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Kerry Livgren/Kenneth Boa

Seeds of change. The Spiritual Quest of Kerry Livgren, Writer, Guitarist, and Keyboard Player with Kansas

über: Kerry Livgren



Seeds of change. The Spiritual Quest of Kerry Livgren, Writer, Guitarist, and Keyboard Player with Kansas

Informationen

Erscheinungsjahr: 1983
ISBN: 0-89107-265-9
Verlag: Crossway Books
Verlagsort: Westchester, Ill.


Rezensionen


Von: Nik Brückner


Alle diskutieren über Neal Morse und sein Buch "Testimony", in dem er seine spirituelle Suche beschreibt - der Kansas-Chef Kerry Livgren, dessen Karriere erstaunliche Parallelen zu der Morses aufweist, hatte ein ganz ähnliches Werk bereits zwanzig Jahre früher vorgelegt: "Seeds of change. The Spiritual Quest of Kerry Livgren".

Und das Buch beschreibt wahrhaftig eine spirituelle Queste. Livgren beginnt mit seiner Kindheit: Wir erfahren, dass beide Eltern für die Santa Fe Railroad arbeiteten, dass sein Vater auf Disziplin schwor und seine Mutter eine gute Köchin war. Der kleine Kerry erbt das musikalische Talent seines Vaters, er bleibt in seiner Schule aber dennoch ein Außenseiter - obwohl alle seine Mitschüler in irgendwelchen Bands Musik machen (oder es zumindest versuchen). Kerry ist ein Einzelgänger weil er klare Vorstellungen von dem hat, was er will. So möchte er zum Beispiel seine eigene Musik schreiben und spielen, etwas, das seine Mitschüler doch sehr befremdet.

Das gleiche gilt für sein anderes Hobby: er liest. Uncool. Livgren schmökert sich durch den gesamten intellektuellen Bücherschrank der 60er: Nietzsche und Ayn Rand auf der einen, Hesse und Castaneda auf der anderen Seite. Er interessiert sich für Zen, liest Watts und Suzuki, dann Sri Chinmoy, Krishnamurti, Maharishi und Paramahansa Yogananda. Dazu das Daodejing, I Ging und natürlich die damals populären Autoren Kerouac und Pirsig sowie eine ganze Reihe von Science-Fiction-Romanen.

Klingt irgendwie bekannt? Genau, Leute wie Jon Anderson und Neil Peart haben in jenen Jahren dieselben Sachen gelesen.

Auch was Livgren in diesen Jahren hört, klingt vertraut: Wagners Opern, Mussorgskis "Bilder einer Ausstellung", Griegs "Peer Gynt", Mahlers "Sinfonie der Tausend", Richard Strauss' "Also sprach Zarathustra", Chatschaturjan (Kubricks "2001" lässt grüßen), Debussy, Vaughan Williams, dazu die frühen Progbands: King Crimson, Procol Harum, The Moody Blues, Gentle Giant, Pink Floyd, natürlich die Beatles und von den Amerikanern Chicago, Buffalo Springfield, Zappa und, man höre und staune, die französischen Zeuhl-Pioniere Magma!

Klingt irgendwie bekannt? Genau, Leute wie Keith Emerson und Robert Fripp haben in jenen Jahren dieselben Sachen gehört.

Alles in allem also die übliche kulturelle Möblierung der späten Sechziger. Wenn Livgren in der Folge nun die Geschichte seiner drei Kansas-Bands erzählt und uns hinter die Kulissen ihrer Musik blicken lässt, tut er das immer vor dem Hintergrund dieser intellektuellen Ausstattung. Damit ist klar, dass er mehr über seine Texte als über seine Musik schreibt: ganze Gedichte und Liedtexte sind im Buch wiedergegeben. Livgren enthüllt dabei, dass seine Texte eine intellektuell-spirituelle Suche dokumentieren: Denn er hört selbstverständlich nicht auf, zu lesen. Der Satz "Man lernt nie aus" ist schon richtig, nur muss man, wenn er stimmen soll, weiterlernen...

Livgren tut genau das, doch je mehr er liest, umso weniger kann er mit dem Gelesenen anfangen. All die Bücher, deren Inhalte (und deren Klappentexte) Erleuchtung versprechen und deshalb Allgemeingültigkeit beanspruchen, scheinen wenig verlässlich, sobald Livgren das nächste Buch mit der nächsten wohlfeilen Erleuchtung aufschlägt. Seiner Verzweiflung darüber, das anscheinend überhaupt nichts sicher oder wenigstens von Dauer ist, verleiht er in mehreren Songs Ausdruck, der bekannteste darunter dürfte wohl "Dust in the Wind" sein. Und konsequenterweise heißt es einige Zeit später: "The path that I have chosen has led me to a wall."

Just zu diesem Zeitpunkt taucht ein Buch auf, dass nun endlich die Erleuchtung bereithalten muss - immerhin hat es 2097 Seiten, genügend Platz also für sämtliche Antworten! Das Urantia-Buch. Livgren verschlingt es, studiert es, missioniert schließlich unter seinen Freunden und diskutiert es mit anderen Adepten. Doch letzten Endes führt ihn auch dieser Weg nur wieder an die altbekannte Wand, deren Name, wie er schnell erkennt, Synkretismus lautet: wenn alles eins ist, wenn es keine Unterschiede gibt, dann ist nichts etwas. Diese Erkenntnis entzündet sich in Diskussionen über die auch im Urantia-Buch zentrale (wenn auch nicht so richtig zentrale) Figur Jesu Christi mit Jeff Pollard, dem Sänger der Band Le Roux, die 1979 mit Kansas tourt. Ein Christ.

Und es kommt, wie es kommen muss: Livgren tut, was er immer tut, er liest, diesmal aber die Bibel, und in einer durchschmökerten Nacht bricht er plötzlich, ohne zu wissen, warum, in Tränen aus. Als er am Morgen aufwacht, ist er nicht nur ausgeschlafen, sondern wiedergeboren: Ein Born Again Christian.

Bis hierhin folgt man Livgren als Leser gern: Belesene Autoren sind so, haben Schwung, sind intelligent, urteilen klar, und wer will schon über Dumme lesen. Ab hier wird es jedoch höchst befremdlich. Livgren schreibt, wie die Musik seiner Band auf "Audiovisions" endlich die richtige Richtung einschlägt (und prompt verlässt Sänger Steve Walsh die Band) und "Vinyl Confessions" das erste wirklich gesegnete Kansas-Album ist. Schlicht absurd wird es dann, wenn er argumentiert, dass die westliche Kunst (und er meint alle Kunst) seit ihrer Entchristianisierung einem Verfall anheimgegeben ist, der bis heute anhält, und das Schöne, Wahre und Gute nur durch Gottes Führung entstehen kann. Sodann versucht er, Rockmusik gegen den Anwurf, sie sei des Teufels, in Schutz zu nehmen: Im christlich-konservativen Kontext mag das ja noch angehen, aufgeklärte Menschen (auch aufgeklärte Christen) sollten sich aber auf den Standpunkt stellen, dass manche Ansichten einfach zu dämlich sind, um selbst durch sachlich-argumentative Ablehnung noch ernstgenommen zu werden.

Immerhin rettet Livgren seine intellektuelle Reputation ganz am Ende doch dadurch, dass er ganz anti-holistisch dafür plädiert, Urteile über Kunst in differenzierter Weise zu fällen und vorzubringen. Es gebe einen Unterschied zwischen handwerklicher Qualität ("technical excellence"), Integrität bzw. Authentizität ("validity") und transportiertem Inhalt ("content"). Man solle diese drei gesondert betrachten und Kunst nicht ablehnen, wenn sie auf nur einem dieser Felder gescheitert ist, ebenso wie man sie nicht bejubeln soll, wenn sie nur auf einem funktioniert. Schon gar nicht solle man Musik nur deswegen ablehnen, weil sie einem nicht gefällt. Livgren richtet sich damit recht deutlich gegen das Gros christlicher Rockmusik, der er, wie er offen zugibt, wenig künstlerischen Wert beimisst. Und auch wenn Livgren damit implizit Kunstwerken, die nicht, oder nicht vorrangig einen Inhalt vermitteln wollen, einen Platz im Reigen der Künste verwehrt, ist sein Denkansatz doch klug genug, um den Leser am Ende noch mit den paar intellektuellen Untiefen zu versöhnen, die einem das Buch vorher kurzzeitig sauer machten.

Von diesen einmal abgesehen ist "Seeds of change" ein angenehmes Buch von einem angenehmen Autor(engespann): Anders als das eingangs erwähnte "Testimony" Neal Morses wirft es nicht mit naturgemäß wenig nachvollziehbaren Wundern nur so um sich, der Lesende Livgren nimmt den lesenden Leser mit auf einen eher intellektuell geprägten und dadurch leichter nachvollziehbaren Weg hin zum Christentum. Und es funktioniert.

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