Anlass mit einer weiteren prall gefüllten Doppel-CD zu feiern, die im September 2017 unter dem Titel „Eternal - The 70th Birthday Edition“ erschien. „Eternal“, das heisst ewig - nehmen wir uns also entsprechend viel Zeit, um herauszufinden, ob das Gebotene Titel und Anlass gerecht wird…

Die Plattenfirma MIG, Verwalter von Schulzes Werk im neuen Jahrtausend, schmückte den Fest-Release mit einer Variation des Covers von „Mirage“ - nach Meinung vieler Fans eines seiner Werke für die Ewigkeit - und stellte dem Publikum auf CD 1 ein bisher unveröffentlichtes Album in Aussicht, das der Meister 2006 und 2007 eingespielt habe, sowie einige seltene, vergriffene Stücke von Samplern und Promo-Produktionen auf CD 2. So weit, so vielversprechend…

Die treuen Anhänger des sympathischen Ex-Berliners mussten allerdings bald feststellen, dass ihnen das „unveröffentlichte“ Material doch erstaunlich bekannt vorkam - was in der Gemeinde zu gewissem Unmut führte.

Schon „Rhodes Romance“, der elegische Opener, erweist sich als eine abgespeckte Variante von „The Rhodes Violin“, ein Stück, das bereits einige Jahre zuvor auf der Bonus-CD von Schulzes bislang letztem „amtlichen“ Studio-Album „Shadowlands“ zu hören war, dort allerdings durch exotische Geigen- und Gesangseinlagen von Gast Thomas Kagermann bereichert.

Dennoch - auch ohne Kagermanns Beitrag bleibt „Rhodes Romance“ eine zutiefst innerliche, tiefgründige musikalische Meditation in zwei Teilen: 
Die erste Hälfte wird allein von Schulzes schwermütigen, meist über dezenten Wolken aus Moll-Akkorden meandernden E-Piano-Schleifen bestritten, im zweiten Teil übernehmen dann sich allmählich verdichtende Sequenzer-Linien die Ausgestaltung der zyklisch wiederkehrenden Harmonien – unaufgeregt und wie schon oft zuvor in Schulzes bekannter Manier, aber dennoch mit jenem hypnotischen, weltentrückten Effekt, den seine geduldigen Hörer schätzen. Von allen Stücken auf „Eternal“ dürfte dieses noch am ehesten an seine besten Werke aus den 70ern anknüpfen. Beim genauen Blick auf die Spielzeit des Stückes (47:47 Minuten) stellt sich auch die Frage, ob es sich hier - angesichts von Schulzes Geburtsjahr (1947) und des feierlichen Anlasses - um einen Zufall handelt…



Der vom langen Opener ins Nirvana gebeamte Hörer wird dann von „Minority Report“ mit zackigen, diesmal deutlich lebhafteren Sequenzen und Dance-affinem Four-to-the-floor-Beat vorübergehend reanimiert. Augenblick: „Minority Report“ – das ist doch eine Geschichte von Philipp K. Dick, jenem paranoiden Science-Fiction-Autoren, der auch die literarische Vorlage für Ridley Scotts „Blade Runner“ geliefert hat! Sollen wir bei diesem Stück nun an Vangelis denken? 
Tatsächlich klingt die Nummer nicht allzu sehr nach Schulzes noch berühmterem Kollegen, erinnert dafür wieder um so mehr an seit Jahren Bekanntes aus eigenem Hause: Offensichtlich handelt es sich um eine Studioversion von „Breeze To Sequence“, dem Opener des Live-Albums „Live@Klangart“ (seltsamerweise bereits aus dem Jahre 2003). Eine weitere Version davon findet sich unter dem Titel „Nothung“ auf „Rheingold“ (einem Konzertmitschnitt von 2008, mit Ex-Dead Can Dance-Chanteuse Lisa Gerrard). Und wie schon bei dem vorangegangenen Stück bietet die neue Version nicht mehr, sondern weniger als die bekannten Fassungen, fehlen doch Schulzes typische Minimoog-Soli, die bei den Live-Versionen für deutlich mehr Lebendigkeit sorgen. Allenfalls der noch bessere Klang spricht für die Studio-Einspielung, die andererseit – auch das muss man zugeben – ohne den direkten Vergleich durchaus als gefälliges Beispiel für Schulzes Sequenzer-Kunst gelten kann.

Das mild-experimentelle Intro von „Mongolia“– eine rhythmische Schleife aus kantigem Kehlkopfgesang, die passenderweise klingt, als habe Huun-Huur Tu in Schulzes Studio vorbeigeschaut – kann den Schulze-Kenner nicht darüber hinwegtäuschen, daß sich das dritte und letzte Stück des „bisher uneröffentlichten Studioalbums“ ebenfalls als verdächtig bekannt erweist: wiederum auf „Live@Klangart“ befindet sich mit „From Church To Search“ ein naher Verwandter davon, der den Rezensenten mehr bezaubert als die hier gebotene Fassung.

Dennoch ist „Mongolia“ keineswegs von schlechten Eltern: über entspannten Chill-Out-Beats breitet Schulze ein weiteres seiner Markenzeichen-Geflechte aus dezenten Sequenzen aus, weich in warme Akkordwolken gebettet und angereichert mit Chorklängen und pseudo-gregorianischen Vokal-Passagen, die an Enigma, den späten Mike Oldfield – oder nun tatsächlich an Vangelis denken lassen. Und diesmal gibt es sogar (endlich!) ein Moog-Solo vom Meister, erstaunlich stückdienlich und ungewohnt zurückhaltend zwar, aber durchaus von retro-futuristischer Schönheit!

Zwischenresümee: Während es insgesamt für Schulze-erfahrene Hörer eher enttäuschend ist, daß sich das Material als weniger unbekannt herausstellt als angekündigt und erhofft, so bietet CD 1 doch ansprechende, hervorragend produzierte und zum Teil sehr berührende Elektronik in der Tradition des „späten“ Schulze, wie sie der „Moog-Magier“ seit der Jahrtausendwende, angefangen mit seinen beiden „Contemporary Works“-Sets, aus dem Hut zu zaubern pflegt…



Kommen wir zu CD 2: 

„Schrittmacher“ macht seinem Namen Ehre und ordentlich (Tanz-) Schritt. Ursprünglich 2004 unter fadenscheinigem Pseudonym auf dem gleichnamigen, lange vergriffenen Sampler von Manikin Records erschienen, geht der Ehren-Rektor der Berliner Schule hier mit ganz anderer Energie zu Werke: zwar wird auch nun der Hörer in ein kunstreich ineinandergreifendes Räderwerk aus Sequenzen geworfen, das aber deutlich mehr Biss, mehr spannungsreich-dissonante Ecken und Kanten bietet als seine vergleichsweise beschaulichen Pendants von CD 1. Und auch der beinahe clubtaugliche Beat entwickelt einen intensiven Drive und hypnotischen Sog, der sich so auf dem Album bisher nicht gefunden hat: stark!



Und stark geht es (erstmal) weiter, auch wenn man sich nicht entscheiden konnte, ob das nächste Stück nun „Ion“ oder „Andromeda“ heißen soll, und ihm daher gleich beide Titel verpasst hat. Genaugenommen handelt es sich um eine ursprünglich für die Synthesizer-Firma Alesis produzierte Demo-Nummer zweier Instrumente mit eben diesen Namen. Aber was für eine Nummer! Erstklassiges Schulze-Sequenzing verzahnt sich mit zeitgemäßen Drumgrooves zu einem entspannt-dynamischen Getriebe, über dessen mitreissender Motorik sich, abgefedert von flauschigen Akkordteppichen, wundersamerweise etwas entspinnt, mit dem wir in einem Stück des altgedienten Elektronikers wohl am wenigsten gerechnet haben: inspiriertes Solieren einer Jazz-Trompete.

Tatsächlich lässt „Ion/Andromeda“ an einige der besten Stücke von Harald Zerletts Bandprojekt „Trance Groove“ denken – und das ist kein Zufall, denn Trompeter Christoph Titz, der hier seinem bekannteren Kollegen Nils Petter Molvaer durchaus Konkurrenz macht, war zeitweise Mitglied genau dieser Kölner Kombo. Peinlich nur, dass es niemand bei MIG für nötig befunden hat, den ausgezeichneten Musiker irgendwo zu erwähnen – erst durch ausgedehnte Internet-Recherche konnte Schulzes Duo-Partner bei diesem Stück vom Rezensenten identifiziert werden. Dabei ist diese Nummer – gerade dank seines Beitrags – der Höhepunkt dieses Albums! 



Kommen wir zum letzten Stück, das – seinen gewaltigen Dimensionen angemessen – nach einer Galaxie, nämlich „Andromeda“ benannt wurde. Über 41 Minuten reiner Schulze, da schlagen Fan-Herzen höher. Aber leider (Leider!) versetzt uns der Meister dieses eine Mal nicht in die im Titel versprochene „Grand Trance“; vielmehr setzt er uns einem unaufhörlichen, stumpf und stoisch vor sich hintackernden Sequenzer-Dauerstakkato aus, das vermutlich „trancig“ und hypnotisch gemeint ist, aber zumindest beim Schreiber dieser Zeilen weniger Gefühle von Ewigkeit als von langer (sehr langer) Weile aufkommen läßt.



Gut, ich gebe es zu: zehn Minuten von dieser Kost erscheinen mir noch einigermaßen unterhaltsam, aber spätestens nach fünf weiteren stellen sich erste Anzeichen einer Nervenlähmung ein, dabei haben wir gerade erst die Spitze des Klangeisbergs in Ohrenschein genommen. Da hilft es auch nicht mehr viel, wenn am Ende doch noch die typischen Akkordflächen zusammen mit wuchtigem elektronischen Schlagzeug das Sequenzengemecker ein wenig erträglicher machen – es stellt sich erst unendliche Erleichterung ein, wenn das Stück nach einer gefühlten Ewigkeit schließlich doch ausklingt. Und das ist bedauerlich, weil es die Begeisterung, die von den ersten beiden Stücke auf CD 2 ausgelöst wurde, deutlich dämpft. Glücklicherweise übrigens eher eine Ausnahme in Schulzes Oeuvre…



Wie ist nun das Gesamtpaket zu bewerten? Schwierig, findet dieser eine Hörer! 
Versuchen wir also, uns mit etwas Arithmetik zu behelfen:
Stück 1 auf der CD scheint mir 12 Punkte zu verdienen, Stück 2 gebe ich 10 und Stück 3 immerhin 11. Meine beiden Favoriten des Albums auf CD 2 belohne ich mit 13 und gar 14 Punkten. Der Galaxie des Grauens kann ich aber keinesfalls mehr als mit viel gutem Willen 7 Punkte zubilligen. Das macht im Schnitt rund 11 Punkte.
 Für erkennbare Tendenzen, treue Fans mit spitzfindigen Halbwahrheiten (unveröffentlichtes Studio-Album) zum Kauf zu bewegen, ziehe ich zwei Strafpunkte ab. Für die insgesamt schöne Gestaltung des Digipaks, die klangtechnisch tadellose Produktion und die gute Absicht, zu des Meisters Wohl und zur Freude der Fans ein umfangreiches „Geburtstagsgeschenk“ auf den Gabentisch zu legen, lege ich schließlich wieder einen Punkt obenauf, und hoffe, damit der Sache gerecht geworden zu sein.



Wo wir schon beim Thema „Hoffnung“ sind: schön wäre es, wenn wir auf das mittlerweile (überraschend wieder) angekündigte nächste reguläre Schulze-Album „Silhouettes“ keine Ewigkeit warten müssten, daß es sich als wahrlich bislang ungehört erweisen und – hoffen darf man immer – daß es nicht nur mit dem Cover an seine Glanzzeiten erinnern wird…

Anspieltipp(s): Rhodes Romance, Ion/Andromeda
Vergleichbar mit: anderen Alben von Klaus Schulze seit 1999
Veröffentlicht am: 23.3.2018
Letzte Änderung: 23.3.2018
Wertung: 10/15

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Alle weiteren besprochenen Veröffentlichungen von Klaus Schulze

Jahr Titel Ø-Wertung # Rezis
1972 Irrlicht 10.00 5
1973 Cyborg 11.00 3
1974 Blackdance 8.00 3
1975 Picture Music 10.00 2
1975 Timewind 12.33 3
1976 Moondawn 11.00 3
1977 Mirage 12.20 5
1977 Body Love Vol. 2 12.00 3
1977 Body Love 10.67 3
1978 X 13.00 5
1979 Dune 11.67 3
1980 ...Live... 10.67 3
1980 Dig It 10.00 4
1981 Trancefer 12.33 3
1983 Audentity 11.33 3
1983 Dziekuje Poland 11.50 2
1984 Angst 9.33 3
1985 Inter*face 9.50 3
1986 Dreams 10.00 3
1988 En=Trance 9.50 4
1990 The Dresden Performance 12.00 1
1990 Miditerranean Pads 8.50 2
1991 Beyond Recall 11.00 2
1991 2001 - 1
1992 Royal Festival Hall Volume 1 11.00 1
1992 Royal Festival Hall Volume 2 11.00 1
1993 The Dome Event 12.00 1
1994 Das Wagner Desaster - Live 9.67 3
1994 Goes Classic - 1
1994 Totentag 13.00 1
1994 Le Moulin De Daudet 11.00 2
1995 In Blue 8.50 2
1996 Are you sequenced? 7.33 3
1997 Dosburg Online 9.50 2
2000 Jubilee Edition Second Part 10.00 1
2000 Jubilee Edition Third Part 9.00 1
2000 The Ultimate Edition - 1
2000 Contemporary Works 1 13.00 1
2000 Jubilee Edition First Part 10.00 1
2000 Silver Edition 13.00 1
2000 Historic Edition 12.00 1
2001 Live @ Klangart 1 + 2 11.00 2
2002 Virtual Outback 10.00 1
2002 Contemporary Works 2 12.00 1
2005 Vanity of Sounds 11.50 2
2005 Moonlake 9.50 2
2006 The Crime of Suspense 10.50 2
2006 Ballett 1 10.00 1
2006 Ballett 2 10.00 1
2007 Ballett 3 8.00 1
2007 Ballett 4 9.00 1
2007 Kontinuum 7.67 3
2009 La Vie Electronique 1 11.00 1
2009 La Vie Electronique 4 11.00 1
2009 La Vie Electronique 2 11.00 1
2009 La Vie Electronique 3 11.00 1
2010 La Vie Electronique 6 11.00 1
2010 La Vie Electronique 7 11.00 1
2010 Big in Japan (Live in Tokyo 2010) 10.00 2
2010 La Vie Electronique 5 11.00 1
2010 La Vie Electronique 8 11.00 1
2011 La Vie Electronique 9 10.00 1
2013 Shadowlands 10.00 1
2016 Another Green Mile 7.00 2
2017 Ballett 3&4 6.00 1
2017 Androgyn 9.00 1
2018 Silhouettes 10.00 1

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