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Scott O’Reilly

Yes and Philosophy. The spiritual and philosophical Dimensions of Yes Music.

über: Yes



Yes and Philosophy. The spiritual and philosophical Dimensions of Yes Music.

Informationen

Erscheinungsjahr: 2012
ISBN: 9781477547236
Verlag: Print on Demand
Verlagsort:


Rezensionen


Von: Nik Brückner


Yes and Philosophy. Die spirituellen und philosophischen Dimensionen der Musik von Yes. Klingt interessant, oder?

Immerhin ist das ein Thema, von dem wir alle wissen, dass es da draußen ist, aber nur selten nimmt jemand die Mühe auf sich, das mal zu bearbeiten. Und es wäre wirklich interessant! Vor allem für diejenigen unter uns, die so fern von der Esoterik eines Jon Anderson leben wie ich. Menschen, die der festen Überzeugung sind, dass die Realität das Beste ist, was wir haben – einfach weil es das Einzige ist, was wir haben. Umso gespannter schlägt man O’Reillys Buch auf.

Dann liest man los. Und das klingt so:

Yes. No rock group has ever had a simpler or cleverer name. Yes is a musical entity that is more than the sum of its parts. Yes is a group that is constantly transcending itself. Yes is a band that paints pictures with sounds. Yes is a musical paradox.

Man wartet nun die ganze Zeit darauf, dass O’Reilly das bricht, diese Klischees, die man als Yes-Fan zur Genüge kennt, als solche benennt, sie dann vielleicht aufgreift, hinterfragt und zum Gegenstand seines Buches macht. Aber nichts von alldem geschieht. O’Reilly lässt sie einfach stehen. Er hinterfragt nicht, er belegt nicht, er lässt diese (nebenbei bemerkt: ziemlich dummen) Sätze einfach stehen. Er ignoriert The The. Und man merkt: Hier schreibt ein Fan.

Dagegen ist nun nichts einzuwenden. Fans kennen üblicherweise ihre Bands sehr gut und wissen viel über sie. Allenfalls neigen sie dazu, ein wenig zu unkritisch zu sein. Dieser spezielle Fan ist allerdings ein sehr naiver, und dagegen ist sehr wohl etwas einzuwenden. Das geht, wie gesehen, schon von Beginn an so, es setzt sich auf den folgenden Seiten fort: Im Kapitel „The Birth of Progressive Rock“ etwa beschränkt sich O’Reilly ausschließlich auf King Crimsons „In the Court of the Crimson King“, ganz so, als hätte er nicht mitbekommen, dass es in der Kulturgeschichte so etwas wie das erste Mal einfach nicht gibt. Das ist Konsens, den kann man nachlesen, und an solchen Tatsachen ändert es auch nichts, dass ein paar Musikjournalisten das immer noch nicht mitbekommen haben und diesen Schmarrn bis heute fortschreiben.

Aber eigentlich müsste man das nicht einmal nachlesen. Schon der gesunde Menschenverstand sagt uns, dass die Vorstellung, es habe bis „In the Court of the Crimson King“ keinen Progressive Rock gegeben, einen Tag nach „In the Court of the Crimson King“ aber schon, ziemlich abstrus ist.

Der Texter von „In the Court of the Crimson King“ wird von O’Reilly übrigens beharrlich “Pete Seinfeld” genannt. Das mag zur Illustration der Recherchefähigkeiten O’Reillys genügen.

Oder doch nicht. Denn man erwartet als in Yes-Dingen halbwegs gebildeter Leser doch, dass es in einem Buch über die spirituellen und philosophischen Dimensionen der Musik von Yes um die spirituellen und philosophischen Dimensionen der Musik von Yes geht. Tatsächlich schreibt hier aber mal wieder einer über Musik, der gar nicht über Musik schreiben kann. Gemeint sind nämlich nicht die spirituellen und philosophischen Dimensionen der Musik von Yes, sondern vielmehr die spirituellen und philosophischen Dimensionen der Texte von Yes. Aha, sagt der Kenner, jetzt kriegen wir Blavatsky, Castaneda, Stanley-Adler, Paramahansa Yogananda, Kitagawa, und dazu ein bisschen Literatur: Hesse, Tolstoi, Heinlein. Das sind die Autoren, von denen ich aus dem Stand weiß, dass sie Anderson beeinflusst haben. Es gibt noch ein paar mehr, aber dazu müsste ich nachdenken.

Aus dem Stand! Ohne Nachdenken! Mir fallen aus dem Stand mehr Autoren ein als O’Reilly, dem Buchautor. Und mehr als das: Denn keiner, keiner dieser Namen wird in dem Buch mehr als höchstens mal erwähnt. Und ich würde wetten: O’Reilly hat keinen dieser Autoren gelesen.

Was er stattdessen macht, ist freies Assoziieren. Und das geht so:

O’Reilly hört „Roundabout“ und fragt sich, worum es in diesem Song wohl geht. Und statt es nachzulesen (es ist nachzulesen, die Bandmitglieder haben zig mal darüber gesprochen), erklärt er, dass ein Roundabout ein Kreisverkehr ist. So weit, so gut. Nun fragt er sich, was noch alles rund ist. Und von allen runden Sachen fällt ihm ausgerechnet der Ouroboros ein, ein uraltes Bild einer Schlange, die ihren eigenen Schwanz frisst, sich also ernährt, und damit am Leben hält, sich aber andererseits dabei verzehrt. Er stellt fest, dass das ein tolles Symbol ist, weil Chris Squire ein zirkuläres Bassriff spiele, was nicht stimmt, er kommt dann auf den Urknall, und von dort aus zu Friedrich Schelling und Charles Darwin und er erklärt, dass Roundabout eine Reise durch die Natur im Spiegel des Bewusstseins ist.

Was auch immer eine Reise durch die Natur im Spiegel des Bewusstseins sein mag. Was der Satz ist, das kann ich allerdings erklären. Er ist ein Schmarrn.

Das ganze Buch ist so. O’Reilly hat keinen bruachbaren methodischen Ansatz, jedenfalls keinen, der seinem Anspruch auch nur annhähernd genügen würde. Was er nicht versteht: Die Philosophie ist eine Wissenschaft, und als solche verfügt sie über gewisse methodische Grundlagen. Und freie Assoziation (so ziemlich die einzige erkennbare Methode, die er verwendet, wenn man sie in diesem Zusammenhang überhaupt so nennen kann) gehört nicht dazu. Man kann nicht einfach Schelling auf etwas anwenden, ohne zu begründen, warum.

Der „Philosoph“ O’Reilly hat nicht viel verstanden. Nicht von Darwin, nicht von Schelling, nicht von Ouroboros, nicht von „Roundabout“. Er weiß nicht einmal besonders viel über Yes oder Progressive Rock. Wer die "Philosophie" von Yes angehen will (Jon Anderson nennt das weitaus zutreffender eine "Ideologie"), der muss sich mit Esoterik beschäftigen, Vera Stanley-Adler, Carlos Castaneda, und einigem richtig üblen Scheiß (Anderson lässt in Interviews immer wieder das eine oder andere durchblicken), und er muss ganz viel SF lesen. Nicht einmal das hat O’Reilly verstanden - geschweige denn getan.

Na, vielleicht versteht er ja etwas von Kreisverkehren. In dem Fall wäre es gut, er würde ein Buch über Kreisverkehre schreiben. Über Progressive Rock sollte er jedenfalls nicht mehr schreiben. Denn es besteht für den Leser die Gefahr, dass er etwas, das er schon weiß, verlernen könnte.

Ein gefährliches Buch. Na, jedenfalls ein schlechtes Buch. Ein ärgerliches Buch. Nicht kaufen.

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