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Chris Cutler

File under Popular - Texte zur populären Musik



Informationen

Erscheinungsjahr: 1995 ((dt. Ausgabe))
ISBN: 3-925077-15-4
Verlag: Buchverlag Michael Schwinn
Verlagsort: Neustadt


Rezensionen


Von: Udo Gerhards


Chris Cutler dürfte den meisten als langjähriger Schlagzeuger der Band Henry Cow bekannt sein. Neben der Tätigkeit als Musiker (in Projekten wie den Art Bears oder Cassiber) führt er ausserdem das Plattenlabel Recommended Records und tritt mit "File under Popular" als Autor in Erscheinung.

"File under Popular" versammelt Texte Cutlers, die im Laufe der Jahre als Vorträgstexte oder Essays entstanden sind. Neben allgemeinen Ausätzen zur populären Musik widmet sich Cutler hier auch bestimmten Künstlern wie den amerikanischen Residents oder Sun Ra. Cutlers Schreibe ist relativ theorielastig und anstrengend, und in seinen theoretischen Gedanken spiegelt sich immer wieder der kommunistische Hintergrund wider, der auch in einigen Henry Cow-Songs durchschlägt. Viel ist von Musik als Ware und den daraus resultierenden Gegebenheiten die Rede. Dabei mischen sich sehr interessante Denkansätze (etwa seine Einteilung des Musizierens in verschiedene 'Modi' oder das Essay über "Plunderphonics", also die Manipulation und Verfremdung bestehender Aufnahmen als eigenständige Kunstwerke, mit mühsam intellektualisierten und theoretisiert verklausulierten Allgemeinplätzen (etwa seine Ausführungen zur Wichtigkeit der Musik der afrikanisch-stämmigen Amerikaner für die Entwicklung des Rock). Dies ist weder immer leicht zu lesen noch muss man wohl jedem seiner Gedanken uneingeschränkt zustimmen, aber doch meist anregend und provokativ im besten Sinne.

Von besonderem Interesse für Babyblaue Leser dürfte der Abschnitt über "Progressive Musik in Grossbritannien" sein. Aber Achtung: Cutler interpretiert den Begriff "progressiv" eher im Wortsinne und nicht so "historisch", wie er meist auf diesen Seiten gebraucht wird. Er versteht darunter strikt Musik, die das Vokabular und die Möglichkeiten elektrischer Instrumente und des Tonstudios erweitert hat sowie von ihrer Entstehung her in die Rock-Tradition gehört. Daher firmiert die Zeit von 1969 bis 1975, die im allgemeinen als die Hochphase des Progressive Rock angesehen wird, bei Cutler unter "Sparflamme": "Die 'progressive' Musik flaute zu Yes, Genesis, ELP und Gentle Giant ab". Neben den - für Prog-Fans sicher provokanten - allgemeinen Betrachtungen in diesem Kapitel ist besonders der persönlicher gehaltene Abschnitt über Henry Cow und die RIO-Bewegung interessant, der einen Einblick in das Selbstverständnis der Band und ihrer Situation bietet.

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Von: Ralf J. Günther


Diese Aufsatzsammlung würde ich jedem empfehlen, der sein Bild vom "progressiven Rock" über die üblichen Klischees hinaus abzurunden versucht. Cutler beschäftigt sich mit musikalischen Strömungen, die selten im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen wie u.a. der R.I.O.-Bewegung, an deren Entstehung er maßgeblich beteiligt war. Zudem lenkt er den Blick auf die Frühphase der "progressiven" Rockmusik in den 60er Jahren, die für ihn die entscheidende ist, verkörpert etwa in den Who, Jimi Hendrix, Pink Floyd (Syd Barrett-Ära) und Soft Machine. Eigene Kapitel sind den Residents, John Oswalds "Plunderphonics" und Sun Ra gewidmet. Während viele andere Autoren und Liebhaber am "Prog" gerade dessen Distanz zur Bluesdogmatik schätzen, ist der Blues für Cutlers musikalisches Weltbild ein wesentlicher Faktor. Hinzu kommt sein starkes Interesse am Experiment und an der Kunstmusik des 20. Jahrhunderts.

Dies ist nicht der Band, in dem man sich seine Vorliebe für Yes oder Genesis genießerisch (und oberflächlich) bestätigen läßt. Auch wenn man den kritischen Ansatz zu schätzen weiß, ist es allerdings unbefriedigend, daß Cutler diese Gruppen in wenigen Zeilen, ohne genauere Argumentation (S. 122f.) abqualifiziert. Der Verfasser ist der Meinung, es handele sich hier um nichts weiter als um die Übertragung "klassischer Musikklischees des 19. Jahrhunderts auf Rockinstrumente". Ich glaube nicht, daß dies eine sehr tragfähige Aussage ist. Zwar trifft es zu, daß die "klassische" Musik des 18. und 19. Jahrhunderts erheblichen Einfluss auf Gruppen wie Yes, Genesis oder Gentle Giant hatte, doch bieten diese auf ihren besseren Alben mehr als nur gedankenlose Stil-Anleihen (vgl. etwa die Studie von John Covach). Man kann sich zudem fragen, ob es nicht recht willkürlich ist, wenn Cutler umgekehrt Strawinksy- und Orff-Einflüsse auf eine Gruppe wie Magma positiv hervorhebt. Abgesehen davon, daß für diese beiden "modernen" Komponisten eine eigenständige Tonsprache ja keineswegs unvereinbar mit der Bezugnahme auf die musikalische Überlieferung war, läßt sich der künstlerische Wert von (Rock)Musik m.E. ohnehin nicht davon abhängig machen, inwieweit sie älteren oder jüngeren Entwicklungen der "Kunstmusik" nacheifert. Der Bezug auf die "Moderne" löst das Dilemma nicht auf. Der deutliche Eisler/Weill-Einschlag auf einigen Henry Cow-Stücken ist letztlich auch nichts weiter als das Nachvollziehen von bereits Geschehenem. (Im übrigen spielen auch bei Eisler und Weill "unmoderne" Elemente eine große Rolle.) Entscheidend bleibt die Qualität der Verarbeitung musikalischer Einflüsse, nicht deren Herkunft. Cutlers Begriff von Modernität erscheint mir daher sehr schwarz-weiß. Letztlich ist es wohl der kommerzielle Erfolg bestimmter Gruppen, der sie dem Verfasser verdächtig macht. Dahinter steht seine Abneigung gegen Anbiederungen an die etablierte, nicht-emanzipatorische Musikausübung, die "kulturelles Eigentum" der "herrschenden Klasse" (S. 22) ist. "Progressivität" ist bei Cutler nicht nur eine Frage des Klanggeschehens, sondern in starkem Maße politisch-gesellschaftlich definiert. Gemeint ist damit der "Volksaspekt des Musikmachens", darüber hinaus die Kontrolle nicht nur über die musikalischen Gestaltungs-, sondern auch über die Produktions- und Distributionsprozesse (S. 108). Dieser Ansatz hat bei Cutler marxistische Wurzeln. Daß man mit ebenfalls eher grobschlächtigen marxistischen Kategorien Yes und Co. allerdings auch in den Himmel loben kann, beweisen (oder beweisen auch nicht) die Bücher von Bill Martin. Letztlich handelt es sich bei solchen Bemühungen mehr um Glaubensfragen als um Analysen.

Eine gewisse Formelhaftigkeit gehört zu den Schwächen von Cutlers Buch. Folgt man der Dialektik des Autors, so bildete in der Musik die Entstehung der Notation die "Negation" des reinen (biologischen) Gedächtnisses, die Tonaufzeichnung wiederum war die "Negation" der Notation und damit die "Negation der Negation." All das erinnert an Friedrich Engels´ biedere Hegel-Anleihen (bis hin zur berühmt-berüchtigten Dialektik des Gerstenkorns: die Pflanze ist die "Negation" des Korns etc.). In der DDR wäre man über solche kulturphilosophische Holzschnitzerei vermutlich begeistert gewesen. Tatsächlich war die deutsche Veröffentlichung von Cutlers Buch 1989 für den Leipziger Verlag Peters bestimmt. Dazu kam es - so der Verfasser im Vorwort - aufgrund der "widrigen politischen Umstände" nicht. Diese Formulierung hat mich sehr irritiert. Der seit 1814 unter dem Namen C.F. Peters bestehende Leipziger Musikverlag wurde 1939 unter den Nazis "arisiert", sein Eigentümer 1942 in Auschwitz ermordet. Der Besitz ist zwar 1945 dem rechtmäßigen Erben zurückgegeben worden, doch wurde das Unternehmen 1949 verstaatlicht und ab 1950 als "VEB Edition Peters Musikverlag Leipzig" weitergeführt, der im Jahr nach dem Mauerfall (1990) auf staatliche Anordnung seine Tätigkeit einstellen mußte. Der zweimal enteignete Besitz wurde 1993 schließlich restituiert. Angesichts von Cutlers Wertschätzung des künstlerischen "Volksmodus" wirkt es peinlich - oder zumindest äußerst gedankenlos -, wenn er den Umbruch des Jahres 1989, der ja nicht zuletzt durch das freiheitliche Aufbegehren gerade der Leipziger Bevölkerung getragen wurde, lediglich als "widrigen Umstand" für seine Publikationstätigkeit anführt.

Indes: Man muß Cutler nicht in allen seinen Urteilen folgen, um viele interessante Informationen und Denkanstöße zu erhalten. Sein Buch ist u.a. ein Wegweiser zu einer Fülle von Musik, die sich um kommerziellen Erfolg nie geschert hat und die auf neue Entdecker nur wartet. Daß der Band in deutscher Sprache vorliegt, ist ein Luxus, der über die häufig mühselige Darstellungsweise hinwegtrösten sollte. Leider wirkt der im Vorwort geäußerte Dank für die editorische Betreuung des Buches etwas deplaziert, denn der Band ist eine wahre Druckfehlersammlung, das Nachwort von Stefan Leitner liefert zudem mehrfach unfreiwillige Parodien auf die Tücken des deutschen Satzbaus.

Bedauerlich erscheint mir, daß Cutler es bei der Wiederveröffentlichung seines Buches nicht für notwendig gehalten hat, auf neuere Publikationen wie insbesondere die grundlegende Studie von Allan F. Moore (Rock: The Primary Text) einzugehen. Das hätte dazu beitragen können, seine Ideen genauer zu akzentuieren. Allerdings kann man den Vorwurf ebenso in die umgekehrte Richtung wenden, da Cutler seinerseits auch in der Neuauflage von Moores Buch nur sehr am Rande erwähnt wird.

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