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Attila Kornel

"Die ernste Musik der Popmusik?" Humor im Progressive Rock



Informationen

Erscheinungsjahr: 2015 (Online-Ressource bei "Pop-Zeitschrift" (Web-Auftritt der Zeitschrift "Pop. Kultur und Kritik")
ISBN:
Verlag: Transcript
Verlagsort: Witten


Rezensionen


Von: Ralf J. Günther


"Musik und Humor" war der Titel eines Symposiums, das am 15. März 2015 an der Hochschule für Musik und Tanz in Leipzig stattfand. Einer der Vorträge widmete sich dabei dem Progrock und steht mittlerweile im Internet zum Nachlesen bereit (Link siehe unten). Der Nachwuchs-Musikwissenschafter Attila Kornel (Uni Münster) behandelt dort das Thema: "Die ernste Musik der Popmusik? Humor im Progressive Rock." Der erste Teil der Überschrift wurde, worauf später noch einzugehen ist, einem Buchtitel von Bernward Halbscheffel entlehnt, dabei allerdings mit einem Fragezeichen versehen.

Wenig überraschend ist Kornels Feststellung, dass Humor im Progressive Rock durchaus eine Rolle spielt. Sensationell wäre ein gegenteiliges Ergebnis gewesen. Denn schon die pure Aufzählung von sämtlichen einschlägigen Bands, Kompositionen, Lyrics und Showelementen würde wohl zigmal so lang ausfallen wie der ganze Vortrag. Was kein Vorwurf gegen letzteren sein soll: Kornel nennt eine beträchtliche Reihe von Beispielen aus der Prog-Humoristik, muss sich dabei aber selbstverständlich auf eine Auswahl beschränken.

Also: Auch der Prog hat Humor. Gut. Was jedoch ist damit eigentlich widerlegt? Der immer mal wieder zu hörende Vorwurf, Progmusiker und Proghörer seien humorlose, fest auf der Spaßbremse eingerostete Bildungsfanatiker? Motto: „Wir anderen sind das fröhliche Partyvolk, ihr seid humorlose Spießer!“ Dass hinter solchen Spötteleien kein wirklicher Wunsch nach einem „Diskurs“ steckt, erklärt sich von selber. Spott kann man nicht widerlegen. Oder geht es um die merkwürdigen Kriterien für vermeintliche "Ernsthaftigkeit", die in der Welt wohl tatsächlich teilweise umherschwirren und die in Kornels Vortrag aufgelistet werden? Zum Beispiel Virtuosentum und Komplexität? Ehrlich gesagt: Die Behauptung Prog sei "ernst", weil er komplex sei, entspricht in etwa dem logischen Gehalt des Satzes "nachts ist es kälter als draußen". Auch keine gute Basis für ernsthafte Diskussionen.

Kornel bezieht sich außerdem auch noch auf jene sorgenvollen Menschen, die sich fragen, ob gewichtige Kunst denn überhaupt humorvoll sein dürfe? Eine Sorge, die allerdings selbst in die Kategorie des Humors fällt, Unterabteilung unfreiwillig. Wer wirklich annimmt, dass zum Beispiel die "hohe" Literatur eine komikfreie Zone sei, der sollte mit dem Lesen dringend mal anfangen. Vielleicht den gefürchteten Großliteraten Arno Schmidt, der sich selbst als "Klarglas-Witzbold" bezeichnet hat.

Ganz einfach also: Wenn es lustig ist, kann es Kunst sein. Und wenn nicht, auch. Im Prog ist es damit nicht anders als in anderen künstlerischen Bereichen. Es kann auch gar nicht anders sein, denn der Humor steckt tief drin im Prog-Erbgut. Dieses Erbgut besteht – um hier nur auf einen der vielen verschiedenen genetischen Stränge einzugehen – nicht zuletzt aus sogenannten Klassikanleihen. Und ja, auch die "Klassiker" waren nun mal nicht selten humorverseucht. Der "klassische" Humor kann grimmig-bizarr sein wie in vielen Passagen von Mussorgskis Bildern einer Ausstellung, die im Prog bekanntlich hoch und runter adaptiert wurden. Er kann auch parodistisch oder ausgelassen sein, man findet alles, und all das schleppt ergo auch der Prog mit sich herum. Der "Nutrocker" auf ELPs "Pictures at an Exhibition" ist sogar ganz offiziell scherzhaft betitelt, auch wenn der Scherz in diesem Fall geklaut ist. Und den parodistischen Vatermord gibt es natürlich ebenfalls, siehe etwa Areas Brandenburgisches Massaker.

Warum schreibe ich das alles auf? Nicht um Kornels Vortrag zu kritisieren, denn es spricht ja absolut nichts dagegen, Belege für Humor im Pogrock auf einer wissenschaftlichen Tagung zu Protokoll zu geben. (Zumal Kornel viel mehr Beispiele anführt als ich hier.) Interessanter wäre aber die Frage, welches Konglomerat aus ideologischen Moden, Marketing-Gags und Uninformiertheit (auf Seiten der Prog-Gegner) sowie aus Selbstbeweihräucherung, künstlerischen Kitschidealen und ebenfalls Uninformiertheit (auf Seiten der Prog-Prediger) es überhaupt möglich gemacht hat, humoristische Anteile im Progressive Rock je ernsthaft anzuzweifeln. Wo ein Streit über die Existenz des Offensichtlichen geführt wird, sagt das doch wohl mehr über die Seelen- und Geisteslage der Streitenden aus als über das Offensichtliche selbst! Kornel könnte also nach einem ersten Schritt noch viele weitere tun, um seinem Thema weiter in die Tiefe zu folgen.

Was Bernward Halbscheffels Buch angeht, auf das sich Kornel mehrfach bezieht, so wurde hier auf den BBS schon vor Jahren auf eine gewisse Schieflage in dessen Titel hingewiesen. Wir schrieben da, Halbscheffel spreche vom Prog als "ernster Musik", die in der Regel nicht ironisch daherkomme. Doch im gängigen Sprachgebrauch sei "ernste Musik" ja nicht das Gegenteil von humorvoller, sondern von unterhaltender Musik, weshalb Halbscheffel seine Leser etwas ratlos zurücklasse. Den Gedanken findet man bei Kornel in recht wörtlicher Wiederholung wieder, ohne dass der Verfasser den BBS den wohlverdienten Dank dafür ausspricht. Beispiel BBS-Text: "Und außerdem scheint mir die Behauptung, dass Prog nur am Rande zur Ironie neige, etwas problematisch". Bei Kornel wird daraus: "…doch ist die Behauptung, dass Prog Rock nur am Rande zur Ironie neige, offensichtlich nicht haltbar".

Tja, das nehmen wir natürlich mit Humor.

www.pop-zeitschrift.de/2015/07/19/die-ernste-musik-der-popmusikhumor-im-progressive-rockvon-attila-kornel19-7-2015

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