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Dream Theater

A Dramatic Turn of Events

Coverbild
Informationen

Allgemeine Angaben

Erscheinungsjahr: 2011
Besonderheiten/Stil: Progmetal
Label: Roadrunner
Durchschnittswertung: 11.8/15 (5 Rezensionen)

Besetzung

John Petrucci Gitarren
Jordan Rudess Keyboard
John Myung Bass
Mike Mangini Schlagzeug
James LaBrie Gesang

Tracklist

Disc 1
1. On the Backs of Angels 8:43
2. Build Me Up, Break Me Down 6:59
3. Lost Not Forgotten 10:12
4. This is the Life 6:58
5. Bridges in the Sky 11:01
6. Outcry 11:24
7. Far From Heaven 3:56
8. Breaking All Illusions 12:26
9. Beneath the Surface 5:27
Gesamtlaufzeit77:06
Disc 2
1. The Spirit Carries On   (Dokumentarfilm über die Suche nach dem Portnoy-Nachfolger)


Rezensionen


Von: Markus Wierschem @ (Rezension 1 von 5)


Vorspiel auf dem Theater In meiner Rezension zu Black Clouds and Silver Linings schrieb ich, dass es leicht sei, einen DT-Verriss zu schreiben. Antiproportional dazu fällt es umso schwerer, nach 25 Jahren Bandgeschichte und etlichen Veröffentlichungen noch irgendetwas Relevantes oder Originelles zu Dream Theater zu sagen, ohne in Tautologien zu verfallen. Was, gesprochen mit Jorge Luis Borges, ohnehin unmöglich ist. Rezensionen, Meinungen, Kommentare zur neuen DT, die findet man ohne zu suchen wie Sand am Meer, Sterne am Himmel, Centstücke im Phrasenschwein. Und täglich plagt das (seltsam) déjà-vu: Ich weiß nicht, wie oft ich in den letzten Wochen schon vom "besten DT-Album seit Scenes from a Memory" gelesen habe – genau wie bei den letzten vier Alben auch. Mit anderen Worten, Dream Theater zu rezensieren ist heute erstens redundant, zweitens anstrengend und drittens vor allem eins, nämlich l-a-n-g-w-e-i-l-i-g. Das erklärt dann letztlich auch, warum es knapp drei Wochen nach Erscheinen von "A Dramatic Turn of Events" noch keine Rezension auf den BBS gibt?

Dabei haben die New Yorker sich im letzten Jahr redlich bemüht, der vergleichsweise skandalarmen Progwelt Gesprächststoff zu bieten. September 2010: Mike Portnoy, Mitbegründer und seit Anbeginn der Zeiten Meistertrommler und Sprachrohr der Band hat keinen Spaß mehr an der Sache, bzw. deutlich mehr Spaß an Projekten wie Transatlantic und seinem temporären Nebenjob in Avenged Sevenfold als an seiner Hauptband. Er will mit seinem Traumtheater eine fünfjährige Sommerpause einlegen. Doch der Rest der Akteure hat andere Pläne und so nimmt der Intendant seinen Hut – nur um kurze Zeit später zurück zu rudern, alles natürlich "für die Fans." Petrucci, Rudess und Co. haben inzwischen aber mit Mike Mangini einen neuen Schlagzeuger gefunden und dies auch bereits in einer peinlich an Casting-Shows erinnernden Dokumentation DT sucht den Superdrummer (a.k.a. The Spirit Carries On) festgehalten. In Interviews betont man brav und stetig ein ganz neues Einheitsgefühl, das sich nur als direkte Konsequenz von Portnoys Weggang lesen lässt. Das Bandleben ist freier und froher ohne den zwanghaften Kontrollwahn des M.P. Der leitet seinerseits im April rechtliche Schritte wegen der Namensrechte ein, wenn man der Heavy-Metal Newsseite Blabbermouth glauben darf. Was, wie sich wenig später herausstellt, nicht der Fall ist. Und alldieweil twittert der Geschasste sich munter weiter um Kopf und Kragen, ganz, als wolle er die Sympathien verspielen, die ihm noch verblieben sind...

Eine dramatische Wendung? Ziemlich genau ein Jahr nach dem Abgang des Maestro dann das neue Album A Dramatic Turn of Events. Hier beginnen die Probleme des Rezensenten. Es ist, wie die Band immer wieder versichert hat, ein "klassisches DT-Album" geworden.

"On the Backs of Angels" eröffnet das Werk ebenso typisch wie stimmig. Der Beginn ist atmosphärisch-spärlich gehalten, dann brechen die E-Gitarren los, doch es ist vor allem die charakteristische Kombination aus Manginis Schlagzeug, Myungs Bass, der endlich mal wieder zu hören ist, und den 90er-Keyboardsounds, die einen in die seligen Zeiten von Images and Words zurückversetzen: Das klingt frappierend nach "Pull Me Under," und gibt damit für den Rest eines Albums den Ton an, dass sich strukturell stark an den Tugenden von 1992 zu orientieren scheint (wie vor mir auch schon viele andere bemerkt haben...).

Das halbgare "Build Me Up, Break Me Down" scheint nicht so recht zu wissen, was es nun sein möchte und kontrastiert mit einem von Rudess orchestral an die Wand geklatschte düstere Klangkulisse mit einem zunächst recht beschwingten Refrain, den LaBrie später mit einigen unterlegten Kreischern "veredelt." Diesmal erinnert man sich an den Dream Theater Tiefpunkt "Burning my Soul."

"Lost not Forgotten" weist die wahrscheinlich willkürlichsten Frickelteile seit Train of Thougt auf und verläuft sich ebenso wie das vorige Stück. Deutlich besser und stimmiger in die Gesamtkomposition integriert sich die kontrollierte Virtuosität der New Yorker dann in das recht modern klingende "Outcry", das mit den wildesten Instrumentalfahrten seit "The Dance of Eternity" aufwartet und damit der textlichen Thematik des arabischen Frühlings ein musikalisches Gegenstück bereitet. Zwar möchte ich mir nicht vorstellen wie Dream Theater – allseits bekannt als amerikanische Botschafter der Freiheit! – vor 10.000 Muslimen in Kairo, Tripolis oder Damaskus Botschaften wie "Rise up, be counted!" oder "Resistance is calling!" an den Mann bringen (Ganz ehrlich, für wen ist diese Botschaft eigentlich bestimmt?), aber Spaß kann man hier trotzdem haben.

Insgesamt ist das Album sehr melodisch ausgefallen: mit "This is the Life", "Far From Heaven" und "Beneath the Surface" finden sich auch drei Balladen, die ausgiebig Gelegenheit bieten, im mal mehr, mal minder orchestral-aufgeblasenen Kitsch zu schwelgen.

Dafür sind – neben "Outcry" – mit "Bridges in the Sky" und "Breaking All Illusions" aber auch noch mal zwei starke Zehnminüter vertreten. "Breaking all Illusions" ist das klare Highlight der Platte: in pfeilschneller Leichtigkeit dahingleitende Instrumentalpassagen, halsbrecherische Breaks, sphärisch-elegische Melodien und ein Schuss Drama – hier ist wirklich alles drin was das Proggerherz begehrt. Diesmal ist die Assoziation "Learning to Live," und mit dem ersten John Myung Text seit Jahren wird hier auch DT-Fans noch mal ein Schmankerl geboten.

"Bridges..." verbindet im Intro nahtlos gutturalen Schamanengesang mit einem choralen Agnus Dei bevor Petrucci es abrupt krachen lässt. Das Stück ist weniger wild aber epischer als "Outcry," schwingt sich zu einer Höhe nach der nächsten auf um zum Schluss sanft hinabzusteigen. Wie schon explizit in "A Rite of Passage" und literarischer in "A Nightmare to Remember" und "The Count of Tuscany," behandelt Petrucci hier das universelle und in unserem Kulturkreis hauptsächlich noch aus Geheimbünden, Zünften und Institutionen wie der Taufe bekannte Thema der Initiation(sreise). In dieser muss das 'alte Ich' des Initianden den symbolischen Tod erleiden und, begleitet von wohlwollenden Helfern (in Stammeskulturen z.B. eben die Schamanen und weisen Männer) diverse Prüfungen meistern, um schließlich als neuer Mensch 'wiedergeboren' zu werden.

Denouement: Von Dream Theater selbst – eine Band, die selbst zahllose Jünglinge in die Welt des Progrock initiiert hat – darf man eine solche Wiedergeburt denn aber wohl (leider) nicht mehr erwarten: Mit Portnoy verschwunden sind auch dessen charakteristische Tomfills und Rhythmusfiguren, seine Backgroundvocals und "Growls", verschwunden auch die tappsigen Versuche, so zu klingen wie Muse, U2 oder Radiohead. Verschwunden letztlich auch alle Überraschungen, aller Abenteuergeist, der die Band einmal auszeichnete. Und wen wundert's? Dream Theater machen Dream Theater-Musik, und das schon seit mehr als einem Vierteljahrhundert. Vielleicht bekommt man hier eine Ahnung davon, wie es hätte sein können, wenn Genesis, Yes oder King Crimson statt radikal den Kurs zu wechseln dem Progressive Rock ihrer großen Jahre treu geblieben wären?

Es ist ein klassisches DT-Album geworden, das wohl. Was mich bei "A Dramatic Turn of Events" anfrisst ist nicht so sehr die Musik selbst, auch nicht der Klang des Albums, der aus den Boxen schallt, als läge eine wollne Decke darüber. Was mich anfrisst ist vielmehr das: Die Chance zum Neubeginn wurde vertan. Mit Mike Mangini hat man einen vollwertigen Portnoy-Ersatz gesichert. Geschäftlich, persönlich, geographisch passt es, macht Sinn, und Mangini macht seine Sache ebenso unauffällig wie gut. Aber es ist die konservative Wahl, die Wahl auf-Nummer-sicher. Auf Nummer sicher: genauso klingt auch "A Dramatic Turn of Events" – und ich frage mich unwillkürlich, was ein Marco Minnemann oder Thomas Lang für musikalische Impulse in neue Richtungen hätten setzen können. Vermutlich letztlich auch nur wenige bis gar keine. Wahrscheinlich erwarte ich zu viel. Sei's drum. Es ist ein gutes Album geworden, mit unterm Strich 45 Minuten gutem Progmetal der Edelmarke Dream Theater. "Gut" ist nur nicht mehr genug, nicht bei dieser Band. Der Titel des Werks verspricht Dramatik, Umbruch, Wechsel, die Dramatik seiner Entstehung aber überschattet das Werk selbst. Nach einem Jahrzehnt voller Alben, die letztlich Selbstverwaltung auf mal höherem, mal niedrigerem Niveau betrieben, kann man sich des Eindrucks nicht mehr erwehren, dass DT musikalisch alles gesagt haben, was es zu sagen gab. In diesem Theater laufen keine wirklich neuen Stücke mehr; die Neuinszenierung des Ewig-Gleichen bleibt innovationsarm und geht keinerlei Risiken ein. "Sprechen heißt in Tautologien verfallen" – diese Einsicht lässt mich dann doch etwas enttäuscht zurück.

Anspieltipp(s): On the Backs of Angels, Breaking All Illusions
Vergleichbar mit: Dream Theater seit 2001
Veröffentlicht am: 27.9.2011
Letzte Änderung: 22.3.2013
Wertung: 10/15
Wertung der Rezensentischen Selbstkontrolle. ;-)

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Von: Nik Brückner @ (Rezension 2 von 5)


Nu mal nicht so mäkelig! Dream Theater machen Dream Theater-Musik? Ja klar, wer sonst! Immerhin besser, als wenn's ihre Klone tun. Ich meine, fragt mal die Leute, die unter ihren The-Watch-CDs leiden, ob die nicht lieber Genesis-Alben kaufen würden.

Und: nach 26 Jahren! Trotz aller Bemühungen der großen klassischen Progbands, uns zu beweisen, dass eine Band nicht länger als 10 Jahre lang Prog machen kann, nehmen DT einen Retroprog-/Progmetal-Knaller nach dem anderen auf. Ich meine, seien wir doch mal ehrlich: Als Yes so lange existierten, nahmen sie "Talk" auf, als Genesis so lange existierten, nahmen sie "We Can't Dance" auf, und als ELP so lange existierten, nahmen sie – tief durchatmen – "In the hot Seat" auf. Wer sich da über Dream Theater beschwert, sollte dringend seine Perspektive überprüfen!

Und: "A dramatic turn of Events" ist nicht irgendein Album, es ist "their most powerful Album yet"! So steht es zumindest auf dem Cover. Und hier zeigen DT, dass nicht alles im Unterhaltungsbusiness ein Naturgesetz sein muss: Der Satz stimmt nämlich.

Schon der Einsteig passt 100%ig: Mit "On the Backs of Angels" steht die Single ganz am Anfang, mutig eigentlich, wenn man mal drüber nachdenkt. Und dann bilden "On the Backs of Angels" "Build Me Up, Break Me Down" und "Lost Not Forgotten" auch noch eins der stärksten Trios, die je ein Progmetal-Album eröffneten: Hier ist alles, was man als DT-Fan hören will: Ohrwurmmelodien, Gefrickel hart an der Grenze dessen, was der Luftgitarrist an körperlicher Torsion zu ertragen in der Lage ist, große musikalische Gestik und eine Dichte an Höhepunkten, wie es sie auch auf den stärksten DT-Alben kaum je gab.

So gesehen kann man "A Dramatic Turn of Events" schlecht vorwerfen, dass es ein klassisches DT-Album geworden ist. Wer hätte etwas anderes hören wollen? "A Dramatic Turn of Events" ist schlichtzweg DAS klassische DT-Album geworden.

Mike Mangini. Der neue. Mit -dsch-. Hätte der nicht neue Akzente setzen können? Nein, jedenfalls noch nicht diesmal. Denn die Songs waren alle fertig, als er einstieg. Was mir im Vergleich zu Mike Portnoy tatsächlich fehlt, sind die metrischen Experimente, derlei ist auf "A Dramatic Turn of Events" hörbar zurückgenommen. Insofern mag Mangini eine gute, aber eben auch eine etwas konservative Wahl sein. Mein in Sachen DT weitaus kompetenterer Vorredner Markus hat ganz Recht: Was hätten wohl ein Marco Minnemann oder ein Thomas Lang für musikalische Impulse in neue Richtungen setzen können!

Aber die Chemie muss stimmen, und das tut sie mit Mike Mangini. Und wohl gemerkt, der Mann liefert eine tolle Leistung ab. Wir werden sehen, was beim nächsten Album sein wird.

Ganz im Ernst, ich halte "A Dramatic Turn of Events" für das beste DT-Album überhaupt. Die Scheibe ist ein Knaller und ganz klar mein Album 2011.

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 22.12.2011
Letzte Änderung: 24.9.2013
Wertung: 14/15

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Von: Gunnar Claußen @ (Rezension 3 von 5)


Was bislang geschah: Aus meiner Sicht gehören Dream Theater zu den Verlierern des vergangenen Jahrzehnts. Auf den Studioalben von "Six Degrees Of Inner Turbulence" bis "Black Clouds And Silver Linings" war die Band wahlweise uninspiriert, zerfahren, sperrig, einfallslos oder auch alles auf einmal unterwegs und hat also gepflegte Ödnis auf technisch hohem Niveau kultiviert. Dazu kommt noch, dass man einige bedenkliche Trends gestreut hat und heuer "Zadadamm"-Riffs und Gebrülle im Stile eines James Hetfield für "progressiv" gehalten werden. Und dann erst diese Außendarstellung: Da wären überteuerte Tickets, die mittlerweile gottlob abgeflaute Livealben-Manie und noch diese Coveralben, auf denen die Band zwar Geschmack bei der Wahl ihrer Vorbilder, nicht aber bei deren Interpretation bewies. Und die Bandhierarchie war auch geradezu erstarrt: Unter dem Direktor Portnoy arbeiteten der Songwriter Petrucci, der Sänger LaBrie, der Technokrat Rudess und der Autist Myung. Mag sein, dass Dream Theater unter diesen Umständen immer noch erfolgreich waren, für meine Begriffe allerdings hat sich die Band seit 2000 mit jedem Jahr weiter in die Belanglosigkeit manövriert.

Nun ist also Portnoy weg, und sofort geht es wieder bergauf. Zwar mag Mike Mangini im Augenblick noch bloß "der Drummer" sein und artig seine Parts eingespielt haben - Portnoys Erbe an der Spitze des Haufens haben LaBrie, Petrucci, Rudess und Myung aber in kollegialer Tetrarchie unter sich aufgeteilt, was auch dem Sympathiewert der Band sehr zuträglich ist. Und hier schickt sich also "A Dramatic Turn Of Events" an, bei Leuten wie mir den verlorenen Boden wieder gutzumachen.

Und was die Musik angeht, muss ich gleich mal bei Kollege Nik einhaken: Dream Theater klingen mitnichten seit 26 Jahren "so". Nämlich ist nach meiner Interpretation die Band nunmehr zum glorreichen Sound der ersten beiden Alben zurückgekehrt, also zu jenem versponnenen, aber eingängigen Prog-Power-Stil. Die Zeiten stumpfen Technikholzens, wie man es auf "Train Of Thought" oder "Systematic Chaos" zuhauf fand, sind also ebenso passé wie die Alternative-Flirts von "Octavarium". Also gibt es hier wieder frickelige Power-Riffs, gelungene Abschnitte mit krummen Rhythmen, dramatische Keyboardbegleitung und ab und an die eine oder andere abgeschrägte Instrumentalpassage. Eigentlich besuchen Dream Theater hier also ihre eigene Klischee-Schule, aber das passiert auf eine sehr überzeugende und patente Weise. Denn neuerdings hat die Kapelle entdeckt, den Stücken wieder Leben und Seele einzuhauchen und ihr Material wesentlich unverkrampfter als auf den letzten Portnoy-Alben herunterzuspielen. Paradebeispiel für dieses Merkmal ist wohl "Lost Not Forgotten", das die Band beinahe so locker aus dem Ärmel schüttelt wie seinerzeit auf der "When Dream And Day Unite".

Indes verlegt man sich aber nicht völlig auf die Vergangenheitsbewältigung. Mehr für die moderne Spielart sprechen beispielsweise "Bridges In The Sky" mit seinem Düster-Intro und dem ausladenden Refrain, das Gepluckere am Anfang des Single-kompatiblen "Build Me Up, Break Me Down" oder die Nu-Prog-Stimmungen in "Breaking All Illusions". Auch hat man Dream Theater selten so optimistisch und bombastisch erlebt wie zu Anfang und Ende von "Outcry". Letztere Nummer fährt dann aber auch den vermutlich abgedrehtesten Instrumentalpart seit 1999 auf. Insofern lässt sich dann doch feststellen, dass Dream Theater ihren damals geprägten Stil somit einer leichten Modernisierung unterziehen. Nicht so ganz ins Bild passen wollen indes die allzu pastoral geratenen Balladen "This Is The Life", "Far From Heaven" und "Beneath The Surface". Warum sollte ich soviel Pathos hören wollen, wenn ich doch auch abgefahrenes Gefrickel haben kann? Ansonsten fallen nur der an einigen Stellen etwas dünne Sound und das Ultra-Klischee-Artwork (immerhin farbenfroh, das ganze) negativ auf.

Unterm Strich kann ich also in den Tenor meiner Vorredner einstimmen: Dream Theater sind, ohne Portnoy, wieder auf dem Weg dorthin, wo sie lange genug waren. Endlich versteht man es mal wieder, instrumentales Können in eingängige und nachvollziehbare Songs zu verpacken, die zu keiner Sekunde langweilig sind. Die eigene Totalkopie vermeidet man dabei auch und klingt stattdessen frisch wie schon lange nicht mehr. Freilich lässt sich auch hier das Rad nicht neu erfinden, und damit lässt sich auch die These diverser Fanatiker, hier den konzeptionellen Nachfolger zu "Images And Words" vorliegen zu haben, in das Reich der Fantasie verweisen. Ein überaus überzeugendes Album ist "A Dramatic Turn Of Events" allemal, und in Anbetracht des Standings, dass Dream Theater vor diesem Werk bei mir hatten, eine faustdicke Überraschung.

Anspieltipp(s): Lost Not Forgotten; Outcry; Build Me Up, Break Me Down
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 22.12.2011
Letzte Änderung: 23.12.2011
Wertung: 12/15
Ohne die Balladen: Noch mehr!

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Von: Jörg Schumann @ (Rezension 4 von 5)


"A Dramatic Turn Of Events". Der Titel des neuen Dream Theater Albums könnte treffender nicht sein. Als Mike Portnoy, Mitgründer der Band, seinen Ausstieg bekannt gab, war dies für die übrigen Bandmitglieder zuerst einmal ein Schock (glaubt man den Ausführungen auf "The Spirit Carries On"). Fünfundzwanzig Jahre lang hatten sie zusammen komponiert, geprobt, gespielt und getourt. Hatten mehr Zeit miteinander verbracht, als mit irgendjemand sonst. Die Frauen, die Kinder kannten sich, man traf sich auch privat oft. Und das sollte nun auf einmal alles vorbei sein?

Portnoys Entscheidung (je nach Lesart Pause oder Ausstieg) kam für die anderen offenbar wie ein Blitz aus heiterem Himmel, war für sie unverständlich.

Doch in jedem Ende wohnt ja bekanntlich auch ein neuer Anfang inne. An diesem stand selbstredend die Suche nach einem neuen Mann hinter den Kesseln. Wie kann man aber jemanden ersetzen, der jahrelang als DER Progmetal-Drummer der Szene galt? Der die Stücke mit seinem unverkennbaren Stil wesentlich mitgeprägt hatte?

Ich möchte mich in erster Linie der DVD widmen.

Die Herren Petrucci, Rudess, Myung und LaBrie luden zu diesem Zweck zwei Handvoll Cracks aus der ersten Schlagzeuger-Liga nach New York zu Drummer-Castings ein. Frei nach dem Motto: DTSDSD (Dream Theater sucht den Super Drummer).

Thomas Lang, Aquiles Priester, Virgil Donati, Mike Mangini, Marco Minneman, Derek Roddy und Peter Wildoer waren die Auserwählten, die man vorspielen liess. Allesamt hervorragende Schlagzeuger kristallisierte sich jedoch relativ rasch heraus, wer in Frage kommt und wer nicht. Wir schauen mal rein: Derek Roddys Becken scheppern einfach zu sehr, was den Sound zu trashig macht, Aquiles Priester scheint etwas Mühe bei den freien krummtaktigen Improvisationen zu haben. Er ist weniger der Drummer, der "ab Blatt" spielt, als jemand, der selber komponiert und die Stücke von Grundauf aufbaut. Thomas Lang wird unglaubliche Power bescheinigt, andererseits aber die allzu freie Interpretation bei den zum einüben vorgelegten Stücken kritisiert. Dream Theater suchen zwar einen neuen Drummer, er sollte aber wohl nicht allzu weit weg sein von der Art und Weise, wie Portnoy gehämmert hat. Virgil Donati ist ein Vollblut-Musiker aber irgendwie doch ein schräger Vogel. Peter Wildoer hat schon mit LaBrie gearbeitet, ist der solide brave Skandinavier, der schliesslich auch in die engere Auswahl kommt, dann aber scheitert. Bleibt Marco Minnemann.

Für mich der überzeugenste Kandidat im Karussel. Er spielte nicht nur schnell und präzise, mit Druck und Schmackes, er hatte auch das beste Gefühl für filigrane Beckeneinlagen und TomTom-Fill-Ins. Er drückte den Stücken einen eigenen Stempel auf ohne den Grundton der Komposition in den essentiellen Wesenszügen zu verändern. Er sprühte vor Spielfreude und schaffte es mit seiner strahlenden Art, dass Rudess während den Jams offenbar ein Dauergrinsen im Gesicht hatte.

Schlussendlich entschied man sich für Mangini (der übrigens Musikprofessor am Berclee College of Music in Boston war und Anfang des letzten Jahrzehnts mehrere Weltrekorde im Schnell-Schlagzeugspielen aufstellte). Er war nach meinem Dafürhalten seinem Vorgänger am ähnlichsten. Schlussendlich sicher eine gute Wahl. Was sich nun auch auf "A Dramatic Turn Of Events" zeigt. Er macht seine Sache hier wirklich gut. Nicht so omnipräsent und ausladend wie Portnoy aber gut.

Das Album? Es ist gut, ja es ist wirklich gut. Nik hat mir die Worte aus dem Mund genommen. Album des Jahres.

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 27.1.2012
Letzte Änderung: 27.1.2012
Wertung: 11/15
mit Tendenz zur 12

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Von: Marc Colling @ (Rezension 5 von 5)


Für eine Band mit +- 30 Jahren Geschichte ist es wahrlich nicht einfach. Spielt man das Bekannte und Bewährte ist man irgendwann langweilig. Baut man moderne Soundelemente ein, wenden sich die Traditionalisten ab. Geht man „back to the roots“ wird einem nachgesagt, man habe keine Ideen mehr. Also, wat nu? Das fragte sich wohl auch Mike Portnoy und verschwand. Und zwar so überraschend, dass dem neuen Drummer nicht mal mehr die Zeit blieb sich an den Kompositionen zu beteiligen. Mike Mangini agiert hier quasi als „Sessionmusiker“ und sollte deshalb auch nur dementsprechend bewertet werden. Er macht seinen Job absolut befriedigend, wird aber im Mix etwas zu sehr nach hinten gedrückt. Eigentlich schade, aber dafür ist der Bass endlich mal richtig zu hören. Das hat auf anderen Alben schon mal genervt.

Dream Theater erfinden sich hier weder neu, noch strapazieren sie ihre Vergangenheit zu sehr. Sie spielen nach Portnoy's Abgang regelrecht befreit auf, entdecken wieder die Macht von intelligenten Melodien und catchy Gesangslinien. Es ist auch erstaunlich wie sehr die Soli zurück geschraubt wurden, ohne dass dies negativ auffällt. Im Longtrack BREAKING ALL ILLUSIONS wechseln sich die Instrumente unzählige Male untereinander ab, spielen immer nur wenige Noten und werfen sich quasi die Bälle unentwegt hin und her. Das klingt mehr als überzeugend, besonders wenn Rudess dann auch noch im Mittelteil seine Keyboards weinen lässt über dem einzig längeren Solo von Petrucci. Dieses ist technisch keineswegs diffizil, besitzt aber unendliche Tiefe. Das wird DT ja oft vorgeworfen, dass sie zu technisch und zu wenig emotional wären.

Mag sein, dass 3 Balladen für alte Fans zu viel sind bei 9 Songs. Doch wenn diese Balladen so klingen wie das Finale BENEATH THE SURFACE, was soll ich dann dagegen haben? Sicher ist der Song nah am Kitsch, aber eben halt nur nah. Nicht drüber hinweg. Das ist der Spagat den man gehen muss: die Musik sollte nicht zu verkopft klingen, aber auch nicht zu eingängig.

So ist auch der Opener ON THE BACKS OF ANGELS typisch heftiges DT Futter, aber Hallo? Wer der Band hier vorwirft immer dasselbe zu spielen, der hat zu hohe Erwartungen. Der Song ist phantastisch, sowohl kompositorisch wie auch von der Umsetzung her. Völlig anders dann BUILD ME UP, BREAK ME DOWN mit den modernen Sounds von Rudess und dem zwar eingängigen, aber auch euphorischen Refrain. Somit hat die erste LP-Seite schon mal 2 grundsätzlich verschiedene Songs, was die Freude auf den Rest des Albums merklich steigert.

Und es geht ordentlich weiter mit einem richtig fett riffenden LOST NOT FORGOTTEN und der ersten von den 3 Balladen, THIS IS THE LIFE. LP-Seite 3 bildet dann das Highlight des Albums. Mit BRIDGES OF THE SKY beginnt die Seite mit einem brachialen Song, der sich immer heftiger in den Metal steigert und an die ganz alten DT erinnert. Gefolgt vom gemässigteren, aber noch lange nicht ruhigen, OUTCRY. Hier hat Petruci seinen Auftritt als virtuoser Gitarrist.

Die definitiv ruhige Seite ist dann die 4. mit der kurzen Ballade FAR FROM HEAVEN, der erwähnten Halbballade BREAKING ALL ILLUSIONS, wo es zwischendurch aber auch mal richtig kracht, und dem bereits zitierten Finale BENEATH THE SURFACE.

Dream Theater haben hier ihre melodischere Seite wiederentdeckt. Sie verfallen aber nicht in den Fehler des späteren Werkes „The Astonishing“, wo sie es mit der Gefühlsduselei übertrieben. Die Wechsel zwischen ihrer harten und der weichen Seite ist perfekt gelungen und gefällt. Deshalb gehört das Album zu den besten der Band.

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 21.1.2017
Letzte Änderung: 21.1.2017
Wertung: 12/15
Technik die Gefühl zeigt

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Alle weiteren besprochenen Veröffentlichungen von Dream Theater

Jahr Titel Ø-Wertung # Rezis
1986 Majesty - the official 1986 Demo 9.00 1
1989 When Dream And Day Unite 11.00 3
1992 Another day (Single) - 1
1992 Images and Words 12.00 4
1993 Live at the Marquee 7.00 1
1994 Lie (Single) - 1
1994 The silent man (Single) - 1
1994 Awake 12.33 3
1995 A Change Of Seasons 9.50 2
1997 Falling Into Infinity 6.00 2
1997 Hollow years (Single) - 1
1998 Once In a LIVEtime 7.67 3
1999 Metropolis Pt. II - Scenes From a Memory 12.00 7
2000 Through her eyes (Single) - 1
2001 Metropolis 2000: Scenes From New York 11.00 1
2001 Live Scenes From New York 10.00 1
2002 Six degrees of inner turbulence 6.00 3
2003 Train of thought 9.67 6
2003 The Number of the Beast (Official bootleg) 8.00 2
2003 Master of Puppets (Official Bootleg) 10.00 2
2004 When dream and day reunite (Official bootleg) 11.00 1
2004 Live at Budokan (DVD) 12.00 1
2004 Live at Budokan 10.50 2
2005 Dark Side of the Moon (Official bootleg) 9.00 2
2005 Octavarium 10.29 7
2006 Score - 20th Anniversary World Tour 7.00 1
2006 Made in Japan (Official bootleg) 10.00 1
2006 Score - 20th Anniversary World Tour (DVD) 12.00 1
2007 Systematic Chaos 8.00 4
2008 Chaos in motion 2007-2008 10.00 1
2009 Uncovered 2003-2005 (Official bootleg) 8.00 1
2009 Black Clouds & Silver Linings 10.00 2
2013 Dream Theater 8.67 3
2013 Live at Luna Park 13.00 1
2016 The Astonishing 8.50 3

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