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Rich Wilson

Lifting Shadows. The authorized biography of Dream Theater

über: Dream Theater



Lifting Shadows. The authorized biography of Dream Theater

Informationen

Erscheinungsjahr: 2013
ISBN: 978-1-906615-58-1
Verlag: Rocket 88
Verlagsort: London


Rezensionen


Von: Nik Brückner


Ist es nicht seltsam? Es gibt Bands dort draußen, oft gerade die, mit denen der Progressive Rock die größten Erfolge feiert, die bei uns Fans keine Wertschätzung erfahren, die ihrem Erfolg gleichkäme. Yes, Genesis, Marillion, Neal Morse, werden heiß geliebt, Magma gar nachts auf Kreuzwegen in seltsamen Ritualen verehrt, aber ELP, Tool, Dream Theater werden von vielen jenseits ihrer eigenen Fandoms nur mit Zurückhaltung anerkannt, von anderen nur mit der Kneifzange angefasst, von wieder anderen sogar komplett abgelehnt.

Warum eigentlich?

Liegt es an ihrem Erfolg? Ist es jene kritische Haltung in uns, die uns Erfolgreiches immer ein wenig verdächtig erscheinen lässt, die auch bei diesen Bands am Werk ist? Ich halte diese kritische Haltung für sehr angebracht, in Zeiten, in denen jeder Mainstreamerfolg umfragengestützt auf die gewünschte Zielgruppe zugeschnitten werden kann – und wird. Aber was, wenn die sprichwörtlichen Milliarden Fliegen mal richtig liegen? Wie gesagt, eine kritische Haltung ist okay, aber den Blick auf die eine, vereinzelte Ausnahme darf sie uns nicht verstellen.

ELP, Tool, Dream Theater… Liegt es vielleicht am virtuosen Können dieser Musiker? Eine Formulierung wie "leeres Virtuosentum" ist schnell hingeworfen. Und es ist wahr, dass Können oder gar Virtuosität nicht automatisch in einem überwältigenden Hörerlebnis resultiert. Im Rock'n'Roll geht es ja auch nicht darum, wie gut die Leute ihre Instrumente spielen können. Mäßiges Können muss die Power eines Songs nicht schmälern. Aber das Können eines Musikers kann auch Ausdruck seiner Freude am Spiel sein! Und wo wir schon beim Ausdruck sind: Jeder Ausdruck braucht ein Ausdrucksmittel. Und liegt es nicht auf der Hand, dass ein Musiker umso mehr umso subtiler zum Ausdruck bringen kann, je mehr Ausdrucksmittel ihm zur Verfügung stehen? Um auszudrücken, dass ich vögeln will, genügen vermutlich drei Akkorde, jedenfalls gibt es dafür ziemlich viele Indizien. Aber um auszudrücken, dass der New Yorker Rael sich in einer Art Campbellscher Heldenreise durch eine Welt von Archetypen schlagen muss, dass uns nur der Kreuhn Kohrman aus dem Theusz Hamtaahk führen kann, oder dass das Leben ähnlich wie die Tonleitern auf einem Keyboard zirkulär verläuft, dazu braucht es schon etwas mehr Können.

Klar, Virtuosentum erschwert die Identifikation des Fans mit dem Star: Je besser der Musiker, umso schwieriger ist es, sich mit ihm zu identifizieren. Aber mal abgesehen davon, dass das viele Rockhörer wollen – wie reif ist das schon?!? Wollen wir einen Star verehren, oder wollen wir gute Musik hören? Und wenn wir letzteres wollen, dann ist es nicht unwahrscheinlicher, dass die Musik gut wird, wenn der Musiker geübt hat, wie wenn er gesoffen, gevögelt und Fernseher zerstört hat.

Man kann diese Bands mögen und man kann sie nicht mögen. Wer es schon einmal versucht hat, weiß, dass es keinen Sinn hat, den Geschmack anderer zu kritisieren. Davon völlig unberührt ist es, dass man auf der anderen Seite diese Bands durchaus wertschätzen kann. Unabhängig davon, ob man sie mag oder nicht. Ich hab mal mit ein paar Rezensionen von ELP-Alben versucht, zu zeigen, dass das geht. Und vielleicht wird es Zeit, dass wir auch mal einen frischen Blick auf Dream Theater richten.

Dream Theater sind eine langweilige Band. Während ich davon ausgehe, dass sie, zumindest hin und wieder, saufen und vögeln, so dürften bei ihnen die Fernseher wohl eher aus Altersschwäche sterben. Wer das für ein Zeichen eines niedrigen Rock'n'Roll-Faktors hält, kann spätestens jetzt aufhören zu lesen, aber ich vermute mal eher, dass er von Dream Theater noch nie etwas gehört hat.

Dream Theater sind eine jener Bands, von denen ich oben gesprochen habe: Erfolg? Check. Virtuosentum? Check. Und die Vorwürfe sind die ewig gleichen: kalt, technisch, seelenlos, selbstverliebt, blablabla. Zeit, mal hinter die Kulissen zu schauen.

Rich Wilson hat vor Jahren eine umfangreiche Bandbiographie vorgelegt, ich habe die Auflage von 2013 gelesen, die die Zeit bis "A Dramatic Turn of Events" umfasst. Und was soll ich sagen: Wilsons "Lifting Shadows" ist nichts weniger als die beste Bandbiographie, die ich je gelesen habe.

Die meisten Bandbiographien sind endlose Messen der Selbstbeweihräucherung oder ebenso endlose Aneinanderreihungen von Homestories. Das liegt daran, dass sie entweder Werbung sind, oder Produkte eines Rockjournalismus, der zwar schreiben kann, aber nicht notwendigerweise Bücher, und nicht notwendigerweise über Musik. Was wiederum nicht viel ausmacht, weil die Käufer von Bandbiographien von den Autoren nicht als interessierte Leser angesehen werden, sondern als dumpfe Fans, die von einem solchen Buch nicht mehr erwarten als eine endlose Aneinanderreihung von Saufungen, Vögelungen und zerstörten Fernsehern.

Vielleicht liegt es daran, dass Dream Theaters Fans anders sind, vielleicht liegt es daran, dass Rick Wilson anders ist, jedenfalls ist dieses Buch anders. Während er Erfolge und Rock'n'Roll-Anekdoten nicht ignoriert, liegt der Fokus seines Interesses doch auf anderen Dingen. Wilson fragt: Wie funktioniert Dream Theater, wie funktioniert eine Progmetal-Band, wie funktioniert eine Band im Umfeld der Musikindustrie seit Mitte der 80er Jahre? Damit erreicht er zunächst – und das kann man in seiner Bedeutung kaum überschätzen – dass all diese längst abgegriffenen Romantizismen auf der Strecke bleiben, an die sich Rockfans zu meinem wachsenden Erstaunen bis heute klammern: die Mär vom geborenen Genie, die Mär vom authentischen Künstler, die Mär vom Guten Rockmusiker hier und von der Bösen Musikindustrie dort. Wilson setzt dem ein weitaus differenzierteres Bild entgegen. Er zitiert A&R-Mann Derek Oliver mit den Worten "If only people knew what goes on behind the scenes when dealing with bands, studios, producers, madness, rampant egos and record companies" – und zeigt dann genau das: Dass Musiker üben müssen, tagein, tagaus, von Beginn an. Er zeigt, dass eine Band vor allem eine Frage der Organisation ist. Er zeigt, wer wen wofür bezahlt, was es kostet, und wie das Geld wieder reinverdient wird. Er zeigt, wer den Produzenten auswählt, wer ihn bezahlt, und was er dafür tut. Er zeigt, wer Veröffentlichungsentscheidungen trifft, warum welches Album wann erscheint, und wie dann die Kontakte zu Plattenfirmen und zum Radio funktionieren. Und Wilson zeigt all das ungeschminkt (oder so ungeschminkt es bei einer "authorized biography" eben geht): All die Reibereien, Streits und Kämpfe sind da.

Das ist es, was "Lifting Shadows" zur besten Bandbiographie macht, die ich bisher gelesen habe: Ihr Realimus. Sie zeigt, dass die Musikindustrie in erste Linie genau das ist: Eine Industrie. Kein Platz für die naiven Romantizismen mancher Rockfans.

Das heißt aber auf der anderen Seite nicht, dass Musikalität, Kreativität und Rock'n'Roll-Heldentum nicht ihren gebührenden Platz in diesem Buch fänden. Sie sehen nur sehr anders aus, als man das aus den Heldenepen anderer Rockbands so kennt. Wenn Wilson den Weg Dream Theaters aus den Klauen ihrer Plattenfirma beschreibt, dann beschreibt er ihn als einen langen, steinigen Weg, der viel Planung, Können, Zielstrebigkeit und Nüchternheit (auch im eigentlichen Sinne) bedurfte. Auch hier kein Platz für naiven Heroismus, aber durchaus für ein Heldentum, das geprägt ist durch eben diese etwas rationaleren Tugenden. Wenn das der Band am Ende als kalt, technisch, seelenlos oder gar selbstverliebt ausgelegt wird, dann verblasst dieser Vorwurf schnell angesichts der Tatsache, dass sie mittlerweile auf mehr als doppelt so viele Jahre als integre Progband zurückblicken kann, als fast jede der Gründungsbands dieses Genres. Und das kann, das muss man wertschätzen.

Wenn man an Wilsons Buch etwas kritisieren kann, dann dass die Informationsfülle zum Ende hin immer weniger wird. Während die erste Hälfte des Buches der Zeit bis "Falling into Infinity" gewidmet ist, handelt er gegen Ende ganze Alben, einschließlich zugehöriger Tournee, im 25-Seiten-Takt ab. So bekommt man den Eindruck, dass Wilson heute nicht mehr so nah an der Band ist, wie einst. Da jedoch der Ausstieg von Mike Portnoy und der Einstieg von Mike Mangini angemessen abgedeckt sind, findet das Werk in seiner gegenwärtigen Form einen gelungenen Abschluss.

Ein Buch, dass man lesen sollte, wenn man wissen will, "what goes on behind the scenes when dealing with bands, studios, producers, madness, rampant egos and record companies"!

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