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23872 Rezensionen zu 16311 Alben von 6334 Bands.
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Dream Theater

Black Clouds & Silver Linings

Coverbild
Informationen

Allgemeine Angaben

Erscheinungsjahr: 2009
Besonderheiten/Stil: Metal; Progmetal
Label: Roadrunner
Durchschnittswertung: 10/15 (2 Rezensionen)

Besetzung

John Petrucci Gitarren, Backing Vocals
Mike Portnoy Drums and Percussion, Backing Vocals
Jordan Rudess Keyboards, Continuum
John Myung Bass
James LaBrie Vocals

Tracklist

Disc 1
1. A Nightmare to Remember 16:10
2. A Rite of Passage 8:35
3. Wither 5:25
4. The Shattered Fortress 12:49
5. The Best of Times 13:07
6. The Count of Tuscany 19:16
Gesamtlaufzeit75:22
Disc 2
1. Stargazer   (Rainbow Cover) 8:10
2. Tenement Funster Flick of The Wrist / Lily of the Valley   (Queen Cover) 8:17
3. Odyssey   (Dixie Dregs Cover) 7:59
4. Take Your Fingers From My Hair   (Zebra Cover) 8:18
5. Larks Tongues in Aspic Pt.2   (King Crimson Cover) 6:30
6. To Tame A Land   (Iron Maiden Cover) 7:15
Gesamtlaufzeit46:29
Disc 3
1. A Nightmare to Remember   (Instrumental-Mix CD) 16:10
2. A Rite of Passage 8:35
3. Wither 5:25
4. The Shattered Fortress 12:49
5. The Best of Times 13:07
6. The Count of Tuscany 19:16
Gesamtlaufzeit75:22


Rezensionen


Von: Markus Wierschem @ (Rezension 1 von 2)


Metarezension, oder: Von den Leiden des Traumtheater-Rezensenten

Willkommen in Proggies Meisterküche. Heute auf dem Speiseplan: Démolissage-au-feu du théâtre du rêve. Auf gut Deutsch, beinah zumindest: Verrissschmortopf Marke Dream Theater. Man nehme: 900g gehackten Frickelvorwurf; 4 große instrumentale Onanienis, gewaschen und geputzt; 1 Stange Hybris, gewürfelt und vermischt mit geschälter musikalischer Einfallslosigkeit; je 2 Stangen Kommerzbezichtigung und Sterillerie; 1 Bouquet garni Gigantomanie; und schließlich 20g scheinbar unverwüstlicher Wortspiele auf kanadische Sänger und aus Frankreich stammenden Weichkäse mit weißem Edelschimmel. Als Würzbeilagen nach Wunsch: Häme, eine Prise Pfeffer. Alles zusammen in einen Topf geben, mit heißer Luft vorsichtig aufkochen, 1-2 Hördurchläufe im eigenen Spott köcheln lassen. Von Zeit zu Zeit abschäumen. Nach Beendigung der Garzeit John Myungs Bass aus dem Topf nehmen, abschmecken, aufkochen und ein gutes Stück fantasierter Seelenlosigkeit hinzugeben. Den komprimierten Soundbrei 15-20 Minuten in Enttäuschung garen. Am besten kalt und objektiv servieren.

Will heißen: Dream-Theater-Verrisse zu schreiben ist im Grunde so schwierig wie George W. Bush zu verhohnepiepeln. DT-Bashing ist "in", und hat immer sowas punkiges, sowas von Sakrileg. Nach 24 Jahren Bandgeschichte findet der Suchende auch schnell mehr als genug Gründe. Ein paar sind sogar musikalischer Natur: zu hohe Merchandise-Preise, zu viele Veröffentlichungen, zu viel instrumentaler Exzess, zu viel Metal, zu wenig Eier, zu viel Schmalz, zu wenig Weiterentwicklung, zu viel Weiterentwicklung, Weiterentwicklung in falsche Richtungen (man denke nur schaudernd an die Muse-Anwandlungen auf Octavarium und Systematic Chaos), fehlender Bass, quietschige Keyboards, ein nicht immer und nicht jeden überzeugender Sänger, der ewig wiederkehrende Verdacht der Seelenlosigkeit etc. etc. pp... Ja, es gibt genug Gründe. Das schlechte Gewissen plagt einen kaum. Immerhin handelt es sich nicht um irgendwelche zarten Progpflänzchen, die erst noch sanft erblühen müssen. Mit Millionen-von-Fans-rund- um-die-Welt sind DT erfolgreicher als es für ernst zu nehmende Künstler eigentlich erlaubt ist – und können deswegen Verrisse auch gut ab. Denkt man sich.

Jetzt denke man sich mal den umgekehrten Fall: Wie oft und in wie vielen Variationen kann man dieselbe Band nach zehn Alben, einer EP, einer Best-of, diverser Singles, sechs Live-Dokumenten auf CD, DVD und Video, diverser Nebenprojekte sowie offizieller und inoffizieller Bootlegs in Bild und Ton eigentlich noch über den grünen Klee loben? Braucht's jetzt wirklich noch dieses eine Review mehr? Wer bitte braucht das? Und was kann man überhaupt noch erwarten? Dann wieder jene (wenigen, aber bei Millionen-von-Fans-rund-um-die-Welt eben nicht ausbleibenden) militanten Dream-Theater-FanAtics, die einem zu Leibe rücken sagt man nur ein kritisches Wort. Auf der anderen Seite die Kollegen -- Ach! die lieben Kollegen -- die zum Relaxen vorm Einschlafen Sleepytime Gorilla Museum oder sonstigen musikalischen Irrwitz goutieren, der das Wörtchen Avant-Garde ganz rückständig und gewöhnlich erscheinen lässt. Was sollen die denken? Wenn ich jetzt Dream Theater gut finde, da nimmt mich doch keiner mehr ernst! DESWEGEN braucht's so lange.

Fuck it. Der Zeitpunkt ist gekommen, da sich der Rezensent sein Schnuffeltuch greift, die Tränchen von den Wangen wischt, einmal kräftig die Nase schnäuzt (verdammte Allergie!) und vergisst, dass draußen die Sonne scheint. Der Zeitpunkt ist gekommen, die Fenster zu öffnen, und die angesammelten Küchenabfälle auf die Straße zu werfen. Hier soll es um die Musik gehen. Sonst nichts.


Schwarze Wolken und Silberstreifen: Eine Meinung

Donner weit entfernt, Regengeplätscher. Das regelmäßige Atmen eines Schlafenden. Disharmonische Pianoklänge werfen ihre leisen Schatten voraus. Dann bricht das Gewitter los. Geisterorgel und Unheilschöre, brutale Doublebass, finstere Riffs. Fast als hörte man Opeth. Mit dem hintergründigen Heulen scheint sich Jordan Rudess auch ein kleines Augenzwinkern in Richtung 50er und 60er B-Horrormovies zu erlauben. James LaBrie gibt sich rau und heftig und macht dabei eine gute Figur. "A Nightmare to Remember" handelt von einem Autounfall, den John Petrucci als Kind miterlebt hat. Dem brutalen Crash im Song folgt nach einer weiteren opethesken Akustikpassage einer jener unwiderstehlichen Melodien, wie man sie am ehesten noch von Scenes from a Memory kennt – beautiful agony – fürwahr. Und dann geht's wieder los. John Petrucci und Jordan Rudess überlegen sich, dass sie ja auch einfach mal nur ROCKEN könnten. Und das machen sie dann auch. Heftig, treibend, rockend, vertrackt, zuweilen düster und im Wechsel traumhaft schön, dabei von vorne bis hinten stimmig aufgebaut – viel besser kann man ein Album nicht eröffnen. Einzig Mike Portnoys tiefe Shouts zu Anfang des letzten Drittels überzeugen nicht, steht die gewollt-böse Umsetzung doch im krassen Kontrast zu den Lyrics, die mehr oder minder das "Happy Ending" unterbreiten.


Orientalische Sprachsamples und Elektronisch-verzerrte Vokals von LaBrie und Portnoy dominieren die Strophen von "A Rite of Passage". Der Chorus wird live ohne Frage so manchen Fan zum mitsingen bewegen. Insgesamt ist der relativ geradlinige Achtminüter gute DT-Standardkost, inklusive Frickelfest und humoreskem Rudess-Gameboysounds als Highlights.

Mögen Sie Kitsch? So richtig fette Sahne auf dem Schokokuchen? Zum Feuerzeugschwenken? Zum-der-Freundin-einen-Schmatzer-auf-die-Backe-setzen und sich ganz verschmust angucken? Ich kann mir nicht helfen, aber bei Schmachtballaden wie "Wither" ... möchte ich mein Studium an den Nagel hängen und Eiskunstläufer werden. Wirklich. Ob man's mag hängt davon ab, wie viel Schmalz man abkann.

Danach pustet die Band einem erstmal so richtig die Ohren durch. Wer sich ein bisschen mit Dream Theater auskennt weiß, dass es sich beim nächsten Stück um den fünften und letzten Teil von Mike Portnoys Alcoholics-Anonymous-Zyklus handelt, in dem der Schlagzeuger seine Alkoholabhängigkeit verarbeitet hat. Dementsprechend gibt es hier in fließenden Übergängen brutale und meditative, depressive und optimistische Passagen. Dem ein oder andere mag der Eindruck des Selbstrecyclings kommen, jedoch arbeiteten schon die Instanzen der letzten Alben mit Themen der jeweils vorhergegangenen Stücke. Hört man sich die einzelnen Stücke des nun vollständigen Zyklus einmal hintereinander an, so ist man überrascht, wie gut diese sowohl einzeln als auch im Zusammenhang funktionieren. Mit "The Shattered Fortress" ist definitiv ein würdiger Abschluss gelungen.

Das ange-RUSHte "The Best of Times" ist dem Andenken Howard Portnoys gewidmet, jenem Mann, dem die Band nicht nur ihren Schlagzeuger sondern auch ihren Namen verdankte, und der 2009 einem Krebsleiden erlegen ist. Insofern ist es dann doch wieder nicht ganz leicht, über dieses Stück zu schreiben. Gefallen finden vor allem die reduzierteren, akustischen Passagen und die bei aller Trauer positive Grundstimmung des Stückes. Auf der anderen Seite krankt das Stück dann aber an einem nicht wirklich starken Chorus und vor allem wieder jenen übertriebenem geigenheiligen Bombast, der DT schon seit Six Degrees plagt ... Und zum Abschluss soliert sich Petrucci in die Unendlichkeit.


Ein besonderes Schmankerl haben sich die Herren für den Schluss aufgehoben. Große Epen schreiben konnten sie schon immer, und mit "The Count of Tuscany" zieht die Band noch einmal alle Register ihres Könnens, verzichtet auf Pomp und symphonische Teppiche, und konzentriert sich stattdessen auf ihre wahren Stärken: grandiose Melodien, Uptempo bei mäßiger Härte, variantenreiches Spiel inklusive der ein oder anderen überraschenden Wendung und punktgenaue Unisono-Läufe vom Duo Petrucci-Rudess. Alles geeint von einem gelungenen Spannungsbogen, der die für sich gelungenen Passagen zu einem stimmigen Ganzen verknüpft. Das Stück vergeht wie im Flug. Allein die letzten fünf Minuten sind der Hammer. Da ist es wieder, das große Kino im Traumtheater.


Und sonst?

Manche Dinge ändern sich nicht. John Myungs Bass geht leider weiterhin praktisch unter, Portnoys Vocals sind nicht wirklich "hörenswert" und bei den Texten sollte man, so man denn das Englische halbwegs beherrscht, wirklich weghören. Es ist schon ironisch, wenn ein Text von der Unfähigkeit des Textens ("Wither") den besten Text des Albums darstellt. Wo früher Philosophie und Psychologie aus tiefen Quellen sprudelten, eine bildreiche und emotive Semantik, Metaphern und Symbole, über die du dir den Kopf zerbrechen konntest – heute brache Wüsten, Erzählungen, in denen alles ach-so-offen vor dir liegt, und du dich fragst, ob das wirklich dieselben Jungs sein können, die Texte wie "Voices", "Lines in the Sand" oder "Learning to Live" verfasst haben. Völlig egal, ob es nun um Vampire, Mumienmonster, Freimaurer oder seltsame Grafen aus der Toskana geht, textlich sind Petrucci und Portnoy auf den letzten Werken auf einem absoluten Tiefpunkt angelangt. Fast so peinlich wie Manowar, und fast so aufdringlich wie Neal Morse.



Manche Dinge ändern sich. Statt unausgegorener Experimente und Kopien anderer Bands besinnt man sich diesmal fast durchweg auf eigene Stärken, orientiert sich deutlich an den eigenen Großtaten: Images and Words, Awake und Scenes from a Memory standen beim 10. Werk der New Yorker eindeutig Pate, begonnen beim Songwriting und einem deutlich wärmer und organischer ausgefallenen Grundsound und endend beim sehr gelungenen collage-artigen Artwork von Hugh Syme. Nach dem Hören Black Clouds and Silver Linings merke ich erstmals, wie sehr mir Dream Theater selbst eigentlich auf den letzten Alben "gefehlt" haben. Progressive ist das Ganze nur noch im Sinne "Musik Fortgeschrittener für Fortgeschrittene", aber da befinden sich Dream Theater als eine der wirklich großen Progbands auch in ganz guter Gesellschaft. Von solchen Ansprüchen abgesehen ist ihnen musikalisch jedenfalls definitiv das beste Werk seit Six Degrees of Inner Turbulence, vielleicht sogar seit Scenes from a Memory gelungen.


Und wenn man immer noch nicht genug hat?

– greift man zur Cover-CD der Special Edition. Dream Theater spielen Rainbow, Queen, King Crimson, Zebra, die Dixie Dregs und Iron Maiden. Per se eine heikle Angelegenheit, und nicht zuletzt die Queen und Crimso-Cover wurden bereits heiß diskutiert. Der eine wird's lieben, der andere abgrundtief verabscheuen und von Vergewaltigung und Schändung reden. Meine Meinung: Dream Theater covern recht nah am Original und huldigen ihren Helden im ureigenen Soundgewand. Wenn man darüber nachdenkt, das andere Bands kürzere Cover-CDs ganz offiziell vermarkten und man hier noch mal 45 Minuten exzellent dargebotener Musik praktisch als Dreingabe erhält, kann man eigentlich kaum meckern, oder? Daneben gibt's das Album dann auch noch als Instrumentalversion. Sinn?


Schließlich wurde das Album dann auch noch als "Super-Mega-Deluxe"-Edition im Samtkasten veröffentlicht. Neben der Special Edition von Black Clouds und Silver Linings gibt's hier noch ein (armseliges) Mousepad, eine Lithographie von Hugh Symes Artwork, das Album auf 180g-Vinyl (sowie verpackt in lächerlich dünnem Pappumschlägen), und eine DVD mit den einzelnen Spuren des Albums. Wer die einzelnen Instrumente gerne mal abhören und nachspielen möchte, oder in seinem eigenen Mix auch mal was von John Myung hören und die Feinheiten von Jordan Rudess' Keyboardspiel erkunden möchte, hat hiermit vielleicht noch mal einen Kaufanreiz.


Post Scriptum:

Übrigens ist Black Clouds und Silver Linings in den USA auf Platz 6 und in Deutschland sogar auf Platz 3 der Albumcharts eingestiegen, umgeben von Eminem, Sportfreunde Stiller und Hannah Montana. Man mag davon halten, was man möchte.

Anspieltipp(s): A Nightmare to Remember, The Count of Tuscany
Vergleichbar mit: seit langem mal wieder wirklich: Dream Theater
Veröffentlicht am: 3.7.2009
Letzte Änderung: 21.3.2013
Wertung: 11/15
Musikalisch 12 für die SE; 1 Strafpunkt für schmerzende Lyrics ;-)

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Von: Christian Rode @ (Rezension 2 von 2)


Das Album beginnt mit einem Kracher! A Nightmare to Remember schildert einen katastrophalen Autounfall, der eine Familie unverhofft ereilt. "Life was so simple then, we were so innocent" kontrastiert mit "Crushing glass, rubber and steel... scream of terror, pain and fear". So wird die Unfassbarkeit der Katastrophe in der Erinnerung immer wieder plastisch. Der Erzähler - der Sohn - findet sich nach dem Unfall im Krankenhaus wieder, wo er aus der Bewusstlosigkeit erwacht und den Arzt nach seiner Familie fragt. "He told me not to worry", heißt es. "As he turned and looked away." Danach fällt der Junge wieder in die Bewusstlosigkeit: "Hopelessly drifting, bathing in beautiful agony..." Schließlich scheint sich alles zum Guten zu wenden, wenn es versöhnlich heißt: "It's a blessing no one died, by the grace of god above everyone survived." Es scheint nichts als ein Albtraum zurückzubleiben. Nochmal Schwein gehabt. Stutzig macht mich allerdings das oben erwähnte Verhalten des Arztes, der den Jungen beruhigt, ihm dabei aber nicht in die Augen blicken kann. Es findet sich auch nirgends ein Hinweis, dass der Junge wirklich wieder aus dem Koma erwacht. Vielleicht hat die wunderbare Rettung nur in seiner Phantasie stattgefunden, während er in dauernder Bewusstlosigkeit verweilt. Erinnerungen etwa an Samuel Becketts Stück Play oder die britische TV-Serie Life on Mars werden bei mir geweckt.

Der abschließende Longtrack des Albums, Count of Tuscany, lebt in gewisser Verkehrung zu A Nightmare to Remember davon, dass ein Ereignis, das hier wesentlich undramatischer ausfällt, in der Phantasie des Erzählers sich zum Horror entwickelt. Die Struktur der Erzählung ist der klassischen Gruselkurzgeschichte a la E.A. Poe, Algernon Blackwood oder Ralph Adams Cram nachempfunden. Der Erzähler, diesmal ein erwachsener Mann, begegnet irgendwo dem jungen Grafen der Toscana. Dieser nimmt ihn mit auf eine Spritztour mit seinem Auto. Unterwegs erklärt der Graf: "Maybe you recall a cannibal curator, a character inspired by my brothers life." Was war das? Habe ich richtig gelesen/gehört? Der Erzähler geht nicht weiter darauf ein und die Fahrt endet im Haus des Grafen, wo sie auch dem Bruder, einem "bearded gentleman, Historian" begegnen. Doch irgendwie lässt den Erzähler die Atmosphäre des Hauses oder die Erinnerung an die Bemerkung des Grafen über seinen Bruder schaudern: "I want to stay alive. Everything about this place just doesn't feel right... I may not survive, knew it from the moment we arrived." Der exzentrische Graf führt seinen Gast durch sein Haus zu okkulten Plätzen ("Would you like to see our secret holy place?"). Und der Graf wird nicht müde, seinem Besucher obskure Geschichten über das Haus zu erzählen, von Soldaten, die Schutz suchend im Schloss eingekerkert wurden ("where souldiers came to hide in barrels filled with wine, never to escape. These tombs of oak are where they died."). Und zum wachsenden Unbehagen des Erzählers führt der Graf ihn - wie bei Poes Cask of Amontillado - hinab in den Weinkeller, wo der Erzähler sein letztes Stündlein kommen sieht. Die übersteigerte Angst des Erzählers bekommt allmählich auch der seltsame Graf mit: "Please don't be afraid, I would never try to hurt you. This is how we live, strange although it seems, please try to forgive." Angeblich soll diese Erzählung Petruccis auf einer von ihm selbst erlebten Begebenheit beruhen. Tja, kann passieren, dass einem die Phantasie durchgeht, wenn man zuviel Gruselkram liest...

Eingebettet zwischen diese beiden phantastischen Gedichte finden sich zwei weitere Texte Petruccis und zwei von Portnoy. Bei Rite of Passage geht es nach meinem Eindruck um die Beschreibung der Aura einer einflussreichen Geheimgesellschaft: "Bound by oath and honor like the rose and cross, an enigmatic union of esoteric thought", während Wither poetisch die künstlerische Austrocknung, das Versiegen der Phantasie thematisiert: "Staring down, staring down, nothing comes to mind, find the place turn the water into wine... like reflections on the page, the world's what you create." Anders als bei den umrahmenden Gedichten werden hier keine Geschichten erzählt.

Mike Portnoy fügt dem noch zwei persönliche Gedichte hinzu: 1. den Abschluss seiner persönlichen "Austrocknungsgeschichte", die mich von der Stimmung stark an ähnliche Hymnen des Kollegen Neal Morse erinnert: "Fateful ascent through darkest fires, I've found the path to take me higher...". 2. Erinnerungen an seinen Vater. Hier dominiert der wehmütige, aber auch dankbare Tonfall: "Life goes by in the blink of an eye with so much left to say... thank you for the inspiration, thank you for the smiles... but most of all thank you for my life." Das ist einfache und klare Lyrik.

Insgesamt geht es also um existentielle Fragen und Themen, die von Dream Theater vielschichtig angegangen werden. Ich persönlich mag am liebsten Petruccis Kurzgeschichten in Gedichtform mit dem gewissen Mysterytouch. Aber auch seine Stimmungsbilder haben Format. Abgesehen von Portnoys langweiliger Erweckungslyrik liest sich alles gut.

Anspieltipp(s): A Nightmare to remember, Wither
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 14.7.2009
Letzte Änderung: 19.1.2017
Wertung: 9/15
für die Musik

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Alle weiteren besprochenen Veröffentlichungen von Dream Theater

Jahr Titel Ø-Wertung # Rezis
1986 Majesty - the official 1986 Demo 9.00 1
1989 When Dream And Day Unite 11.00 3
1992 Another day (Single) - 1
1992 Images and Words 12.00 4
1993 Live at the Marquee 7.00 1
1994 Lie (Single) - 1
1994 The silent man (Single) - 1
1994 Awake 12.33 3
1995 A Change Of Seasons 9.50 2
1997 Falling Into Infinity 6.00 2
1997 Hollow years (Single) - 1
1998 Once In a LIVEtime 7.67 3
1999 Metropolis Pt. II - Scenes From a Memory 12.00 7
2000 Through her eyes (Single) - 1
2001 Metropolis 2000: Scenes From New York 11.00 1
2001 Live Scenes From New York 10.00 1
2002 Six degrees of inner turbulence 6.00 3
2003 Train of thought 9.67 6
2003 The Number of the Beast (Official bootleg) 8.00 2
2003 Master of Puppets (Official Bootleg) 10.00 2
2004 When dream and day reunite (Official bootleg) 11.00 1
2004 Live at Budokan (DVD) 12.00 1
2004 Live at Budokan 10.50 2
2005 Dark Side of the Moon (Official bootleg) 9.00 2
2005 Octavarium 10.29 7
2006 Score - 20th Anniversary World Tour 7.00 1
2006 Made in Japan (Official bootleg) 10.00 1
2006 Score - 20th Anniversary World Tour (DVD) 12.00 1
2007 Systematic Chaos 8.00 4
2008 Chaos in motion 2007-2008 10.00 1
2009 Uncovered 2003-2005 (Official bootleg) 8.00 1
2011 A Dramatic Turn of Events 11.80 5
2013 Dream Theater 8.67 3
2013 Live at Luna Park 13.00 1
2016 The Astonishing 8.50 3

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