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Tim Smolko

Jethro Tull's Thick as a Brick and A Passion Play: Inside Two Long Songs

über: Jethro Tull



Jethro Tull's Thick as a Brick and A Passion Play: Inside Two Long Songs

Informationen

Erscheinungsjahr: 2013
ISBN: 978-0253010315
Verlag: Indiana University Press
Verlagsort: Bloomington


Rezensionen


Von: Nik Brückner


Die musikwissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Progressive Rock ist ja fast genauso alt wie der Progressive Rock selbst. Nahezu alle großen Bands der 70er sind abgeklappert, na, Renaissance fehlt noch, auch auf Gentle Giant könnte man noch genauer eingehen, der RIO wird ganz vernachlässigt, aber immerhin, zu den großen Bands gibt es mittlerweile eine ganze Reihe solider bis herausragender Publikationen, die dem Leser-Hörer helfen, persönlichen Geschmack und musikalische Qualität auseinanderzuhalten, und zu verstehen, warum man mag, was man mag.

Jethro Tull waren da bis vor kurzem eine Ausnahme. Gut, Tull war keine zentrale Progband, sondern hat zwischen Folk und Blues, Hardrock und Prog nahezu jedes Genre mal bedient, mit "Thick as a Brick" und "A Passion Play" hat sie aber doch zwei der zentralen Prog-Alben der Frühzeit abgeliefert. Und angesichts der Fülle an journalistisch aufgemachten Bandgeschichten Tulls war es verwunderlich, dass erst vor zwei Jahren ein Musikwissenschaftler eine größere Publikation zu einem Werk der Band vorgelegt hat, die Rede ist natürlich von Allan Moores Buch über "Aqualung". Nun zieht Tim Smolko nach, und endlich nimmt sich mal jemand die beiden auffälligsten Alben der Band vor: Ebenjene "Thick as a Brick" und "A Passion Play".

Die leitende Frage, der Smolko nachgeht, lautet: Wie kann es sein, dass es ausgerechnet die beiden am schwierigsten zugänglichen Tull-Alben waren, die es als einzige in den USA auf Platz 1 der Charts schafften? Um dieser Frage nachzugehen, untersucht der Musikwissenschaftler Smolko in erster Linie die Musik der beiden Alben. Auch wenn er auf Text und Verpackung eingeht, behandelt er diese doch nur am Rande. Smolko gelingt es dabei, zu zeigen, wie die beiden Alben aus einem Wechselspiel von gesungenen und instrumentalen Passagen aufgebaut sind, die nicht nur ineinandergeschoben, sondern über eine ganze Reihe von Motiven eng miteinander verwoben sind. Zu diesem Zweck identifiziert er auf beiden Alben wiederkehrende Motive (z. B. das einleitende 12/8-Gitarrenmotiv auf "Thick as a Brick" oder das Herzschlagmotiv auf "A Passion Play"), und zeigt, wo und in welcher Gestalt diese Motive wiederkehren. Smolko gelingt es dadurch nicht nur, zu zeigen, wie die beiden Alben aufgebaut sind, er ist damit auch einem entscheidenden Charakteristikum des Progressive Rock im Ganzen auf der Spur: Dem Spiel mit der für Popularmusik typischen Wiederholung auf der einen Seite, und der für sie untypischen durchkomponierten Form, also einer kontinuierlichen Fortentwicklung der Musik, ohne Brüche und Wiederholungen, auf der anderen. Ersteres führt auf der Hörerseite zu einer Abfolge von Erwartung und Erfüllung, letzteres zu dem, was in meinen Augen den Progressive Rock in seinem innersten Kern ausmacht: Das Ersetzen von Erwartbarem durch das Überraschende. Was am Ende dazu führt, dass der Hörer nicht wie bei einem schematisch aufgebauten Popsong antizipieren kann, was als nächstes geschieht, sondern er stattdessen darauf angewiesen ist, im Nachhinein, also analytisch zu hören. Verstehen nicht durch Vorausahnen, sondern durch Nacharbeiten, sozusagen.

Da Smolko in diesem Punkt aber nicht meiner Ansicht ist, ja diesen Punkt erst gar nicht diskutiert, muss er folgerichtig zu dem Schluss kommen, dass "Thick as a Brick" das gelungenere Album ist, enthält es doch mehr von jenen geschlossenen Formen, die die populäre Musik ausmachen: strophische Form, Vers/Refrain-Strukturen und so weiter. Dem Hörer, so Smolko, ist es darum leichter zugänglich als "A Passion Play", das im Gegensatz dazu viel mehr durchkomponierte Passagen enthält. Ich selbst sehe das genau anders herum, und zwar weil die songhaften Passagen in "Thick as a Brick" einen gewissen Grad an Selbständigkeit besitzen, was auf Kosten einer geschlossenen Gesamtgestalt geht. Diese Geschlossenheit ist bei "A Passion Play" größer, weil das Stück weniger selbstständige Abschnitte aufweist.

Jenseits solcher bloßen Meinungsverschiedenheiten weist das Buch aber einige unbestreitbare Schwachstellen auf. Die größte besteht sicherlich darin, dass Smolko die Texte und die Umtexte (auf den Covers) nicht in ausreichendem Maße zu seiner Interpretation heranzieht. Das wirkt sich bei "Thick as a Brick" besonders stark aus. Smolko stellt z. B. die naheliegendste Frage von allen nicht: Warum wird Gerald Bostock ausgerechnet "Little Milton" genannt? Und nicht etwa Little Shakespeare? Oder nach irgendeinem anderen englischen Schriftsteller? Die Beantwortung dieser Frage hätte den einen oder anderen Schlüssel zum Verständnis von "Thick as a Brick" liefern können. Auch bemerkt er nicht, dass die berühmten akustischen Passagen am Anfang und am Ende mehr als bloße musikalische Buchstützen sind: Ian Anderson singt am Anfang "Spin me back down the years and the days of my youth" – es handelt sich also um eine Rahmenhandlung, die im Hier und Jetzt spielt, im Gegensatz zum Hauptteil des Werkes, das in ebenjenen "days of my youth" angesiedelt ist. Auch andere formale Gliederungsmöglichkeiten, wie die im Text vorgegebenen Einteilungen in "Later", "Quote" und "Of Course" macht er sich und seiner Analyse nicht zunutze.

Mag auch das letzte Wort zu "Thick as a Brick" und "A Passion Play" noch nicht gesprochen sein, so legt Tim Smolko doch eine äußerst anregende und erkenntnisreiche Arbeit vor, die sicherlich für viele Leser einen neuen und ziemlich gut nachvollziehbaren Zugang zu den beiden Alben eröffnet. Denn bei aller wissenschaftlichen Fundiertheit ist das Buch geradezu leicht verständlich und kann damit guten Gewissens jedem Fan ans Herz gelegt werden.

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