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Dominique Dupuis

Progressive Rock Vinyl



Progressive Rock Vinyl

Informationen

Erscheinungsjahr: 2014 (264 Seiten, 255 x 255 mm)
ISBN: 978-3-86852-904-3
Verlag: Heel Verlag
Verlagsort: Königswinter


Rezensionen


Von: Achim Breiling


Es gibt ja schon einige, meist etwas größer formatige Bücher, die LP-Cover zum Thema haben. Meist geht es da um die besten oder sonst in irgendeiner Weise (für den Autor) wichtige Bildwerke, mit denen Tonträgerhüllen verziert waren, von Rockproduktionen meist, mitunter auch von einem bestimmten bildenden Künstler (siehe z.B. "Views"). Mit Dominique Dupuis' "Progressive Rock Vinyl" liegt nun ein Buch vor, welches sich ausschließlich mit der Coverkunst des Progs befasst, zudem nur mit Werken, die auch in Vinyl gepresst wurden. Das Buch ist erstmals 2012 in Frankreich erschienen, wurde 2014 aber vom in Königswinter ansässigen Heel Verlag auch in einer deutschen Übersetzung veröffentlicht.

Dupuis will mit seinem Buch nicht nur Plattencover vorstellen, sondern er versucht sich gleichzeitig an einer Art von Geschichte des Prog bzw. einer Darstellung und optischen Illustration des Genres. Im Zentrum stehen dabei natürlich Ablichtungen von LPs, mitunter ganzseitig, meist aber kleiner, die offensichtlich von Originalscheiben gemacht wurden, sind doch oft Abnutzungs- und Lagerspuren zu sehen. Dazu wurde das Buch in zwei Dutzend jeweils mit 1-2 Seiten Text versehene Kapitel geteilt, die sich bestimmten Strömungen und Bands des Genres widmen.

Zu Beginn präsentiert Dupuis seine Definition des Progressive Rock, den er als künstlerische Vision des Rock sieht, die den kreativen Aspekt vor den kommerziellen stellt. Danach folgen allerlei Formeln, Erklärungen und Aufzählungen von Einflüssen, die alle ihre Berechtigung haben, doch letztendlich erkennt auch Dupuis, dass eine echte Definition nicht möglich ist und die Frage "Was ist Prog?" oder "Ist das Prog?" viel Raum für Diskussionen schafft. Und jeder, der in diesem Buch blättert, wird sich beim Betrachten des einen oder anderen Covers sicher immer wieder die zweite Frage stellen.

Dupuis sieht die Wurzeln des Progressive Rock im englischen, progressiven Jazz der 50er Jahre und tendiert auch sonst zu einer sehr europäischen Sicht des Prog. Dementsprechend finden in diesem Buch amerikanische Bands, bis auf Zappa, kaum statt, ganz zu schweigen von japanischen, die komplett ignoriert werden. Interessanterweise sieht Dupuis dann ausgerechnet "Pet Sounds" von den Beach Boys als erstes Progalbum an, und bezeichnet das dann auch gleich als komisch, da diese ja aus Kalifornien kamen. Gleich danach erklärt er, dass die Wurzeln des Prog im Psychedelic Rock liegen und nennt dann mit Zappas "Freak Out" gleich noch ein amerikanisches Beispiel. Mit den Beatles und den Moody Blues begeben wir uns dann aber zurück nach England.

Es folgen verschiedene Kapitel, die jeweils bestimmte Bands oder stilistische bzw. geographische Subgenres des Prog vorstellen. Meist werden dabei verschiedene Formationen und Musiker, mitunter etwas wild oder willkürlich, in ein Kapitel gepackt, nur King Crimson und Van der Graaf Generator haben ihren eigenen Abschnitt. So findet man Genesis, Camel und Yes (inklusive Asia) zusammen abgehandelt, oder Procol Harum, Traffic, Curved Air, Audience, die Earthband und Family (im Abschnitt über Soul und Blues im Prog). Des Weiteren gibt es z.B. Kapitel über Canterbury (sehr ausführlich, zudem wurde hier auch gleich Mike Oldfield untergebracht), The Nice und ELP (als Aufhänger für Klassik und Rock), Jazzrock (wieder mit sehr britischer, canterburylastiger Sicht - von Mahavishnu Orchestra oder Return to Forever ist nirgends die Rede), französischen Prog von Magma bis Art Zoyd, Krautrock, Italoprog, Prog und Pop (mit Barclay James Harvest, Supertramp und Alan Parsons), Spacerock, Prog im restlichen Europa, Progressive Rock zwischen keltischer Folklore und mittelalterlicher Musik (Tull, Renaissance, Gentle Giant), RIO, Neoprog, Progmetal und eines über bekannte Covermacher (Paul Whitehead, Roger Dean, Patrick Woodroffe, die Leute von Hignosis, HR Giger).

Im Grossen und Ganzen liegt Dupuis (nach Sicht des Rezensenten) einigermassen richtig mit seinen Einteilungen und Subgenrezuweisungen. Nicht selten sind die gewählten Beispiele aber etwas seltsam (sprich nicht wirklich repräsentativ), die Auswahl unvollständig, oder bleibt der Text oberflächlich, unverständlich bzw. ist schlichtweg falsch. Ein paar Beispiele:

Im Kapitel "Anderswo in Europa" steht zu lesen: "In nordischen Ländern wurde mit Bands wie Wigwam und Pekka Pohjola in Finnland sehr klassischer Progressive Rock kultiviert, der später in Progressive Metal überging." Hm? Als einziger mit Cover abgebildeter Skandinavischer Vertreter ist Pohjola mit zwei Alben zu sehen ("The Mathematician's Air Display" und das ziemlich unprogressive "Urban Tango" aus dem Jahre 1982). Wo ist der ganze Rest aus Skandinavien? Schweden?

Spanische Bands tauchen übrigens auch nicht auf. Ostprogger werden nur am Rande erwähnt (der Erstling von SBB ist abgelichtet). Dagegen sind - wie bei Pohjola - mitunter Alben zu finden, die sicher keinen Prog (mehr) beinhalten (die Soloscheiben von Matthew Fischer - der Procol-Harum-Tastendrücker - z.B., oder "Sssss..Top" von Wallenstein und "Age of Madness" von Jane im Kapitel Krautrock). Und natürlich findet man die bekannte Stereotype: "Ab 1977 wurde dem Progressive Rock durch die aufkommen Punk-Bewegung ein Ende gesetzt." Stimmt doch gar nicht.

Im Kapitel über Frankreich steht zu lesen: "Ende der 1970er Jahre ging der französische Progressive Rock immer mehr Richtung Jazzrock. Eine Band wie Atoll klang wie Caravan (?!) und der größte Teil der damaligen Musiker erinnerte an Weather Report oder Chick Corea. Nur Potemkine trat die natürliche Nachfolge Magmas an, indem sie eine von Strawinsky und Bartok inspirierte Musik machten." Und was ist z.B. mit Altais, Eider Stellaire, Eskaton, Honeyelk, Mosaïc, Noa, Paga, Shub Niggurath und Speed Limit?

Der erste Satz im Abschnitt Spacerock: "Der Begriff Space Rock wird von den meisten Sterblichen mit dem Namen Pink Floyd verknüpft." Das möchte ich doch bezweifeln. Später: "Space Rock als eigene Musikrichtung wurde maßgeblich am Rheinufer zwischen Köln und Frankfurt mitgestaltet, ausgehend von Hippie-Kommunen, die sich "kosmisch" nannten." Ach, wirklich? Beispiele sind leider Fehlanzeige. Danach werden Ash Ra Tempel, Tangerine Dream und Klaus Schulze, die Berliner Schule (liegt aber nicht am Rhein, oder?), als Inspiration und Quelle des Spacerock erwähnt. Erst gegen Ende des Textes taucht dann der Name Hawkwind auf, zum Schluss auch die Ozric Tentacles und ... Kitaro (oh, doch ein Japaner). Was ist mit Gong? Die findet man im Canterbury-Kapitel.

Mitunter sieht man auch, dass man falsch liegen kann, wenn man nur nach dem Cover geht (was der Autor offenbar bisweilen getan hat). Im Kapitel "Progressive Rock zwischen keltischer Folklore und mittelalterlicher Musik" findet man z.B. "At King" von Deyss prominent abgelichtet, auf einer Seite mit "Three Friends" von Gentle Giant und Alben von Gryphon und Magna Carta. Sieht halt schwer nach Mittelalter aus.

Amerika ist in "Progressive Rock Vinyl" selten zu finden. Am Ende des Kapitels über Neoprog wird erwähnt, dass in Amerika kaum Prog statt fand, es dort "lediglich sehr technische oder sehr melodische Varianten gab". Als Beispiel (für beides?) wird Rush genannt, die dann auch mit Coverbildern gewürdigt werden. Zudem tauchen in diesem Kapitel (über den Prog der 80er) aus irgendeinem (nicht im Text erklärten) Grund Cover von Kansas ("Leftoverture" und "Point of Know Return" beide von 1977) und Fireballet ("Night on Bald Mountain", 1975) auf. Oder sind das Beispiele für die melodische Variante? Saga wird dagegen nirgends erwähnt. Frankokanada ist im französischen Kapitel versteckt, mit einer kurzen Erwähnung von Harmonium. Ach ja, Dream Theater werden natürlich - als einzige US-Band neben Faith No More - im Progmetal-Kapitel genannt.

Moderner Avant-Prog und Retroprog (oder das klassische Prog-Revival der 90er) wird eigentlich nicht erwähnt. Als "klassischen" Vertreter des Retro-Genres findet man Anekdoten (doch noch eine schwedische Band) mit einem Bild von "From Within" im Kapitel Progmetal, ohne dass das im Text kommentiert wird. Das Buch endet aber mit einem Kapitel über die Zukunft des Prog, in dem auch irgendwie der Retroprog bedacht wird. Da findet man zwar vor allem Porcupine Tree (die angeblich die Galionsfigur des Genres "Post Progressive Rock" seien) und Steven Wilson, dann Radiohead, Muse, Anathema, Pineapple Thief und The Mars Volta, doch tauchen auch die Namen Spocks Beard (noch zwei US-Bands - das Cover von X ziert gar ganzseitig das Kapitel) und The Flower Kings (und noch ne schwedische Band) hier kurz auf, als Beispiele von Bands die das Genre wiederbelebet hätten.

Dupuis ist mit seinem Buch alles in allem eine ganz interessante Mischung gelungen, die Altbekanntes mit Obskurem vereinigt (es sei als Beispiel der Auftritt von Moving Gelatine Plates, Albert Marcoeur, Komintern und Red Noise im Frankreich-Kapitel genannt). Leider ist die Frequenz von Fehlern und Ungereimtheiten recht hoch (s.o.), so dass das Buch nur einen unvollständigen, oft ungenauen (oder falschen) und teilweise auch recht einseitigen (oder von der Sicht des Autors geprägten) Überblick über den Prog gibt. Erfahrene Progsammler werden zudem kaum etwas Neues erfahren oder sehen.

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Von: Nik Brückner


Ich hab das Buch jetzt auch...

"Eine solch breit gefächerte Geschichte wie die des Progressive Rock zu erzählen, ist keine einfache Sache."

Jou, das merkt man. Und vielleicht sollte man es lassen, wenn es einen überfordert. Aber Bücher werden aus vielen verschiedenen Gründen geschrieben, einige davon echt unlauter. Oder übersetzt. Dieses hier wurde von Carolin Wiedemeyer übersetzt, und sie hat es schnell gemacht, schlampig und inkompetent.

Doch abgesehen von den zahllosen Stilblüten ist dieses Buch voller inhaltlicher Fehler. Achim hat ja schon so einige aufgezählt, aber damit unser Fazit noch negativer ausfällt, melde ich mich hier auch. Es gibt in diesem Buch Seiten, auf denen in jedem einzelnen Satz ein Fehler steckt. Da heißt es, "Close to the Edge" sei ein Konzeptalbum, Keith Emerson hätte Ravels "Bolero" unter dem Tiel "Abaddon's Bolero" neu interpretiert, und ELP hätten bei Isle of Wight Festival debütiert. Das Cover von "Aqualung" wird als Beleg für die Einflüsse von Mittelalter und Fantasy genannt, Jethro Tull als "Kompromiss" zwischen Roland Kirk und Johann Sebastian Bach (kann sich darunter irgendjemand etwas vorstellen?!?) präsentiert - oh und mein Lieblingssatz: Supertramp komponierten quälende Stücke. Jou. Wer weiß, vielleicht ist das gar nicht so falsch!

Nein, wer über Progressive Rock nicht bereits wirklich gut unterrichtet ist, und diese Fehler also solche erkennt, der sollte die Finger von diesem Text lassen. Die Gefahr, fehlinformiert zu werden, ist größer als die Chance, etwas Richtiges zu lesen.

Dazu kommt, dass der ganze Sinn und Zweck dieses Buchs vollkommen im Dunkeln bleibt. Angekündigt war es als ein Band über die Plattencover des Progressive Rock, in dem "die Hintergründe dieser spannenden Zusammmenarbeit von Musikern, Grafikern und Fotografen auf[gerollt werden]". Tatsächlich schreibt, oder besser, plappert Dupuis einfach alles daher, was er über Prog weiß, oder zu wissen glaubt, dazu gibt's dann eine ganze Menge von Plattencovern, nur hin und wieder nach nachvollziehbaren Kriterien sortiert. Zu den Covern oder gar über die Zusammmenarbeit von Musikern, Grafikern und Fotografen kaum ein Wort - Roger Dean kriegt nen Absatz, Storm Thorgerson, Paul Whitehead. Einen Absatz! Und H. R. Giger kriegt einen. Wiviele Progalben hat der becovert? Zwei? Man bekommt den Eindruck, dass Dupuis von Grafik oder Fotografie überhaupt nichts versteht. Und was seine Kenntnisse des Progressive Rock angeht - na, dazu hat Achim das Entscheidende gesagt.

Im Ganzen entsteht der Eindruck, dass hier ein Tüp, der Platten sammelt wie wir alle auch, versucht, ein bisschen leichtes Geld zu verdienen, ohne viel Arbeit, ohne Recherche, mit nem Laptop und ner Knipse. Nach 30 Jahren Progliteratur, die zu großen Teilen deutlich mehr bietet, und über diesen Unwissensstand längst hinaus ist, ist das unnötig und zwecklos - jedenfalls für uns als Leser.

Und die 35 Euro, die Heel für den Mist verlangt, sind eine Frechheit.

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