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Seven Steps To The Green Door

The ? Book

Coverbild
Informationen

Allgemeine Angaben

Erscheinungsjahr: 2011
Besonderheiten/Stil: Konzeptalbum; Progmetal; RetroProg
Label: Progressive Promotion Records
Durchschnittswertung: 11/15 (6 Rezensionen)

Besetzung

Ulf Reinhardt drums, percussion
Marek Arnold keyboards, saxophones
Heiko Rehm bass
Andreas Gemeinhardt guitars
Lars Köhler vocals
Anne Trautmann vocals

Gastmusiker

Thoralf Koss story
Amelie Hofmann vocals (Crying Child)
Martin Schnella guitars, backing vocals
Uwe Reinholz guitars
Robert Brenner fretless / fretted bass
Kim Spillner vocals (Death)
Ronnie Gruber vocals (Death)
Larrie B. vocals (Old Priest)
Steven Powlesland vocals (Prayer)
Vocal Ensemble Sjaella vocals a capella (Last Hope)

Tracklist

Disc 1
1. Prologue (A Man and The Book) 4:19
2. The Empty Room / The Realization 6:04
3. The Crying Child (1st Nail) 3:47
4. The Healing Wonder (2nd Nail) 5:55
5. The Dividing Water (3rd Nail) 8:21
6. The Last Supper (4th Nail) 4:27
7. The Eternal Abstinence (5th Nail) 8:06
8. The Deadly Crucifixion 6:47
9. The Green Door - Looking for the Last Solution 9:52
10. Epilogue (A Bird and The Book) 5:41
Gesamtlaufzeit63:19


Rezensionen


Von: Christian Rode @ (Rezension 1 von 6)


Seven Steps to the Green Door haben schon immer großen Wert auf die Übereinstimmung von Musik und Präsentation gelegt. Auf diesem Konzeptalbum - und KONZEPT darf man hier ruhig groß schreiben - treiben sie es auf die Spitze. Das Album trägt den Titel "The ? Book" und es ist auch aufwändig als 52-seitiges Booklet wie ein Buch gestaltet.

Es geht natürlich nicht um irgendein Buch, sondern um - aus christlicher Sicht - das Buch der Bücher: die Bibel. Entsprechend ziert ein Kreuz das abgegriffene Book. Die Story, die erzählt wird, hat von ihrem Charakter etwas von The Lamb lies down on Broadway, dürfte aber für die meisten Hörer nachvollziehbarer sein. Es geht - um die Umrisse der musikalischen Erzählung nur anzudeuten - um einen Bücherwurm, der mit seiner Freundin in einer Naturlandschaft spazieren geht, und dort im Buch zu lesen beginnt. Plötzlich verschlägt es ihn allein an einen unwirtlichen, leeren Ort, dem er erfüllt mit seinem Glauben durch verschiedene Türen (!) zu entfliehen versucht. Er stolpert von Tür zu Tür, wird mit allerlei Schrecken und Leiden auf seiner mystischen Reise konfrontiert, um schließlich zur Grünen Tür (Green Door!) zu gelangen. Dort findet sein Leiden auf den Pfaden des Glaubens ein Ende. Anders als bei Genesis sind es auf dem Weg der Selbstfindung nicht irgendwelche antiken Sagengestalten und Phantasiegeschöpfe, die ihm das Leben schwer machen, sondern eine Mischung aus weltlichen und christlichen Erscheinungen.

Die phantasievolle, anspruchsvolle Story von Thoralf Koss - den Lesern dieser Seiten bekannt aus den Rezensionen zu "Thick as a Brick", "Animals", aber auch "Sola Scriptura" - wird von der Band und zahlreichen Gast-Sängern kongenial vertont! Vom anfänglichen Treten der Füße auf das weiche Gras bis hin zum Vogelgezwitscher am Schluss bietet das Album alles, was das Herz des Proggies begehrt: federnde Melodien, komplexe Rhythmen, feinsten Harmoniegesang, rasante Keyboard- und Gitarrenläufe, sowie eine Prise Metal zur Würzung hier und da - einmal wird auch ein klitzekleines Bisschen erfrischend gegrault. Im Gegensatz dazu elft sich die junge Amelie Hofmann als Crying Child im Duett mit Lars Köhler in die Herzen der Hörer. Kontrast muss sein! Denn entsprechend den Texten ist die Bandbreite zwischen kontemplativen und finster-bedrohlichen Passagen stark ausgeprägt. Die musikalische Umsetzung orientiert sich an der Stimmung der Erzählung. Auf einen Nenner ist der Stil aber nicht zu bringen, außer man lässt recht großzügig Retroprog für das gebotene musikalische Potpourri gelten.

Am Ende hat - bei aller Vielschichtigkeit - die den Proggie allein seligmachende Stimmigkeit von Musik, Story und Präsentation überzeugt. Der Hörer ist so in jeder Hinsicht befriedigt: akustisch, ideell, optisch. So soll ein Konzeptalbum sein. Klasse!

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 28.9.2011
Letzte Änderung: 23.3.2012
Wertung: 13/15

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Von: Martin Dambeck @ (Rezension 2 von 6)


Wer sich wie ich schon seit jeher über die Wanderprediger-Prog-Alben eines Herrn Neal Morse oder eines Ted Leonard (Enchant) und anderer Musiker aus der Missionseiferecke (ganz besonders gruselig und humorlos: Ajalon) aufregt, der bekommt nun von Seven Steps to the Green Door das passende "Gegengift" geliefert. Auch bei "The? Book" geht es um Glaube und (christliche bzw. katholische) Religion, doch hier nicht im Sinne von Bibelrock sondern in Form einer kritischen Abrechnung mit dem Christentum.

Die Band betritt dabei mit ihrem ersten Konzeptalbum, das auf einer Story von Thoralf Koß beruht und in enger Zusammenarbeit mit dem Autor entwickelt wurde, musikalisches Neuland. Die Geschichte dreht sich um den Hauptakteur Samuel, der sich in einem bzw. in dem Buch verliert und auf der Suche nach einem Ausweg zu verschiedenen Türen gelangt. Hinter diesen Türen verbergen sich Themen wie Nächstenliebe oder Sterbehilfe. Die Rettung bietet am Ende, wie sollte es bei diesem Bandnamen auch anders sein, die siebte grüne Tür.

Nach dem Motto, warum kleckern, wenn man auch klotzen kann, haben seven steps to the green door "The? Book" als sehr schön gestaltetes, aufwändiges Mediabook mit der kompletten, dem Album zugrunde liegenden Geschichte sowohl in Englisch wie auch in Deutsch herausgebracht. Es empfiehlt sich zunächst einmal die Geschichte zu lesen, so erschließt sich einem "The? Book" noch besser. Musikalisch ist die Story grandios umgesetzt. Beim Hören entstehen im Kopf Bilder zu den Texten. Man spürt beispielsweise die drückende Atmosphäre einer Intensivstation, die Hoffnungslosigkeit eines verhungernden Mädchens und die zunehmende Verzweiflung Samuels.

An dieser Stelle muss die besondere Rolle von Keyboarder und Saxophonist Marek Arnold erwähnt werden, der diesmal alle Songs in enger Zusammenarbeit mit Drummer Ulf Reinhardt komponiert hat und das Album auch aufgenommen und gemixt hat. Als musikalische Gäste sorgen u.a. Larry B. (mal wieder mit einem Gänsehautgesangspart) und Robert Brenner von Toxic Smile, das mehrfach ausgezeichnete Vokalensemble "sjaella" sowie "Flaming Row"-Kopf Martin Schnella für weitere musikalische Akzente. Natürlich geht es nicht so locker und relaxt zu wie auf den beiden ersten Alben, dafür ist "The? Book" einfach ein zu intensives Album geworden. Trotzdem ist auch bei "The? Book" das für Seven Steps typische Verweben unterschiedlichster Musikstile durchgängig allgegenwärtig. So werden beispielsweise musikalische Motive von Pink Floyd über Ayreon und Dream Theater bis hin zu klassischem Blues und "Jan Garbarek Jazz" aufgegriffen. Und es passt zusammen, wirkt homogen und spannend zugleich. Ganz besonders ins Ohr sticht dabei ein leicht traurig-melodiöses Pianothema, das sich wie in roter Faden durch das Album zieht.

Seven steps to the green door ist mit "The? Book" sicherlich eine der besten deutschen (Prog-)Rock-Veröffentlichungen der letzten Jahre gelungen, Kompliment! Für mich ist "The? Book" ein ganz heißer Anwärter auf den "Tipp des Monats" bei den BBS und gehört definitiv zu den besten Alben des Jahres.

Anspieltipp(s): Erst lesen, dann komplett anhören und die Repeattaste drücken!
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 29.9.2011
Letzte Änderung: 14.3.2014
Wertung: 14/15

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Von: Thomas Kohlruß @ (Rezension 3 von 6)


Wenn ich von einer Band KEIN Konzeptalbum im großen Stil erwartet hätte, dann wäre das zum Beispiel sicherlich Seven Steps To The Green Door gewesen. Die Band mit dem unhandlichen Namen hat sich ja bisher eher so als Crossover-Prog mit allerlei Einflüssen von Jazz bis Pop einen Namen gemacht und dabei sicherlich nicht den Eindruck erweckt eine sehr stringente Progressive Rock-Band im klassischen Sinne sein / werden zu wollen. Aber unverhofft kommt oft und so geht gerade diese Combo ein Projekt von großen Ausmaßen an, welches so wohl nur im Progressive Rock-Umfeld stattfinden kann. Nicht zuletzt ein gewisses Wagnis, weil hier viel Vorleistung (gut 2 1/2 Jahre Arbeit, teils via Online-Medien mitzuverfolgen) - auch des mutigen Labels - drin steckt und es sicherlich eher eine vage Aussicht ist, ob diese alles wieder "zurückverdient" werden kann, sei es ganz banal in finanzieller Hinsicht, aber auch durch Fan-Zuneigung und Bekanntheitsgrad.

Verdient hätte es dieses monumentale Werk allemal ordentlich für Furore zu sorgen. "The? Book" fußt auf einem Text, den Thoralf Koß (unter anderem ja auch ein Rezensenten-Kollege dieser Seiten) erdacht hat. Nun sind wir keine Literatur-Seite, aber wenn ein Album derart eng mit einem textlichen Konzept verbunden ist, wie in diesem Fall, dann muss man sicherlich auch darauf eingehen. Wir erleben eine surreale Leidenspassage im Leben des Protagonisten Samuel, der sich unversehens aus seinem Leben gerissen sieht und einer unwirtlichen, bösartigen, gefährlichen Umgebung gegenüber steht. Der Versuch, diese Situation ganz im Vertrauen auf göttliche Hilfe zu überstehen, scheitert geradezu grotesk am naiv-hilflosen Verhalten von Samuel. Letztlich errettet er sich selbst durch Rückbesinnung auf seine eigenen Fähigkeiten und seine Verantwortung für sich selbst. In verschiedenen Stationen, die in ihren klaustrophobischen Schrecken irgendwie an den Film "Cube" (wen den jemand kennt) erinnern, wird auf teils phantasievolle, ausdrucksstarke Weise, teils leider auch etwas platt (gerade in dem Kapitel, welches sich mit dem Zölibat beschäftigt) Kritik am christlichen Glauben und der katholischen Variante insbesondere geübt. Koß verarbeitet dabei nach eigenen Worten sowohl die Beziehung zu einer sehr gläubigen Frau (die offensichtlich letztlich auch daran gescheitert ist), wie auch - das unterstelle ich jetzt mal - seine Erfahrung mit einem totalitären Regime, eben der ehemaligen DDR. Auch wenn ich - als zwar christlich geprägter, aber sicherlich nicht im engeren Sinne gläubiger, Mensch - die Kritik in manchen Punkten nicht teile oder zumindest andere Schlüsse daraus ziehen würde, so ist der Text doch geeignet Überzeugungen kritisch zu reflektieren und sich intensive Gedanken dazu zu machen. Der gesamte Text ist in Deutsch und Englisch als über 50-seitiges Booklet in das stabile Hardcover-Digipak eingeklebt. Somit entspricht die edle Aufmachung des Albums sicherlich dem künstlerischen und intellektuellen Gesamtanspruch.

Die Musik federführend von Marek Arnold - der sich mit seinem Arbeitspensum so langsam den Titel "deutscher Steven Wilson" erarbeiten dürfte (neben diesem Album hat er ja dieses Jahr schon ein Werk mit seiner Stamm-Combo Toxic Smile und mit der Stern-Combo Meissen veröffentlicht und an dem Konzept-Prog-Oper-Projekt "Elinoire" von Flaming Row war er ja auch intensiv beteiligt) - setzt die einzelnen Szenen des Textes mal sehr, mal nicht ganz treffend um. Insgesamt ist die Musik ein Stück zu wenig düster angesichts der dramatischen Erlebnisse des Protagonisten ausgefallen. Da hätte schon noch etwas mehr Drama, Aufregung und - ja - 'Bösartigkeit' sein dürfen. Aber insgesamt ist "The? Book" auch musikalisch ein feines Werk geworden. Die Musik kann auch für sich bestehen (falls man dem textlichen Konzept nicht folgen will) und verwöhnt den Hörer mit ausgefeilten, verzwirbelten Instrumentalpassagen zwischen Retroprog, metallischen Anklängen und intelligentem, melodischem Rock. Es gibt ordentlich heftige Gitarrenklänge, röhrende Orgelsounds, aber auch lyrische Tastenklänge, die vor allem die Übergänge zwischen den einzelnen Stationen geschickt gestalten. Garniert wird die kraftvolle Musik mit thematischen Gimmicks (wie Schrittgeräusche oder Vogelgezwitscher) und vor allem hervorragendem Gesang zwischen Klargesang, ein bisschen Growling und tollen Chören (ganz im Ayreon-Stil). So gibt es also wahrlich genug Futter für den geneigten Sympho- und Melodic-Progger.

Seven Steps To The Green Door gelingt mit "The? Book" ein stimmiges Gesamtkunstwerk aus Musik, Sprache und inhaltlicher Aussage, welches definitiv Beachtung verdient hat. Sicherlich zusammen mit den Labelkollegen Flaming Row einer der interessantesten Beiträge zum Thema "Konzeptalbum" im Jahr 2011.

Anspieltipp(s): macht natürlich bei so einem Konzept eher wenig Sinn
Vergleichbar mit: Ayreon, Flaming Row, Unwritten Pages, Henning Pauly "Babysteps"... so die Richtung
Veröffentlicht am: 21.10.2011
Letzte Änderung: 14.3.2012
Wertung: 12/15

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Von: Nik Brückner @ (Rezension 4 von 6)


Was ist eigentlich los in Deutschland? Jahrelang mussten wir uns mit ein paar studierten Jazzcorern herumschlagen, da schießen plötzlich handfeste Retroprogalben wie Pilze aus dem Boden. Warum hat das so lange gedauert? Wo waren die vor 20 Jahren? Na was soll's - jetzt sind sie ja da. Allen voran "The Fragezeichen Book" von Seven Steps To The Green Door, zur Zeit sicherlich das aufwändigste Retroprog-Projekt aus deutschen Landen.

Die Story ist für ein Konzeptalbum ungewöhnlich komplex, das ist gut, dazu symbolgeladen, wobei jedoch nicht jedes Symbol besonders viel Tiefgang hat - oder auch nur glücklich gewählt ist. Nehmen wir die sechste Tür: Die kleine Verneigung vor Anna Seghers in allen Ehren, aber mal ganz langsam: Hier kreuzigen Nazis Menschen als Strafe für ihre Gutgläubigkeit?!? Ganz sicher? Denn das hat einige ziemlich seltsame Implikationen, die die Band lieber mal zu Ende gedacht hätte. Manchmal erscheint einem jede Biegung um die nächste Ecke naheliegend, aber wenn man um zu viele Ecken gebogen ist, landet man an Orten, an die man absolut nicht gelangen wollte.

Dass Thoralf Koss seinen Kampf gegen die institutionalisierte Religion darüber hinaus eher mit dem Säbel als mit dem Florett ausficht, ist sicherlich nicht jedermanns Sache. Im Vergleich mit dem weit weniger ironiefesten Ian Anderson (der ja das gleiche Thema im Visier hatte) oder der feinsinnigeren Tori Amos sind die Texte von "The ? Book" in jeglicher Hinsicht dritter Sieger, um mehr zu sein, sind sie einfach zu verbissen. Allzu oft ertappt man sich dabei, dass man dem Helden der Geschichte zurufen möchte: "Schau halt vorher, in wen du dich verliebst!". Bissig statt verbissen - das hätte mir persönlich besser gefallen.

Abgesehen davon hätte es dem Album wirklich gutgetan, wenn den Text vor Veröffentlichung mal jemand korrekturgelesen hätte, es wimmelt ja nur so von Grammatik-, Ausdrucks- und Tippfehlern! Ständige Tempowechsel sind auf Progalben jederzeit willkommen, ständige Tempuswechsel dagegen weniger.

Die Musik geht in Ordnung, topp produzierter, solider Neo/Retroprog, Thomas trifft den Nagel (!) auf den Kopf, wenn er schreibt, sie setze "die einzelnen Szenen des Textes mal sehr, mal nicht ganz treffend um". Letzteres trifft leider öfter mal zu. Man fragt sich zum Beispiel, welchen Aspekt der entsprechenden Szene das reichlich fröhliche Uptempo-Ende von "The Last Supper" illustrieren soll. Das feucht-fröhliche Ende des Abendmahls? Ich stimme Thomas auch zu, wenn er die Dichte, die Intensität, das Klaustophobische dessen, was Samuel erlebt, in der Musik nicht so richtig wiederfindet. Besser hätte es funktioniert, wenn man die Klimax der Geschichte in der Musik wiederhören könnte. Wieso verschießt man sein Pulver mit dem metallischen Sound und dem Growling am Anfang des Albums und hebt sich das nicht für den Höhepunkt auf?

Naja, im Großen und Ganzen passt es schon einigermaßen. Mir persönlich ist die Musik halt ein wenig zu brav, zu sehr "von der Stange" und für ein Konzeptalbum zu selbständig. An zu vielen Stellen eröffnen sich musikalische Möglichkeiten, die dann nicht genutzt werden. Wo sich in "The Healing Wonder" z. B. die Chance bietet, das Hauptriff des Songs mal in einen anderen Schlagzeug-Kontext zu stellen, diesen vielleicht sogar wieder und wieder zu verändern, wird dieses Mittel allenfalls punktuell eingesetzt, was die Idee zum bloßen Effekt degradiert. Dass Seven Steps To The Green Door ihr Pulver nicht gleich ganz verschießen, und die Idee dann anderswo (z. B. in "The deadly Crucifiction") doch noch umsetzten, ändert daran nicht viel, denn auch dann bleibt es bei kurzen, eher dekorativen Einfällen. Und wenn man in "The empty room" den Eindruck hat, dass Bass und Keyboard in zwei verschiedenen Metren spielen, führt genaues Hinhören zu der Erkenntnis, dass sie es eben nicht tun. Wenn es dann anderswo mal geschieht, bleibt mir auch das einfach zu zurückhaltend. Mir persönlich macht es immer Spaß, wenn eine Band so mit meinen Erwartungen spielt, aber ob das den Hardcore-Proggern unter uns gefällt, weiß ich nicht.

"The ? Book" ist interessant, aber nicht fesselnd, nett, aber nicht begeisternd, anregend, aber nicht antörnend, kritisch, aber nicht geistreich, dazu kommt, dass das Konzept und die Story reichlich verbissen und sprachlich ziemlich schwach sind. Deshalb rücke ich jetzt als erster von den Spitzennoten ab. Um eines der Meilensteinalben unseres Genres handelt es sich hier ganz sicher nicht.

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 9.11.2011
Letzte Änderung: 21.11.2012
Wertung: 8/15
Sich erst zu verlieben und danach den perfekten Partner aus dem Gegenüber zu formen, geht nicht, ging noch nie, und wird nie gehen. Drum prüfe, wer sich ewig bindet.

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Von: Michael Hirle @ (Rezension 5 von 6)


Nik Brückner ist nicht der Einzige, der "The ? Book" etwas differenzierter sieht. Musikalisch tut sich in den 10 Nummern einiges. Kein Song klingt wie sein Vorgänger und trotzdem wirkt das Album wie aus einem Guss. Vor allem die Pianolinien lassen aufhorchen, können aber trotzdem nicht vermeiden, dass vor meinem inneren Auge immer wieder eine andere Band auftaucht: Sylvan, vor allem deren Konzeptalbum "Posthumous Silence", welches mit ähnlichen Mitteln auch ähnliche Stimmungen heraufbeschwört. Auch wenn die englische Aussprache der Sänger oft zu Wünschen übrig lässt, bleibt "The ? Book" musikalisch ein interessantes, vielschichtiges Album, was zwar DIE Hammermelodie vermissen lässt, sich aber hinter internationalen Veröffentlichungen nicht verstecken muss.

Der wirkliche Schwachpunkt sind die Texte. Die Türthematik lässt vor allem den Klassikfreund aufhorchen. Gabs doch schon mal. Richtig. Herr Bartok hat sich mit diesem Bild schon eingehend in Bela Balazs Geschichte von Herzogs Blaubarts Burg auseinandergesetzt. 7 Türen galt es auch damals zu öffnen. Aber von vorne.

Was nicht im Text wohnt, lässt sich musikalisch auch dort nicht herauszaubern. In der Musik ruht so etwas wie der Blick für das Wahrhafte. Bleibt der Text an der Oberfläche, dringt die Musik selten tiefer. Hier ist das Problem, dass etwas, was der Texter/Autor erlebt und vielleicht als wahr empfunden hat, ins Allgemeine erhoben wird. Wut, Enttäuschungen spiegeln keine Wahrheit wieder, sondern sind oftmals subjektive Wahrnehmungen, welche die andere Seite natürlich auch anders sieht, anders wahrnimmt. Teilwahrheiten. Die Wahrheit selbst liegt, wenn nicht auf einer der Seiten, so doch in der Mitte. Glaube, egal welcher Richtung, lässt sich mit Wut nicht habhaft werden. Wer mit der Wut Antworten sucht, findet ebenso viele Argumente gegen ihn, wie derjenige, der mit dem Herzen sucht und Argumente für ihn findet. Für einen ernsthaften Diskurs über den Glauben geben die Texte zu wenig her. Der Holzhammer verfehlt zwar nicht den Nagel, schlägt aber die Mauer drumherum so mürbe, das am Ende gar nichts mehr bleibt. Außer einem Fragezeichen. Hatten wir das nicht schon bei Herrn Morse? So treffen sich vielleicht beide Seiten, an deren äußersten Enden wieder, und blicken beide auf das eine, selbe Fragezeichen, der unausprechlichen Wahrheit, der in diesem Album leider die eine, große Melodie fehlt.

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit: Sylvan
Veröffentlicht am: 10.11.2011
Letzte Änderung: 11.11.2011
Wertung: 8/15

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Von: Harald Schmidt @ (Rezension 6 von 6)


The Book…? Da war doch was. Stimmt, das gibt es schon seit vielen hundert Jahren und nennt sich übersetzt „Die Bibel“. Und damit ist man mitten im Thema dieses Konzeptalbums. Unter Vogelgezwitscher mischt sich ein Phil Collins-Gedächtnis-Drumcomputer-Rhythmus, Chorgesang setzt ein und mit diesem Arrangement taucht man mit einem idealen atmosphärischen Opener akustisch ein in „Das Buch“.

Aber bevor man an die CD kommt, zieht man etwas verwundert erstmal einen blutigen Nagel aus dem Digibook-Cover, fragt sich wofür er steht, durchblättert das 52-Seiten-Booklet und stolpert über den Hinweis „Please read story before listening“ – und bereits nach wenigen Seiten sieht man sich bestätigt: Der blutige Nagel steht sinnbildlich für das Christentum….und auch als „Pfahl im Fleische“ der Menschheit? Inhaltlich stellen die Geschichte und Erfahrungen des Protagonisten die Antithese zu Neal Morse’s Soloalben: Christlicher Glaube und die Bibel werden hier als Fluch für die Menschheit gezeichnet, statt dessen der Glaube an das Selbst proklamiert. Damit ist für ausreichend Diskussions- und Zündstoff bei der Hörerschaft gesorgt – da gibt es kein „Richtig oder Falsch“, es ist eine Entscheidung an etwas zu glauben, an etwas anders – oder sogar an gar nichts zu glauben.

Musikalisch vielseitig und kraftvoll ist die musikalische Umsetzung dieses in sich konfliktreichen Themas. Die satte und voluminöse Produktion sorgt für ein transparentes Klangbild, sanfte atmosphärische Teile trifft man ebenso an wie beinhartes Riffing, knalliges Schlagzeug und aggressiven Gesang. Dazwischen entfalten sich die Melodien und etwas, das man als modern interpretierten Retro-Prog bezeichnen kann. Die Kompositionen haben Hand und Fuß, funktionieren weitgehend auch außerhalb des Konzepts und auch die Gesangsmelodien in verteilten Rollen können durchaus überzeugen. Dass man Saxophon in diversen Varianten einsetzt wirkt klanglich angenehm bereichernd.

Man bekommt ein musikalisch vielfältiges und ausgewogenes Album, das immer wieder mit überraschenden Wendungen (ganz im Sinne der Konzeptgeschichte) aufwartet und auch prog-untypische Elemente organisch integriert. Über weite Strecken ist der Sound schwer und düster und was die Story angeht, muss man sich auf einen kompromisslosen Ansatz gefasst machen, der nur erklärbar ist durch äußerst schmerzvolle und sehr persönliche Erfahrungen des Autors; daher gut für den Hörer, der den Inhalt abstrahiert und bei der Beurteilung seine persönliche Meinung oder seinen Glauben beiseite lassen kann. Besonders erwähnt sei noch das aufwändige Artwork in Buchform mit dem blutigen Nagel, der gemäß der Story am Ende nicht für die Erlösung des gläubigen Christen steht, sondern für sein Scheitern – der Pfahl im Fleische des ICH?

Anspieltipp(s): Konzeptalben hört man durch - fragen Sie Ihren Progtologen
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 25.3.2012
Letzte Änderung: 25.3.2012
Wertung: 11/15

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