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24551 Rezensionen zu 16784 Alben von 6538 Bands.
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Jethro Tull

Heavy Horses

Coverbild
Informationen

Allgemeine Angaben

Erscheinungsjahr: 1978
Besonderheiten/Stil: Folk; HardRock; Klassischer Prog
Label: Chrysalis
Durchschnittswertung: 9.8/15 (5 Rezensionen)

Besetzung

Ian Anderson Gesang, Flöte, Gitarre, Mandoline
Martin Barre Gitarre
John Evan Klavier, Orgel
Barriemore Barlow Schlagzeug
John Glascock Bass
David Palmer Keyboards

Gastmusiker

Darryl Way Violine

Tracklist

Disc 1
1. ...And The Mouse Police Never Sleeps 3:11
2. Acres Wild 3:22
3. No Lullaby 7:54
4. Moths 3:24
5. Journeyman 3:55
6. Rover 4:14
7. One Brown Mouse 3:21
8. Heavy Horses 8:57
9. Weathercock 4:02
10. Living in These Hard Times [version 2]   (ab hier Bonustitel der "New Shoes Edition" von 2018) 3:20
11. Everything in Our Lives 2:46
12. Jack-A-Lynn [early version] 3:49
13. Quatrain [studio version] 3:49
14. Horse-Hoeing Husbandry 4:11
15. Beltane 5:18
16. Botanic Man 3:15
17. Living in These Hard Times [version 1] 3:10
18. Botanic Man Theme 2:47
Gesamtlaufzeit74:45
Disc 2
1. Opening Music (Quartet)   (CD 2 der "New Shoes Edition"; live in Bern 1978) 2:49
2. Introduction By Claude Nobs 0:26
3. No Lullaby 4:49
4. Sweet Dream 6:01
5. Skating Away On The Thin Ice Of The New Day 3:28
6. Jack-In-The-Green 3:10
7. One Brown Mouse 4:01
8. Heavy Horses 9:54
9. A New Day Yesterday 3:11
10. Flute Solo Improvisation / God Rest Ye Merry Gentlemen / Bourée 5:32
11. Living In The Past (Instrumental) / A New Day Yesterday (Reprise) 1:48
12. Songs From The Wood 5:09
Gesamtlaufzeit50:18
Disc 3
1. Thick as a Brick   (CD 3 der "New Shoes Edition"; live in Bern 1978) 13:25
2. Hunting Girl 5:33
3. Too Old To Rock 'n' Roll: Too Young To Die 3:51
4. Conundrum 8:03
5. Minstrel in the Gallery 5:29
6. Cross-Eyed Mary 4:24
7. Quatrain 1:37
8. Aqualung 8:08
9. Locomotive Breath 5:33
10. The Dambusters March / Aqualung (reprise) 3:30
Gesamtlaufzeit59:33
Disc 4
1. Heavy Horses album with bonus tracks in Dolby Surround   (DVD 1 der "New Shoes Edition")
2. Original stereo mixes of Heavy Horses album
3. Rover (no strings version)
4. Living in These Hard Times [version 2]
5. Beltane
6. Quatrain
Disc 5
1. Jethro Tull recorded live to 24 track at Festhalle Bern   (DVD 2 der "New Shoes Edition")
2. Promotional video footage of the tracks Heavy Horses and Moths
3. 2 TV ads for "Bursting Out"


Rezensionen


Von: Udo Gerhards (Rezension 1 von 5)


In der zweiten Hälfte der Siebziger Jahre besann sich "Tull"-Boss Ian Anderson auf das Farm- und Land-Leben, und auch die Platten seiner Band wurden dadurch geprägt. So entstand eine Trilogy folkig angehauchter Alben ("Songs From The Wood", "Heavy Horses", "Stormwatch"), die sich verschiedenen Themen dieses Umfelds widmen; "Heavy Horses" ist den schweren Arbeitspferden gewidmet...

Irgendwie bin ich mit "Heavy Horses" nie wirklich glücklich geworden. Dies liegt sicher auch zum am Sound des Albums, das insgesamt sehr hell und höhenlastig klingt. Weiterhin klingt Andersons Stimme hier furchtbar raspelig. Der Mann singt, als ob er eine Kartoffelreibe verschluckt hätte.

Die Songs sind schon abwechslungsreich: manche ("Acres Wild" - hier darf Darryl Way, bekannt von "Curved Air", auch die Fiedel auspacken, was den Folk-Eindruck noch verstärkt -, "Weathercock", "Moths" etc.) sind fast purer, sehr akustischer Folk, andere ("No Lullaby", "Heavy Horses") kommen etwas elektrischer und rockiger daher, das klinische "Journeyman" weist schon mehr in die Richtung, die dann auf "A" eingeschlagen wurde, aber dennoch klingt das Album sehr homogen, zu homogen. Die Stücke selbst sind meist recht straight und kompakt, und die einmal eingeschlagene Richtung wird nicht mehr verlassen; die Arrangements sind verspielt, aber auch hier: vielleicht zu verspielt. Aber bei der umfangreichen Besetzung mit zwei Keyboardern (John Evan, David Palmer) und zwei Gitarristen (Anderson selbst, Martin Barre) ist das kein Wunder, und dazu kommen noch - unauffällige, schlanke - Streicher-Arrangements von Palmer. Dauernd laufen ein paar Linien nebeneinander her, und das wird dann irgendwann zuviel des Guten. Dazu kommt, dass Barre röhrende, elektrische Gitarre sehr am kurzen Zügel gehalten wird und auch die Flöte nie besonders im Vordergrund steht, von Soli mal ganz zu schweigen.

Mir fehlt hier einfach der Kontrast zwischen Andersons akustischen Solo-Ausflügen und muskulärem Rock, der vorhergehende Tull-Alben so prägte, ebenso wie die Ecken und Kanten stark geglättet klingen (hey, vielleicht hat Anderson auch Schmirgelpapier geschluck...) Alles klingt hier nach angezogener Handbremse, und dennoch fehlen Wärme und Intimität.

Das ich das Album dennoch nicht als totalen Flop ansehe, liegt vor allem an Andersons unbestritten vorhandener Fähigkeit, feine, absolut ins Ohr gehende Melodien zu produzieren. Aber insgesamt ist dies eines der "Tull"-Alben, die ich am seltensten aus dem Regal nehme.

Anspieltipp(s): Heavy Horses
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 16.5.2002
Letzte Änderung: 16.5.2002
Wertung: 6/15

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Von: Siggy Zielinski @ (Rezension 2 von 5)


Es gibt meines Erachtens drei Jethro Tull-Platten, deren Arrangements man eventuell für stellenweise überladen halten könnte : "Thick as a brick", "Warchild" und "Heavy Horses". Dabei denke ich, dass man dieses Problem auf dem zuletztgenannten Album noch am geschmackvollsten gelöst hat. Mit den dichten Arrangements von "Heavy Horses" gelang es nämlich, die lebensfrohe, intensive Stimmung der ausgezeichneten folk-proggigen Songs zu verdeutlichen.

Alles in allem bleibt dieses Album für viele Fans zurecht ein Jethro Tull-Klassiker.

Anspieltipp(s): ...And The Mouse Police Never Sleeps,Acres Wild,Journeyman,Rover
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 7.6.2002
Letzte Änderung: 7.6.2002
Wertung: 11/15

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Von: Jochen Rindfrey @ (Rezension 3 von 5)


"Heavy Horses" war meine erste Tull-Platte, und anders als manche Fans, die diese schon auf dem Vorgänger "Songs from the Wood" eingeschlagene neue Richtung der Band irritierte, war das für mich damals die typische Jethro-Tull-Musik. Mir gefällt der im Vergleich zu "Songs from the Wood" etwas zurückhaltendere und akustischere Stil, und auch die von Udo kritisierte "Kartoffelreibenstimme" finde ich angesichts des "rustikalen" Songmaterials durchaus passend.

Für mich war "Heavy Horses" nicht nur der Einstieg in die Jethro-Tull-Diskographie, sondern auch Anstoß zur weiteren Beschäftigung mit britischem Folk, von Folk-Rockern wie Steeleye Span und Fairport Convention bis hin zu "reinen" Folkmusikern wie Martin Carthy oder Ewan MacColl.

Anspieltipp(s): Acres Wild, Weathercock
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 27.2.2004
Letzte Änderung: 27.2.2004
Wertung: 11/15

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Von: Nik Brückner @ (Rezension 4 von 5)


"Heavy Horses": Ein Album aus Jethro Tulls Folkphase! Kennt Ihr das, dass bei Bands Schaffensphasen unterschieden werden? Bei Pink Floyd etwa, hu! hu! Kunst! Kunst! – Ganz so als wären die Picasso oder so. Bei Jethro Tull gibt's das auch: die Bluesphase, die Progphase, die Folkphase. Demgemäß muss man sich das in etwa so vorstellen: Jethro Tull hatten mit "A Passion Play" ihre Progphase beendet, danach kam ihre – ähm – naja, ihre sammerma Wir-wissen-nicht-so-recht,-was-wir-tun-sollen-Phase, und jetzt, mit "Heavy Horses", sind sie mitten in ihrer Folkphase. Ja klar! Geht ja schließlich um Pferde, Hähne, Mäuse.

Kennt Ihr diese festgewordenen Wissensinhalte, diese Dinge, die einfach jeder weiß? Charles Lindbergh ist der erste, der über den Atlantik geflogen ist! Die Bastille ist erstürmt worden! Martin Luther hat als erster die Bibel übersetzt! Jethro Tull hatten eine Folkphase.

Worauf ich hinauswill: Auch bei "Heavy Horses" hab' ich große Probleme, es als Folkrock zu hören. Gleich als erstes "Mouse Police": Polyrhythmik, Kontrapunkt, proggiger kriegste's nicht! Jenseits von allenfalls "Moths", "Journeyman" und "Weathercock" enthält "Heavy Horses" nicht viel weniger Prog als Tulls Prog-Großwerke "Thick as a Brick" und "A Passion Play". Oder das Vorgängeralbum. Auch ein Vertreter der Folkphase.

Na seien wir fair. Wenn man's ein bissl relativiert, wird aus der Sache mit dem Folk ja nicht gleich totaler Quatsch. Denn auch Jethro Tull kamen Ende der Siebziger nicht darum herum, sich vom Progressive Rock wegzuentwickeln. Die machten das aber viel überlegter und daher auch gelungener als etwa Yes, Genesis, Gentle Giant oder Renaissance. Die sind ja gleich ausgepsycht, als sie bemerkten, dass der Progressive Rock zu Ende ging. Wie lösten also Jethro Tull das Problem, zu dem der Prog Ende der 70er geworden war? Und warum lösten sie es besser als ihre Kollegen? Nun, weil sie einen Weg fanden, trotz des Zurückschraubens progressiver Elemente Jethro Tull zu bleiben. Sie müssen das in etwa so gesehen haben: Was erweitert werden kann, kann auch wieder zurückgefahren werden. Tull hatte es schon vor dem Prog gegeben, und sie konnten deshalb auch unbeschadet als Tull wieder herauskommen, nachdem sie durch den Prog hindurchgegangen waren. Aus diesem Grund machte Tulls Transformation zu diesem Zeitpunkt weit mehr Sinn als die, die andere Bands versuchten: Tull blieben als Tull erkennbar.

Dazu braucht es Selbstbewusstsein und ein gewissen Können. Jethro Tull hatten die Fähigkeit, Prog zu schreiben, Prog sogar, der zum besten seiner Ära zählte, aber sie waren darüber hinaus, anders als etwa Yes oder ELP, auch noch hervorragende Songwriter. Progelemente hatten sie ohnehin schon immer nur da benutzt, wo es ihnen nötig und sinnvoll erschien. Als sie den Prog dann aufgaben, gaben sie ihn dort auf, wo er ohnehin nicht (mehr) nötig war. So konnten sie sich transformieren und gleichzeitig sie selbst bleiben.

Aber bevor das geschah, nahmen sie noch mal ein waschechtes Progalbum auf.

Wie bereits angedeutet, beginnt das Album proggiger als viele andere der Band: mit Kontrapunkt und ordentlich Polyrhythmik in "...And The Mouse Police Never Sleeps". Der ansonsten (also etwa harmonisch oder melodisch) nicht besonders aufwändige Song bildet das Wuseln von Mäusen und Katzen musikalisch auf ganz wunderbare Weise ab.

"Acres Wild" verbindet dann tatsächlich Folk (Darryl Ways fröhlich gefiedelte Violine) mit aus der Progphase (jetzt schreib ich das schon selbst) herübergenommener Progrockrhythmik: Zu Beginn spielt ein spärliches Folkinstrumentarium einen Zyklus von 8/8-, 10/8-, 6/8- und 8/8-Takten. Und auch wenn Tull (bzw. Way) sich im Folgenden nicht immer weit genug von so Klassikrock-Streicherarrangements entfernt halten können, bleibt diese Mischung aus Folk und Prog über das ganze Stück hinweg dominierend.

"No Lullaby" beginnt dann erst mal wie das seltsame "Pibroch" vom Vorgänger, mit einer E-Gitarrenfantasie und einem bluesigen Vers. Es funktioniert aber besser, weil Tull nicht versuchen, gar so viele stilistisch verschiedene Sektionen in das Stück zu packen. So rrrrichtig gut hängt die Musik aber am Ende auch nicht wirklich zusammen. Interessant ist ein Part, in dem die Rythmussektion, zu der bei Jethro Tull auch oft die Gitarre zählt (ganz anders als etwa bei Yes), entgegen regulärer Muster sehr selbständig bleibt. Das ist in der Form, in der Tull das machen, recht ungewöhnlich, und geht bei dieser Band oft bis hin zur Irregularität. Dann entstehen Riffs, die sich kein Mensch merken kann ("Aqualung"), manchmal Polyrhythmik, auch Kontrapunkte, und zusammen mit den additiven Rhythmen, die Tull so gern verwenden, macht das Instrumentalsoli weitgehend überflüssig – ist Euch das mal aufgefallen? Es gibt kaum Soli auf diesen Alben! Na, in "No Lullaby" gehen sie nicht ganz ins Extrem, aber man sieht trotzdem ganz gut, wie sie das machen.

"Moths" ist dann ein einfacher, leichtgewichtiger Folkpopper, aber eben auch eines der Stücke, die zeigen, was für ein hervorragender Songwriter hier am Werk ist. Naja, ganz simpel ist der Song nicht. Oder: Der Song schon, aber das Arrangement wird durch die Streicher pseudoklassisch aufgewertet.

"Journeyman" ist dann nicht so toll, dafür ist "Rover" ziemlich genial darin, einen geraden Takt durch seine Einteilung in 3+3+2 Schläge wie einen ungeraden klingen zu lassen. Solche Spielereien wird kurz darauf eine Nachwuchsband namens (Sil)Marillion aufgreifen… Wunderbares Arrangement übrigens! Auch nicht besonders folkig.

In dem instrumentalen Zwischenspiel in "One Brown Mouse" gibt's dann noch mal ein schönes Beispiel für die additiven Rhythmen, die Jethro Tull damals so gern im Programm hatten. Dabei entstehen Rhythmen nicht wie üblich aus der Einheit eines Taktes, sondern durch die Addition einzelner, kleinerer Einheiten zu freien Formen: Tull bauen Takte aus einem, zwei, fünf, sechs, sechseinhalb Schlägen zusammen, anstatt in ein festes Metrum die dadurch definierte Anzahl von Schlägen zu packen. Jenseits davon ist der Song nett und sehr tullig, aber nicht der allerspannendste auf dem Album.

Der kommt aber gleich darauf: Der Titeltrack. Der gehört ähnlich wie "Minstrel", "Songs from the Wood", oder "Budapest" in eine Reihe kompakter songorientierter Progperlen, die Jethro Tull auf eine ganz unnachahmliche Art komponieren konnten. Ähnlich wie bei den anderen Stücken aus dieser Gruppe ist der Beginn ein ziemliches metrisches Labyrinth, wenn auch nicht mehr ganz so kompliziert wie beim älteren Bruder "Songs from the Wood". Schön der Gegensatz zwischen rockiger Instrumentalpassage und dem kammermusikalischen Arrangement der Strophe.

"Heavy Horses" ist auch ein Paradebeispiel für die typisch Tullsche Variation eines Themas im Hinblick auf Instrumentierung, Geschwindigkeit und Melodie. Das haben die schon immer gemacht, frühere Beispiele sind "Aqualung", "Minstrel in the Gallery" - und auf "A Passion Play" gibt es viele solcher Variationen einzelner musikalischer Motive. Hier ist es die Strophe, die zunächst langsam vorgestellt wird, wenn die nostalgische Erinnerung an die großen Tage der Arbeitspferde aufgerufen wird, und die dann nach viereinhalb Minuten in Gestalt vorantreibender Rockmusik wiederkehrt, wenn die Panzern verglichenen Traktoren neuerer Zeit den Pferden entgegengestellt und musikalisch abgebildet werden. Das ist schon sehr raffiniert gemacht.

Klasse, wie Tull dann den vertrackten schnellen Teil mit seinen ständigen Taktwechseln zum Rocken bringen. Das Stück endet schließlich im puren Klassikrock. Das volle Ensemble von Band und Streichern legt sich noch mal ins Zeug. Was für ein Song.

"Weathercock": Das ist am Ende noch mal Folkrock ohne Reue – und ohne viel Progschnickschnack. Folk? Ja klar, angehörs solcher Songs wie eben "Weathercock" oder "Acres Wild" kann man das kaum bestreiten. Aber gerade letzterer zeigt eben auch, dass Jethro Tull den Prog durchaus in den Folk zu integrieren wussten, und es deshalb falsch wäre, eine allzu scharfe Trennlinie zwischen den beiden Stilen ziehen zu wollen. Zwei klar zu unterscheidende Phasen vermag ich nicht zu hören.

Letzten Ende ist das Ganze, wie schon bei "Songs from the Wood", vermutlich auch ein sprachliches Problem. Journalisten und Rezensenten beschrieben Alben wie dieses auch deshalb als folkig, weil die Texte um entsprechende Themen kreisten: Natur, Landschaft, das vorchristliche England, pagane Fruchtbarkeitsriten, Sex im Freien. Pferde, Hähne, Mäuse. Aber das ist nur ein Teilaspekt. Wenn man sich von dieser Rezeptionstradition mal freimacht, und die Strukturen und die Instrumentierung mal wirklich vorurteilsfrei im Hinblick auf Traditionen des englischen Folk abklopft, kommt man zu differenzierteren Ergebnissen: Wie schon "Songs from the Wood" ist auch "Heavy Horses" ebenso ein Prog-Album wie ein Folk-Album.

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 5.8.2014
Letzte Änderung: 6.8.2014
Wertung: 10/15

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Von: Jochen Rindfrey @ (Rezension 5 von 5)


Zum vierzigjährigen Jubiläum erschien Heavy Horses in einer „New Shows Edition“ betitelten Neuausgabe, bestehend aus drei CDs und zwei DVDs. Die erste CD enthält das eigentliche Studioalbum, natürlich wieder aus den Händen des bewährten Neuabmischers Steven Wilson. Der Sound dieser Neuausgabe ist gewohnt klar und transparent, wobei die Unterschiede zur bisherigen Rebaster-Ausgabe nicht allzu groß sind. Dazu kommt eine Reihe Bonustitel, von denen die meisten hier zum ersten Mal veröffentlicht werden; dazu gehören etwa eine frühe Version von Jack-A-Lynn, ein Song, der in anderen Versionen auf den Boxen zum 20- und zum 25-jährigen Bandjubiläum erschien; eine Studioversion von Quatrain, ein Instrumentalstück aus der Feder von Tull-Gitarrist Martin Barre, von dem es bislang nur eine Liveaufnahme auf Bursting Out gab; ein Song namens Horse-Hoeing Husbandry, in dem sich Ian Anderson mit dem Namensgeber der Band beschäftigt. Historisch interessant ist auch ein als Quasi-Hidden-Track („quasi“ deswegen, weil das Stück zwar nicht separat indiziert und in der Tracklist erwähnt ist, aber im Booklet erwähnt wird) namens A Town in England, aus dem einige Jahre später Made in England von Andersons erstem Soloalbum wurde.

Die beiden anderen CDs enthalten den Mitschnitt eines Konzerts vom 28. Mai 1978 in der Feschthalle Bern. Kenner des Tullschen Œuvres werden feststellen, dass es sich um die gleichen Titel wie auf dem 1978 erschienenen Lievalbum Bursting Out handelt (plus zwei weitere Songs). Es handelt sich jedoch nicht um die gleichen Aufnahmen, denn das Livealbum wurde weiland aus verschiedenen Konzerten zusammengeschnitten; tatsächlich stammen dort nur fünf Songs von dem Konzert in Bern. Hier bekommt jetzt also ein „natürliches“ Konzert, und da zeigen sich einige kleine und größere Unterschiede.

Zunächst einmal sind, wie bereits erwähnt, zwei weitere Songs drauf, Heavy Horses und Living in the Past (instrumental) / A New Day Yesterday (reprise). Dazu sind einige Stücke länger als auf der alten LP. Ganz deutlich wird das bei Songs from the Wood, von dem damals die komplette zweite Hälfte weggelassen wurde; hier ist es nun in der vollständigen Version drauf. Auch Conundrum, ein weiteres Instrumentalstück von Martin Barre, ist hier etwas länger. Sonst zeigen sich immer wieder mal kleinere Unterschiede, auch Andersons Ansagen sind zum Teil etwas anders. Nicht ganz glücklich bin ich allerdings mit dem Klang der Aufnahmen, die von Jakko Jakszyk remastert wurden. Die Tonqualität schwankt immer wieder etwas, manchmal steht der Gesang so weit im Vordergrund, dass der Rest der Band geradezu erdrückt wird.

Die beiden DVDs enthalten das ganze Material noch einmal in Dolby Surround, die erste DVD zusätzlich noch den ursprünglichen Stereomix von Heavy Horses. Während diese eine reine Audio-DVD ist, sind die Konzertaufnahmen der zweiten DVD noch mit Standbildern unterlegt, die größtenteils von Konzerten stammen. Dabei sieht man David (heute Dee) Palmer mal mit, mal ohne Bart. Dazu kommen noch zwei rustikale Videos zum Titelsong und zu Moths. Ersteres ist besonders schön, die Band agiert in einer Scheune, Keyboarder John Evans sitzt als Vogelscheuche verkleidet auf dem Heuboden. Ach ja, zwei kurze Werbeclips für Bursting Out sind auch noch drauf. Die beiden unterscheiden sich nur dadurch, dass im zweiten Clip auch noch ein Konzert von Jethro Tull mit Uriah Heep als Vorgruppe beworben wird. Yeah!

Die Box kommt in Buchform, neben zahlreichen historischen Fotos finden sich darin sämtliche Texte (auch der Bonustitel) sowie lesenswerte Beiträge über die Entstehung des Albums und des Covermotivs (Anderson hatte bei der Fotosession permanent Angst, die riesigen Pferde könnten durchgehen), über jeden einzelnen Songs und die Tour 1978. Dazu kommen Erinnerungen von Darryl Way (Gastviolinist auf dem Album und der Tour) und Maddy Prior, Sängerin der Folkrocker Steeleye Span, die in den 70ern mehrmals mit Jethro Tull tourten und für die Anderson einmal auch als Produzent tätig war.

Eigentlich wäre die „New Shoes Edition“ eine rundum gelungene Box, wenn die unterdurchschnittliche Qualität der Liveaufnahmen nicht wäre; vielleicht hätte man stattdessen die Aufnahmen von Bursting Out heranziehen sollen. Trotzdem, ein schmuckes Teil.

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 19.3.2018
Letzte Änderung: 22.3.2018
Wertung: 11/15

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Alle weiteren besprochenen Veröffentlichungen von Jethro Tull

Jahr Titel Ø-Wertung # Rezis
1968 This Was 7.00 4
1969 Stand Up 11.00 3
1970 Benefit 9.00 4
1971 Aqualung 11.33 3
1972 Living In The Past 9.67 3
1972 Thick As A Brick 12.80 5
1973 A Passion Play 12.75 5
1974 Warchild 10.00 4
1975 Minstrel In The Gallery 11.50 4
1976 Too Old to Rock'n'Roll: Too Young to Die 9.00 3
1977 Songs from the Wood 11.67 3
1978 Live - Bursting Out 11.50 2
1979 Stormwatch 9.50 2
1980 A 9.67 3
1982 The Broadsword And The Beast 10.00 2
1984 Under Wraps 9.00 3
1985 A Classic Case - The London Symphony Orchestra Plays The Music Of 4.00 2
1987 Crest of a Knave 7.80 5
1988 20 Years of Jethro Tull 10.00 1
1988 20 Years of Jethro Tull (Box Set) 12.00 1
1989 Rock Island 8.50 2
1990 Live at Hammersmith '84 9.00 1
1991 Catfish Rising 10.50 2
1992 A Little Light Music 10.50 2
1993 Nightcap 8.00 1
1993 25th Anniversary Box 12.00 1
1995 Roots To Branches 8.50 2
1995 In Concert 10.00 1
1999 J-Tull Dot Com 6.67 3
2001 The very best of 11.00 1
2002 Living With The Past (CD) 7.50 2
2003 The Essential Jethro Tull - 1
2003 A New Day Yesterday - The 25th Anniversary Collection (DVD) 9.00 1
2003 The Jethro Tull Christmas Album 9.00 3
2004 Nothing Is Easy: Live At The Isle Of Wight 1970 11.00 1
2005 Nothing Is Easy: Live At The Isle Of Wight 1970 (DVD) 8.00 2
2005 Aqualung Live - 2
2007 The Best Of Acoustic Jethro Tull - 1
2007 Live At Montreux 2003 11.00 1
2007 Bethlehem, PA, 9 August 2003 (DVD) - 1
2008 Jack in the green (DVD) - 1
2008 Their fully authorized story (2 DVDs) - 1
2009 Live At Madison Square Garden 1978 (DVD) 11.00 1
2010 Live at the London Hippodrome (DVD) 10.00 2
2015 Too Old To Rock 'n' Roll: Too Young To Die! - The TV Special Edition 11.00 1
2017 Jethro Tull - The String Quartets 11.00 1

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