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Emerson, Lake & Palmer

Brain Salad Surgery

(Siehe auch: Leitfaden "Britischer symphonischer Prog der 70er Jahre")
Coverbild
Informationen

Allgemeine Angaben

Erscheinungsjahr: 1973
Besonderheiten/Stil: Klassikrock / Adaptionen; Klassischer Prog
Label: Manticore
Durchschnittswertung: 12/15 (3 Rezensionen)

Besetzung

Keith Emerson organs, piano, harpsichord, accordion, custom-built Moog synths, Moog polyphonic ensemble, vocals
Greg Lake vocals, bass, Zemaitis electric 6-string and 12-string guitars
Carl Palmer drums, percussion, percussion synths

Tracklist

Disc 1
1. Jerusalem 2:44
2. Toccata 7:22
3. Still... You Turn Me On 2:53
4. Benny The Bouncer 2:21
5. Karn Evil 9

1. First Impression
2. Second Impression
3. Third Impression

29:38
Gesamtlaufzeit44:58


Rezensionen


Von: Udo Gerhards (Rezension 1 von 3)


Viele halten "Brain Salad Surgery" für ELPs Meisterstück. Darüber kann man streiten, aber auf jeden Fall enthält es alle ELP-"Trademark"-Elemente.

Das Album beginnt stimmungsvoll mit der hymnischen "Jerusalem"-Bearbeitung (mit William Blakes ambivalenten Text) mit viel druckvoller Hammond-Orgel. Danach "Toccata", Emersons schräge Adaption eines Satzes eines Klavierkonzertes von Ginastera (ELP (tm): Klassikbearbeitung). Diese wird hier aber nicht als Keyboards-Showstück vorgestellt, sondern um ein Schlagzeug-Solo aufgebaut, dessen - damals sicher neuartiges - Schlagzeug-Synthie-Gehupe und -Gezwitscher heute recht nervig und zu selbstverliebt wirkt.

Was darf noch bei einem ELP-Album noch nicht fehlen?

  • Greg Lakes Akustische-Gitarre-Ballade (ELP (tm), hier "Still.... You Turn Me On"), die aber ganz nett und keinesfalls so peinlich wie seine späteren Ausfälle (siehe "Works 1/2", "Love Beach") geraten ist.
  • der "lustige" BoogieWoogie-Comic-Songs (ELP (tm), hier: "Benny The Bouncer"), ganz übel durch Käsesynthiesound und affektierten Gesang.
  • die Multi-Movement-Suite (nicht ganz so "ELP (tm)", da dieses Format auch von genügend anderen Bands benutzt wurde, aber durchaus typisch. Vgl.: "The Three Fates", "Tarkus", "The Endless Enigma", "Memoirs Of An Officer And A Gentleman" etc.), hier das ausladende, fast 30minütige "Karn Evil 9", das zweifellos zu ELPs besten Momenten gehört.

Deren erster Teil ist recht bewegt und Hammond-dominiert mit vielen Variationen über die Hauptthemen und hat einige schöne Momente, die von der Stimmung her an "Jerusalem" anschließen. Ich finde ihn aber ein bißchen zu lang: zwei, drei Gesangsstrophen weniger hätten vielleicht gereicht.

"2nd Impression" beginnt als bewegtes, zwischen Jazz und Klassik schwankenden Piano-Trio, mutiert dann aber zu einem treibenden, vom Rhythmus her karibisch/latin-mäßig anmutenden Solo mit einem beinah atonalem, percussiven Synthie-Sound. Nach einem kurzen sanftes Zwischen-Spiel wird das Klavier-Trio wieder aufgenommen.

Der abschließende Teil ist wieder Hammond-lastiger, ergänzt durch Emerson-typische Moog-Fanfaren. Die akustisch illustrierte Entthronung des Computer-Tyrannen mit seiner herrlich clichéhaften Synthie-Stimme wirkt zwar von der Bildhaftigkeit her heute etwas naiv, hat aber ansonsten (oder vielleicht dadurch) einen gewissen Charme, und das hymnische Ende ist IMHO ähnlich bewegend wie das Ende von Genesis' "Supper's Ready" (in dessen Text übrigens auch das "New Jerusalem" eine wichtige Rolle spielt).

Anspieltipp(s): Karn Evil 9, 3rd Impression
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 24.4.2002
Letzte Änderung: 24.4.2002
Wertung: 12/15

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Von: Horst Straske @ (Rezension 2 von 3)


"Brain Salad Surgery" gilt als legendäres ELP-Album mit einem ebensolchen Longtrack, das die Band auf dem Höhepunkt ihres Erfolges präsentierte. Mit der eindrucksvollen Bearbeitung von "Jerusalem" wird das Album im ehrfürchtigen Pathos eröffnet und vom infernal anmutenden Tastengewitter von "Toccata" abgelöst. Selten klang das Trio derart entschlossen. Hierzu tragen die auch für die damalige Zeit schon effekthascherischen Synthieeinsätze bei, welche die Band einmal mehr in schillernder Extravaganz umzusetzen wusste, wobei sie aber stets darum bemüht war, trotz aller Stilsicherheit nicht zu einer vordergründig-billigen Selbstkopie zu mutieren.

Ungeachtet aller Selbstverliebtheit waren sich die drei Briten wohl stets bewusst, auf welcher Gratwanderung sie sich doch befanden. Auf der einen Seite mussten sie ihrem Image als Rock-Heroen mit einer Neigung zum überschwänglichen Bombast gerecht werden, auf der anderen Seite war Keith Emerson & Co. wohl auch offensichtlich, in welche Sackgasse das blinde Vertrauen in altbewährte Elemente führen würde. So hat "Brain Salad Surgery" zwar keine Neuerungen zu bieten, sondern setzt geschickt auf altbewährte Elemente, zeigt sich aber gerade in den kompakten Titeln hörbar gereift und leitet somit behutsam zum Longtrack "Karn Evil 9" über, der neben "Tarkus" als der ultimative Titel im Repertoire der Band gilt und von einem glasklaren Zusammenspiel von fanfarenartigem Moog sowie röhrender Hammond bestimmt wird. Trotz aller Vorschusslorbeeren wirkt das Ganze gerade im ersten Part doch wie ein ornamentreich ausgeschmückter Rock´n´Roll und kann dem Anspruch des ultimativen Epos nicht gerecht werden. Sicherlich lebt dieser Titel von einer furiosen Energie, zeigt sich aber dramaturgisch doch reichlich gestreckt und führt immer wieder zur doch simplen Grundmelodie zurück.

Somit wirkt dieses Output doch trotz aller im Fall der kürzeren Songs zu attestierenden stilistischen Reife doch eine Spur zu gestreckt und lässt gerade im pompösen Finale zündende Ideen vermissen.

Anspieltipp(s): Toccata
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 1.12.2011
Letzte Änderung: 1.12.2011
Wertung: 10/15

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Von: Nik Brückner @ (Rezension 3 von 3)


„Brain Salad Surgery“ ist eine Art angedeutetes Konzeptalbum. ELP hatten sich ja bereits zuvor mit dem Thema der Auseinandersetzung zwischen Unschuld und Natur auf der einen und Technik und Gewalt auf der anderen Seite beschäftigt („Tank“, „Tarkus“), hier nun wird das Thema in jeder Hinsicht ausgelotet und vertieft: konzeptionell, kompositorisch und soundmäßig. Dabei stehen „Jerusalem“ und „Still… you turn me on“ für Idylle und Harmonie, „Toccata“ für die maschinelle Gewalt, während „Karn Evil 9“ die ultimative Auseinandersetzung zwischen beiden repräsentiert. „Benny The Bouncer“ passt dabei nicht wirklich ins Konzept - es fragt sich wirklich, warum man stattdessen nicht „Brain Salad Surgery“ oder „So Far To Fall“ mit auf das Album genommen hat, die die Lücke auf Seite eins sicherlich besser gefüllt hätten.

Das Album beginnt mit der Hymne „Jerusalem“, einer Adaption der Vertonung Hubert Parrys eines Gedichts von William Blake. Inhaltlich geht es um eine alte Legende, nach der Jesus Christus als Jugendlicher in Begleitung von Josef von Arimathäa in England gewesen sein soll. Dieser religiös idealisierten Idylle stellt der Text die „Dark satanic mills“ gegenüber, Blakes Realität der Industriellen Revolution also. Womit wir schon mitten im Thema des Albums wären. Doch ELP gelingt es sogar, das Thema gleich im allerersten Takt des Albums auf den Punkt zu bringen: Sie setzen einen Kirchenorgelklang einer Basslinie entgegen, die ein wortwörtliches Zitat aus dem Marsch von „Tarkus“ ist, jenem Stück also, das die apokalyptische Vision der Schlacht zwischen Natur und gewalttätiger Technik bereits früher thematisiert hatte. Das musikalische Niveau, auf dem wir uns für die nächste Dreiviertelstunde bewegen werden, ist damit definiert.

Emerson überarbeitet das Stück Parrys ziemlich stark. Zunächst verkompliziert er den Rhythmus und verleiht so „Jerusalem“ mehr Drive. Außerdem macht er die Harmonien vielschichtiger, was dem Stück in meinen Ohren viel von seiner ursprünglichen Langweiligkeit nimmt. In dieser Hinsicht ist auch Palmers Beitrag von großer Bedeutung, könnte so ein Song doch dazu verleiten, einen besonders schlichten und stetigen Beat darunterzulegen. Palmer tut jedoch genau das Gegenteil, schert sich gar nicht erst um den Rhythmus des Stückes und beschränkt sich weitgehend darauf, die Gesangs- und Keyboardmelodien mitzuspielen. Dies wiederum stützt und betont den Gesang Lakes, der hier in seinem Element ist und mit seiner Stimme und seinem Stil perfekt für diese Art Song geeignet ist.

„Toccata“ wirft den Hörer abrupt mitten hinein ins andere Extrem: Das Arrangement des vierten Satzes von Alberto Ginasteras Klavierkonzert Nr. 1 dürfte der aggressivste musikalische Gewaltexzess im Gesamtwerk ELPs und vermutlich auch Emersons überhaupt sein. ELP brechen die Vorlage komplett auf und setzen sie neu zusammen. Dabei übernimmt Emersons Hammond meist den Part des Orchesters und sein Moog Apollo, der erste polyphone Synthesizer der Welt, den des Solisten. Palmer steuert ein ziemlich außergewöhnliches Schlagzeugsolo bei, das das Stück in seine drei Teile zerlegt.

"Toccata" beginnt mit einer leisen, atonalen Moogfanfare, die auf Ginastera zurückgeht, die Emerson aber im Stil von "The Endless Enigma" inszeniert und zudem verlängert hat. Dadurch schafft er es, gleich zu Beginn auf verschiedene Motive des Stückes vorauszuweisen und sie so zu verklammern. Gleich darauf bricht ein lauter, dissonanter und extrem aggressiver Gewaltexzess über den Hörer herein, geprägt ebenso durch extreme Sounds wie durch dissonante, atonale Tonfolgen, Staccato-Akkordattacken und komplexe Rhythmusgewitter. Es folgt Palmers Schlagzeugsolo. Klanglich ist auch das geprägt durch für die damalige Zeit sehr futuristisch klingende Sounds, irgendwo zwischen Krieg der Welten, Doctor Who und Polizeisirenen. Palmer verwendete damals von Robert Moog eigens konstruierte Synth-Drums, dazu einen Sequencer und im Vergleich eher wenige klassische Schlaginstrumente. Das verleiht diesen Part einen bis heute spürbaren Outer-Space-Charakter, der durch Emersons Moog-Sounds, die bald wieder zu hören sind, nur verstärkt wird.

„Toccata“ ist in meinen Ohren die gelungste Klassikadaption Emersons bzw. ELPs. Die Band hält sich keine Sekunde lang sklavisch an das Original, sondern macht es souverän zu ihrem eigenen Stück, strukturell wie klanglich. Abgesehen davon ist hier zum letzten Mal die extreme Agressivität zu hören, die die frühe Karriere Emersons prägte und deren Fehlen wohl ein Grund dafür ist, dass ELP in den folgenden Jahren Vielen nicht mehr als authentisch und glaubwürdig, sondern stattdessen als bourgeois galten.

Mit Lakes Ballade "Still...You Turn Me On" befinden wir uns wieder in harmonischeren Gefilden. Ein weiter Weg von „Lucky Man“, besonders was das Arrangement angeht: Akkordeon, Cembalo, die Pizzicati auf der Akustikgitarre, das ist alles recht aufwändig und sehr gelungen, was mir nur bis heute irgendwie gar nicht zu Rest zu passen scheint, ist das quakende Bassmotiv, das immer am Ende des Refrains wiederholt wird.

"Benny the Bouncer" ist der obligatorische Musik Hall Song. Im Vergleich zu “Jeremy Bender” und „The Sheriff“ macht er von allen Songs Emersons in diesem Stil vielleicht am wenigsten Sinn, weil er ins thematische Konzept des Albums so gar nicht passen will. Innerhalb des Songs wirken der der künstliche Cockney-Akzent Lakes und Emersons Moog-Sounds dann wiederum mindestens ebenso deplatziert. Seltsam.

"Karn Evil 9" ist mit seinen knapp dreißig Minuten das Herzstück des Albums und vielleicht ELPs wichtigstes musikalisches Statement. Sämtliche Stärken der Band, alle ihre Trademarks werden hier mit großer Souveränität zur Schau gestellt: ein episch-pathetischer Track, virtuoses Spiel, die Stimme Lakes mit all ihrer klanglichen (und emotionalen) Variabilität, High Tech von Keyboards und Schlagzeug, Palmers Militärschlagzeug, Emersons virtuoses Spiel mit allen möglichen Einflüssen aus Barock, Romantik, Moderne, Bebop und Rock’n’Roll, das technik- und fortschrittskritische Thema. Neu ist auf der anderen Seite die Abkehr von der damals etablierten Bauform von ELP-Stücken, bei denen blockhaft abgeschlossene Passagen hintereinandergesetzt werden („Tarkus“, „The Three Fates“), Emerson schafft es hier erstmals, die verschiedenen Abschnitte miteinander zu verschmelzen. Noch nicht perfekt – das wird ihm erst mit „Pirates“ gelingen.

Der erste Satz, „1st Impression", besteht aus drei Teilen, deren dritter („Pt. 2“) die Wiederholung des zweiten ist. Einer Einleitung folgt eine Passage, in der ein Marktschreier auf einem Volksfest für die Attraktionen wirbt, die in einer Show zu sehen sind.

Im einleitenden Teil wird eine Dystopie aufgemacht (eine Art Illustration oder eben Impression der Blakeschen „satanic mills“). Diese Einleitung ist vor allem wegen Greg Lake interessant. Was für ein grandioser Sänger der Mann war, bemerkt man daran, dass er in den ersten vier Minuten kaum etwas singt, was den Namen „Melodie“ verdient hätte: es handelt sich mehr oder minder um die gleiche Note, die er immer wieder treffen muss. Dass sich dabei keine Langeweile einstellt, liegt in erster Linie an seinen Sangeskünsten. Hinzu kommt einer der besten Texte, die sich auf einem ELP-Album finden. Man achte mal besonders auf die lautmalerischen Aspekte:

“Cold and misty morning, I heard a warning borne in the air
About an age of power where no one had an hour to spare,
Where the seeds have withered, silent children shivered, in the cold
Now their faces captured in the lenses of the jackals for gold.”

Im ersten Vers werden helle i-Laute dunklen Vokalen gegenübergestellt, im zweiten dominieren Diphthonge, im dritten sind es wieder die i-Laute – und so weiter. Dass bei so viel Sinn für den Klang auch noch ein sinnvoller Text herauskommt, ist schon eine große Leistung.

Dazu kommt die Begleitung: Emerson und Palmer variieren bei jeder Wiederholung der Strophe ihr musikalisches Material, dazu wendet Emerson bei den instrumentalen Zwischenspielen den Kontrapunkt an, den er geschickt mit einer dem Blues entlehnten Melodik zu verbinden weiß. Palmer spielt wieder, wie bei „Jerusalem“, eher Melodie als Rhythmus und schließt damit auch musikalisch die Klammer um die erste Seite des Albums.

Nach etwa fünf Minuten beginnt dann der „Brot und Spiele“-Abschnitt: Lake kündigt in drei neuen Strophen die bizarrsten Attraktionen an, die in der „Show“ zu sehen sind. Dazwischen leitet ein kurzes Fanfarenmotiv zum „Roll up“-Refrain über. Dieser wird beim dritten Mal von der Gitarre begleitet, die danach zu einem jener typischen Prog-Gitarrensoli ansetzt, die eigentlich gar keine sind – jedenfalls nicht im klassischen Sinne einer freien Improvisation über einem durchgängigen Bassostinato. Vielmehr handelt es sich um einen festen kompositorischen Bestandteil des Stückes, den man sich kaum in veränderter Gestalt vorstellen kann.

Es folgen die nächsten Volksfest-Strophen, der Refrain ist nun allerdings ein anderer („come inside“). Um keine Monotonie aufkommen zu lassen, ist „Pt. 2“ lockerer gefasst, der zweite Teil des Gitarrensolos wird wiederholt, es gibt ein Keyboardsolo und Emerson zitiert bei der „Dixieland, Dixieland!“-Passage den „Tiger Rag“. Während der vorletzten Wiederholung der Strophe spielt Palmer praktisch ein Solo. Den letzten Abschnitt bildet eine Instrumentalpassage, die bereits vorher in „Pt. 2“ angeklungen ist, nun gipfelnd in einer pompösen Passage, komplett mit Pauken.

Der Gegensatz zum Beginn der "2nd Impression" könnte kaum größer sein: ELP starten leise, mit einer Art raffinierter Bebop-Variation, die in Melodie und Tonalität allerdingsweit über die Standards dieses Genres hinausgeht. Nach einer exakten Wiederholung und einer kurzen Überleitung, die Motive der Einleitung variiert, beginnt ein absurder und dennoch seltsam folgerichtig wirkender Abschnitt mit karibischen Steeldrums – die natürlich aus Emersons Moog stammen. Emerson kann sich ein Calypso-Zitat nicht verkneifen, dann kehrt das Bebop-Piano zurück und die Musik stoppt abrupt. Es folgt ein stiller, aber unheimlicher Teil, der seine Herleitung von Ginastera kaum verleugnen kann: Atonale Klavierfiguren werden von Palmers seltsamen Hintergrundgeräuschen konterkariert, bis sich eine Art Uhrticken und ein dissonant pervertiertes „Kuckuck“ herausbilden. Wenn sich die Musik wieder festigt, finden wir uns erneut in einem Jazzkontext wieder, es gibt ein bisschen Stride Piano from hell bis das einleitende Motiv der "2nd Impression" wiederkehrt und eines der seltsamsten Stücke, die ELP je komponiert haben abschließt. Ich weiß nicht, ob es separat irgendeinen Sinn ergäbe, aber als Mittelteil von „Karn Evil 9“ schafft es genau die instabile, unsichere und bedrohliche Atmosphäre, die nötig ist, um den Effekt des abschließenden Triumphmarsches „3rd Impression" so sehr wie nur irgend möglich zu steigern.

Der Beginn des letzten Teils schlägt mit den für ELP typischen Fanfaren und den Einflüssen der Militärmusik besonders in Palmers Spiel die Brücke zu Komponisten wie Parry oder Elgar und verklammert damit erneut „Karn Evil 9“ und „Jerusalem“. Lake tritt nun als heroischer Retter auf, der sich dem übermächtigen Feind, einem Computer (großartig: Emerson mit verzerrter Roboterstimme), unerschrocken stellt, ganz wie Jesus Christus „in ancient times“. Auch der Orgelsound aus „Jerusalem“ ist wieder da, diesmal aber konterkariert durch einen kreischenden Moog, der wohl den Computer repräsentiert. Einem recht konventionell strukturierten ersten Teil mit Strophe und Refrain folgt nun nach einem Rockmarsch eine lange Reihe instrumentaler Abschnitte, in denen die Instrumente den Kampf zwischen Mensch und Maschine programmatisch darstellen. Verschiedene Abschnitte (Fanfaren, Moogpassagen, ein Bluessolo) und Sounds stehen für die verschiedenen Seiten und die verschiedenen Phasen in der Schlacht. Aus diesem chaotischen Getümmel erhebt sich schließlich eine triumphales Ende, vielmehr der Versuch eines solchen, angelehnt an „The great gates of Kiev“ vom „Pictures-Album“, allerdings misslingt dieser Versuch eines Triumphmarsches, denn der Computer erhebt sich und gibt zu erkennen „I let you live“ - "ich habe Euch gewinnen lassen". Mit der Frage „I’m perfect – are you?“ triumphiert er und „Karn Evil 9“ endet folgerichtig mit einer technoiden Sequencerfigur, die Melodiematerial vom Beginn des Epos wieder aufgreift.

„Brain Salad Surgery“ gilt als ELPs bestes Album (diesen Rang mag es sich mit „Trilogy“ teilen) – in jedem Fall ist es wohl das gelungenste – und letzte – musikalische Statement in der ersten Phase der Band. Ein letztes Mal werden die futuristischen Dystopien von der technisch hochgerüsteten Band thematisiert und auf den Punkt gebracht, andererseits erreichen zumindest Keith Emerson und Carl Palmer mit diesem Album eine neue Stufe als Musiker und Komponisten. „Brain Salad Surgery“ ist aber nicht nur ein Hauptwerk ELPs, es ist auch ein Hauptwerk des Progressive Rock überhaupt, und was seine künstlerische Könnerschaft, seinen Wagemut und seine Aggressivität angeht, kaum je wieder erreicht worden.

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 23.6.2012
Letzte Änderung: 4.7.2012
Wertung: 14/15
Ein Punkt Abzug für das misslungene "Benny The Bouncer".

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Alle weiteren besprochenen Veröffentlichungen von Emerson, Lake & Palmer

Jahr Titel Ø-Wertung # Rezis
1970 Emerson, Lake & Palmer 11.25 5
1971 Tarkus 10.75 5
1971 Pictures at an Exhibition 12.00 5
1972 Trilogy 12.00 4
1974 Welcome Back My Friends To The Show That Never Ends 12.50 2
1977 Works, Volume 1 7.25 4
1977 Works, Volume 2 4.22 9
1978 Love Beach 6.43 7
1979 In Concert 6.00 1
1992 The Atlantic Years 12.00 1
1992 Black moon 4.50 4
1993 Works Live 10.00 1
1993 The Return of the Manticore 12.00 3
1993 Live At The Royal Albert Hall 10.50 2
1994 In The Hot Seat 1.60 5
1997 Live in Poland 8.00 1
1999 Pictures at an Exhibition. Collectors Edition (DVD) 12.67 3
2001 The Original Bootleg Series From The Manticore Vaults Vol.Two 12.00 1
2001 The Original Bootleg Series From The Manticore Vaults Vol.One 11.00 1
2002 Re-Works 7.00 1
2002 The Original Bootleg Series From The Manticore Vaults Vol.Three 8.00 1
2002 Live at the Isle Of Wight Festival 1970 10.00 1
2002 Works Orchestral Tour, Olympic Stadium, Montreal 1977 / The Manticore Special (DVD) 10.00 1
2004 Inside Emerson Lake & Palmer. 1970 - 1995. An independent critical review (DVD) 10.00 1
2004 Masters From The Vaults (DVD) 10.00 1
2004 Welcome Back (DVD) 9.00 1
2005 Live at Montreux 1997 (DVD) 6.00 1
2005 Beyond The Beginning (DVD) - 1
2006 The Original Bootleg Series From The Manticore Vaults Vol.Four 5.00 1
2006 The Birth Of A Band - Isle of Wight Festival Sat August 29th 1970 (DVD) 10.00 1
2007 From the Beginning - 1
2009 Works Deluxe Edition - 1
2010 High Voltage - 1
2010 Live High Voltage 10.00 1
2011 Live At The Mar Y Sol Festival '72 12.00 1
2011 Live At Nassau Coliseum '78 10.00 1

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