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Reflexionen zum Progressive Rock (16.11.2017)
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Steven Wilson

The Raven That Refused To Sing And Other Stories

Coverbild
Informationen

Allgemeine Angaben

Erscheinungsjahr: 2013
Besonderheiten/Stil: New Artrock; RetroProg
Label: K Scope
Durchschnittswertung: 11.44/15 (10 Rezensionen)

Besetzung

Steven Wilson vocals, mellotron, keyboards, guitars, bass guitar on “The Holy Drinker”

Gastmusiker

Nick Beggs bass guitar, chapman sticks on “The Holy Drinker”, backing vocals
Guthrie Govan lead guitar
Adam Holzman fender rhodes, hammond organ, piano, minimoog
Marco Minnemann drums, percussion
Theo Travis flutes, saxophones, clarinet
Jakko Jakszyk additional vocals on “Luminol” and “The Watchtower”
Alan Parsons haw-haw guitar on “The Holy Drinker”

Tracklist

Disc 1
1. Luminol 12:10
2. Drive Home 7:37
3. The Holy Drinker 10:14
4. The Pin Drop 5:03
5. The Watchmaker 11:42
6. The Raven That Refused To Sing 7:57
Gesamtlaufzeit54:43


Rezensionen


Von: Markus Peltner @ (Rezension 1 von 10)


Man weiß einfach nicht, wie Steven Wilson das alles zustande bringt. Da mischt er alte Klassiker des Progressive Rock ab, bedient seine diversen Bandprojekte, spielt als Gastmusiker auf Veröffentlichungen anderer Bands und findet trotzdem noch die Zeit, eigene Soloprojekte zu verwirklichen. Sein Tag scheint 72 Stunden zu haben. Hat er aber nicht! Nun könnte man meinen, dass dies der Qualität der Werke nicht gerade zuträglich wäre. Doch weit gefehlt, auch das neue Album „The Raven That Refused To Sing And Other Stories“ bewegt sich auf allerhöchstem Niveau. So klingt Progressive Rock, der im 21. Jahrhundert angekommen ist.

Seit drei Tagen habe ich nun das Vergnügen dieses Album rauf und runter hören zu dürfen. Und es ist wahrlich ein Vergnügen, welches sich bei mir jedoch definitiv nicht beim ersten Hören einzustellen vermochte. Einige Durchläufe waren notwendig, aber dann öffnete sich dieses Buch mit den sechs Geschichten, die ich bereits jetzt nicht mehr missen möchte.

Neben sehr schönen und eindringlichen, allerdings sehr kurzen Texten finden sich hier verstörende Abschnitte, die sich in Harmonien auflösen, welche nur so vor Melodiösität strotzen, und ungerade Takte, die im Laufe des Titels wieder in „gewohntere“ Gefilde übergehen. Treibende Parts gibt es, in denen durch die Rhythmusfraktion Druck erzeugt wird, um nur wenig später wieder in fast schon schwebende Melancholie überzugehen, die dann vom Piano oder der Gitarre dominiert werden, aber auch tieftraurige Passagen und anschließend wiederum Parts, die wahrlich vor Lebensfreude nur so strotzen. Das alles ist verpackt in sechs Titel, die in sich abwechslungsreicher gar nicht gestaltet sein könnten.

Immer wieder kann man dabei die Musik von King Crimson Mitte der 70er Jahre heraushören und auch Jethro-Tull-Anleihen, was nur wenig am Einsatz einer Querflöte liegt, bleiben dem Zuhörer nicht verborgen. Das ist nicht sehr überraschend, nach der Arbeit die Steven Wilsons mit dem Remastering diverser Alben aus jener Zeit geleistet hat. Bei all diesen Reminiszenzen fehlt jedoch völlig der fade Beigeschmack des Abkupferns. Vielmehr wurde die Musik in die Zeit etwa 40 Jahre später transportiert, aktualisiert und auch verfeinert und zusätzlich mit den ureigenen Zutaten der Musik des Steven Wilson versehen, wodurch die einzelnen Lieder auf „The Raven That Refused To Sing And Other Stories“ in einem völlig neuen Gewand erscheinen. Spannend, abwechslungsreich und durchaus auch neu, unverbraucht und bisher ungehört.

Fazit: „The Raven That Refused To Sing And Other Stories“ ist ein sehr abwechslungsreiches Album geworden. Spannend vom ersten bis zum letzten Takt. Über allem liegt zwar eine mehr oder weniger vorhandene und manches Mal auch nur latent zu spürende Traurigkeit, allerdings wird der Hörer immer wieder aufgefangen, eingefangen und umarmt. Umarmt mit Akkorden, Melodien und Stimmungen, die es zu genießen lohnt, denen man sich in ihrer Mannigfaltigkeit ganz hingeben kann, die nie langweilig werden und immer wieder begeistern können.

Das Album ist übrigens in mehreren Varianten zu haben. Neben der CD auch auf Blue Ray und der Limited Edition mit DVD, worauf sich die Lieder im 5.1 Mix befinden sowie mit einer Kunst- und Photo-Gallery und einer Studio-Dokumentation.

Anspieltipp(s): The Watchmaker, The Raven That Refused To Sing und der Rest
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 2.3.2013
Letzte Änderung: 12.3.2013
Wertung: 13/15

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Von: Federico Chavez @ (Rezension 2 von 10)


„Steven Wilson is a contemporary genius“ steht auf diesem überflüssigen Sticker auf der Plastikfolie, und dass er Grammy–nominiert ist, muss natürlich auch angemerkt werden. Es war ein langer Weg, aber er hat es tatsächlich nach „oben“ geschafft. Porcupine Tree bzw. Steven Wilson kann man neben Bands wie Dream Theater, Mars Volta, Tool usw. einreihen - Bands aus „unserem“ Genre, die es in den Mainstream geschafft haben.

Waren es früher die Dream Theater-Fans, die einem mit ihrer Vergötterung auffielen, sind es heute die PT/Wilson-Anhänger (und ich war selber mal einer von den DT-Verehrern). In den letzten Jahren wurde so ziemlich jede Veröffentlichung ihres Messias jenseits von irgendwelchen Böden der Tatsachen als Geniestreich gehandelt, obwohl es sich z.T. nur um aufgewärmten kalten Kaffee handelte. Vor allem geschah das in Medien, die eigentlich nichts mit progressiver Rockmusik am Hut haben.

Progressive Rockmusik im Wortsinn ist das neue Album von Wilson zwar keineswegs, aber selbstverständlich steckt hier jede Menge klassischer Progressive Rock in der Musik, zusammen mit dem typischen Porcupine Tree „New Artrock“ und ein paar Elementen aus dem Jazz. Dabei äussern sich die Prog-Zitate und Verbeugungen vor den Größen des Genres, wie King Crimson, Yes, Genesis, King Crimson, Jethro Tull, Pink Floyd, King Crimson etc. - oftmals als kleine instrumentale Ausbrecher aus dem New-Artrock-Geplätscher, das im Vergleich zum Vorgänger leider wieder verstärkt vertreten ist. Und bezeichnenderweise sind diese Hommagen das Beste am Album. Jazz wird zwischendurch weniger offensichtlich dazugestreut, kann aber manchmal auch aktiv für recht coole, groovige Parts sorgen. Ansonsten beherrscht viel Langweile das Geschehen. Das schon erwähnte Geplätscher einerseits, aber auch kitschige balladenartige Momente (natürlich mit Streichern im Hintergrund!), inklusive dem üblichen belanglosen Gesang. Das Schlimmste ist aber dieses lautmalerische, immer wieder auftauchende „Aaaahh“-Geträller.

Produziert und eingespielt ist The Raven That Refused To Sing (And Other Stories) perfekt – keine Frage. Steven Wilson ist vor allem ein genialer Produzent und Mixer. Er weiss ganz genau wie und was er machen muss, um es seinen Fans recht zu machen, um ihnen das zu geben, was sie wollen. Genau deswegen hat er so einen Erfolg und kann ihn stets ausbauen. Einem wilden, instrumentalen Part muss natürlich etwas Ruhiges folgen. Aus der Ruhe muss wieder Spannung aufgebaut werden, die dann in einen rockigen Part übergehen muss. Und am Ende gibt es noch ein Gitarrensolo obendrauf ... usw. Aufgepeppt wird das Schema mit vielen Prog-Reminiszenzen, ein wenig Jazz; perfekt eingespielt von Profis und mit Unterstützung von Alan Parsons, u.a. Toningenieur von Dark Side Of The Moon, ... klar klingt das Album gut.

Am Ende des Tages bleibt ein nettes, aber auch teilweise langweiliges Album mit vielen Retromomenten, aus dem nach ein paar Durchläufen die Luft raus ist. Ich bin mir sicher, wenn Wilson wollte, könnte er alle paar Monate so ein Album zusammenschustern und verkaufen.

Anspieltipp(s): Luminol
Vergleichbar mit: Hollywood
Veröffentlicht am: 9.3.2013
Letzte Änderung: 9.3.2013
Wertung: 9/15

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Von: Thomas Kohlruß (Rezension 3 von 10)


„Progressive Rock“ ist mein Steckenpferd, wen wundert‘s. Da ist es immer wieder schön, wenn Alben erscheinen, die mich intellektuell und vor allem emotional so bewegen, wie die Klassiker „unseres“ Genres aus den 70ern. Das ist zugegebenermaßen – trotz vieler guter Alben – eher selten geworden. Änglagard haben einige solcher Alben veröffentlicht, auch Echolyn und die Flower Kings vereinzelt. Dann kam 2012 das phänomenale „The Death Defying Unicorn“... und dieses Jahr – 2013 - „The Raven...“.

“The Raven…“ ist eine Art Referenzhölle… man kann nahezu in jedem Song etwas finden, was als Zitat oder Hommage herhalten kann. Yes sehr offensichtlich in „Luminol“ (vielleicht auch gleich noch Gentle Giant, wegen der kurzen Choreinlage), King Crimson aller Orten, Pink Floyd schwingt bei Wilson eh' öfters mit, Soft Machine in „The Pin Drop“, nach dem Rush-Zitat in „The Watchmaker“ suche ich noch (ha, jetzt habe ich es, um 09:50 min herum, so ein „Tom Sawyer“-Part)... das ist aber alles nicht so übermäßig wichtig in meinen Ohren und man sollte sich davon keinesfalls den Gesamt-Genuss verstellen lassen. Wilson sagt dazu in Interviews: „Wenn Du 14 Stunden an solchen Klassikeralben (gemeint sind seine Restaurierungsaktivitäten mit King Crimson-, Jethro Tull-, ELP- und Caravan-Alben) arbeitest, dann hast du abends, wenn du dich um deine eigene Musik kümmerst, diese phantastische Musik noch im Kopf. Ich bin mit den 70er Jahren aufgewachsen (interessant, ich nicht, dabei sind Wilson und ich fast gleich alt) und habe sie rauf und runter gehört. Jetzt bin ich wieder tief darin eingetaucht. Es hat mich in meine eigene Vergangenheit versetzt und mich enorm inspiriert.“ Und dann noch: „Ich möchte ein 'musical director' so wie Frank Zappa. Meine Ideen mit verschiedenen Musikern umsetzen, keine Grenzen kennen, nicht zweimal das Gleiche tun.“

Eigentlich ist damit schon alles über „The Raven...“ gesagt und warum das Album so ist, wie es ist. Sechs, von Steven Wilson geschriebene 'Geistergeschichten', die Basis für die Lyrics waren, werden hier vertont. Der Albumtitel stellt sicherlich nicht unbeabsichtigt einen Bezug zu E.A. Poe (und vielleicht einem Werk von Alan Parsons) her. Harte, treibende Bässe, teils stark im Vordergrund, unglaublich facettenreiches Schlagzeugspiel, variantenreiche, teils verstörende, teils sehr jazzige Tastenklänge, elegische Gitarrenarbeit (gelegentliche zersetzende Riffs – siehe „The Holy Drinker“ in den letzten 1 ½ Minuten – inklusive), verspielte Flöten sowie jazziges Saxophon und Klarinette sind die Ingredenzien aus denen Wilson seine Musik hier braut. Und natürlich viel Mellotron, Chöre, Streicher, Flöten im Überfluss. Er war sich natürlich bewusst mit welchen Musikern er dieses Album verwirklichen würde (nur Govan war eine Unbekannte) und welche Fähigkeiten zu erwarten waren. So hat er ihnen die Musik auf den Leib komponiert. Gerade die längeren Stücke sind Paradebeispiele für gelungenen Spannungsaufbau, hymnische Entladungen, geschickte Wendungen, farbige Arrangements und großartige, ergreifende Melodien. Da tobt sich in einem Moment die Band noch aus, dann entlädt sich alles in ruhige Momente, wie wenn ein Fluss an seiner Mündung ins große Meer fließt, nur um in einem postrockigen Bombast-Final zu enden. Wilson hat hier sowohl als Komponist wie auch als Arrangeur seinen bisherigen Zenit erreicht. Die fantastischen Musiker steuern natürlich ihren Teil zum Gesamterlebnis bei. Vielleicht ist die Musik nicht düster genug für Geistergeschichten, aber allemal sehr emotional. Ob noch mal mehr geht? Keine Ahnung...

Was dieses Album darüberhinaus so besonders macht, ist, dass es bei aller Retro-Orientierung gar nicht mal so retro, geschweige denn altbacken klingt. Wilson verbindet neben den klassischen Vorbildern nämlich durchaus einen ordentlichen Schuss seiner eigenen Vergangenheit in seiner Musik. Da lugen eben auch mal New Artrock-Passagen um die Ecke und „Drive Home“ klingt gar wie ein Blackfield oder Porcupine Tree-Song, der von einem Jazzensemble gecovert wird. Letzterer Song lässt auch noch eines der schönsten Gitarrensolos aller Zeiten erklingen (obwohl "The Watchmaker" auch mit einem tollen Solo aufwarten kann). Und natürlich trägt auch Steven Wilson charakteristischer Gesang (ob nun langweilig oder nicht) dazu bei.

So ist „The Raven That Refused To Sing“ für mich ein Album, welches in der Tradition des klassischen Progressive Rock steht und sich mit den Klassikern des Genres durchaus auf Augenhöhe messen kann. Da Steven Wilson sich beherrscht hat und nach dem monumentalen „Grace For Drowning“ nicht noch einen drauf gesetzt hat, sondern sich eher etwas zurückgenommen hat und ein viel in sich stimmigeres, organisches Album vorgelegt hat, macht die ganze Sache noch stärker. Da hatte ich schon bei „Grace For Drowning“ geschrieben „jeder Ton sitzt an seinem Platz“, da zeigt mir Steven Wilson, es geht noch exakter. Diese Musik wird zeitlos sein (das ist natürlich im Moment nur eine Prophezeiung und ein gutes Stück Hoffnung).

Das Album hat auch einen faszinierenden, natürlichen Klang. Nicht umsonst hat sich Wilson mit Alan Parsons einen Soundmagier aus den 70ern an die Seite geholt. Angeblich wurde das Album auch in nur sieben Tagen sozusagen live im Studio eingespielt, was vielleicht die Dynamik und die Lebendigkeit erklärt.

In manchen Ausgaben liegt noch eine DVD bei, auf der man das 'making of' ein bisschen beobachten kann. Die Musiker sind voller Spaß bei der Sache und wirken so gelöst wie Kinder beim Spiel im Sandkasten. Außerdem kann man die Musik auch noch als 5.1-Surround-Mix genießen. Und hier hat Wilson auch ganze Arbeit geleistet, denn dieser Mix ist so filigran, dass zwar die Instrumente immer wieder den ganzen Raum ausfüllen und interessante Effekte, die Platzierung einzelner Instrumente „in Ecken“ erklingen, aber der Charakter des Albums trotzdem erhalten bleibt. Ein schöne Erfahrung ist dieser Mix allemal.

Klassischer Progressive Rock in zeitgenössischem Gewand, wie schön ist das. Ach ja, erwähnte ich es schon? Das könnte glatt das Album des Jahres sein...

Anspieltipp(s): ach was, ihr kennt das Album ja eh schon alle...
Vergleichbar mit: Steven Wilsons wundervoller Welt musikalischer Erlebnisse
Veröffentlicht am: 10.3.2013
Letzte Änderung: 18.3.2013
Wertung: 15/15
...wahrscheinlich mit einem Euphorie-Fanboy-Aufschlag, aber mehr als ein Punkt ist das sicherlich nicht...

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Von: Christian Rode @ (Rezension 4 von 10)


„The Raven that refused to sing and other stories“ ist ein Konzeptalbum. Die Musik weckt verschiedentlich Assoziationen an klassischen Prog der 70er Jahre. Es finden sich Zitate und Anklänge an so unterschiedliche Bands wie Yes, Genesis, Renaissance, Gentle Giant, Pink Floyd, King Crimson, Camel, Jethro Tull, Caravan und Rush. Andererseits knüpft Wilson beim Sound aber auch an sein eigenes Solo-Werk und seine ehemalige Hausband Porcupine Tree an.

Da man schon beim ersten Hinhören an verschiedenen Stellen auf klassische Prog-Referenzen stößt - nicht zuletzt dieser intensive Mellotron-Einsatz, aber auch die Flötenpräsenz! -, ist man vielleicht geneigt, das Album schnell in die Schublade Retro-Prog zu schieben. Das ist gewiss nicht unberechtigt, unterschlägt aber eben auch den modernen Anteil, der meines Erachtens bei oftmaligem Hören immer mehr die Oberhand in der Wahrnehmung gewinnt, sodass „The Raven“ für mich am Ende ein modernes Prog-Album mit einigen klaren klassischen Referenzen geworden ist.

Nur sechs Stücke verteilen sich auf eine Spielzeit von fast 55 Minuten. Drei komplexere, mehrteilige, längere Stücke (zehn bis zwölf Minuten) wechseln sich ab mit drei „kürzeren“ (fünf bis acht Minuten). Der Retrobezug ist dabei bei den längeren Stücken ausgeprägter, aber das Album hat dennoch eine durchaus einheitliche Gesamtstimmung, wirkt wie aus einem Guss.

Für mich ist besonders erfreulich, dass Wilson auf offensichtliche Fehler des Vorgängeralbums „verzichtet“: das Album ist konzentriert komponiert und nachvollziehbar aufgebaut; es ist bei keinem Song eine einfache „Hommage“ an eine Genregröße geworden, sondern der Retro-Bezug ist wesentlich subtiler verarbeitet; und es wird auf leicht nervende musikalische Gimmicks zugunsten eines absolut organischen Sounds verzichtet. Es sind wieder mehr Songs als Stimmungen zu hören.

Ein kurzer Hinweis zum Konzept der Texte: es handelt sich bei „The Raven that refused to sing and other stories“ durchweg um kleine skurrile, unheimliche Geschichten, wie die vom Uhrmacher, der seine Frau nach fünfzig Jahren Ehe tötet, die aber doch nicht von ihm weichen will (The Watchmaker), oder vom Straßenmusiker, bei dem niemand merkt, dass er eigentlich schon längst gestorben ist (Luminol). Das Thema ist stets die Verwischung des Gegensatzes von Leben und Tod. Und genau diese Verwischung von Grenzen betreibt Wilson ja auch musikalisch, so dass sich dies als das durchgängig erkennbare Konzept des Albums insgesamt kennzeichnen lässt.

Steven Wilson hat - vermutlich angetrieben durch seine langjährige Tätigkeit als Remixer klassischer Prog-Alben - nach ersten Ansätzen auf „Grace from Drowning“ nun seinen Frieden mit dem Prog gemacht. Die abwertende Meinung über Retroprog, die er vor einigen Jahren noch hegte, dürfte sich damit erledigt haben. Damit ist auch die Entwicklung vom eher experimentellen „Insurgentes“ über das noch unentschlossene „Grace for Drowning“ hin zum in sich stimmigen modernen Prog, der sich seiner historischen Bezüge nur allzu bewusst ist, ohne sich darauf reduzieren zu lassen, abgeschlossen.

Anspieltipp(s): Luminol, Drive Home, The Watchmaker
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 10.3.2013
Letzte Änderung: 27.2.2015
Wertung: 13/15

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Von: Günter Schote @ (Rezension 5 von 10)


Die Welt ist gut, die Welt ist schlecht, sangen Extrabreit einst im Mai und genau diese Zeilen kamen mir im Vorfeld der Veröffentlichung des jüngsten Steven Wilson Outputs in den Sinn. Soviel Lobhudelei vorab kombiniert mit dem wiederkehrenden Refrain, „The Raven that Refused to Sing“ sei genial, ein das Genre neu definierendes Werk, beste Prog-Platte der letzten 20 Jahre etc., während alles andere oller Käse sei, machten mich ein wenig neugierig und reichlich stutzig zugleich.

Auf alle Fälle ist das Album rezensentenfreundlich, denn man kann es grundsätzlich kurz abhandeln. Mit Alan Parsons an der Seite hat es Wilson mal wieder geschafft, einen modernen, knackigen und dabei auch noch warmen Sound zu kreieren. Etwas anders war nicht zu erwarten. Ex-Art Nouveau Bassist Nick Beggs, der sich in den letzten Jahren auffällig positiv in der Prog-Szene breit machte, ist ein zusätzlicher Pluspunkt des Albums. Die Songs sind komplex, ohne größere Längen. Das Manko (wenn man es denn als solches betrachten möchte) ist die Tatsache, dass hier Yes, Genesis, Tull, Rush und natürlich King Crimson an allen Ecken und Enden heraustönen. Das ist nicht schlimm. Es mag sogar toll sein. Jedoch führt es eben dazu, dass der Musik die Originalität fehlt. Man stelle sich vor, die 1974er KC spielen 1974er Yes und versuchen dabei wie 1974er Rush zu klingen. Da fällt mir noch ein Zitat ein: „Die Rockmusik hat 1974 ihren Höhepunkt erreicht. Das ist wissenschaftlich belegt!“. Wilsons sangesunwilliger Rabe ist ein weiterer Beweis.

Die Songs handeln allesamt von Geistern. Nicht, dass die Musik darauf zugeschnitten wäre, genauso gut könnte Wilson vom Bootsbau oder einem Puerto-Ricaner in New York singen. Tut er aber nicht. Geister sind’s! Meist stirbt jemand und sucht sein altes Umfeld irgendwie heim. Ich persönlich denke, dass es sich dabei mal um ein ganz erfreuliches Konzept handelt, das jedoch in Zukunft hoffentlich nicht allzu viele Nachahmer findet.

Wenn Wilson-Fans bei diesem Album von einem Meisterwerk sprechen, dann gönne ich ihnen das. Tritt man jedoch mal einen Schritt zurück, dann bleibt „nur“ ein tolles Progressive Rock-Album, dass einiges verbrät, was man an unserem Genre lieben kann und dabei jugendlich frisch klingt. Daumen hoch, sollte man besitzen!

Anspieltipp(s): Luminol
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 11.3.2013
Letzte Änderung: 11.3.2013
Wertung: 11/15
Ein Geisterwerk!

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Von: Jörg Schumann @ (Rezension 6 von 10)


"Allerhöchstes Niveau", "vor Melodiösität strotzend", "Titel, die sich abwechslungsreicher gar nicht gestalten könnten", "Faszination für Progrock", "mit den Klassikern des Genre auf Augenhöhe", "Album des Jahres".

Was ist "the Raven"? Nun, zuerst mal ist es offenbar ein Album über sechs Geistergeschichten, die vertont wurden. Okay. Aber sollte das dann nicht auch irgendwie musikalisch nachvollziehbar rüberkommen? Wirklich gruselig wirds bei keinem der Stücke. Da nützt es auch nichts, dass man sich mit Alan Parsons jenen Mann mit an Bord holte, der mit seinen durch E.A.Poe inspirierten "Tales of Mystery and Imagination" zumindest in "The House of Usher" so etwas wie Gruselatmosphäre geschaffen hat.

Was mich bei den Rezensionen meiner Vorredner irritiert ist die Einschätzung, Wilson würde vor Melodiösität strotzende Musik schreiben. Das hat er für meinen Geschmack mit wenigen Ausnahmen noch nie getan, weder bei Porcupine Tree noch als Solist. Seine Musik besteht doch vorwiegend aus kurzen Ideefragmenten, die aneinandergereiht und dann produktionstechnisch ausgearbeitet werden. Länger als 4 Takte dauern seine "Melodien" selten.

Abwechslung. Ist der vorhersehbare Wechsel von ruhigen Balladen und rockenden Stücken, selbst wenn innerhalb eines Stückes vorkommend, bereits Abwechslung? Ich finde nicht. Progressive Rock. Ich finde, dass "the Raven" davon nicht allzuviel enthält. Es findet sich ein gerüttelt Mass an normalem Pop, an Hardrock, New Artrock, an Mainstream Rock und ein paar Retrosprengsel. So finde ich auch die obige Einstufung als reines RetroProg Album falsch und irreführend. Ein Mellotron macht ein Album noch nicht zu einem Retroalbum.

Was macht das Album aus? Wilson hat fraglos exzellente Musiker mit an Bord und die können was an ihren Instrumenten. "Get All You Deserve" fand ich als Gesamtkunstwerk stark, die Musiker dort in Aktion zu sehen beeindruckend. Minnemann spielt mal druckvoll und treibend, dann wieder filigran und songdienlich, der Bass ist geschäftig und prägt die Stücke wesentlich mit, das Mellotron setzt schöne Akzente, ebenso die Flöte, das Saxophon und die Klarinette. Aber die Kompositionen sind durchschnittlich, sind zu lang, Themen wiederholen sich immer und immer wieder, erinnern an Früheres von Wilson und Porcupine Tree. Ehrlich gesagt fehlt mir überhaupt so etwas wie zielgerichtete Komposition. Wilson reiht Themen aneinander und produziert sie ellenlang und mächtig aus, mit viel Brimborium und Ballyhoo, Effekten und Schnickschnack. Das unterscheidet ihn und dieses Album von den Klassikern des Genre. Deren Protagonisten konnten komponieren, Wilson kann es kaum. Wenn "the Raven" wirklich auf Augenhöhe mit den Klassikern des Genre ist, dann werden diese ehrlich gesagt ziemlich profaniert.

Ich bin derselben Meinung wie Federico: Wilson trägt hier überhaupt nichts substanziell Neues zum grossen Werk des Progrock bei. Alles auf diesem Album ist aufgewärmter kalter Kaffe, zum Teil eigener, zum Teil derjenige der wirklichen Genregrössen. Die Stärken des Albums liegen in der Verpackung, in der Produktion. Das reicht aber nicht, um es ein wirklich grosses Album sein zu lassen.

Noch kurz einige Anmerkungen zu den sechs Ghostsongs. "Luminol". Da gehts um einen der schon lange tot ist? Ich spüre weder in den schnellen rockigen Parts noch im Jazzkeller-Teil etwas davon. "Drive home" ist eine einfache Ballade, "the holly drinker" viel zu lang und abwechslungsarm. Und Eulengeschrei bzw. Wolfsgeheul am Ende machen das Stück auch nicht gruselig. "The pin drop"? Hatten wir das nicht eben schon? Stilistisch kaum ein Unterschied zu "Drive Home". Und Geisteratmosphäre? Fehlanzeige. Bei einem Aufsatz würde ich sagen: Thema verfehlt. Über "the watchmaker" könnte ich dasselbe schreiben wie über die vorigen Stücke; viel zu lang und in sich abwechslungsarm. Das abschliessende Titelstück hat als einziges sowas wie Atmosphäre und wird immerhin nicht kaputtproduziert.

Insgesamt ein auffallend unauffallendes Album. Den Hype darum kann ich in Anbetracht der Tatsache, dass Wilson es offenbar in den Mainstream geschafft hat, nachvollziehen. Zumindest auf anderen Plattformen. Für den Progrock ist das Album ohne Belang.

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 11.3.2013
Letzte Änderung: 11.3.2013
Wertung: 8/15
Produktion und Handwerk 15

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Von: Nik Brückner @ (Rezension 7 von 10)


Ich gebe zu: Ich wollte Steven Wilsons neues Album schlecht finden. Nein, das ist natürlich falsch. Wie drücke ich's genauer aus: Ich erwarte vom New Artrock nicht viel. Zunächst einmal ist New Artrock etwas sehr anderes als Progressive Rock. Er entstand nicht als Weiterentwicklung desselben, sondern unabhängig davon. Das zu wissen, ist wichtig, wenn man verstehen will, warum sich beim New Artrock im Allgemeinen und bei Steven Wilson im Besonderen zwei Lager gegenüberstehen. Denn für die einen ist das wichtig, für die anderen nicht, und daraus ergeben sich die entsprechenden, unterschiedlichen Konsequenzen. Zweitens ist New Artrock Rock, der stark auf Wirkung ausgerichtet ist, auf Atmosphäre, der einen bestimmten Effekt beim Hörer auslösen will und das mit weitgehend inszenatorischen Mitteln versucht. Die Elemente, mit denen die Hörerreaktionen ausgelöst werden, mit denen Stimmungen erzeugt werden, mit denen Songs gelängt, Stimmungswechsel herbeigeführt werden, sind zwar teilweise dem Progressive Rock entlehnt, nutzen aber weitaus stärker die Mittel von Produktion und Klang als dieser. Wenn Progressive Rock Rock mit den Mitteln von Rockmusik, Klassik, Jazz, Music Hall, Filmmusik, Funk, Folk und so weiter ist, ist New Artrock Rock mit den Mitteln von Rockmusik, jedenfalls weitgehend. Den Rest macht das Studio (es ist nur konsequent, dass Steven Wilson sich in einem dieser Tage vielzitierten Spiegel-Inteview als Klang-Regisseur und Autor bezeichnet, nicht aber als Musiker oder gar Komponist). Das muss nun nicht schlecht sein, vor allem nicht für denjenigen, der genau das will. Ich empfinde New Artrock aber im Vergleich zum Progressive Rock als weit weniger aufregend, anspruchsvoll und oft sogar als langweilig.

Oder besser: Langatmig. Denn langweilig zu sein, ist zwar der Vorwurf Vieler an Alben aus dem New Artrock-Bereich, nur: Was langweilig ist oder nicht, entscheidet jeder selbst, und zwar unabhängig von dem, was auf einer Platte zu hören ist. Ich schätze, selbst bei der langweiligsten Platte der Welt findet sich noch jemand, der sie unlangweilig findet. Langeweile ist also subjektiv und soll es auch bleiben. Einen langen Atem braucht man aber für diese Musik, egal, ob man sie gut findet oder nicht. Tja, und was die Art, die Kunst also, im neuen Kunstrock "New Artrock" angeht, da kann man ebenfalls weit weniger geteilter Meinung sein. Natürlich hängt das Vorhandensein von Kunst vom jeweiligen Kunstbegriff ab, aber brauchbar sollte dieser schon sein (und der der meisten Menschen ist es erfahrungsgemäß nicht, jedenfalls dann nicht, wenn er Sätze wie "das ist keine Kunst, das kann ich auch" hervorzubringen in der Lage ist). Wie dem auch sei: Kunst kann es im Rock nur insoweit geben, als Rock an sich überhaupt kunstfähig ist. Und ich kenne Leute, die ihm das rundweg absprechen würden. Ich gehöre zwar nicht dazu, aber zumindest auf diesem Album höre ich die Kunst nicht. An ihrer Stelle höre ich aber sehr viel Ästhetik. Denn was Steven Wilson kann, ist seine ganz eigene Ästhetik zu erzeugen, ein Wunder eigentlich bei einem, dessen berühmt gewordene Remix-Arbeiten sich gerade dadurch (und zu Recht) auszeichnen, dass seine eigene Ästhetik hinter der der remixten Musik vollkommen verschwindet. Ich höre sehr viel sehr Dekoratives. Und ich höre sehr viel Selbstbedienung.

Steven Wilson zeigt also seit Jahren den Unterschied zwischen Progressive Rock und New Artrock auf - mit seinem neuen Album gelingt das allerdings nicht immer. Das liegt schlicht an der erwähnten Selbstbedienung, daran, dass Wilson jetzt zahlreiche Stilelemente aus dem Progressive Rock in seinen New Artrock entlehnt. Interessanterweise scheint ihn dabei der ausformulierte Progressive Rock der Mittsiebziger weitaus weniger zu interessieren als der Protoprog der späten 60er Jahre, einer Zeit also, in der der Prog noch viel stärker geprägt war durch seinen Versuch eines Auf- und Ausbruchs aus den Konventionen hin zu neuen Ufern als durch einen weitgehend zuende ausformulierten und etablierten Stil. Wilson greift viel stärker auf Stilmittel King Crimsons oder VdGGs anno 1969/70/71 als auf solche ELPs oder Yes' anno 1974 zurück, und wenn er es doch einmal tut, dann eher als kleine Verbeugung und augenzwinkernde Anspielung für Eingeweihte: Da wird in "Luminol"s Flötensoli schon eher Ian McDonald, in den Gitarrensoli eher Robert Fripp gechannelt, während Anspielungen wie die auf Yes' "On the silent Wings of Freedom", "Tempus Fugit" und "Heart Of The Sunrise" (alle im gleichen Song) eher punktuell bleiben. Zumindest werden sie nicht so stark in die Textur des Songs integriert. Was jenseits davon auf dem gesamten Album gut funktioniert, ist die Integration dieser Einflüsse zu jenem homogenen, zähflüssigen Sound, der so typisch für Wilsons Alben und für den gesamten New Artrock ist. Während "Luminol" noch als stilechter, weil eklektischer Progsong durchgehen kann, dem man anhört, dass Wilson seine Musiksammlung genau gehört hat und das, was er tut, sehr bewusst (und damit eben gerade nicht geniehaft) tut, werden punktuelle Progmomente dagegen im weiteren Verlauf des Albums eher seltener. Wodurch diese Musik allerdings keinen Deut origineller wird. Wilson fusioniert die musikalischen Elemente halt stärker zu einer Einheit. Womit er sich vom Prog allerdings wieder entfernt.

Was so schlecht nicht ist. Denn ein angenehmer Nebeneffekt ist dabei, dass Wilson auf das häufig unangenehme Pathos des Retroprog weitgehend verzichtet. Er ersetzt dieses allerdings durch ein Pathos der dekorativen Klanginszenierung, das zwar weniger leicht erkennbar ist, sich auf Dauer aber womöglich als ebenso anstrengend erweisen wird. Denn derart hochproduzierte Musik ist eben gerade nicht besonders natürlich und organisch, im Gegenteil, sie ist besonders artifiziell. Wie viel von jener über Klang und Produktion inszenierten Traurigkeit, wie viel von jenen hochproduzierten, aber eigentlich recht dürftigen Melodien wird man noch unbehelligt hören können, bis jemand Wilson vorwirft, immer wieder Wilsonmusik zu machen? Man wird sehen. Gut nachvollziehen lässt sich das jedenfalls an "Drive Home", einem Stück, dessen Mangel an musikalischer Substanz, die in der Lage wäre, über sieben Minuten zu tragen, deutlichst hörbar durch eben diese Klanginszenierung ausgeglichen wird. Würde mich nicht wundern, wenn Wilson-Kritiker gerade das als besonders langweilig empfänden.

Ich glaube, was mich am New Artrock so sehr stört, ist die ungewöhnliche Homogenität des Genres, die so groß ist, dass man bisweilen wenn auch nicht den Eindruck hat, andauernd der gleichen Band zu lauschen, so doch meint, dass die Regeln dieses Genres sehr restriktiv sind. Nicht dass ich damit sagen wollte, dass Wilson wie Riverside wie Marillion klinge, damit würde ich mich womöglich als unaufmerksam outen, aber eigentlich will ich genau das sagen. Ohne dass ich als unaufmerksam gelten möchte, selbstverständlich.

Ob Steven Wilson ein Genie ist, entscheidet sich vielleicht an der Frage, ob die (Rock-)Musik Alben wie dieses braucht. Nun, der New Artrock mag sie brauchen, der Progressive Rock allerdings hat seit 1969/70/71 dieses Stadium hinter sich gelassen. Die im Wilson-Kontext viel zu oft zitierten King Crimson allemal.

Anspieltipp(s): Die Originale
Vergleichbar mit: Marillion, Riverside, Astra
Veröffentlicht am: 12.3.2013
Letzte Änderung: 23.3.2013
Wertung: 9/15
Das hier ist nicht Retro, es ist rückwärtsgewandt. Regressive Rock. Nicht überraschend, aber überraschend gut.

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Von: Michael Hirle @ (Rezension 8 von 10)


Glaubt man der Theorie meines ehemaligen Dogmatik-Professors, so bedarf es mehrere Genies zur Durchsetzung einer Idee, welche die Menschheit wieder einen Schritt weiterkickt. Meist treten diese Genies in Dreierpacks auf (jetzt mal rein musikalisch): Bach, Händel, Vivaldi; Haydn, Mozart, Beethoven; Brahms, Wagner, Debussy; Ellington, Davis, Coltrane; Haley, Berry, Richard; Elvis, Dylan, Hendrix; Beatles, Stones, Beach Boys; Deep Purple, Black Sabbath, Led Zeppelin; King Crimson, Genesis, Yes ( ja, ja und Pink Floyd, ELP, Gentle Giant...); Pistols, Clash, Ramones (und Stooges); Michael Jackson, Madonna, Abba; Judas Priest, Iron Maiden, Metallica; Nirvana, Pearl Jam, Alice in Chains...und dann ja, dann wird’s schwierig. Die Genres splitteten sich und wöchentlich ruft die Musikpresse ein neues Meisterwerk aus. Für weniger als ein Meisterwerk möchte der Konsument auch nicht mehr löhnen. Ein Glückspilz, wer eine Lagerhalle als CD-Ständer besitzt.

Im Grunde wartet die Musikbranche auf einen Erlöser. Seit Jahrhunderten hat er sich blicken lassen, ganze Schallplattenbollwerke wurden um ihn errichtet. Wo ist der Heils (und Geld)-Bringer, der eine erneute Revolution auslöst (die Grunge und Britpopkühe liegen ja auch schon ein bisl zurück...und sind weggemolken) und den Pubertierenden ebenso mitreißt, wie seine Midlifecrisis-geplagten Eltern?

Seit einiger Zeit erhebt sich auch im Prog eine gar goldene Trias. Morse, Akerfeldt, Wilson. Nicht nur dass jene Köpfe (inkl. Band) fast zeitgleich Alben veröffentlichen, nein, folgt man der Theorie meines Schnauzbärtigen Professors, so haben diese der (Musik-) Welt wohl auch etwas mitzuteilen. Herr Morse ließ letztes Jahr ein (eher laues) Lebenszeichen verlauten, Herr Akerfeldt brütet noch über seiner Krautrocksammlung und Herr Wilson vertont Gespenstermärchen. Auf den Covern der einschlägigen Presse allgegenwärtig und in den Charts so hoch oben wie nie zuvor. Endlich hat ers geschafft, möchte man ihm auf die Schulter klopfen. Über Gehalt und ähm Le(h)(e)re von „The Raven...“ wurde jetzt ausgiebig geschrieben. Aber wo ist jetzt der Kick für die Menschheit? Also Raven, ab mit dir unter die Lupe...

Oberflächlich sind die Dinge, wie Nik schön schrieb, regressiv. Eine Vermengung alter Zutaten, zu einem Standardgericht. Hört man genauer hin, wird man auch nichts Neues entdecken. Toll produziert, schön arrangiert und die typischen PT/Morse...tschuldigung Wilson’schen Harmonien. Revolution? Käse. Aber, haben wir die überhaupt nötig? Der Prog war nie ein Pulverfass, das sich am Funken der Gesellschaft entzündet hat. Er war immer Oase. Rückzugsort. Und darin liegt das eigentlich revolutionäre dieses Genres und vielleicht auch in „The Raven...“: es verändert nicht, aber ist in seiner Beständigkeit und in seinem stoischen Dagegenhalten so etwas wie der Fels in der schnelllebigen Musiklandschaft. Die Grenzen wollen gesprengt werden und doch bleibt man innerhalb seiner Eigenen gefangen. Aber warum Grenzen sprengen? Wenn sich doch alle anderen Musikrichtungen auf den Prog zu bewegen? Progressive Musik (und wer ganz hipp ist, natürlich Krautrock) gehört heute zum guten Ton. Kaum ein Musiker der nicht von seinen Progscheibchen erzählt (natürlich auf Vinyl). Endlich wieder Vollbärte, endlich wieder Prog. Die heutige Zeit braucht keine (musikalischen) Revolutionen mehr, sie braucht Oasen, um die echten Revolutionen ertragen zu können. „The Raven“...ist eine besonders Schöne und ich glaube meinen Professor an ihren Ufern auf- und abwandern zu sehen, mit Gehstock und Strohhut ... und einem Raben auf der Schulter.

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 13.3.2013
Letzte Änderung: 12.3.2013
Wertung: keine ein wichtiges Album. Nicht weil es herausragend ist, sondern weil es den größtmöglichen Spagat zwischen Gestern und Heute schafft.

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Von: Harald Schmidt @ (Rezension 9 von 10)


Das Beispiel des Steven Wilson dient sowohl gut dazu, zu sehen wie die kleine Prog-Szene ihre kommerziell erfolgreichen Figuren betrachtet als auch dazu, den ursprünglichen und aktuellen Progressive Rock miteinander zu vergleichen.

Dieser Vergleich ist ebenso einfach wie die Folgen dessen klar abzusehen sind: Die Prog-Pioniere der späten 60er und frühen 70er wussten kaum einmal genau, worauf das alles hinausläuft, was sie tun. Sie folgten dem Moment, ihrer Eingebung und ließen diese mit den damals teils neuen technischen Optionen verschmelzen. Dies gilt m.E. nicht nur für ihre ersten Gehversuche und Alben, sondern auch für die Gesamtentwicklung eines Musikgenres. Die Protagonisten der heutigen Prog-Szene dagegen wissen meist sehr genau, wohin sie wollen, wie sie die technischen Möglichkeiten nutzen können und wie ihre Platten am Ende aussehen sollen: Sie tun dies mit dem historischen Hintergrund, mit der Erfahrung von hunderten gehörter Platten, mit der Erfahrung zu wissen, was davon ihnen selbst am besten gefallen hat und aus welchem Stoff die Klassiker gemacht sind. Im Gegensatz zu ihren Urvätern entfernen sie sich daher im Lauf der Jahre auch nicht von ihren musikalischen Wurzeln, was zugegebenermaßen die Gefahr der Wiederholung birgt. Dafür erleidet man nicht den oft bei Genesis, Yes, Camel oder Kansas (um nur wenige Beispiele zu nennen) beklagten musikalischen Verfall. Vielleicht ein Dilemma oder ist es nur typisch für den Menschen, dass eben nicht immer beides gleichzeitig funktioniert: Konservierung des Erreichten und gleichzeitig permanente Weiterentwicklung.

Betrachtet man nun außerdem, wie man in der Szene mit den „neuen“ Helden wie Steven Wilson, Neal Morse oder Roine Stolt umgeht, entdeckt man zwei gegenläufige Tendenzen ohne nennenswerte Zwischenebene: Entweder ungebremstes Niederknien oder permanentes Gemäkel. Ersteres ist Schwärmerei und dagegen ist nicht viel zu sagen: Es ist gut, wenn Menschen etwas schön finden und sich für etwas begeistern, das ist etwas Positives in unserer Welt. Zweiteres gefällt dagegen viel weniger: Warum werden genau die Musiker aufs Korn genommen, die der Szene so viel gegeben haben? Nicht nur musikalisch, sondern ganz oft auch einmalige Erlebnisse oder ganz besonders etwas, das dem Prog seit den späten 70ern oft gefehlt hat: Außenwirkung! Und zwar eine positive: Man nimmt den Progressive Rock seit Dream Theater, Spock’s Beard oder Porcupine Tree in den 90ern wieder wahr – und man nimmt ihn auch als musikalischen Zweig wieder ernst. Diese Personen haben genau das bewirkt, was man sich über viele Jahre nur wünschen konnte: Es gibt wieder Radiosendungen, Presseberichte, große Tourneen und CD-Produktionen auf internationalem Niveau.

Steven Wilson vereint nun inzwischen in seiner Person all das – alle Diskussionen, alle Divergenzen. Und genau in der Phase, in der er nun sich anschickt, den Zenit zu erklimmen und Anerkennung und massiven Erfolg auch außerhalb der engen Progressiv-Szene zu ernten, wird der Prophet im eigenen Lande nun schon massiv unter Feuer genommen. Muss man verstehen, warum das so ist?

Der Blick auf das Wesentliche, nämlich die Stücke auf The Raven, zeigt, dass wir ein Album haben, das durch perfekt inszenierte, klassische Prog-Kompositionen und –Arrangements besticht. Perfekt, weil Wilson alle Register seines Lernens und Könnens und auch das der Vorväter zieht: Das Album ist exzellent aufgenommen, die Sounds brillant ausgewählt und aufeinander abgestimmt, die Vorträge der Musiker sind ebenso leidenschaftlich wie technisch perfekt und am Ende findet man auch noch jede Menge wunderbarer Melodien. Wenn man Kritik üben möchte, finde ich nur einen Punkt: Wilson ist ein netter Sänger, aber nicht unbedingt variabel. Er hat nicht die charismatische Prägung eines Gabriel oder Hammill, oder auch eines Jon Anderson oder Fish. Seine Stimme ist weder besonders auffällig noch außergewöhnlich geeignet sich wechselnden Stimmungen anzupassen und deren Wirkung zu verstärken. Das ist es auch, was seine Solo-Alben immernoch in die Nähe von Porcupine Tree rückt. Viel mehr kann man beim besten Willen nicht finden, was Wilson noch verändern könnte.

The Raven schüttet das Füllhorn von viereinhalb Dekaden progressiver Klänge über dem Hörer aus, spielt bewusst und liebevoll mit den Abenteuern, Experimenten und Erkenntnissen aus 45 Jahren. Es klingt jederzeit unbemüht und unangestrengt. Und allein das ist ein Genuss für jeden Freund großartiger Musik. Man muss keineswegs ein ausgewiesener Prog-Freund sein, um diesem Album eine bestechende musikalische Leistung zu attestieren, die in dieser Form und Vielseitigkeit aktuell anscheinend niemand anders als Steven Wilson zu erbringen im Stande ist.

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit: Einer Werkschau aus viereinhalb Dekaden Progressive Rock
Veröffentlicht am: 18.3.2013
Letzte Änderung: 19.10.2013
Wertung: 15/15

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Von: Marc Colling @ (Rezension 10 von 10)


„Derart hoch produzierte Musik ist eben gerade nicht besonders natürlich und organisch, im Gegenteil, sie ist besonders artifiziell. Wie viel von jener über Klang und Produktion inszenierten Traurigkeit, wie viel von jenen hochproduzierten, aber eigentlich recht dürftigen Melodien wird man noch unbehelligt hören können, bis jemand Wilson vorwirft, immer wieder Wilsonmusik zu machen?“ Zitat Nik.

Ich reiße dieses Zitat von Nik vielleicht ein wenig aus dem Kontext seiner Rezi, aber dieser eine Satz blieb mir beim wiederholten Hören der CD so was von in den Gehirnwindungen fest kleben, ich krieg den gar nicht mehr raus. Denn ich hab mich wochenlang gefragt, was mir denn nun NICHT an dieser CD gefällt. Die Klangqualität kann es ja gar nicht sein, die ist phänomenal. Die Kompositionen? Naja, für mich ist er weit weg von 15 Punkten, aber glücklicherweise sind die Geschmäcker verschieden. Das sieht man bei dieser CD mal wieder sehr gut, denn meine Rezi ist die 10. und die vorigen 9 unterscheiden sich nicht nur in der Bewertung mit Punkten, sondern vor allem in den Beschreibungen der einzelnen Rezensenten, wie sie diese Punkte rechtfertigen. Wilson polarisiert.

Ist das Ganze einfach zu perfekt? Die Musiker sind allererstes Kaliber, ohne Zweifel. Und sie spielen auf sehr hohem Niveau. Oder ist die Produktion zu fett? Ja, mag sein. Keine richtigen Earcatcher in der Musik? Ja auch. Was Thomas gut findet (Retroprog, der nicht altbacken klingt), gefällt mir eigentlich nicht so. Es ist wie eine Replika eines alten Autos: die Karosserie sieht zwar aus wie eine Cobra, aber unterm Blech nur ein Focus-Motor. Beispiel: ich hab gestern im Anschluss an diese CD „Rites of dawn“ von Wobbler noch gehört. Auch Retroprog. Aber der klingt verdammt nochmal ehrlich. Richtig ehrlich. Schielt auf keine Charts oder Anerkennung. Die machen einfach nur ihr Ding.

Klar kann man das auch von Wilson sagen. Er macht ja eigentlich querbeet alles: Progrock, New Artrock, Retroprog, Dub/Drum'n'Bass (Bass Communion), Rock, Balladen (mal schnulzig, mal grandios), mit Blackfield auch schon mal (fast) Schlager, zumindest aber Schlager mit Popanstrich. Dazu produziert er noch und remastered die Klassiker der Progszene von King Crimson bis Gentle Giant. Und so hab ich manchmal das Gefühl er weiß gar nicht mehr, welche Aufnahme im Studio gerade gemacht wird. Er springt hin und her, bedient sich wie in einem Supermarkt bei seinen Vorbildern (was ja nicht verwerflich ist, wenn es mit Überzeugung gemacht ist), doch er verliert ab und zu die Linie.

So sind DRIVE HOME und THE PIN DROP fehl am Platz. Balladen gehören natürlich auf Alben, doch sollten sie in der Lage sein, den Hörer zu berühren. Hier passiert das nicht. Zu viel Kalkül?

Auch das Titelstück ist eher ruhig, aber bei weitem besser, es kann verzaubern mit seiner angenehmen Art und seiner düsteren Atmosphäre. Das passt mal wenigstens zu den Geistergeschichten.

Und es gibt noch mehr gute bis sehr gute Momente. LUMINOL ist einfach nur phantastisch. Fängt hart rockend an und Nick Beggs am Bass zeigt, wieso er einer der Besten seines Fachs ist. Auch THE HOLY DRINKER kann gefallen, besonders mit der tollen Improvisation von Travis an der Flöte. Zum Schluss verliert sich der Song zwar ein bisschen, aber das ist nur ein kleiner Schönheitsfehler.

THE WATCHMAKER ist sehr lang mit fast 12 Minuten, aber gut gemacht. Vielleicht wären 2 Minuten weniger aber besser gewesen.

Steven Wilson ist seit Jahren für viele ein „Gott“ im Progbereich. Einige Musikzeitschriften schreiben in jeder Ausgabe was über ihn, und sei es nur ein Schnupfen der ihn befallen hat. Warum? Nun, er ist ohne Zweifel begabt. Ein Multitalent sozusagen. Kein begnadeter Musiker, denn weder seine Stimme noch sein Gitarrenspiel gehören in die Oberliga. Und dennoch. Er vermischt moderaten Rock mit bekannten Progeinlagen, sodass sich jeder Progfan irgendwie angesprochen fühlt. Die Älteren erkennen immer wieder ihre alten Idole darin, die Jüngeren finden ihn einfach nur „cool“. Das hab ich mal in einem Konzert von ihm mit PT erlebt. Die Jüngeren um mich herum dachten tatsächlich, dass die da ernsthaften Prog geboten bekamen. Ich konnte es nicht fassen.

Aber was soll ich noch viel schreiben, das Album hat ja inzwischen bewiesen, dass es genügend Käufer gegeben hat die sich mit Wilson auf die Geisterfahrt begeben haben. Und es wird wahrscheinlich in ein paar Jahren seinen Platz im Prog gefunden haben. Es ist ja auch definitiv nicht schlecht, nur eben atmet es nicht mehr die dreckige Luft der Probekeller vom Anfang der Karriere. Dafür ist es viel zu „clean“.

Und jetzt weiß ich auch, warum ich immer wieder ein Haar in der Suppe finde. Es ist zu „clean“, zu blütenweiß, zu konservativ, zu sauber gemischt. Nichts drin wovor uns die Ärzte warnen, weder tierisches Fett, noch Alkohol, noch Nikotin, noch sonst irgendwelche „Drogen“.

„Grace for drowning" war der Trip, „The raven....“ die Entziehungskur. Trotz allem will ich niemandem abraten, sich das Album zu kaufen (wenn es noch so jemanden gibt). Ich hab zwar heftig kritisiert, doch anhören tu ich es immer noch. Denn seine guten Momente kompensieren die schlechten. Bei 7 Songs sind 2 für mich nicht gut und einer etwas zu lang geraten. Und insgesamt fehlt mir halt der Dreck unter den Fingernägeln.

Anspieltipp(s): Luminol
Vergleichbar mit: zu wenig Platz, um hier alle aufzuzählen
Veröffentlicht am: 1.3.2016
Letzte Änderung: 11.1.2017
Wertung: 10/15
in 54 Minuten durch 5 Jahrzehnte Prog

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Alle weiteren besprochenen Veröffentlichungen von Steven Wilson

Jahr Titel Ø-Wertung # Rezis
2004 Unreleased Electronic Music 10.00 1
2009 Insurgentes 10.20 5
2009 NSRGNTS RMXS - 1
2011 Grace For Drowning 11.67 6
2012 Get All You Deserve 13.67 3
2013 Drive Home 13.00 2
2014 Cover Version 10.00 1
2015 Hand.Cannot.Erase. 11.43 7
2015 Transience - 1
2016 4 1/2 9.33 3
2017 To the Bone 8.67 3

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