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Dream Theater

Octavarium

(Siehe auch: Leitfaden "Konzeptalben")
Coverbild
Informationen

Allgemeine Angaben

Erscheinungsjahr: 2005
Besonderheiten/Stil: mit Orchester; Progmetal; RetroProg
Label: Elektra Entertainment Group
Durchschnittswertung: 10.29/15 (7 Rezensionen)

Besetzung

Mike Portnoy Drums, Vocals and Percussion
John Petrucci Guitars and Vocals
Jordan Rudess Keyboards, Continuum and Lap Steel Guitar
John Myung Bass
James LaBrie Vocals

Gastmusiker

Elena Baere Concert Master (7,8), First Violin (2)
Katherine Fong Violin (7,8)
Ann Lehmann Violin (7,8)
Katherine Livolski-Stern Violin (7,8)
Laura McGinniss Violin (7,8)
Catherine Ro Violin (7,8)
Ricky Sortomme Violin (7,8)
Yuri Vodovoz Violin (7,8)
Vincent Lionti Viola (2,7,8)
Karen Dreyfus Viola (7,8)
Richard Locker Cello (2,7,8)
Jeanne LeBlanc Cello (7,8)
Pamel Sklar Flute (7,8)
Joe Anderer French Horn (7,8)
Stewart Rose French Horn (7,8)
Carol Webb Second Violin (2)

Tracklist

Disc 1
1. The Root Of All Evil

1. VI. Ready
2. VII. Remove

8:26
2. The Answer Lies Within 5:33
3. These Walls 7:36
4. I Walk Beside You 4:29
5. Panic Attack 8:13
6. Never Enough 6:47
7. Sacrified Sons 10:43
8. Octavarium

1. Someone Like Him
2. Medicate (Awakening)
3. Full Circle
4. Intervals
5. Razor's Edge

23:59
Gesamtlaufzeit75:46


Rezensionen


Von: Markus Wierschem @ (Rezension 1 von 7)


Dream Theater. Mitbegründer des Progmetal. Ohne Zweifel die größte und wichtigste Progband des letzten Jahrzehnts und der ersten Hälfte des jetzigen. Keine andere Band öffnet heute mehr Hörern die Pforten in die wundersame Welt des Prog – man mag das mögen oder nicht. In der nun fast zwanzig Jahre währenden Bandgeschichte erfreute man sich vieler Höhen, musste aber auch so manches Tief durchlaufen. Kaum eine Prog-Band wird mehr bejubelt und wohl keine steckt mehr Kritik ein. Beinah jedes Werk spaltet die Fans, klingt doch jedes Album anders – und dennoch erkennt man immer die unvergleichliche Handschrift der New Yorker.

Nach dem ebenso harten wie einseitigen Train of Thought bringt das Traumtheater mit Octavarium nun sein achtes Drama auf die musikalische Bühne – und vollzieht erneut einen Tapetenwechsel. Und der ist aus meiner Sicht dringend nötig, führt doch auf Six Degrees of Inner Turbulence und vor allem Train of Thought eingeschlagene Weg der Superlativen "schneller-härter-frickliger" in eine kompositorische und stimmungsmäßige Sackgasse. Mit dabei ist diesmal bei drei Stücken auch ein Orchester – ein Schelm wer arges dabei denkt, hatten doch zuletzt Band-Orchester Kooperationen und Hybride durchaus einen gewissen Erfolg.

Octavarium:

Wie schon Six Degrees...und Train of Thought zuvor zitiert man im Opener das Ende des Vorgängeralbums. In diesem Fall läutet also ein einzelner Klavierakkord "The Root of all Evil" ein. Dann baut ein stetig anschwellendes Keyboardgewaber die Spannung auf, einzelne Drumfills übertönen Schritte in einer dunklen Gasse... und dann bratzt die Gitarre los. In den folgenden Minuten entfaltet sich ein Song mit jeder Menge Groove, einem schwebenden James LaBrie und guten Melodien, die – Überraschung? – "This Dying Soul" entlehnt sind. Bei dem Song handelt es sich schließlich auch um die thematische Fortsetzung von "The Glass Prison" und "This Dying Soul", die so was wie Mike Portnoys musikalische Anti-Alkoholzyklus sind. Ansonsten dürfen Petrucci und Rudess (der diesmal nicht wie Petrucci II klingt) natürlich auch solieren – und bleiben dabei sogar unter zwei Minuten. Ein guter Opener.

Wenn dann Glocken à la "The Glass Prison", Vogelgezwitscher und sanftes Rudess-Piano folgen, kann ja eigentlich nur eine Ballade folgen. "The Answer lies within" ist eine eben solche, eine vollwertige noch dazu – nicht unterkühlt wie zuletzt in "Disappear" und Vacant, sondern sehr warm, voll und melodisch. Streichquartett, ein gaaaaaanz lieber Petrucci und ein Kuschel-James – ja, es ist kitschig, macht aber klar: Dream Theater haben die (singbare) Melodie als Stilmittel wieder entdeckt! Balsam auf die mit Train of Thought geschlagenen Wunden. Wenn's nur nicht so schmalzig wäre...

"These Walls" ist dann das erste Highlight. Mit übel-verzerrten Schrammelgitarren, kontrastiert durch einen Synthie-Rudess à la Wakeman. Der Song treibt durch diesen Kontrast ungeheuer nach vorne und enthält eine nette Strophen-, eine bessere Brücken- und eine richtig gute Chorus-Melodie. Portnoy und Myung grooven entspannt im Hintergrund, Petrucci zeigt endlich mal wieder, dass er es auch gefühlvoll noch drauf hat... Toller Song.

Klick-Klack. Uhrentickern, wie im Überwerk Scenes from a memory, nur flotter. Diesmal gibt es aber keine Regression, sondern einen richtig gut gelaunten DT-Popsong. "I walk beside you" hätte wohl auch von U2 kommen können – Aufbau, Gitarren und Refrain, und James Gesangsstil erinnern doch sehr an die Iren. Positive Überraschung, und genau lang genug.

Jetzt geht's aber los... Bass-Zittern, Riffgewitter, donnernde Drums, super-schnell, treibend – das ist "Panic Attack", die Musiker toben sich aus. Es geht so Schlag auf Schlag, dass man wirklich Panik kriegen könnte... würde es nicht so spaßig grooven. Dream Theater demonstrieren einmal mehr ihr Können – und anders als zuletzt macht es sogar Sinn. Am Ende Soundeffekte. Der Song hält das bisherige Niveau mühelos...

...und leitet fließend zu "Never Enough" über. Dieser Song ist laut Mike Portnoy sehr von Muse inspiriert, allerdings kenne ich Muse kaum und das was ich kenne mag ich nicht besonders. Der Song treibt ebenfalls ganz gut. James singt leicht operesk und erinnert wirklich etwas an Matthew Bellamy, ohne aber in Wehklagende, ACH!-"Symbiosen aus Heulsusen- und Jammerlappen-Gewimmer"-Winselsang zu verfallen, die in den letzten Jahren so in Mode gekommen sind. Ich mag den Song nicht besonders.

"Sacrificed Sons" beginnt mit Nachrichten-Samples über Terrorismus, wabernden Synths und einer kaum wahrnehmbaren, klagenden Geige. Umschalt-Rauschen. Dann eine wunderschöne Piano-Einleitung von Rudess. Der Groove erinnert ein klein wenig an "Dea Pecuniae" von Pain of Salvation und mündet in einem hymnischen Refrain. Danach wird's wilder und spannender. Der Song erinnert mich an "In the Name of God" – ein Song, der ebenfalls religiösen Fanatismus reflektiert. Der Unterschied ist, dass Sacrificed Sons nicht die überflüssigen High-Speed Spielereien enthält, die den Rausschmeißer von Train of Thought auf über 15 Minuten dehnten und die Orchestrierung hier dezenter und vor allem echt ist.

Den Endpunkt markiert "Octavarium": Ein neues 25 Minuten Epos das meiner Ansicht nach so etwas wie Dream Theaters "Progrock Zitate"- Sammlung ist. Das Intro erinnert noch extrem an Pink Floyd – sphärische Teppiche und gilmour'sches Rudess-Continuum (... ich dachte zuerst, das sei Petrucci). Danach typische Retro-Keys, gefolgt Genesis-Flöte und Akustikgitarren in schöner Harmonie. Nach dem langsamen Aufbau steigert sich der Song in einen entspannten Groove mit Spock's Beard – Bass und nimmt nach und nach mehr Fahrt auf. Es entwickelt sich ein unterhaltsamer und in sich stimmiger Longtrack mit flüssigen Übergängen, mit vielen Aha-Effekten und spielerischen Finessen gegen Ende. Gleichzeitig typisch DT, und doch auch völlig untypisch – eben wegen der vielen Referenzen und den Retro-Sounds. Hammond- und Mellotron-Attacken waren bisher eher selten. Das Grande Finale ist dann sehr majestätisch – ja, John, solche Soli habe ich so lang bei dir vermisst! – und vollendet den Albumkreis. Nicht so genial wie "A Change of Seasons", aber wesentlich besser und kohärenter als "Six Degrees..."

Zum Spielerischen braucht man bei Dream Theater wohl nichts mehr sagen. Positiv fällt auf, dass man wieder mehr auf Melodie und Gefühl setzt als auf Instrumentalpassagen in Lichtgeschwindigkeit. Gleichzeitig ist dies wohl das ausgeglichenste Album seit Falling into Infinity, was die Anteile der einzelnen Band-Mitglieder angeht – vor allem Jordan Rudess' Anteile haben zugenommen. Das Orchester agiert dezent und songdienlich – der bombastische Overkill bleibt einem erspart.

Leider muss man auch sagen, dass die Lyrics die wohl simpelsten sind, die DT je hatten. Es ist teilweise schon richtig ärgerlich, was aus den einst so kunstvollen Lyrics geworden ist. Tiefpunkte sind das schmalzige "The Answer lies within" und Mike Portnoys pathetische Fan-Anklage in "Never Enough" – "Sacrifice my life, neglect my kids and wife, all for you to be happy". Lieber Mike, du hast diesen Weg doch selbst gewählt – und sind deine Fans wirklich sooooo schrecklich? Heraus sticht der dritte Teil von Octavarium, der mit einigen Wortspielereien auf eigene und fremde musikalische Glanztaten anspielt – genau wie die Musik selbst: "Sailing on the seven seize the day tripper diem's ready jack the ripper owens wilson phillips and my supper's ready lucy in the sky with diamond dave's not here I come to save the day for nightmare cinema show me the way to get back home again [...]". Ansonsten lyrische Leere und thematisches Recycling.

Fazit: Octavarium ist alles, was Train of Thought nicht war – im positiven oder negativen Sinn. Vom Hörgefühl entfalten sich abwechslungsreiche 75 Minuten, irgendwo zwischen Falling into Infinity, der zweiten Hälfte von Six Degrees of Inner Turbulence und Train of Thought. Der Produktion fehlt etwas der Pepp. Insgesamt ein stimmiges Album – einerseits modern, andererseits so nah an Retro-Prog wie DT je sein werden. Nett sind auch die Album internen Spielereien, etwa Jingle-Bells im Schlusstrack, der mit der gleichen Note endet mit der das Album beginnt, oder die Klavier-Octave auf dem Backcover, die jeweils die Anfangsnoten der einzelnen Songs ergeben...

Allein - es bleibt die Frage der Relevanz. Wieviel haben Dream Theater nach Images & Words, Awake und Metropolis pt.2 noch zu sagen, musikalisch wie lyrisch? Denn neue Impulse wird dieses Album dem Progmetal wohl nicht liefern.

Anspieltipp(s): These Walls, Panic Attack oder Octavarium
Vergleichbar mit: DT, Muse, U2, Genesis, Pink Floyd, Yes ... die Fragen lautet eher: Mit wem nicht?
Veröffentlicht am: 8.6.2005
Letzte Änderung: 20.3.2013
Wertung: 10/15
Plus ein Fan-Punkt.

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Von: Christian Rode @ (Rezension 2 von 7)


Dream Theater sind ohne Zweifel d-i-e Götter des Prog. Mal so mit vollem Understatement festgestellt. Damit das auch jeder mitkriegt, haben Dream Theater nach dem relativ einseitig harten Vorgängeralbum diesmal gezeigt, was sie alles können: Sie können nach wie vor richtig schön hart, sie können aber auch richtig schnulzig, sie können auch wie jede andere Band des Planeten, ob Prog (Pink Floyd z.B.), Nicht-Prog (U2) oder man-weiß-es-nicht-so-genau (Muse), sie können natürlich auch mit Orchester und sie können mit viel Melodie. Kurzum: Dream Theater können einfach alles und das auch noch technisch brilliant.

Außerdem konstruieren sie ihr Werk als Gesamtkunstwerk, indem die Alben zusammen mittlerweile einen eigenen Kosmos bilden, der mal in diese, mal in jene Richtung oszilliert. Dies wird noch dadurch unterstrichen, dass das jeweilige Folgealbum da ansetzt, wo das Vorgängeralbum aufhörte. Auch das Artwork von Octavarium zeugt von dieser Philosophie des Zusammenhangs von allem und dass Anfang und Ende eine höhere Einheit bilden: die Oktave auf der Klaviertastatur, die Jungs mit dem Dosentelefon aus dem und in das Nichts, die sich widersinnig beidseitig anstoßende Kugelreihe - kann das gut gehen? - und natürlich auch der Texthinweis ganz am Schluss "This Story ends where it began...".

Dream Theater umfassen in sich quasi den gesamten Prog. Bzw. das, was ihnen relevant oder anschlussfähig erscheint. In Octavarium scheint der Prog zu sich selbst und damit an sein Ende gekommen zu sein. Dream Theater sind daher also so was wie die Hegels des Prog. Irgendwie war uns das ja eigentlich schon immer klar, aber jetzt haben wir es auch endlich in der Summe vor uns liegen.

Dabei zeigen Dream Theater auf Octavarium auch, dass Progmetal mehr Prog als Metal sein kann, eigentlich so eine Art Neo- bis Retroprog mit gelegentlichen Riffattacken. Damit wird das Konzept von Train of Thought quasi auf den Kopf gestellt.

Man könnte einwenden, dass das Album zu technisch ist, dass es ihm an eigener Persönlichkeit mangelt. Aber das trifft nicht unbedingt zu. Octavarium ist nämlich auch ein Album, das kurzweilig gestaltet ist und Spaß macht, das stilistisch abwechslungsreich ist und bei allem doch den unverkennbaren Dream-Theater-Stempel trägt. Dennoch habe ich das Gefühl, dass es sich relativ leicht abnutzen könnte, so leicht es einem schon beim ersten Hören eingeht. Aber das Gefühl trügt. Tatsächlich halte ich es rückblickend für das letzte interessante Dream Theater Album.

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 15.6.2005
Letzte Änderung: 24.11.2014
Wertung: 11/15

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Von: Franco Cappelletti (Rezension 3 von 7)


Ich war doch zu neugierig. Nach meinem ziemlichen Verriß des Vorgängers hatte ich die Band ja bereits abgeschrieben, habe mir aber dennoch Octavarium noch am Erscheinungstag zugelegt und dies keine Sekunde bereut.

Viel wurde diese Band und ihr neues Album besprochen, kritisiert und rezensiert, und viel Wahres und auch eine Menge zweifelhafte Kommentare wurden abgegeben. In meinen Augen sind die ersten beiden Dream Theater-Alben immer noch unerreicht; Octavarium weist wiederum keine offensichtlichen Ähnlichkeiten zu früheren Werken auf, und doch - seltsam bekannt klingen die Songs, man fühlt sich als alter Progmetaller auf eine merkwürdige Weise sofort zuhause.

Mit dieser Scheibe haben die Herren vor allem eines geschafft: sie haben Melodien und Hooklines wiederentdeckt. Endlich fallen Passagen nicht nur sofort positiv auf, sondern bleiben dauerhaft hängen, auf seelenloses Gefrickel wird auf wohltuende Weise weitgehend verzichtet, und Stimmung vermischt sich mit Kohärenz.

Was bleibt zu den einzelnen Songs zu sagen? Das Album enthält KEINEN schwachen Song: "The Answer lies within"? LaBrie singt hier einfach schön (die tieferen Lagen lagen ihm ohnehin schon immer besser), der Text ist albern, aber mich kümmert es nicht. "I walk beside you"? U2? Meinetwegen, aber besser. "Sacrified Sons"? Einfach nur gut!

Der Longtrack überrascht nach einer wirklich fragwürdigen "Shine on you crazy diamond"-Kopie (aha, da sind die Pink Floyd-Einflüsse) mit ruhigen Teilen mit Akkordfolgen, die ohne weiteres aus Genesis' Trespass oder Wind and Wuthering stammen könnten, der Aufbau ist gelungen und die finale Auflösung eines 20+-Minüters würdig.

LaBries Gesang ist besser als zuletzt, die Produktion in Ordnung, nur Portnoy hält sich m.E. etwas zu sehr zurück (wenn ich da nur an seine überirdischen Einfälle auf dem Debüt denke...).

Fazit: sehr ordentlich, meine Herren! Mit Freude schreibe ich hier eine durch meine momentane Stimmung (oder aber auch ein Stück Altersweisheit?) derart wohlwollende Rezi, und jetzt bin ich auch wieder gespannt auf euer nächstes Werk.

Anspieltipp(s): Sacrified Sons, Octavarium
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 4.7.2005
Letzte Änderung: 20.3.2013
Wertung: 11/15

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Von: Jörg Schumann @ (Rezension 4 von 7)


Kann man die Klasse eines Albums daran messen, wie oft man es gehört hat? Vielleicht. Auf jeden Fall ist es ein Zeichen dafür, ob das Album einen irgendwie gepackt hat oder nicht. Octavarium ist ein Album, dass ich mir zwar, wie meist bei Alben des Traumtheaters, sofort zugelegt habe, das aber über einige Hördurchgänge nicht hinausgekommen ist.

Woran mag dies liegen?

Die Kompositionen sind wie immer technisch perfekt interpretiert und dargeboten, am Sound gibt es kaum was auszusetzen, allein: das Ganze hat sich für mich irgendwie abgenutzt, klingt bekannt und vertraut, mir fehlen neue Ideen. Irgendwo vereint das Album stilistisch alle Vorgänger, würzt mit U2-Attitude, Floyd-Stimmung und Orchester, der Anfang des Titelstückes könnte sich so auch auf einer Scheibe der Flower Kings finden, es wird gefrickelt, es gibt Balladen und Metall auf die Ohren, aber Begeisterung will bei mir ausser beim Titelstück nicht aufkommen.

Die grösste und wichtigste Progband der letzten 15 Jahre? Wenn dem so ist, dann merkt man auf Octavarium nicht viel davon. Die Götter des Prog? Divin ist anders.

Zutreffender ist wohl, dass dieses Album nichts Neues bietet und keine neuen Impulse setzt und dass es sich schnell abnutzt. Dream Theater wissen, was sie können, sie zeigen dies hier auch zur Genüge, es bleibt aber im Wesentlichen bei kalkulierten Selbstzitaten. Dass diese auf hohem technischen und musikalischen Niveau vorgetragen werden, sei unbestritten. Nur entlockt es mir keine Begeisterung mehr.

Aber man darf von einer Band nach 20 Jahren wohl kein grossen Neuerungen mehr erwarten. Obwohl Train of thought ja schon ein wenig anders war...

Anspieltipp(s): Octavarium
Vergleichbar mit: Dream Theater
Veröffentlicht am: 6.5.2006
Letzte Änderung: 6.1.2012
Wertung: 8/15
gewohnt solide, Octavarium 11

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Von: Piotre Walter @ (Rezension 5 von 7)


Eigentlich nicht als Dream Theater-Fan gestartet, machen mir die Alben der Band zunehmend Spaß. Habe trotzdem fast alle Alben der Band, da sie quasi die Progmetal-Legende sind und schon immer ein ausserordentliches Können und Niveau geboten haben.

In den von mir geschätzten neueren Alben, nehmen sie sich und die Welt im positiven Sinne nicht so furchtbar ernst. Strotzten die ersten Alben vor Frickelsucht sind die Frickelpassagen heute wohldosiert und in ein Album-Konzept eingebunden. So auch auf "Octavarium".

Gänzlich anders als das kompromisslos nüchtern hardrockige "Train of Thought" wird hier ein Bombast-Rock-Album mit Genuss zelebriert, dass ich ständig ein Grinsen auf den Lippen habe.

Trotz der typischen schnellen und dramatischen Gitarren-Läufe im Zusammenspiel mit der Rhythmustruppe, die man ja gewohnt ist und die DT ausmachen, sind auf "Octavarium" so viele Assoziationen, Stile vertreten, dass es eine Freude ist zuzuhören. Vor allem weil dies so selbstverständlich arrangiert und vorgetragen wird. DT haben die Melodie wiederentdeckt, mit Melodic Metal angebändelt und sie haben keine Gnade mit dem Fan und dem Rest der Welt - es gibt richtig schmachentende süßliche Bombastpassagen; zu Beginn des Titel-Longtracks "Octavarium" kommt eine Flöte daher, als wäre sie aus "Supper's ready" entsprungen. Also im Ernst - mir macht das Spaß!

Neoprog meets Progmetal - DT meets Pink Floyd, Genesis, Muse, Ambrosia und wie sagte Markus schon, "wen nicht?". Bekannt für viele Live-Coverversionen sogar von ganzen Alben, finde ich wirklich, das die Truppe sich vom Rest der Welt inspirieren läßt und sich aus dem Progmetal-Elfenbeinturm herausbegeben hat.

Was sollen sie auch machen, sie sind ja sowieso (Mit)Erfinder des Progmetal, und anstatt sich krampfhaft darin messen zu lassen, wie hoch sie die Progmetal-Latte diesmal gelegt haben, "scheren sie sich einen Dreck" darum und spielen was ihnen Spaß macht. Das kommt für mich aus dem Bauch und daher sollte die Motivation von Musik oder Album-Konzepten auch kommen. Gepaart mit dem richtigen (Kopf-)Anteil von progressive Rock bzw. Progmetal, ist hier für mich ein rundes Album entstanden.

Anspieltipp(s): These Walls, Never Enough, Panic Attack, Octavarium
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 14.12.2008
Letzte Änderung: 21.12.2008
Wertung: 12/15

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Von: Nik Brückner @ (Rezension 6 von 7)


Dream Theater ist für mich eine Retroprogband. Jaja, schon klar, Progmetal, ich weiß was das ist, Aber kriegt man Progmetal schon, wenn man Prog spielt und dabei bissl kratziger singt und die Gitarren etwas aufrauht? Ich weiß nicht. Und wenn "Octavarium" kein Retroprogalbum ist, also dann weiß ich auch nicht weiter.

Schon das Konzept: Das achte Studioalbum heißt "Octavarium", hier sind Lateiner gefragt, wenn das mal nicht Prog ist -, dann acht Songs, acht Töne in der Oktave und jeder Song steht in einer anderen Tonart: Der erste, "The Root of All Evil" in der Grundtonart ("Root") F Dur und der Song "Octavarium" ("Oktave") schließt am Ende den Kreis. Das Ganze wird dann auch noch gekreuzt mit der Zahl fünf: fünf schwarze Tasten, fünf Musiker, die fünf Teile des Titelsongs - und das damals aktuelle "Live at Budokan" war Dream Theaters fünftes Live-Album. Und dann das Cover: Acht Kugeln, fünf Vögel, ein achteckiges Labyrinth, dazu einige Achtbeiner, die Klaviertastatur, das ist schon alles sehr klassisch-proggig.

Keine Drachen! Ein recht abstraktes Konzept für ein Progmetal-Album. Und die Musik ist es auch: Verkopft nämlich. Gut, es gibt "The Answer Lies Within" und "I Walk Beside You", nicht gerade linkshirnige Tech-Metal-Vertracktheiten, aber als jemand, den Dream-Theater-Balladen meistens so gar nicht packen, muss ich eingestehen, dass ich "The Answer Lies Within" von allen noch am liebsten mag. Auch braucht das Album eine Weile, bis es in die Gänge kommt, als Ballade als zweiten Song auszuwählen, war keine gute idee, weil es die Dramaturgie ziemlich ausbremst, auch ist die erste Hälfte der Laufzeit nicht gerade DT at its best.

Die Höhepunkte des Albums sind jedoch woanders zu finden, und Höhepunkte sind es! Mit "Sacrificed Sons" enthält "Octavarium" vielleicht den besten Dream-Theater-Song überhaupt und das Titelstück ist bis heute der gelungenste Ü-20-Track der Band.

"Sacrificed Sons" bietet alles, was dem Dream-Theater-Fan das Herz höher schlagen lässt: pathetische Melodien, Orchester, mindestens siebenundzwanzig verschiedene Riffs, und dazu die typischen technischen Spielereien, die einem immer wieder den Mund weit offen stehen lassen: Wenn zum Beispiel das zweite Riff des instrumentalen Mittelteils erst einmal von John Myung eingeführt wird, dann bei einer seiner Wiederholungen um wenige Töne nach hinten verlängert, dann wieder in seiner Ausgangsform gespielt wird, nur um in der vierten Runde noch weiter ausgebaut zu werden. Oder das Gitarrenriff, das Portnoy über die Laufzeit des Songs hinweg immer wieder in neue metrische Kontexte stellt. Wenn ich richtig gezählt habe, spielt er in den 10 Minuten, die der Song dauert, über dieses Riff fünf verschiedene Schlagzeugpatterns. Portnoy greift damit eine Idee auf, die er zuvor im Song "The Mirror" vom Album "Awake" wohl am ohrenfälligsten durchgeführt hatte. Die Geschwindigkeit, in der das alles geschieht, und die Präzision, mit der es ausgeführt wird, sind atemberaubend und erzeugen den typischen Dream-Theater-Effekt: Man ist völlig überfahren. Und bis man kapiert hat, was die Band da macht, ist die schon beim nächsten Einfall. Dass das Ganze nicht in der Sackgasse reiner technischer Angeberei endet, sondern auch noch rockt, ist vielleicht ein noch wichtigeres Zeichen für die Qualität des Gebotenen als die technische Versiertheit der Musiker.

Das Titelstück greift zum Ende des Albums das Konzept dann wieder auf: Die acht im Titel, die fünf Teile und das Thema "this story ends where it began", das ein Bild für die zyklische Natur der Oktave darstellt. Das Zyklische wird aber noch weitergeführt: "Octavarium" ist nichts weniger als eine Verbeugung der Band vor allen ihren Vorbildern ("this story ends where it began"), meine Vorredner haben es angesprochen: Das Intro ist eine sehr gelungene Paraphrase von Pink Floyds "Shine On You Crazy Diamond", dann referiert die Flöte auf Genesis und der fünfteilige, sonatenhafte Aufbau des Longracks erinnert an die typische Struktur der Longtracks von Yes. Genau die Mitte des Stückes bildet ein Wakeman-Stilzitat, ein Keyboard-Solo, dessen zentrales Motiv, ich liebe solche Sachen, genau eine Oktave umfasst. Dazu kommen die vielen Textzitate in "Full Circle", die nicht nur aus Songs von Progbands wie Pink Floyd, Genesis und Spock's Beard stammen, sondern auch aus Songs von den Beatles, OMD und, man höre und staune, den Ramones entlehnt sind. Oh, und "Full Circle"? Ja, der Zitatezyklus beginnt, wie er endet - mit Pink Floyd. Wen überrascht es da, dass der Song später auch noch auf alle anderen Stücke des Albums anspielt, um schließlich auf der gleichen Note zu enden, mit der "The Root of All Evil" begann?

Dass "Octavarium" eine so gelungene Hommage an das Genre ist, hängt sicherlich auch damit zusammen, dass Dream Theater mit dem Stück ein schlüssiger und sehr einheitlicher Longtrack gelungen ist, der sich die Zeit nimmt, die er braucht, um sich zu entwickeln, und nicht in die typische Retroprogfalle tappt, alles zu überstürzen. Wenn die Musik erstmals so richtig Fahrt aufnimmt, ist die erste Hälfte des Songs bereits vorbei – das muss man können.

Fazit: Ein abstraktes Konzept ist manchmal mehr wert als die beste Fantasy-Story und ein derart mit intertextuellen Querverweisen gespicktes Album ist so richtig was fürs Herz. Für den Kopf natürlich. Dass diese Hommage an die F-Dur-Tonleiter trotz aller Intellektualität so richtig rockt, ist ihr nur umso höher anzurechnen. Beides zusammen macht "Octavarium" zu dem Retroprogalbum der Band.

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 28.10.2011
Letzte Änderung: 11.3.2014
Wertung: 11/15

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Von: Marc Colling @ (Rezension 7 von 7)


Wenn Dream Theater ein neues Album veröffentlichen, sollte man sich nie blind auf sie verlassen und ungehört kaufen. Die Qualität der einzelnen Alben variiert doch sehr. Somit bin ich immer skeptisch, höre also im Vorfeld lieber zuerst rein. Bei „Octavarium“ fällt dann schnell auf, dass die Kompositionen wesentlich melodiöser geworden sind als auf den beiden Vorgängern.

Das Album beginnt mit THE ROOT OF ALL EVIL. Der Song ist hart und rockt ordentlich, hat viel Gitarre und die Keyboards toben sich in gewohnter Manier aus. Alles schon mal so ähnlich gehört, doch für den Anfang ist das gar nicht mal so schlecht. Als nächsten Song dann aber bereits eine Ballade zu spielen, das ist doch schon recht ungewöhnlich. Doch THE ANSWER LIES WITHIN ist gut, bricht aber etwas den Fluss des Albums in einem Moment, wo das gar nicht nötig gewesen wäre. Andererseits gehört diese Ballade zu den wirklich besseren der Band.

Mit THESE WALLS geht es melodisch weiter. Der Song bewegt sich im Midtempobereich und rifft moderat zum Schluss hin. Mit I WALK BESIDE YOU bewegen sie sich dann aber leider auf sehr dünnem Eis, was bei mir zwiespältige Gefühle hinterlässt. Das muss niemandem gefallen, denn dieser süsslich-poppige Anstrich ist einfach überflüssig.

PANIC ATTACK ist der Beweis, dass sie immer noch Geschwindigkeitsrekorde auf ihren Instrumenten aufstellen können. Klingt aber nach bereits bekannten Sachen von früher und das Tempobolzen ist auch nicht wirklich kreativ. Mit NEVER ENOUGH geht es unspektakulär weiter; allerdings besitzt der Song eine interessante Gesangslinie, was ihn vor der absoluten Belanglosigkeit rettet. Dass der Track nach Muse klingt ist keine Frage. Das ist so was von offensichtlich....... Stimmengewirr und anfangs schönes Klavier leitet dann in SACRIFICED SONS ein. Dieser Song bietet einiges, was ich bisher vermisst habe. Viel Abwechslung, Dramatik, härtere Riffs neben ruhigen Phasen.

OCTAVARIUM, mit genau 24 Minuten, ist natürlich alleine schon von der Länge her ein Monster. Langsamer und ruhiger Beginn, es steigen Flöten ein ohne Kitschfaktor. Nach und nach, aber in einem wirklich sehr gemäßigten Tempo, nimmt der Song immer mehr Fahrt auf. Lässt die Gitarre durchscheinen und erst ab Minute 12 wird es schneller. Dass bis hierhin immer wieder Vergleiche zu Pink Floyd bemüht werden, finde ich unfair. Das passiert aber leider jeder Band, die mal etwas ruhiger und atmosphärischer spielt. PF haben schließlich kein Patent darauf. Rudess zeigt jedenfalls an seinen Keys, was er alles drauf hat. Jetzt geht es nur noch nach vorne, Petrucci an der Gitarre soliert in atemberaubendem Tempo, unterstützt von einem hart trommelndem Portnoy. Zum Schluss hin wird es dann bombastisch, was mir nicht immer gefällt doch hier absolut positiv hervorzuheben ist.

Negativ, und das ist bei DT leider oft der Fall, ist mal wieder die Abmischung vom Bass. Viel zu sehr nach hinten gemischt (außer im Titeltrack) kann er sich nicht so entfalten, wie man sich das wünscht. Auch auf anderen DT Aufnahmen musste ich das schon bemängeln.

Ist das hier denn nun ein gutes Album oder nicht? Jein. Die beiden letzten Song SACRIFICED SONS und OCTAVARIUM sind echte Sahneschnitten. Doch reicht das aus um in der Oberliga mitzuspielen, wo sich DT selbst gerne sehen? Es befinden sich im Endeffekt doch zu viele Durchschnittssongs auf der CD. Diese klingen anfangs noch interessant, doch schnell verlieren sie zu viel Substanz. Das ist nichts Neues bei dieser Band, ist aber wieder einmal enttäuschend für mich. Vielleicht liegt es auch einfach nur daran, dass sie immer und immer wieder die volle Spielzeit einer CD ausnutzen, statt mal nur 50 oder 55 Minuten.

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 19.1.2017
Letzte Änderung: 19.1.2017
Wertung: 9/15
der Titeltrack verdient 'ne 13

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Alle weiteren besprochenen Veröffentlichungen von Dream Theater

Jahr Titel Ø-Wertung # Rezis
1986 Majesty - the official 1986 Demo 9.00 1
1989 When Dream And Day Unite 11.00 3
1992 Another day (Single) - 1
1992 Images and Words 12.00 4
1993 Live at the Marquee 7.00 1
1994 Lie (Single) - 1
1994 The silent man (Single) - 1
1994 Awake 12.33 3
1995 A Change Of Seasons 9.50 2
1997 Falling Into Infinity 6.00 2
1997 Hollow years (Single) - 1
1998 Once In a LIVEtime 7.67 3
1999 Metropolis Pt. II - Scenes From a Memory 12.00 7
2000 Through her eyes (Single) - 1
2001 Metropolis 2000: Scenes From New York 11.00 1
2001 Live Scenes From New York 10.00 1
2002 Six degrees of inner turbulence 6.00 3
2003 Train of thought 9.67 6
2003 Master of Puppets (Official Bootleg) 10.00 2
2003 The Number of the Beast (Official bootleg) 8.00 2
2004 Live at Budokan 10.50 2
2004 When dream and day reunite (Official bootleg) 11.00 1
2004 Live at Budokan (DVD) 12.00 1
2005 Dark Side of the Moon (Official bootleg) 9.00 2
2006 Score - 20th Anniversary World Tour 7.00 1
2006 Score - 20th Anniversary World Tour (DVD) 12.00 1
2006 Made in Japan (Official bootleg) 10.00 1
2007 Systematic Chaos 8.00 4
2008 Chaos in motion 2007-2008 10.00 1
2009 Black Clouds & Silver Linings 10.00 2
2009 Uncovered 2003-2005 (Official bootleg) 8.00 1
2011 A Dramatic Turn of Events 11.80 5
2013 Dream Theater 8.67 3
2013 Live at Luna Park 13.00 1
2016 The Astonishing 8.50 3

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