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Jethro Tull

A Passion Play

Coverbild
Informationen

Allgemeine Angaben

Erscheinungsjahr: 1973
Besonderheiten/Stil: Konzeptalbum; Klassischer Prog
Label: Chrysalis
Durchschnittswertung: 12.75/15 (5 Rezensionen)

Besetzung

Ian Anderson Gesang, Gitarre, Flöte, Saxophon
Martin Barre Gitarre
John Evan Klavier, Orgel, Synthesizer
Jeffrey Hammond-Hammond Bass
Barriemore Barlow Schlagzeug

Tracklist

Disc 1
1. Part One 21:34
2. Part Two 23:30
Gesamtlaufzeit45:04


Rezensionen


Von: Udo Gerhards (Rezension 1 von 5)


Das Nachfolgewerk von "Jethro Tulls" grandiosem Konzept-Klassiker "Thick As A Brick" schlägt rein äusserlich in die gleich Kerbe. Wieder wird ein mehr als vierzigminütiges Stück in (vinyl-bedingt) zwei Teilen geboten: "A Passion Play". Die Lyrics sind wieder eher obskur (es geht wohl um Tod un Nachleben; ich bin aber nicht ganz sicher) und der Sound ist wieder weit recht weit entfernt von Tulls Bluesrock-Wurzeln.

Auch gegenüber dem Vorgänger hat man sich - bei gleicher Besetzung - etwas entfernt: Ian Anderson konzentriert sich nicht 'nur' auf Gesang, akustische Gitarre und Flöte, sondern steuert auch deutlich mehr quietschiges Sax an Stelle der Flöte bei als auf anderen Tull-Platten, wobei ich seinen recht dünnen Sax-Sound nicht sehr überzeugend finde und er auf späteren Platten ja auch wieder davon abgekommen ist. Dazu steht der Synthesizer weiter im Vordergrund, sei es mit pulsierenden begleitenden Schlägen oder als Melodieinstrument. Die Musik selbst ist wieder vielteilig und abwechslungsreich, daber aber eher zerissen und wenig rockend, auch wenn einige sehr schöne treibende Stellen zwischendurch geboten werden. Und natürlich gibt es wieder jede Menge Tull-typischer folkig-akustischer Stellen; allerdings wirkt alles etwas pathetischer und schwermütiger als bei "Thick As A Brick", vielleicht manchmal sogar zu überladen so. Als wirksames Gegenmittel dazu fungiert allerdings der geniale und zum Weglachen komisch-alberne Anfang der zweiten Teils: die vom Orchester begleitete "Story Of The Hare Who Lost His Spectacles", überaus amüsant erzählt von Keyboarder John Evan in typisch englischer Manier.

Der Gesamteindruck von "A Passion Play" ist zwiespältig: einige geniale einzelne Teilen in einem für mich zerissenen und nicht immer schlüssigen Ganzen, ohne dass dabei jemals wirklich ärgerliches oder störendes auftauchen würde. Dies mag allerdings auch damit zu tun haben, dass vieles von dem Material von "A Passion Play" in ursprünglich anderer Form geplant war, wie die erste "Nightcap"-CD ("Chateau D'Isaster Tapes") dokumentiert. Für Fans von "Thick As A Brick" ist "A Passion Play" sicher zu empfehlen, aber wer mit "TaaB" schon nicht viel anfangen konnte, wird sich wohl auch mit APP nicht anfreunden können.

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 16.5.2002
Letzte Änderung: 16.5.2002
Wertung: 9/15

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Von: Piotre Walter @ (Rezension 2 von 5)


Ganz klar, Daumen hoch... A Passion Play, die einzige Tullplatte die ähnlich komplex, abgefahren, genial ist wie Thick as a Brick. Allerdings wurde hier sehr auf die Flöte verzichtet und stark mit Saxophon und Keyboards/Synthies experimentiert. Ähnlich wie beim Album "A", kommen mal andere Sounds und Instrumente zur Geltung. APP mag nicht so ausgereift sein wie TaaB aber durchaus ebenbürtig, vielleicht war dieser Sound nicht geeignet für weitere Alben, gehört aber mit zum Besten was Tull je abgeliefert haben. Außerdem finde ich gerade die pathetische Stimmung, die Udo nicht so liegt, absolut geil.

Anspieltipp(s): da gibt‘s nur alles oder nichts
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 21.5.2003
Letzte Änderung: 21.5.2003
Wertung: 14/15

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Von: Jochen Rindfrey @ (Rezension 3 von 5)


Da schließe ich mich Siggy und Piotre an. "A Passion Play" ist eines meiner Tull-Lieblingsalben, gerade die für Jethro Tull ungewohnt düstere Stimmung (vor allem im Kontrast zum Vorgänger "Thick As A Brick") finde ich faszinierend. Auch den Einsatz des Saxofons finde ich durchaus gelungen, und anders als Udo bedaure ich ein wenig, dass Anderson davon wieder abgerückt ist.

Für mich neben "Thick As A Brick" und "Songs from the Wood" die beste Tull-Scheibe.

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 4.10.2004
Letzte Änderung: 4.10.2004
Wertung: 13/15

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Von: Siggy Zielinski @ (Rezension 4 von 5)


In dem nachfolgenden Text soll es hauptsächlich um die 2014 erschienene "A Passion Play - An Extended Performance" 2CD+2DVD-Box gehen. Da ich aber schon sowieso dabei war, habe ich mir einige Kommentare zum Werk und seiner Geschichte nicht verkneifen wollen.

"A Passion Play" von Jethro Tull bleibt für mich ein Höhepunkt im Schaffen von Jethro Tull und damit auch eines meiner Lieblingsalben. Nach dem von Ian Anderson als Parodie des Genres gedachten Prog-Konzeptalbum "Thick as a Brick" (das damals wohl die wenigsten als Parodie aufgefasst haben) wollte der Bandchef noch ein ernst gemeintes Konzeptalbum nachschieben, das sich textlich mit dem Leben nach dem Tode beschäftigt. "A Passion Play" bleibt ausserdem eines von zwei Alben mit Ian Anderson als Saxophon-Spieler. Einige für seine Kompositionen recht unerwartete dissonante Einfälle kann ich mit dem Wissen viel besser deuten, dass Jethro Tull im Jahre 1972 einige Auftritte mit Gentle Giant als Vorgruppe absolviert haben.

Allen Tull-Fans ist die schwierige Entstehungsgeschichte bekannt, die ich ganz kurz für die Tull-Sympathisanten und -Neulinge zusammenfassen möchte. Die Tull-Musiker begannen als freiwillige Steuerflüchtlinge (nach damaligem britischem Steuerrecht musste ein gut verdienender Steuerzahler damit rechnen über 80% seiner Einnahmen an die Staatskasse abgeben zu müssen) in dem französischen Aufnahmestudio Château d'Hérouville an einem Doppelalbum zu arbeiten. Nach technischen Problemen im Studio und wegen der katastrophalen Verhältnisse bei der Ernährung und Übernachtung hat die Gruppe überraschend beschlossen lieber nach Hause zurückzukehren und kaum etwas von dem verdienten Geld zu behalten als weiter im Ausland zu leben.

Zurück in Großbritannien begannen dann die Arbeiten an einer Einzel-LP, die zwar keine Aufnahmen, dafür aber einige frische Ideen aus Frankreich verwendeten. Einige davon landeten dann auch auf dem nachfolgenden Werk "Warchild", andere wiederum wurden zum ersten Mal 1988 als Teil von "20 Years of Jethro Tull (Box Set)" offiziell veröffentlicht. Aus elf Minuten in der 20 Years Box wurden auf der ersten CD der "Nightcap"-Zusammenstellung dann 50 Minuten Tull-Musik aus den Château d'Hérouville-Studios. "A Passion Play - An Extended Performance" von 2014 beinhaltet nun zusätzliche zehn Minuten Musik aus Frankreich. Ausserdem wurden die inzwischen 60 Minuten in ihrem Originalzustand belassen, ohne die viel später hinzugefügten Flötenmelodien, die man z.B. auf "Nightcap" zu hören bekommt.

Interessanterweise gab es im Vorfeld der Remixes Überlegungen zwischen Ian Anderson und Steven Wilson, laut denen die Originalaufnahmen und die Arrangements von "A Passion Play" überladen gewesen sein sollen. Als Resultat hat Wilson in seinen neuen Abmischungen "einen, oder zwei" (wie er sagt) Saxparts gelöscht, was mich keineswegs in große Begeisterung versetzt. Wäre es nach Anderson gegangen, wären jetzt angeblich alle Saxbeiträge weg. Nach diesem Versuch die Originaltapes übersichtlicher zu gestalten (?!) sind einige, eigentlich alle Instrumente betreffende Parts deutlicher zu hören, so dass man eventuell bisher nicht beachtete Feinheiten entdeckt.

Im Rahmen des zehnten, "The Foot of Our Stairs" genannten Teils des "A Passion Play"-Mehrteilers taucht dann plötzlich ein Fragment mitten im vertrauten Werk auf, das es auf den bisherigen Ausgaben so nicht zu hören gab. Zu diesem Fragment meinte Wilson, dass es von dem Tontechniker rausgeschnitten und ans Ende vom Band dran geklebt wurde. Also wurden diese wenigen Minuten nach Absprache mit Anderson wieder an ihre ursprüngliche Stelle gesetzt.

Die vorliegende "A Passion Play - An Extended Performance" 2CD+2DVD-Box beinhaltet also erwartungsgemäß einige Remixes von Steven Wilson. Die wie gesagt bisher umfangreichste Zusammenstellung der Château d'Hérouville-Aufnahmen gibt es auf CD2 im Stereo-Remix und auf der DVD2 in den inzwischen üblichen 5.1 Surround (DTS 96/27 & Dolby AC3) und 96/24-Stereo-Abmischungen. Auf der DVD1 erwartet einen noch "Original 1973 Album Mix transferred Flat und ein 96/24 Stereo LPCM-Mix, sowie Tour Footage (The Story of the Hare Who Lost His Spectacles & Opening/Closing Ballet Sequence). Die CD1 und DVD1 sind dann dem eigentlichen Album, jeweils in den gerade genannten Abmischungen, gewidmet. Dank der DVD kommt der Fan in den Genuss von den nicht in allen Ausgaben erhältlichen Untertiteln. So beginnt das Album beispielsweise mit "Act I - Ronnie Pilgrim's Funeral: a winter's morning in the cemetery, 1.Lifebeats/Prelude".

Das sehr umfangreich und informativ geratene, mit vielen Fotos versehene 80-seitige CD-Heft (eigentlich muss man da schon von einem CD-Buch sprechen) beinhaltet neben dem LP-Inlay der Originalausgabe auch die Erinnerungen der Musiker (als Nachdruck eines Record Collector-Artikels), sowie Kommentare des zuständigen Toningenieurs und der Dame auf dem LP-Cover. Hinzu kommen Tourdaten von 1973, Songtexte zu allen Stücken der Box-Ausgabe, eine Stellungnahme von Steven Wilson, ein Text über die Begegnungen und Gespräche mit Ian Anderson im Jahre 1973, eine kurze Geschichte des Château d'Hérouville-Studios und schließlich zwei Heftseiten zur Entstehung von "The Story Of The Hare Who Lost His Spectacles", die wie wir ja alle wissen von Jeffrey Hammond-Hammond konzipiert und vorgetragen wurde.

Diese ansprechend aufgemachte Box ist wohl am ehesten für die hartgesottenen Fans geeignet, denen kleine Änderungen an einem ihrer Lieblingsalben nicht viel ausmachen. Mit seiner (immerhin mit Anderson abgesprochenen) Vorgehensweise ist Wilson meines Erachtens in diesem Fall ein Stück zu weit gegangen. An Originalaufnahmen sollte nichts gelöscht werden. Dafür bekommt der Fan 60 Minuten von "Chateau D'Isaster"-Tapes und ein gut gefülltes CD-Heft.

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 12.7.2014
Letzte Änderung: 12.7.2014
Wertung: keine

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Von: Nik Brückner @ (Rezension 5 von 5)


"A Passion Play"! Jetzt als "extended performance" in Form einer Vier-Scheiben-Box erschienen – überarbeitet von Steven Wilson. Hören wir doch gleich mal rein!

"A Passion Play" beginnt mit einem Herzschlagmotiv, dann stellt weit im Jenseits Andersons Sopransaxophon gleich das zweite Hauptmotiv des Stücks vor. Daraufhin mündet das Präludium in eine Gigue im 9/8-Takt, die gewissermaßen als eine Art Totentanz das Passionsspiel einläutet. Und Jethro Tull vermehren die Referenzen in die Musikgeschichte: Sie spielen einen rudimentären imitatorischen Kontrapunkt, wenn Synthesizer (linker Kanal) und Saxophon (rechter Kanal) Variationen und Umkehrungen des Hauptmotivs austauschen.

Der Herzschlag kehrt zurück und verlangsamt sich: Wir sind im Nachleben angekommen und begleiten in der Folge Ronnie Pilgrim auf seinem Weg durchs Jenseits. Die Solostimme Andersons, die aus dem Nichts zu kommen scheint, symbolisiert vielleicht die Seele Ronnies, die sich aus seinem Körper löst.

Schon das Präludium setzt "A Passion Play" von anderen Werken der Band ab. Während Jethro Tull sonst oft Elemente aus dem Mittelalter und der Renaissance aufgreifen, beziehen sie sich hier auf den Barock: Polyphonie, imitativer Kontrapunkt, die Gigue, und bei den Urfassungen "Tiger Toon" und "Law of the Bungle" die Verwendung eines Cembalos lassen die Epoche unmissverständlich anklingen.

In der Folge ist "A Passion Play" dann geprägt durch das Spiel mit der für Popularmusik typischen Wiederholung auf der einen Seite, und der für sie untypischen durchkomponierten Form, also einer kontinuierlichen Fortentwicklung der Musik ohne Brüche und Wiederholungen, auf der anderen. Überwogen beim Vorgänger "Thick as a Brick" noch die geschlossenen Formen, die die populäre Musik weitgehend bestimmen (strophische Form, Vers/Refrain-Strukturen und so weiter), sind es bei "A Passion Play" im Gegensatz dazu die durchkomponierte Passagen, die dominieren. Und während es in "Thick as a Brick" auf Kosten einer geschlossenen Gesamtgestalt geht, dass die songhaften Passagen in sich geschlossener sind und somit jeweils für sich einen gewissen Grad an Selbständigkeit besitzen, ist "A Passion Play" das gelungenere Großwerk, weil das Stück weniger in sich abgeschlossene Abschnitte aufweist. Damit zeigt es nicht nur, wie man einen gelungenen Longtrack komponiert (Retroprogbands: bitte mal ganz genau hinhören!), sondern darüber hinaus ganz beispielhaft, was für mein Dafürhalten den Progressive Rock in seinem innersten Kern ausmacht: Das Ersetzen von Erwartbarem durch das Überraschende.

In der populären Musik führt die allgegenwärtige Wiederholung auf der Hörerseite zu einer Abfolge von Erwartung und Erfüllung: Selbst bei einem mir unbekannten Popsong weiß ich im Vorhinein einige Dinge: Zum Beispiel, dass ich nach ca. 45 Sekunden den Refrain zu erwarten habe, dass ich die Strophe, die ich gerade höre, nach dem Refrain noch einmal zu hören bekomme, und dass auch der Refrain nach der nächsten Strophe noch einmal wiederholt wird. Das Hören von Popmusik ist also ein in die Zukunft hinein gerichtetes Hören, weil man im Voraus schon weiß, was auf einen zukommt.

Die Komplexität des Prog dagegen, seine Abkehr von den repetitiven Schemata der Popmusik in Struktur, Motivik, Rhythmik und Melodik, macht es unmöglich, die Wendungen der Musik vorauszuahnen. Was dazu führt, dass der Hörer nicht wie bei einem schematisch aufgebauten Popsong antizipieren kann, was als nächstes geschieht. Stattdessen ist er darauf angewiesen, analytisch zu hören: Verstehen nicht durch Vorausahnen, sondern sozusagen durch Nacharbeiten. An die Stelle des Vorausahnens des immer Gleichen tritt die nachträgliche Analyse des eben Gehörten.

Echte, wortwörtliche Wiederholungen gibt es in "A Passion Play" überhaupt nur an vier Stellen. Und selbst da sorgen kleine Variationen für Fortbewegung: Viele Strophen sind irregulär, werden gekürzt oder anders fortgeführt. Erst gegen Ende des Werks werden die Anteile an Wiederholungen größer. Stattdessen sind es motivische Formen, die das Stück zusammenhalten: Das Herzschlagmotiv, das an sieben verschiedenen Stellen in immer neuen Gestalten erscheint, oft als Shuffle, bindet das Stück im Ganzen zusammen. Ein zweites Motiv ("There was a rush along the Fulham Road") markiert den Moment des Todes von Ronnie Pilgrim und scheint sogar an zehn verschiedenen Stellen im Stück auf. Und die Melodie "All along the icy wastes" erscheint in immer neuen Permutationen, gesungen, gesprochen ("All of this and some of that") oder instrumental (z. B. bei 17:46).

Für mich ist das der Kern der ganzen Angelegenheit "Progressive Rock": Nicht die Longtracks, nicht die exotischen Instrumente, nicht die rhythmische oder formale Komplexität, sondern der Zweck, dem all das dient: Das Ersetzen des Erwartbaren durch das Überraschende. Der Sinn des Ganzen? Die Auflösung von wohlfühligen Sicherheiten, stattdessen eine fortwährende Kette von Überraschungen, ein stetiges, sich entwickelndes Voranschreiten, und ein Eindruck des (so) noch nie Gehörten. Daher rühren wohl auch die vielzitierten Effekte: Dass gelungener Prog den Hörer auf eine Reise mitnimmt, oder dass es im Prog auch nach vielmaligem Hören noch etwas zu entdecken gibt. "A Passion Play" ist für Beides ein ganz hervorragendes Beispiel. Dazu dienen (es ist ein Dienen!) komplexe Metren (viele viele in "A Passion Play", Polyrhythmik eingeschlossen), überraschende Tonartenwechsel ("the old familiar choruses come crowding in a different key", 5:15) Referenzen in alle möglichen Richtungen der Musik und der Musikgeschichte – in diesem Fall sind es die kammermusikartigen Instrumentalpassagen, ist es der Barock.

Wohl daher rührt der Eindruck, dass der Progressive Rock besonders anspruchsvoll sei. Der schlichte Grund: Er ist es. Wenn er gut ist. Ein Stück wie "A Passion Play" ist ein Paradebeispiel dafür.

Die Instrumentierung ist es, die durch Steven Wilsons Überarbeitung zu eigentlichen Star des Albums wird. Sie ist es auch, die den negativen Einschätzungen mancher Bandmitglieder, allen voran Ian Anderson selbst, zugrunde liegt: Was die neuen Abmischungen zutage fördern, ist ein äußerst feines Gespinst ebenso subtiler wie superber Melodien, die sich das gesamte Stück hindurch gegenseitig umweben. Polyphonie: Erst im Zusammenklang der vielen verschiedenen Instrumentalstimmen entsteht die Gesamtgestalt des Werks. Zudem wechselt alle paar Takte die Instrumentierung: insgesamt sind mindestens 15 verschiedene Instrumente zu hören. Möglich gemacht hat das das Studio – auf der Bühne war all das nicht umzusetzen. Und weil die Musiker immer den performativen Aspekt ihrer Musik vor Augen haben, haben müssen, haben sie bis heute ihren Frieden mit dieser Musik nicht gemacht. Ganz anders wir, die wir, zumindest wenn wir uns an die offiziellen Veröffentlichungen halten, nur die Studiofassung kennen. Wilsons Arbeit hebt das Raffinement der Arrangements nun nur umso deutlicher hervor. Man mache bloß einmal den Versuch, in den ersten sechs, acht Minuten allein auf das zu hören, was Martin Barre da tut: Zum einen ist das erst jetzt richtig möglich, zum anderen offenbart sich da plötzlich eine ganz eigene Welt feiner, wundervoller Melodien. Wer hat gesagt, Prog mache mehr Arbeit als schnöde Popmusik? Hier kann man das am Lebenden Objekt nachvollziehen: Das muss man erst einmal schreiben!

Und dann "The Story of the Hare who lost his spectacles"! Noch mehr Referenzen: Sergei Prokofjews "Peter und der Wolf" trifft auf Monty Python trifft auf eine ironische Spiegelung der spirituellen Reise Ronnie Pilgrims mit der Suche der Tiere, "insight and foresight" - in den Brillengläsern eines Hasen. A play within a play within a mirror...

Überhaupt die Texte! Klar, "A Passion Play" hat ein düsteres Thema, aber die Stärken Andersons als Texter sind hier nicht weniger präsent als auf seinen lyrisch besten Stücken: Wortspiele wie "Newt knew too much" jagen beißende Kommentare auf Religion ("Man of passion rise again, we won't cross you out") und Gesellschaft ("And your little sister's immaculate virginity wings away on the bony shoulders of a young horse named George who stole surreptitiously into her geography revision. (The examining body examined her body.) ")

Die neue Version wartet neben vernachlässigbaren Veränderungen am Original mit den vollständigen "Château D'isaster"-Tapes auf, gegenüber ihrer früheren Veröffentlichung auf "Nightcap" um 10 Minuten ergänzt, von späteren Flötenoverdubs befreit, in die korrekte Reihenfolge gebracht und korrekt betitelt. Beide Alben sind von Steven Wilson vorbildlich entstaubt und neu abgemischt worden. Im Vergleich zu Wilsons Arbeit an "Thick as a Brick" sind die Unterschiede zur bisher verfügbaren Version von "A Passion Play" viel größer: Die CD von 2003, die ich besitze, klingt im Nachhinein erschreckend dumpf und verwaschen. Hat ein Klavier je so schneidend klar geklungen wie das von John Evan hier?

"A Passion Play" ist nicht nur mit Abstand das beste Album Jethro Tulls, es ist musikalisch wie textlich eines der vielschichtigsten Alben, die der (Progressive) Rock je hervorgebracht hat. Die Überarbeitung Steven Wilsons ist ebenso superb wie die Ausstattung der neuen Box. Dem Fan bleibt nichts zu wünschen übrig.

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 29.7.2014
Letzte Änderung: 4.8.2014
Wertung: 15/15

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Alle weiteren besprochenen Veröffentlichungen von Jethro Tull

Jahr Titel Ø-Wertung # Rezis
1968 This Was 7.00 4
1969 Stand Up 11.00 3
1970 Benefit 9.00 4
1971 Aqualung 11.33 3
1972 Living In The Past 9.67 3
1972 Thick As A Brick 12.80 5
1974 Warchild 10.00 4
1975 Minstrel In The Gallery 11.50 4
1976 Too Old to Rock'n'Roll: Too Young to Die 9.00 3
1977 Songs from the Wood 11.67 3
1978 Heavy Horses 9.80 5
1978 Live - Bursting Out 11.50 2
1979 Stormwatch 9.50 2
1980 A 9.67 3
1982 The Broadsword And The Beast 10.00 2
1984 Under Wraps 9.00 3
1985 A Classic Case - The London Symphony Orchestra Plays The Music Of 4.00 2
1987 Crest of a Knave 7.80 5
1988 20 Years of Jethro Tull 10.00 1
1988 20 Years of Jethro Tull (Box Set) 12.00 1
1989 Rock Island 8.50 2
1990 Live at Hammersmith '84 9.00 1
1991 Catfish Rising 10.50 2
1992 A Little Light Music 10.50 2
1993 Nightcap 8.00 1
1993 25th Anniversary Box 12.00 1
1995 Roots To Branches 8.50 2
1995 In Concert 10.00 1
1999 J-Tull Dot Com 6.67 3
2001 The very best of 11.00 1
2002 Living With The Past (CD) 7.50 2
2003 The Essential Jethro Tull - 1
2003 A New Day Yesterday - The 25th Anniversary Collection (DVD) 9.00 1
2003 The Jethro Tull Christmas Album 9.00 3
2004 Nothing Is Easy: Live At The Isle Of Wight 1970 11.00 1
2005 Nothing Is Easy: Live At The Isle Of Wight 1970 (DVD) 8.00 2
2005 Aqualung Live - 2
2007 The Best Of Acoustic Jethro Tull - 1
2007 Live At Montreux 2003 11.00 1
2007 Bethlehem, PA, 9 August 2003 (DVD) - 1
2008 Jack in the green (DVD) - 1
2008 Their fully authorized story (2 DVDs) - 1
2009 Live At Madison Square Garden 1978 (DVD) 11.00 1
2010 Live at the London Hippodrome (DVD) 10.00 2
2015 Too Old To Rock 'n' Roll: Too Young To Die! - The TV Special Edition 11.00 1
2017 Jethro Tull - The String Quartets 11.00 1

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