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Systems Theory

Soundtracks For Imaginary Movies

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Informationen

Allgemeine Angaben

Erscheinungsjahr: 2004
Besonderheiten/Stil: instrumental; Ambient; Elektronische Musik; Moderne Electronica; RIO / Avant; Spacerock; Worldmusic / Ethno; sonstiges
Label: Independent Records
Durchschnittswertung: 8.67/15 (3 Rezensionen)

Besetzung

Greg Amov Synthsizer, Secquencer, MIDI Electric Piano, Viola, Fuzz Violine, E-Bow Guitar, Percussion, Sample Loop Programming
Steven Davies-Morris Guitars, Bass, Synthesizers, MIDI Acoustic Piano, Percussion, Handclaps, Sound and Vocal Effects, MIDI, Soundfont, Sample Loop, Drum Programming
Mike Dickson Mellotron M400, Hammond T500 Organ, Bass Pedals, Synthesizer, Sequencer, Acoustic Piano, Timpani, Sound and Vocal Effects, Sample Loop Programming

Gastmusiker

Diane Amov Flute (2)
Brian Daly Electric Guitars (1,7)
Dan Strummin Electric Lead and Harmony Gutiars (7)
Michael Futreal Dulcimer (9)
Cyndee Lee Rule Violin (2,7)

Tracklist

Disc 1
1. Green Miata Baja Bound   (SIDE ONE) 6:40
2. The Cool Vibe Of Asia C 5:44
3. Four Piece Suit

1. A Wolf In Sheep's Breeks
2. Larks Loons In Linen
3. Technopants
4. Solar Flared Trousers

13:31
4. Silent Service   (SIDE TWO) 11:36
5. A Lifeboat, Tallulah And Me 5:00
6. Water Through Fingers 7:34
7. Zero Sum Equation   (SIDE THREE) 7:20
8. One Step To Freefall 7:12
9. Last Letters From Stalingrad 9:36
Gesamtlaufzeit74:13


Rezensionen


Von: Christian Rode @ (Rezension 1 von 3)


Das System konstruiert seine Elemente nach funktionalen Erfordernissen und setzt sie zusammen. Der Gedanke des Systemischen transportiert auch zugleich so etwas wie auf Dauer angelegten Zusammenhang und eine langsame, gleichförmige Entwicklung. Damit hat man schon einmal die einfachen Grundlagen der „Systemtheorie“ von Systems Theory begriffen.

Die „Soundtracks“ dieses Electronic-Projektes wirken zunächst verspielt, erinnern an Mike Oldfield (Green Miata Baja Bound) oder nehmen mit Fiedel- und Bambusflötenklängen Weltmusikcharakter an (The Cool Vibe of Asia C). In der langwierigen vierteiligen Suite werden nach ruhigem Anfang und treibender Electronic a la Tangerine Dream schließlich auch jazzige Sounds generiert. Bestimmendes Moment dieser ersten von drei Seiten der CD sind elektronische Beats und sich langsam entfaltende Klanglandschaften, die einen Hauch von Exotik verströmen.

Mit der zweiten Seite ändert sich das Erscheinungsbild. Die Musik wird düsterer, der Beat erlahmt auch mal (A Lifeboat...), das Unternehmen gerät in die Depression. Mit Water Through Fingers erreicht die zweite Seite ihren Höhepunkt im Roboterrhythmus. Insgesamt keine schlechte Idee, aber sie hat doch ihre Längen.

Auf der dritten Seite geht es mit Zero Sum Equation wieder lichter zu, ja es rockt geradezu ein wenig, bevor One Step to Freefall den Höhe- wenn auch nicht Schlusspunkt des Albums setzt: Ein flotter mechanischer Rhythmus und helle Töne versacken zum Ende hin in der Düsternis des zweiten Teils. Und absolut düster, ja reinste Depression ist dann der bereits Unheil verkündende Titel Last Letters from Stalingrad, der auch eine elektronisch verfremdete Hitler-Rede enthält. Abseits von der Frage, ob so was denn sein muss, erscheint mir der Song einfach langatmig und überflüssig.

Die Musik verfällt im Laufe des Albums in kühle, kalkulierte, düstere, maschinenhafte, manchmal auch überladene Gleichförmigkeit (etwa One Step to Freefall). Da gehen einige, eigentlich interessante Ideen etwas unter.

Anspieltipp(s): The Cool Vibe of Asia, Water Through Fingers, One Step to Freefall
Vergleichbar mit: Mike Oldfield und Tangerine zwischen Worldbeat und Depression
Veröffentlicht am: 2.6.2005
Letzte Änderung: 2.6.2005
Wertung: 7/15

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Von: Markus Wierschem @ (Rezension 2 von 3)


I. Zur Systemtheorie: Systemtheorie(n) gibt es verschiedene. Zentral jedoch ist immer die Frage, wie ein in sich geschlossenes System – ein Individuum, eine Volksgruppe, eine Firma, die Wirtschaft, der Staat etc. – mit seiner Umwelt interagiert.

Niklas Luhmann richtet seine soziologische Systemtheorie an der Kommunikation aus. Da gibt es eine allgemeine Sprache und das immer weiter ausdifferenzierte „Fachchinesich“ der einzelnen Systeme (siehe Justiz, Medizin, Informatik). Systeme erfüllen die Aufgabe, Komplexität zu reduzieren – so braucht sich der Jurist nicht um die Medizin zu kümmern und umgekehrt. Einzelne Systeme werden durch binäre Codes strukturiert – die Medien nach „Information vs. Nichtinformation“, das System „Wahrheit“ durch „wahr vs. unwahr“, die Wirtschaft nach „Haben vs. Nicht-Haben“ usw..

Warum dieser Vorlauf? Erstens, weil ich glaube, dass man auch Musik (Film, Malerei) und ihre mannigfaltigen Spielarten als System betrachten kann. Musik kommuniziert etwas – nicht so sehr konkrete Botschaften, sondern vor allem Stimmungen, Atmosphären, Gefühle, Sound, Physis. Konkrete Botschaften sind nicht immer verständlich, aber der emphatische und physische Anspruch funktioniert universal – egal welche Sprache ich spreche oder welche Hautfarbe ich habe. Zweitens, weil ich offen gestanden große Probleme habe, Systems Theory – Soundtracks For Imaginary Movies allein musikalisch zu bewerten und so hoffe, einen besseren Zugang in diese Musik zu bekommen.

II. Zur Musik: Das Album ist in drei verschiedene „Sides“ unterteilt, die atmosphärische Einheiten bilden. „The Green Miata Baja Bound“ beginnt mit sphärischen Mellotronteppichen, Akustikgitarren und später E-Gitarre und das programmierte Schlagzeug einsetzen. Das Stück arbeitet – stellvertretend für das ganze Kapitel – mit ethnologisch-vielseitig entlehnten Einflüssen. Die Grooves sind sehr modern und treibend, die Gitarren rufen Assoziationen an Spanien und Orient herauf, der Mellotron ist fast klassich 70er.

In „The Cool Vibe of Asia C“ treffen entrückte Keyboard-Chöre auf ein herrliches Zusammenspiel von klingender Flöte und klagender Geige, dann kommt synthetisch klingende Klatsch-Percussion hinzu während im Hintergrund E-Gitarre und Glockenspiel Akzente setzen. Tatsächlich erinnert das Stück an ein Klischee von Asien.

Wölfe in schottischen Schafshosen, Leinen für die Lerchenbengel, Techno-Unterhosen und erweiterte Solarbeinkleider – daraus besteht der „vierteilige Anzug“. Akustisch ist das ebenso interessant wie die visuelle Vorstellung. Das Stück erinnert im Intro an „Watcher of the Skies“, dann frappierend an „Larks’ Tongues in Aspic“ dessen musikalisches Ausbrechen aber erst im dritten Teil folgt, der rhythmisch und soundtechnisch einiges auffährt. Dann fällt man in einen simplen Stampfrhythmus bevor es wieder etwas komplexer wird – Saxophon und Percussion machen klar, dass man sich im schizoiden 21. Jahrhundert befindet...

Dieses nun eingeläutet, eröffnet Seite 2 in der Tat düsterer, maschinenhafter, schnarriger, zumindest im ersten Stück. A Lifeboat ... lässt bei mir unwillkürlich Bilder eines ölverschmutzten, menschenleeren Strandes aufkommen – einzelne, traurige Klavierakkorde vor Meeresrauschen und Möwengeschrei und eine unklare Bedrohung am Horizont. Diese wird im dritten Teilstück aufgegriffen und mit den Maschinen-Elementen des ersten Teils verknüpft. Zwar ist das Ethno-Flair noch in Spuren vorhanden, doch liegt der Akzent hier mehr auf der dunklen, industriellen Atmosphäre als auf der beschwingten Melodiösität des ersten Teils.

„Zero Sum Equation“ ist ein interessantes Aufeinandertreffen schwerer Synthieteppiche mit rhythmischen, artifiziell wirkenden E-Gitarren und verzerrter Geige, die beinah mittelalterliche Melodien vorträgt.

„One Step to Freefall“ ist musikalisch sicherlich das abgedrehteste, avantgardistischste Stück – hier treffen erneut Synthies und Piano auf moderne Grooves auf jede Menge Soundeffekte – die zweite Hälfte ist dann ziemlich kakophonisch, lässt aber weiterhin die Melodiestruktur des Stücks intakt.

Den Schlusspunkt setzt „Last Letters from Stalingrad“. Das Stück bezieht sich auf das Buch eines deutschen Kriegskorrespondenten im zweiten Weltkrieg, in dem es darum geht wie der letzte Sack Briefe die Stadt verlässt, kurz bevor die deutsche Armee unter Paulus kapitulieren musste. Eine verfremdete Hitler-Rede leitet durch immer weitere Verzerrung in eine hektische, elektronisch-percussive Vision von Apokalypse. Gegen Ende düstere Chöre, tiefes E-Cello und ein fast schon spöttisch zu nennender Kontrast aus Friedhofsglocken und Vogelgezwitscher.

III. Fazit: Musikalisch habe ich – wie schon gesagt – Probleme mit diesem Album. Einerseits bleibt außer Stimmungen nicht besonders viel hängen, keine Melodien, keine Songs. Andererseits geht das „Gedankenfilm-Konzept“ großteils sehr gut auf – der „Soundtrack“ funktioniert: den Bildern z.B. bei „Cool Vibe of Asia C“, „A Lifeboat“ und „Last Letters...“ kann man sich einfach nicht erwehren. Allerdings sind es nicht immer schöne Bilder, die da gemalt werden - aber auch das ist eine Aufgabe von Musik.

Kritisieren kann man – bei aller Liebe zur Atmosphäre – allerdings die eklatante Gleichförmigkeit der Teile 2 und 3, die sich einfach zu ähnlich sind und zu lang ausgedehnt werden. Auch lässt Teil 3 die innere Geschlossenheit der beiden Vorgängerteile vermissen: Teile 1 und 2 sind in sich geschlossen und wirken aufeinander wie These und Antithese. Teil 3 aber ist weder eine Synthese der beiden, noch etwas gravierend Neues. Insgesamt ist das Album für mich vielleicht 15 Minuten zu lang: ich habe mich immer wieder dabei ertappt wie meine Gedanken irgendwann abglitten und der Musik nicht mehr folgten. Schade, denn es gibt durchaus einiges zu hören. Auch geht so manches liebevolle Detail unter, weil die Produktion nicht so transparent und klar ist, wie man sich das wünschen würde...

IV. Und die Systemtheorie? Aus diesem Winkel liegt die Leistung des Albums wohl in der Verknüpfung von Zeiten (70er Genesis, Oldfield, Floyd, Crimso mit modernen Elektronika) und Kulturen (Asien, Europa, Amerika), Natur und Maschine. Ein Musik-gewordenes Beispiel, über die kommunikative Macht von Musik und in seiner selbstreferentiellen Meta-Ebene wohl ein gelungeneres Album als auf der rein musikalischen Ebene.

Jedenfalls darf man gespannt sein, was die Band sich als nächstes einfallen lässt, denn hier ist - soweit ich das beurteilen kann - mal wieder ein neues, progressives Stück Musik entstanden.

Anspieltipp(s): Green Miata Baja Bound, One Step to Freefall
Vergleichbar mit: Flaming Bess bei Fata Morgana (Ethnoteile), Flaming Bess bei "Finstere Sonne" (Sounds und Grooves); etwas Mike Oldfield, etwas King Krimson, jede Menge Soundtrack
Veröffentlicht am: 4.6.2005
Letzte Änderung: 6.6.2005
Wertung: 10/15
Unsicherheit auf meiner Seite - das Album entzieht sich weitestgehend meinen bisherigen Musikerfahrungen.

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Von: Udo Gerhards (Rezension 3 von 3)


Im Prinzip haben meine Vorschreiber das vorliegende Album gut beschrieben, deshalb kann ich mich kurz fassen: ich finde System Theorys Mischung aus elektronischen Klängen und Schrägheit, die Hochzeit von neuer und alter Technik durchaus gelungen, auch wenn die relative Gleichförmigkeit des Gesamtsounds nicht immer durch die sehr detailtiefen Arrangements ausgeglichen wird.

Einen Aspekt, der in den bisherigen Rezensionen vor lauten Systemtheorie ein bisschen zu kurz kommt, möchte ich aber noch hervorheben: "Soundtracks For Imaginary Movies" ist ein rechtes Fest für Mellotron-Freunde. Nur, dass man das nicht immer hört. "Mellotron" heisst im Progumfeld in der Regel: Chor und Streicher. Dank "Strawberry Fields" kennen viele auch noch die Flöten. Dass diese Sounds lange nicht alles sind, was das Mellotron zu bieten hat, ist weniger bekannt. Und Mike Dickson demonstriert auf dem vorliegenden Album eben die viel breiter gefassten Möglichkeiten des Instruments, wenn man sich nicht auf die bekannten Standardsounds beschränkt

Dies setzt allerdings voraus, dass man Zugriff auf entsprechende, teure und unhandliche "Tape frames" mit anderen Klängen hat. So kann man das Hören der "Soundtracks" auch als Suchspiel betreiben: könnte dieser Sound aus dem Mellotron stammen? Oder doch aus einem der ebenfalls zahlreich eingesetzten moderneren Geräte? Für diese Art des Trainspottings hilfreich dürfte die - nicht zufällig ebenfalls von Mike Dickson betreute - Website zur "Streetly Electronics Mellotron Tape Library" mit vielen Hörbeispielen sein, die übrigens auch wegen Dicksons amüsanter und respektloser Kommentare zu den verschiedenen Sounds empfehlenswert ist.

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 6.6.2005
Letzte Änderung: 6.6.2005
Wertung: 9/15

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