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Marillion

F*** Everyone And Run (F E A R)

Coverbild
Informationen

Allgemeine Angaben

Erscheinungsjahr: 2016 (23.9.2016)
Besonderheiten/Stil: Neoprog
Label: earMusic
Durchschnittswertung: 11.33/15 (3 Rezensionen)

Besetzung

Steve Rothery Guitars
Mark Kelly Keyboards
Pete Trewavas Bass
Ian Mosley Drums, Percussion
Steve Hogarth Vocals

Tracklist

Disc 1
1. El Dorado (i) Long-Shadowed Sun 1:25
2. El Dorado (ii) The Gold 6:12
3. El Dorado (iii) Demolished Lives 2:23
4. El Dorado (iv) F E A R 4:07
5. El Dorado (v) The Grandchildren Of Apes 2:36
6. Living in F E A R 6:25
7. The Leavers (i) Wake Up In Music 4:27
8. The Leavers (ii) The Remainers 1:34
9. The Leavers (iii) Vapour Trails In The Sky 4:49
10. The Leavers (iv) The Jumble Of Days 4:20
11. The Leavers (v) One Tonight 3:56
12. White Paper 7:18
13. The New Kings (i) Fuck Everyone And Run 4:22
14. The New Kings (ii) Russia’s Locked Doors 6:24
15. The New Kings (iii) A Scary Sky 2:33
16. The New Kings (iv) Why Is Nothing Ever True? 3:24
17. The Leavers (vi) Tomorrow’s New Country 1:48
Gesamtlaufzeit68:03


Rezensionen


Von: Günter Schote @ (Rezension 1 von 3)


Zu Vogelgezwitscher, Bienensummen und Akustikgitarre sinniert Hogarth über verzauberte Kindheitstage und süße Sommernächte in einem längst untergegangenem England. Dieser idyllischen Einleitung folgen rund 68 Minuten Mittelfingermusik, für die Hogarth, Kelly, Mosley, Rothery & Trewavas weder musikalisch noch textuell Kompromisse eingehen.

(Wie inzwischen üblich wurde F E A R von der Fangemeinde vorfinanziert. Über den Anbieter PledgeMusic konnte man das Album in allerlei Formaten vorbestellen und der innovativen Band die Produktion vorfinanzieren. Am 8. Juli bedankten sich Marillion dann mit der Möglichkeit, das knapp 17 minütige „The New Kings“ vorab herunterzuladen.)

We are the new kings...

Wenn ich im Zusammenhang mit Marillion von „Kompromisslosigkeit“ schreibe, dann ist klar, dass damit keine avantgardistische Verschrobenheit gemeint ist, sondern der Einsatz all jener Trademarks, die sich die Band in den vergangenen 15 Jahren zu eigen machte. So kam es, dass ich nach dem ersten Durchgang von „The New Kings“ ziemlich ernüchtert war. Das Stück klang von Anfang bis Ende wie ein aus bekannten Versatzstücken zusammen geschustertes Machwerk. Getragener Beginn, breite Synthfläche, zum Abschluss einzelner Abschnitte darf Rothery mal ein Solo andeuten, ansonsten regiert Hogarth, der der Musik kaum Luft zum Atmen gönnt. Ist Ian Mosely eigentlich noch Teil der Band oder greifen die übrigen vier immer wieder auf ältere Aufnahmen des Schlagzeuges für ihre neuen Songs zurück? Soweit mein erster Eindruck. Im Nachhinein natürlich/zum Glück ein falscher Eindruck. „The New Kings“ entwickelt sich flugs zu einem „Hit“, der in Dauerrotation lief. Für mich das Highlight des Albums, Stand heute. Trotzdem bleibt der Beigeschmack, dass es von Déjà-vu-Momenten nur so wimmelt.

Aber zurück zum Vogelgezwitscher. „El Dorado“ wälzt sich über 16 Minuten durch die Lautsprecher. Puh, selten dauerte es so lange, bis mich ein Marillion-Epic (positiv oder nicht ganz so positiv) erreichte. Auf der einen Seite quillt der Song vor Anmut nur so über. Auf der anderen Seite ist keine Weiterentwicklung im Bandsound zu hören, lediglich ein Herumreiten auf inzwischen x-mal genutzten/gehörten Produktionsgimmicks. Wieder einmal kann ich nicht verstehen, weshalb die Band nicht endlich einen neuen Produzenten, ein frisches Ohr ins Studio holt. „El Dorado“ ist edel, etwas Rotz, ein wenig Überraschung hätte aber sicher nicht geschadet. Kritische Worte meinerseits, die jedoch lediglich meiner Liebe zu Marillion geschuldet sind. Letztendlich hat „El Dorado“ nämlich eine Sache mit „The New Kings“ gemein: es macht ziemlich süchtig. F E A R braucht Zeit, um zu zünden. Doch im Anschluss an das Zünden, bleibt mir nur die Erkenntnis, dass beide Longtracks absolut geil sind!

We are the leavers...

Die entspanntesten Passagen des Albums besitzt “The Leavers”. Der längste Track im bisherigen Bandkatalog klingt modern und in den ersten Minuten regelrecht locker. Über die gesamte Laufzeit fehlt mir auch hier etwas Abwechslung, denn wie schon „El Dorado“ klingt auch „The Leavers“ zunächst monoton. Aber Fuck, F E A R benötigt Zeit.

Momente, die mich in den ersten Tagen noch recht unbeeindruckt zurückließen, sind inzwischen meine Favoriten. Und auch wenn Mark Kelly leider keine ausgehenden Soli spielt, als Klangveredler reicht ihm niemand das Wasser. Mit einem Solo a la „This Strange Engine“ oder „Interior Lulu“ hätte er sich und dem gesamten Album jedoch ein Krönchen aufsetzen können. Auch Rothery spielt kein Solo, das mir beim ersten Hören bereits die Tränen in die Augen getrieben hätte. Erst nach und nach erschließt sich, was die beiden an herausragenden Taten vollbringen. Dies trifft freilich auch auf „The Leavers“ zu, einem 20 Minuten Stück, das wächst und wächst und wächst. Inhaltlich entfernt sich Hogarth hier nicht allzuweit von „Montreal“ und berichtet vom Musikerleben, dem ewigen Kommen und Gehen.

Ich fasse soweit mal zusammen: Drei Epics, dreimal ins Schwarze getroffen!

Auch die beiden kürzeren Stücke lassen sich nur schwerlich nebenbei hören. „Living in F E A R“ ist toll, „White Papier“ ist noch toller und zeigt Hogarth wieder ausgesprochen rührend und gerührt. Man möchte Tränen zerdrücken, Darlin' ! Ausfälle, wie auf anderen Alben, haben sich auf „F E A R“ nicht dazwischen gemogelt. Pete Trewavas, der ohnehin viel zu selten gefeiert wird, trägt viel zur Stimmung des Albums bei. In „White Papier“ liefert er eine Meisterleistung ab. Und dann Hogarth…

…Hogarth. Wow, was für ein geiler Sänger, was für ein toller Typ. Super Haare (gefärbt?). Einer meiner absoluten Lieblingssänger. Allein seine Faszination für die inzwischen zum Standard gewordenen endlosen Wiederholungen bestimmter Textzeilen geht mir auf den Zahn. “I'm becoming harder to live with...You say I'm becoming harder to live with...becoming harder to live with...Now you can‘t see into my head…You can‘t see into my head…You can‘t see into my head…You can‘t see into my head…You can‘t see into my head…You can‘t see into my head... (El Dorado) oder “We're not green, we're just pleasant...We're not green, we're just pleasant... We're not green, we're just pleasant...We're not green, we're just pleasant...We're not green, we're just pleasant...We're not green, we're just pleasant...” (Living in F E A R) oder ”We come together...We come together...We come together...We come together...” (The Leavers). Muss nicht sein...Muss nicht sein...Muss nicht sein. Was jedoch sein muss, ist seine Kritik am Zustand seiner Heimat, am Zustand Europas nebst seines Wirtschaftssystems, seiner Kälte und Unmenschlichkeit. An der Aufrichtigkeit der Medien zweifelt Hogarth und wirbt für Blumen in den Gewährläufen. Peace on earth and mercy mild.

We wake up in music...

Bei allem Herumgemaule meinerseits: F E A R ist ein herausragendes Album geworden. Von Anfang bis Ende ganz großes Kino für die Ohren; die drei Epen genauso wie die zwei kürzeren Stücke. Erwähnte ich bereits, dass ein Song nach dem anderen nach und nach süchtig macht? Es gibt so allerlei Floskeln, die ich als Rezensent gerne vermeiden möchte. Aber im Zusammenhang mit Marillions Fuck-Album muss man erwähnen, dass man sich auf die Musik, die Texte, auf das Kunstwerk einlassen muss. Das Album kommt langsam, aber dafür umso heftiger.

Anspieltipp(s): The New Kings
Vergleichbar mit: Brave/Marbles/Happiness/Sounds und Animals (PF)
Veröffentlicht am: 20.9.2016
Letzte Änderung: 20.9.2016
Wertung: 13/15

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Von: Nik Brückner @ (Rezension 2 von 3)


FEAR – Angst. Das große Thema, um das sich das neue Album von Marillion dreht. Steve Hogarth und die Band greifen die Diskurse unserer Zeit auf, die wichtigen und die Scheindiskussionen, und bringen sie auf diesen einen Punkt: Angst.

There's always a price to pay
Living in f e a r is so very dear
Can you really afford it?

Mal sehen. Können wir uns diese Angst leisten? England, ja ganz Europa lebt derzeit in Angst. In Deutschland zum Beispiel haben laut einer aktuellen Umfrage 82 Prozent der Befragten Angst vor der Zunahme von Kriminalität. Derzeit meinen 58 Prozent der Befragten, das wir in einer "besonders unsicheren Zeit" leben. Und die Leute kaufen Waffen…

Will there come a time when we believe
The only way ahead is to put down our arms

Was zeigt das? Nun, zunächst einmal, dass die Leute uninformiert sind. Tatsächlich ist die Anzahl der registrierten Straftaten bei uns seit 2001 nämlich gesunken. Auf der anderen Seite stieg die Aufklärungsquote seither. Was geschieht nun aber? Die Politik gibt sich verständnisvoll und will "die Ängste der Menschen ernst nehmen" – anstatt, was weitaus vernünftiger wäre, die Realität ernst zu nehmen, und die Menschen schlicht und einfach darüber aufzuklären. Aber:

Living in f e a r is so very dear

Hogarth hat den Eindruck, die Angst sei inzwischen wichtiger geworden zu sein als die Realität. Mit Angst kann man Stimmen fangen, Menschen fangen. In England mäht jemand einen Rasen, während ein Sturm auf ihn zurast. Ein ökologischer Sturm, ein finanzwirtschaftlicher Sturm, ein humanitärer Sturm:

We all know about the wars that are raging
All the millions who just cannot see
There's so much more that binds us than divides us
But our f e a r denies it

Und Anstatt aber darüber zu reden, über die wirklich wichtigen Dinge, Klimawandel, Krisen, Kriege, Gier, Radikalismus, Entdemokratisierung, Überwachung oder die Abschaffung des Bargelds, müssen wir über ein Kleidungsstück diskutieren, das bei uns nur eine Handvoll Menschen tragen – keine davon eine Terroristin. (Nicht dass jemand von den Diskutanden den Unterschied zwischen Burka und Niqab kennte – von dem Wort "Tschadari" mal ganz zu schweigen.). In Wirklichkeit, so Hogarth, geht es um das immer Gleiche: Geld und Einfluss:

The wars are all about money
They always were
And the money's dressed up in religion
And when it's not showing off, the money's hiding.

Und während wir mit Scheindiskussionen um Kleidungsstücke, Volk und Nation abgelenkt sind, wird anderswo Geld und Einfluss angehäuft. Die Demokratie wird dabei untergraben, von Geld und Wirtschaft, während Politiker, aus Naivität oder allzu großer Nähe, dabei tatenlos zusehen:

We are the new Kings
Buying up London from Monaco
We do as we please
While you do as you're told

Die soziale Schere in Europa klafft immer weiter auseinander, dazu wurde seit 25, 30 Jahren das durchschnittliche Bildungsniveau gesenkt, und nun ernten wir das, was man daraus immer erntet: Nazis. Der rasenmähende Engländer, der in Hogarths Augen für das wahre, echte England steht, kommt unter die Räder derer, die die nationalistischen, fremdenfeindlichen Säue durch die Dörfer der Countryside treiben:

Well do you remember a time when you thought you belonged to something more than you?
A country that cared for you
A national anthem you could sing without feeling used or ashamed
You poor sods have only yourselves to blame

Und die New Kings, die mit Macht und Einfluss, scheren sich kein bisschen darum: They...

Fuck everyone and run!

Das ist in etwa die thematische Zusammenhang des neuen Marillion-Albums, die zwei Querverweise auf unser Land sollen lediglich zeigen, dass es bei uns nicht anders zugeht – und es sich in diesem Fall wirklich mal lohnt, die Texte durchzulesen. Ist ja nicht immer so bei Progalben.

Man mag Hogarths Meinung teilen oder nicht, sie vielleicht in dem einen oder anderen Punkt naiv finden, aber er hat eine, so differenziert wie sie auf einer Platte halt sein kann. Ein Progalbum mag vergleichsweise wenig Wirkung zeigen, aber die Band erhebt die Stimme, die der Künstler nun einmal hat. Das ist gut so.

Und die Musik?

Liest man Rezensionen von "F. E. A. R.", fällt sofort auf, dass viel vom Text die Rede ist. Zu Recht. Was die Musik angeht, so beschränkt man sich meist auf den Satz, "F. E. A. R." sei das vielleicht beste Marillion-Album seit Menschengedenken. Fuck!

Fuck!

FUCK!

Im Titel kommt das Wort "Fuck" vor.

Im Titel eines Marillion-Albums! Immerhin seit jeher die freundliche Band von nebenan. Wann haben Marillion das letzte Mal "Fuck" gesagt?!? "And I don't give a fuck for the Fleet Street aficionados"?!?

"Fuck" – das klingt nach Wut, Zorn, Protest, nach einem vehementen "Es reicht!" - Wut, Zorn, Protest, die wir sicherlich auch in der Musik finden, oder? Mittelfingermusik?

Oder?

Schließlich nennt Hogarth "F. E. A. R." ein Protestalbum! Aber schon die vorab veröffentlichte Singleversion von "The new Kings" fand ich seltsam. Der Song hat den direktesten, offensivsten Text auf dem Album – und klingt dabei wie eine edel produzierte Melancho-Ballade. Irgendwo zwischen Steven Wilson und Pink Floyd (die einst heftig für den Widerspruch zwischen ihren kritischen Texten und ihrem Reichtum bzw. dem ihrer Produktionen kritisiert wurden). Und das ganze Album ist so: Edle Melancholie allenthalben. Würde man den Text nicht kennen, könnte man es glatt für die Musik eines Verlassenen halten, der seiner Liebe hinterhertrauert. Tief von Melancholie getränkt ist sie, sie klingt eher resigniert als protestierend, eher melancholisch als wütend. Das passagenweise vorhandene Pathos könnte man glatt für theatralisches Selbstmitleid halten.

Nun, tatsächlich empfindet Hogarth die gegenwärtige Situation so, dass ihm Politik, Wirtschaft und Großkapital etwas weggenommen haben, das steckt in dem oben schon zitierten Satz "Well do you remember a time when you thought you belonged to something more than you?". Es mag dieses Gefühl des Verlusts sein, der die allgegenwärtige Melancholie des Albums bestimmt – aber vielleicht ist's ja auch nur der übliche marrilion-Stil? Wo liegt dann der Protest dieses Protestalbums? Nur in den Texten?

Üblicherweise sind Text und Musik atmosphärisch aufeinander abgestimmt. Wenn sie mal auseinanderlaufen, hat das oft einen inhaltlichen Sinn, man denke an "Luka" oder "Seasons in the Sun", dann geht es um Diskrepanzen in der Wahrnehmung, um Ironie oder so. Marillion sagt aber, Hogarth würde sich bei den Sessions der Band immer überlegen, welche Themen zur Musik passen.

Ihr wisst, wie Marillions Musik entsteht, oder? Die Band jamt wochenlang endlos vor sich hin, dann hört sich Produzent Mike Hunter durch die entstandenen hunderten von Stunden Musik, pickt eine lange Liste von musikalischen Ideen heraus, die er interessant findet, und reicht diese an die Band weiter. Diese Ideen werden dann von allen Bandmitgliedern gerankt und die, die allen gefallen, werden weiterentwickelt.

Marillions Musik ist also ein Kompromiss. Gesteuert nicht von einem genialen Schöpfergeist, sondern von einer Abstimmung. Ich finde ja, dass man das hört, auf jedem Album, immer wieder. Das progressivste Album ihrer Karriere war angekündigt! - Übriggeblieben davon ist jedoch wenig. Klar, manches Stück hier ist so lang wie "Grendel", aber seien wir doch mal ehrlich. "The Leavers" zum Beispiel ist nicht ein langes Stück, es ist vier, fünf Stücke, zwischen denen es keine Pause gibt. Und selbst wenn (immerhin machen das so viele Progbands so, dass man dieses Zusammennageln mittlerweile – hrm - als Kennzeichen von Prog zählen könnte) – es bleibt immer noch die Frage, wo all die Wut, all der Zorn, all der Protest geblieben sind, die in dem Wort "Fuck" stecken. The Tangent haben das mit ihrem Protestalbum "The Slow Rust Of Forgotten Machinery" einige Monate später weitaus besser hinbekommen.

In Nizza ist neulich ein islamistischer Terrorist mit einem Lastwagen in eine Menschenmenge gefahren. Und das wütende Geschrei ging wieder los: Aber nicht gegen Terroristen, sondern gegen die Muslime. Neue Mauern sollen hochgezogen werden, damit bloß nicht noch mehr Flüchtlinge kommen:

I see them waiting, smiling
On the borders in dawn's mist
Or lost to the world in their upturned boats
I'll be free or I'll die trying to be
Trying to BE.

We can’t keep letting them in?

Gegen die Muslime! Warum eigentlich nicht gegen die Lastwagenfahrer? Schließlich ermöglicht einem, soweit ich weiß, das Muslimsein nicht automatisch das Lastwagenfahren, das Lastwagenfahrersein dagegen schon. Woraus wir schließen können, dass Lastwagenfahrer weitaus gefährlicher sind.

The Great Wall of China
What a waste of time

Oder wir lassen den Schwachsinn ganz, und erinnern uns daran, dass wir nicht in die Zukunft sehen können. Böse ist, wer Böses tut, nicht die, wir, oder die Lastwagenfahrer. Es gibt gute Gründe für Wut, Zorn, und Protest: Mitleidslosigkeit, Intoleranz, Gefühlskälte, Gier, Hass. In den Texten von "F. E. A. R." finden sich all diese Gedanken und Gefühle wieder – in der Musik leider nicht.

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 27.9.2016
Letzte Änderung: 9.10.2017
Wertung: 8/15
Fuck! Wo ist der Protest auf diesem Protestalbum?

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Von: Christian Rode @ (Rezension 3 von 3)


Fuck Everyone And Run… Wir scheißen auf alles und laufen dann weg. Unser Verhalten ist von Angst diktiert. FEAR. Gier und Eigensucht bestimmen das Handeln der Menschen. Finanzkrise, Euro-Krise, EU-Krise… überall Krise und einfache Schein-Lösungen allenthalben. Dann hauen wir doch einfach ab. We are the Leavers. Verabschieden uns von Europa und machen unser gutes, altes nationales Ding. Wenn Marillion so über die große Politik reflektieren, dann bleibt vor allem ein Gefühl der Verlassenheit, des Scheiterns, der tiefen Melancholie. Marillion können auch anders. Man denke an „Gaza“. Aber auf „Fuck Everyone And Run“ herrscht das Gefühl der Hilflosigkeit, des Ausgeliefertseins, der Melancholie vor. Und auf dieser Klaviatur verstehen es Marillion perfekt zu spielen.

Hypnotisch-repetitive Klangflächen, die sich wie englischer Nebel im Hirn des Hörers ausbreiten, dazu die ungemein suggestive Stimme von Steve Hogarth. Hier und da lassen kleine Wendungen aufhorchen (exemplarisch das Intro zu „Vapour Trails in the Sky“), aber insgesamt verbreitet das Album eine ungeheuer konsistente Stimmung. Ob Hogarth „We are the Leavers“ oder „We are the New Kings“ singt, die Differenz ist nicht wirklich erheblich. Der Kern ist der Gleiche, auch wenn der Ausdruck etwas variiert. Die Band agiert dabei ebenfalls wie aus einem Guss.

Die drei langen Kompositionen sind aus Jams komponiert worden, wobei nicht immer weich fließende Übergänge erzeugt worden sind, sondern man durchaus merkt, wann ein Thema sein Ende gefunden hat und ein Neues beginnt. Da das Album insgesamt einen eher ruhigen, fließenden Eindruck hinterlässt, ist es nach meinem Gefühl gar nicht schlecht, dass hier und da eben auch leichte Brüche zu hören sind, die allerdings recht maßvoll ausfallen. Auf eine Karussellfahrt wie bei Genesis' „Supper's Ready“ muss sich der Hörer nicht gefasst machen. Dabei verbreitet die Musik durchaus immer wieder bei aller Melancholie auch einen marilliontypischen lockeren Groove, der Wohlgefühl auslöst.

„Fuck Everyone And Run“ hat meinen Nerv noch mehr getroffen als die besten Marillion-Alben der letzten Jahre. Vergleichbar vielleicht am ehesten mit „Brave“ oder der Kooperation von Hogarth/Barbieri verbreitet es einen sanften Zauber und lässt mich manches an Marillion im neuen Lichte hören, das ich früher überhört hatte. Das Album ist nicht unbedingt eingängig, nimmt aber gleichwohl schnell gefangen, wenn man bereit ist, sich auf diese stimmungsvolle Art Musik einzulassen. Es zeigt darüber hinaus auch beim Hören über Wochen hinweg keine Abnutzungserscheinungen, so dass auch auf dieser Ebene der Vergleich mit den besten Leistungen Marillions nicht gescheut zu werden braucht.

Anspieltipp(s): The Leavers
Vergleichbar mit: Marillion, Hogarth/Barbieri
Veröffentlicht am: 27.10.2016
Letzte Änderung: 27.10.2016
Wertung: 13/15

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Alle weiteren besprochenen Veröffentlichungen von Marillion

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1982 Market Square Heroes 9.00 3
1983 Script for a jester's tear 10.80 5
1984 Fugazi 11.25 4
1984 Real To Reel 11.00 2
1985 Misplaced Childhood 10.33 6
1986 Brief encounter 7.00 1
1987 Clutching at Straws 9.00 4
1988 The Thieving Magpie 11.67 3
1988 B-Sides Themselves 7.00 3
1989 Seasons End 11.00 3
1989 Live From Loreley (DVD) 9.50 2
1991 Holidays in Eden 5.00 5
1992 Live At The Borderline 8.00 1
1993 Live In Caracas 6.00 1
1994 Brave 11.00 3
1995 Brave - The Film (DVD) 11.00 2
1995 Afraid of sunlight 10.00 3
1996 Made Again 9.00 1
1997 Best of both worlds - 1
1997 This Strange Engine 10.25 4
1998 Radiation 2.33 4
1998 Tales From The Engine Room 4.50 5
1999 Marillion.com 7.00 3
2000 The singles '82-88' 10.00 3
2001 Anoraknophobia 11.25 4
2002 Brave Live 2002 8.00 1
2002 Anorak In The UK Live (2CD Set) 10.00 1
2002 Anorak In The UK Live 12.00 1
2002 Singles Box Vol.2 '89-'95 9.00 1
2003 Best of - 1
2003 Recital Of The Script (DVD) - 1
2004 Marbles on the road (DVD) 12.33 3
2004 Marbles 8.00 4
2004 Marbles ("condensed version") 6.00 1
2005 Marbles Live 10.00 2
2007 Somewhere Else 8.67 3
2008 Early Stages - The Official Bootleg Box Set 1982 - 1987 12.00 1
2008 Happiness is the Road - The Hard Shoulder 6.50 2
2008 Happiness is the Road - Essence 8.50 2
2009 Less Is More 8.00 1
2010 Size Matters 10.00 1
2010 the official bootleg box set vol 2 - 1
2012 Sounds That Can't Be Made 9.50 2
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