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Bernward Halbscheffel

Canterbury Scene. Jazzrock in England



Canterbury Scene. Jazzrock in England

Informationen

Erscheinungsjahr: 2014
ISBN: 978-3-943483-04-8
Verlag: Halbscheffel Verlag
Verlagsort: Leipzig


Rezensionen


Von: Nik Brückner


Progressive Rock. "Die Ernste Musik der Popmusik" hieß mal ein glänzendes Buch von Bernward Halbscheffel. Ernst? Worum geht's denn im Progressive Rock mit seinen anspruchsvollen Texten, stark von der Romantik beeinflusst, sich häufig aufs Mittelalter rückbeziehend, auf romantisch verbrämte Science Fiction, oder auf die Fantasytradition? Mit seinen spirituellen, religiösen, psychologischen oder esoterischen oder auf der anderen Seite politischen oder gesellschaftskritischen Themen?

Schon die Tatsache, dass in dieser kurzen Auflistung so ziemlich alle relevanten Lebensbereiche des Menschen erwähnt sind, scheint mir darauf hinzudeuten, dass es so etwas wie die eine Progthematik nicht gibt. Und es ist müßig, zu zeigen, dass diese Themen auch in anderer Musik in extenso verhandelt werden. Aber vielleicht geht's ja ex negativo: Um pubertäre Liebe, das bevorzugte Thema der Popmusik, geht es dem Prog eher selten.

Das ist aber keine Errungenschaft, sondern pure Notwendigkeit: Junge, meist eher unansehnliche Männer in braunen Strickpullovern, mit höherer Schulbildung, emotional gehemmt, keine Erfahrung mit dem wirklichen Leben, mit Liebe und Sex schon gar nicht, konnten Quinten stapeln, Frauen dagegen weniger. In der Zeit, in der der Rockmusiker so was gemeinhin tut, haben sie lieber "Herr der Ringe" gelesen, bissl Lovecraft vielleicht, viel griechische Mythologie, und womöglich sogar den einen oder anderen indischen Text - und vor dem Schlafengehen noch ein bissl Gitarre geübt. Akustische. Oh, Frauen kommen vor, klar, aber als Elfen, als ätherische spirituelle Präsenzen, nicht etwa als echte Mädchen aus Fleisch und Blut, schon gar nicht aus Fleisch, womöglich noch mit Brüsten und - wasauchimmer...

Prog ist nicht unbedingt schwul oder misogyn, nein, er hat vermutlich einfach nur Angst vor Frauen. Oder sie glänzen schlicht und einfach deshalb durch Abwesenheit, weil sie auch im wirklichen Leben der pickeligen Jungs von der höheren Schule durch Abwesenheit glänzten.

So gesehen ist Prog vermutlich das männlichste aller Rock-Genres.

Und das jugendfreiste....

Ist jedenfalls kein Wunder, dass Prog als zerebralstes aller Genres gilt. Körperfeindlich. Die körperlichen Bedürfnisse, etwa Tanzen, Sex, werden ausgeblendet. Das Bedürfnis unsrer Körper, Luftgitarre (im Prog auch gern gesehen: Luftschlagzeug) zu spielen, mal ausgenommen. Seine Fans lieben den Prog so wie einen heißen, saftigen, sexy:

Rubik's Cube.

Mit einer Ausnahme: Canterbury.

Nicht die Stadt, die Szene. Die es am Ende auch gar nicht gegeben hat. Und so schreibt Bernward Halbscheffel mal wieder eines seiner glanzvollen Bücher mal wieder über etwas, das es eigentlich nicht gibt. Oder um es mit einer seiner unnachahmlichen Formulierungen zu sagen: "Unter Canterbury Scene ist weit mehr eine Form der Vermarktung von Musik zu verstehen [...]. Die überschaubare Gruppe der Musiker, die – teils auch ohne deren Einverständnis – zur Canterbury Scene gezählt wird, die immense Zahl an Bands und Bandprojekten [...] sind als soziokulturelles Konstrukt zu verstehen, dessen Zweck es ist, das ökonomische Überleben des Einzelnen als Musiker wenn schon nicht zu sichern, so doch zu unterstützen."

Jeder, der schon einmal Alben von Soft Machine, Caravan, National Health, Camel, Egg und Henry Cow hintereinander gehört hat, weiß, dass das stimmt: Musikalisch haben diese Bands nicht viel miteinander zu tun. Geschweige denn, dass sie alle (oder auch nur eine der Bands komplett) aus Canterbury stammten. Ganz so leicht macht es sich Halbscheffel dann aber doch nicht. Und so wird er auf der Suche nach weiteren Gemeinsamkeiten am Ende doch noch fündig: Da ist zum Beispiel die Lust am Experiment, an Ironie, am Wortspiel. Weit entfernt ist man damit von den zerebralen strickpulloverigen Ernsthaftigkeiten, die man sonst so mit dem Progressive Rock verbindet. Musikalisch mag es ein bestimmter Orgelsound sein, die rockfremd zurückhaltende Rolle der Gitarre oder das Desinteresse an einprägsamen Hooklines, die die so ungleichen Bands verbinden.

All das arbeitet Halbscheffel in einem knapp sechzigseitigen Essay aus, der vielleicht der interessanteste Teil seines Buches ist. Sein Hauptteil jedoch ist er nicht. Den bildet vielmehr ein 250seitiges Lexikon, das von 801 bis Zeuhl den Canterbury nicht nur abdeckt, sondern das auch seine Randbereiche und Anschlüsse zu verwandten Strömungen wie eben Zeuhl, Jazzrock und Rock in Opposition thematisiert. Wer Halbscheffels "Lexikon Progressive Rock" kennt, weiß in etwa, was ihn erwartet: teils mehrseitige Artikel zu Bands, Musikern, Labels, Stilen, aber auch zu übergeordneten Themen wie Jazz oder Improvisation, die den Canterbury in seiner ganzen Tiefe und Breite abzudecken versuchen. Dass sich dabei hier und da kleine Fehler einschleichen, ist verzeihlich, umso mehr als es sich bei dem Band um einen umfangreichen 350seiter handelt, und vieles wohl eher Tipp- oder Flüchtigkeitsfehler sind. So heißt Henry Cows Album "Legend" (oder "Leg End"), nicht "Legends" und, für sie sicher gravierender, Sam Baine ist eine Frau.

Schwerwiegender dürfte der eine oder andere Leser finden, dass die eine Band oder der andere Musiker fehlt. Während etwa neben Soft Machine Soft Head, Soft Heap und Soft Works (und natürlich Matching Mole) vertreten sind, klafft bei E eine Lücke, die mit einem Artikel zur Band L'Equip'Out gefüllt werden könnte (die allerdings im Artikel zu Pip Pyle erwähnt ist). Auch wünscht man sich konkretere stilistische Einordnungen der Bands (das häufig zu lesende "englische Rockband" ist angesichts des ja bereits stark spezifizierenden Buchtitels viel zu allgemein).

Solche vernachlässigbaren Mängel werden mehr als ausgeglichen durch die Breite und Aktualität des Bandes. Wie aktuell er ist, mag man an der Erwähnung von Mike Oldfields grauenvollem 2014er-Album "Man on the Rocks" ablesen, wie breit er angelegt ist, an der Erwähnung von Bands wie The Tangent, Faust oder Magma und an der Analyse von Henry Cows "Living in the Heart of the Beast". Und so bleibt am Ende von meiner Kritik allenfalls ein Wunsch übrig: Als Musikwissenschaftler und führender Progspezialist in Deutschland wäre Halbscheffel genau der richtige Mann, um die erste umfassende Analyse der an den Canterbury eng angrenzenden RIO-Szene vorzulegen...

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