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24106 Rezensionen zu 16473 Alben von 6405 Bands.
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Jean Louis

Morse

(Tipp des Monats 11/2011)
Coverbild
Informationen

Allgemeine Angaben

Erscheinungsjahr: 2010
Besonderheiten/Stil: instrumental; RIO / Avant; sonstiges
Label: Eigenproduktion
Durchschnittswertung: 11.5/15 (4 Rezensionen)

Besetzung

Aymeric Avice trumpet, slide trumpet
Joachim Florent double bass, bass, guitar
Francesco Pastacaldi drums

Tracklist

Disc 1
1. Lady Crash 0:53
2. Schaerbeek 8:43
3. Tartaglia 3:44
4. Doom 8:09
5. Junky Clown 2:01
6. 5tournant 5:20
7. Morses from Mars 1:51
8. Morse 6:42
9. Milwaukee   (On Track 9, the musicians swap instruments) 2:00
10. Sapiens 8:02
11. Doomus 1:07
Gesamtlaufzeit48:32


Rezensionen


Von: Nik Brückner @ (Rezension 1 von 4)


Manchmal fährt man wegen einer bestimmten Band zu einem Festival - wirklich wegblasen tut einen dann aber eine ganz andere. Vielen ging das offensichtlich dieses Jahr (2011) beim Würzburger Freakshow-Festival so. Vermutlich waren viele wegen Anekdoten gekommen - doch die Begeisterung hielt sich in Grenzen und der Applaus blieb lange Zeit verhalten. Der Rezensent ging sogar vor Ende jenes Konzerts. Doch schon vor dem Auftritt der Schweden machte der Spruch die Runde, sie seien offenbar nur die Supportband. Denn vorher hatten Jean Louis DEN PROGFANS KNALLHART IN DEN ORSCH GETRETEN - und dem fulminanten Auftritt der drei Franzosen folgen zu müssen, stellte selbst eine so arrivierte Band wie Anekdoten vor eine kaum zu lösende Aufgabe. Doch von vorn:

Nach einer Umbaupause fanden die Fans auf der Bühne drei Jungs mit Schlagzeug, Kontrabass und Trompete vor. Was sollte das schon werden.... Dieser Eindruck verlor sich sofort, als sich Aymeric Avice gleich mal zwei der goldenen Hörner auf einmal ins Maul schob und beiden gleichzeitig kräftig einen blies. Und uns weg! Denn die drei machten einen derartigen Krach, dass man sich um seine Ohren sorgen musste...

Dabei brauchte man eine ganze Weile, um zu verstehen, was da eigentlich passierte: Denn anstelle von Trompeten hörte man nämlich scharfe Gitarrensounds, anstelle eines Kontrabass schneidendes, kaum zuzuordnendes Gekratze; dazwischen immer wieder elektronische Klänge und nur selten mal die gewohnten Töne, die diese Instrumente sonst so von sich geben: Jean Louis setzen Effektgeräte ein, um ihre Instrumente nicht nach ihren Instrumenten klingen zu lassen. Die Klänge werden damit bis zur Unkenntlichkeit verfremdet, umgebogen und verzerrt. So erzeugen die Musiker RIO-Dissonanzen, fremdartig krachende Grooves, knallhart-punkige Riffs und zehrende Sounds, die bisweilen an die Grenze des Erträglichen gehen. Für normale Menschen... Die Zuhörer in Würzburg dagegen dankten es Jean Louis mit frenetischen Standing Ovations... Der wahre progressive Rock ist eben in Würzburg zu Hause.

Das Album (der Titel "Morse" hat etwas Ironisches, wenngleich sicherlich unfreiwillig) ist naturgemäß zahmer - wenn auch nur ein wenig. Jean Louis tun hier im Prinzip dasselbe, was sie auch auf der Bühne tun, nur ist es hier hörbarer, nicht so überwältigend krachig. Sie erreichen ihren auch hier massiven Sound mittels elektronischer Effekte, aber auch Francesco Pastacaldis manische Schlagzeugarbeit trägt ihren Teil zur Sperrigkeit der Musik bei.

Mal dahinströmend, mal rifforientiert ist Jean Louis immer dissonant, höchst anstrengend, meist krachig und sperrig und eigentlich nie entspannt jazzig. Das ist es ja schließlich, was Jazz zum Jazzcore macht. Die Freiheit, nach der die Musiker ganz offenbar suchen, hat immer etwas Anarchisches und der experimentelle Weg, den sie dabei beschreiten, ist ein Dokument ihrer Suche nach dem absoluten Ausdruck. Wenn es notwendig ist, bellt zu stampfenden Rhythmen eben ein Hund, dazu schrubbt ein zur Unkenntlichkeit verzerrter Bass und zwei Trompeten erklingen gleichzeitig in einer Art elektronisch-dissonantem Singsang. Dann wieder wird es fast metalartig krass, schweres Geriffe bricht über den Hörer hinein, nein, Rücksicht nehmen Jean Louis dabei nicht. Sie befinden sich jenseits solcher Kategorien wie Schönheit oder Hässlichkeit, ihr Drang nach Expressivität sucht sich die Form, die er braucht und damit ist's gut. Kunst? Hier ist der Ausdruck mal wirklich angebracht. Grandios.

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit: dem Ende von King Crimsons "21st century schizoid man"
Veröffentlicht am: 5.10.2011
Letzte Änderung: 5.10.2011
Wertung: 14/15
Danke Charly! Du hast - wieder einmal - mein Leben verändert!

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Von: Achim Breiling @ (Rezension 2 von 4)


In der Tat, bei ihrem Auftritt beim Würzburger Freakshow-Festival im Herbst 2011 haben Jean Louis einen ziemlich beeindruckenden Krach veranstaltet, den so niemand der Anwesenden erwartet hatte (mit Ausnahme vielleicht des Veranstalters). Mit einem besessen agierenden Schlagzeuger, einem gestrichenen oder bezupften Kontrabass und mehreren, mitunter gleichzeitig beblasenen, trompetenverwandten Blechblasinstrumenten veranstaltete das Trio einen effektverfremdeten Lärm, der zumindest an jenem Nachmittag in Franken seinesgleichen suchte. Gerade Bass und Trompete erzeugten dabei mitunter Klänge, die man normalerweise nicht mit diesen Instrumenten in Verbindung bringen würde.

Jazzcore oder Hardcorejazz ist wohl eine ganz passende Bezeichnung für diese Musik, zumindest wenn man das Genre in dem Kontrabass, Schlagzeug und Trompete traditioneller Weise gemeinsam verwendet werden mit der punkig-extremen Art und Weise wie hier mit denselben musiziert wird zu verbinden versucht. Das Ergebnis ist ein ziemliches Brett, doch nutz sich das Ganze auf Dauer etwas ab, ist doch das angewandte Konzept der Band bei jedem Stück sehr ähnlich: Bass und Schlagzeug wüten sehr gut aufeinander abgestimmt voran; dazu gibt es ziemlich erratische, meist stark verfremdete Trompeteneinwürfe, die sich nur teilweise in das von den anderen beiden Musikern vorgegebene rhythmische Gefüge einordnen.

Das eben gesagte lässt sich ziemlich direkt auf den hier zu rezensierenden Zweitling der Franzosen übertragen, auch wenn auf "Morse" noch ein paar wenige weitere Instrumente eingesetzt werden, die es im Konzert nicht zu hören gab. Ihren Livesound und die raue Atmosphäre können die drei übrigens problemlos auch im Studio erzeugen. Restlos begeistert bin ich nicht. Mein Hauptkritikpunkt: Das klingt doch immer recht ähnlich. Gerade die längeren Stücke, z.B. die drei Achtminüter, sind doch sehr gleich gestrickt, was sich bei einem Tonträger, insbesondere bei wiederholten Durchläufen, doch weitaus störender bemerkbar macht, als bei einem Konzert. Etwas mehr Struktur und Linie (Komposition) wäre trotz aller überbordender Expressivität und Anarchie bisweilen auch angebracht.

Beeindruckend ist das auf "Morse" Gebotene durchaus, wenn es auch nicht extrem originell oder einzigartig dasteht. Da gibt es im Hardcore-Bereich durchaus ähnlich durchgeknallte Kapellen, die mitunter auch Jazziges in ihre Musik einbauen. Eine ähnliche stark verfremdete und heftig verzerrte Trompete spielt übrigens auch Andy Diagram von "David Thomas & Two Pale Boys" und das schon seit über 10 Jahren! So euphorisiert wie mein Vorschreiber möchte ich "Morse" daher auch nicht bewerten. Trotzdem sei das hübsch in einer Blechdose verpackte Album allen Freunden von schräg-derbem Avantprog empfohlen, so sie denn nicht grossen Wert auf Melodien legen!

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 13.10.2011
Letzte Änderung: 25.10.2011
Wertung: 9/15

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Von: Christian Rode @ (Rezension 3 von 4)


Ich gehöre nicht zu den Glücklichen, die bei der wohl vorzüglichen Performance von Jean Louis in Würzburg dabei sein konnten. Nachdem ich jedoch die euphorische erste Rezi zur CD gelesen hatte, gab es für mich kein Halten mehr: das Dingen - und auch das Debüt, man ist ja als Rezensent quasi von Hause aus Komplettist - musste bestellt werden!

Nun gehöre ich auch nicht zu den Glücklichen, die das Werk von David Thomas & The Two Pale Boys kennen, die schon seit Jahren anscheinend Vergleichbares produzieren. Ein starker Einwand ist dies für mich trotzdem nicht, denn wie viele Bands, die vorzügliche Musik machen, lassen sich mit Genesis, Yes oder King Crimson vergleichen...? Und das besondere Klangbild, das durch eine Minimalbasis von Schlagzeug, Bass und Trompete (!) erzeugt wird, ist schon - auch für Avant-Prog - eher ungewöhnlich.

Die Frage ist dann für mich einfach: wie homogen ist der Sound, der erzeugt wird, und wie gut oder wie schlecht ist das? Und welche Entwicklung hat sich seit dem Debüt getan?

Ihren spezifischen Stil haben die Franzosen bereits mit ihrem Debüt Jean Louis im Jahr 2008 vorgelegt: die Rauheit, die Schrägheit, das dynamische Wechselspiel von Rhythmusbasis und leitender Trompete, die allerlei Jazz-Adäquates produziert. Als wirklich neues Instrument wird auf Morse allein die Gitarre eingeführt, die hier und da neue Akzente setzt, die aber nicht so recht aus dem vorgegebenen Rahmen fallen. Es klingt mehr so, dass auf Morse der bereits entwickelte Sound gekonnt variiert wird.

Es wechseln dabei ruhigere Phasen mit hochfrequent dynamischen, sodass ich nicht behaupten könnte, dass sich Langeweile einstellt. Ganz im Gegenteil! Jean Louis verstehen es, ihren rau-avantgardistischen Klang, der immer mal wieder an die heftigen Sachen von King Crimson erinnert, auf die Dauer so zu gestalten, dass man ständig gefangen ist, dass man sich beständig fragt: was passiert wohl als Nächstes? Was man nicht erwarten darf, dass sind einnehmende Melodien und ein harmonisches Schwelgen. Aber das erwarte ich auch nicht, wenn ich diese Art Musik höre.

Ich kann - wenn ich die beiden Alben vergleiche - gar nicht mal sagen, ob mir eins besser gefällt als das andere. Das spricht vielleicht doch für einen Mangel an Differenz. Aber eben nur zwischen den beiden Alben dieser Band. Und da bin ich an dem Punkt, wo ich mich fragen muss, ob sich Jean Louis nicht vielleicht doch zu wenig weiter entwickelt haben. Das gleiche Problem stellt sich ähnlich, wenn ich die beiden King Crimson-Alben In the Court und In the Wake vergleiche; ist In the Wake nur ein müder Abklatsch oder doch eine gekonnte Variation des Debüts? Ähnlich klingen beide, aber In the Wake setzt doch einige eigene Akzente. Ich liebe beide Scheiben! Jede auf ihre Weise. Es fällt mir schwer, eines der Alben abzuwerten, auch nicht das Zweite, weil es ähnlich klingt. Aber ein Argument wäre das schon. Das sehe ich ein.

Insgesamt klingt Morse - wie es der Name verspricht! - schon etwas eingängiger und rhythmischer, etwas weniger jazzig, wenn man das so behaupten kann. Aber abgesehen von dem Vergleich fasziniert an Morse einfach diese Unbändigkeit mit der hier große Komplexität rüber gebracht wird. Und eben dieses ganz besondere Klangbild, das durch das Zusammenspiel minimaler Instrumentierung, insbesondere der Trompete, erzeugt wird. Das ist einfach klasse gemacht!

Anspieltipp(s): Schaerbeek, Doom
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 24.10.2011
Letzte Änderung: 6.3.2012
Wertung: 12/15

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Von: Horst Straske @ (Rezension 4 von 4)


Jean Louis musizieren auf "Morse" am Rande eines durchorganisierten Wahnsinns und lassen alle traditionellen Kompositionsstrukturen weitgehend außer Acht, indem sie selbst die Improvisationsfreiheit des Jazz gleichsam als altbackenes Korsett abstreifen. Das Album steht im Zeichen eines jazzig-punkigen Soundgewitters, das in seiner Kompromisslosigkeit und Entschlossenheit keinerlei Rücksicht auf bewährte Hörgewohnheiten nimmt. Sicherlich klingt dies über weite Strecken anarchisch, verstrickt sich trotz aller freien Zügellosigkeit dennoch in seiner Gesamtheit nicht im vollends übertriebenen Klanggewirr. Ohne jeden Zweifel tendieren die Franzosen bewusst in Richtung der Schmerzgrenze des auch noch so aufgeschlossenen Hörers und überschreiten diese auch bewusst und entschlossen, wobei aber der Bogen dennoch nicht überspannt wird.

Was dazu beiträgt, dass sich dieses Tondokument nicht in überzogenen und sinnlosen Klangeskapaden entleert, ist die Tatsache, dass der hier dargebotene Avant-Industrial trotz aller Krachattacken von einem wunderbar rotzigen Groove geprägt ist. Dieser kommt insbesondere in Form von wuchtigen Basslinien zum Vorschein, welche auch auf dem Tonträger wahrhaft durch Mark und Bein gehen, aber live natürlich noch druckvoller rüberkommen. Auch wenn die Franzosen sich bewusst einen feuchten Kehricht um herkömmliche stilistische Vorgaben scheren, ist ihr Soundbild doch stets von einer durchdachten Basis erfüllt und entlädt sich nicht in einem - wie zu befürchtenden pseudointellektuellen Avantgarde-Gewitter - bei dem sich der Hörer fragt, ob er inspiriert oder zum Narren gehalten werden soll. Nein, solcherlei Vorwürfe können die Franzosen entschieden von sich weisen, obwohl sie gleichwohl bewusst die Toleranzgrenze des Hörers mit voller Wucht ins Visier nehmen. Es grenzt an ein Wunder, dass ein Anhören des Albums keinesfalls zur aufopfernden Selbstkasteiung wird, sondern der schräg-experimentelle Groove bei weiteren Hördurchgängen auf seltsame Weise hypnotisiert, ja gefangen nimmt.

Insgesamt loten Jean Louis Grenzen aus und überschreiten diese, können aber in das produzierte Wirrwarr unter Einbeziehung dezenter Grooveelemente trotz allem nachvollziehbare Strukturen einbauen. Der Sound könnte sogar noch ein Spur druckvoller aus den Boxen kommen. Zum Abschluss sei der Standpunkt geäußert, dass solcherlei Musik trotz all ihres Mutes und ihrer Motivation, mit alten Konventionen zu brechen, nicht als "Befreiung" vom traditionellen "Muff" des althergebrachten Progrocks hochstilisiert werden sollte. Jean Louis sind in einem ganz anderen Metier als die typischen Prog-Heroen angesiedelt und richten sich generell an aufgeschlossene Hörerschaften zwecks musikalischer Horizonterweiterung. Wahrhaft progressive "Heilsbringer" sind sie keinesfalls.

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 28.10.2011
Letzte Änderung: 31.10.2011
Wertung: 11/15

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