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Adam Ironside

Progressive Rock: Issues and Concepts



Informationen

Erscheinungsjahr: 2012 (Dissertation im Fach Musik an der Universität Newcastle)
ISBN:
Verlag: Selbstverlag/Scribd.com
Verlagsort: Newcastle


Rezensionen


Von: Nik Brückner


Was ist Prog?

Oder?

Was ist Prog?

Das ist die Frage, die uns alle umtreibt. Was ist Prog? Die Frage, über die wir am Liebsten diskutieren. Ist Prog Musik, die so klingt wie Genesis anno 1974? Oder doch eher Musik, die progressiv, also fortschrittlich ist? Ist ein Powermetal-Album Prog, wenn es ein Konzeptalbum ist? Ist ein 3-Akkorde-4/4-Takt-Album ein Progalbum, wenn die Instrumente aus Schrott bestehen, und jemand dazu kreischt? Ist ein AOR-Album Prog, wenn es Achtminüter enthält? Ein Alternative-Album, wenn es aufwändig verpackt ist?

Manchmal kann man sich dieses Eindrucks ja wirklich nicht erwehren…

Deshalb gibt es Definitionen. Jaja, nicht gleich stöhnen. Es ist ein Missverständnis, dass Definitionen dazu da sind, zu bestimmen, was etwas ist. Der Zweck von Definitionen ist vielmehr, festzulegen, worüber man spricht. Das ist ein großer Unterschied.

Ein Satz wie: "Das ist kein Prog" ergibt nur Sinn, wenn der, der ihn äußert, zuvor definiert hat, worüber er spricht, wenn er "Prog" sagt. Ihn so zu verstehen, dass damit ausgedrückt werden soll, dass etwas kein Prog ist, ist unsinnig, und schiebt dem, der ihn äußert, eine ziemlich seltsame (und ihm hoffentlich höchst unangenehme) Rolle zu. Deshalb sollte man solche Sätze nicht sagen, wenn man keine eigene, belastbare Definition hat, und man sollte sie auf der anderen Seite nicht so dogmatisch verstehen, wie sie nicht gemeint sind.

Und: ja, jeder von uns hat eine, ganz unwillkürlich. Auch die, die behaupten, sie würden einfach hören, was ihnen gefällt, und sich wenig Gedanken darüber machen. Man erkennt das daran, dass wir alle ein ganz bestimmtes Album, ein ganz bestimmtes Stück Musik zum Prog rechnen können, oder nicht. Die Tatsache, dass jeder von uns eine etwas andere Auffassung davon hat, macht die Auseinandersetzung interessant und spannend – nicht so sehr, weil wir dadurch etwas über den Prog erfahren (dazu kann man z. B. auch Bücher lesen), sondern weil wir darüber etwas über die anderen erfahren.

Vorausgesetzt, wir treten ihnen offen und neugierig gegenüber. Und vorausgesetzt, es kommt mehr als "mir gefällt's halt".

Adam Ironside macht in seiner Dissertation "Progressive Rock: Issues and Concepts" gleich im allerersten Satz seinen allergrößten Fehler. Er schreibt, der Versuch, Progressive Rock zu definieren, sei eine unmögliche Aufgabe. Das ist Quatsch. Es ist nicht unmöglich. Man erkennt das in erster Linie daran, dass es immer wieder getan wird. Einige dieser Definitionen zitiert Ironside sogar, spätestens da hätte ihm sein Denkfehler auffallen müssen. Die Tatsache, dass viele dieser Definitionen schlecht sind (im Sinne von untauglich für den Zweck, den sie erfüllen helfen sollen), ändert nichts an der Möglichkeit, eine Definition von Prog zu formulieren. Und wie ich oben sagte: jeder von uns hat eine Definition im Kopf, ganz unwillkürlich, und das schließt natürlich auch Adam Ironside mit ein. Und so spricht er, wie viele andere auch, von der Einverleibung nicht-populärer Musiken, Virtuosentum und ähnlichen Dingen, Eigenschaften also, die ständig als Teile von Definitionen auftauchen.

Seltsamerweise bemerkt Ironside das aber nicht, und zieht sich – immerhin in einer wissenschaftlichen Arbeit – auf den höchst unwissenschaftlichen Standpunkt zurück: "Progressive Rock is a bit like pornography – the lines and definitions can be blurred, but you know it when you see it". Einfacher kann man sich das Wegducken kaum machen.

Vielleicht liegt der Schlüssel in einem Satz von Kevin Holm-Hudson, den er ein paar Zeilen vorher zitiert: "Unfortunately, the potential for any balanced critical appraisal of progressive rock has been tainted by faulty generalizations caused by a lack of familiarity with progressive rock as a whole." Aber dazu gleich mehr.

Zunächst liefert Ironside einen historischen Überblick über das Genre. "Sgt. Pepper" wird angesprochen, "Piper", "Igginbottom's Wrench", es folgen die großen Jahre des Genres. Dann erwähnt er Marillion, Quasar und Pendragon, und an jüngeren Bands Porcupine Tree, Dream Theater, Spock's Beard, die Flower Kings und Meshuggah. Wenn die nicht das Genre definieren…

Soweit können wir mitgehen, oder? Leider kriegt die Arbeit nun eine seltsame Schlagseite. Plötzlich geht es um Powermetal: Manowar, Iron Maiden und Nightwish, und um Visual Kei, einen japanischen Musikstil, der stark von Glamrock und Hair-Metal beeinflusst ist. All das kann uns aber allenfalls etwas über die Wirkung von Progressive Rock sagen, aber nichts über Progressive Rock selbst.

In der Folge, ausgerechnet im Anschluss an Powermetal und Visual Kei, geht es um Authentizität. Aber Ironside fasst nur ein paar eigene Gedanken dazu zusammen – eingelesen in das Thema hat er sich nicht. Das Kapitel bleibt weit hinter dem heutigen Wissensstand über Authentizität, Image und Inszenierung zurück. Zudem fehlen die wichtigsten Beispiele: Genesis' Rocktheater, sowie Rushs und Floyds Auseinandersetzung mit dem Ich in der Rockmusik.

Den Hauptteil von Ironsides Arbeit bildet dann die Untersuchung des musikalischen Werks der japanischen Band X Japan, insbesondere ihres Stückes "Art of Life", sowie des Stücks "Step into the Future" von George Bellas.

George Bellas? X Japan? Nie gehört…

Was tun? Eine Suche auf den Babyblauen Seiten hilft immer! Zwar heißt es auf der Startseite vorsichtshalber, "Vollständigkeit werden wir selbstverständlich nie erreichen", bei derzeit 21717 Rezensionen zu 14851 Alben von 5728 Bands ist der Satz aber nur mehr bedingt ernstzunehmen.

Auf 14851 Progalben von 5728 Progbands taucht George Bellas nur auf einem einzigen auf. Einem einzigen. "Hundred Year Flood" von Magellan, einer Band, deren Alben überwiegend im einstelligen Bereich bewertet werden. Und X Japan? Von denen dürften selbst unsere wandelnden Lexika noch nie etwas gehört haben.

Sucht man diese – ähem – Protagonisten des Progressive Rock bei YouTube auf, wird schnell klar, woran das liegt: Das sind so Guitar Heroes. Die spielen Power-Metal, so ruddlduddlduddlduddl-Riffs über verwässerte barocke Akkordfolgen, mit Orchester und 144 Noten pro Sekunde. Kein Wunder, dass die nicht auf einer Prog-Seite auftauchen: Den meisten Proggern ist so eine Musik viel zu süßlich, viel zu klebrig. Gitarristische Muskelprotzerei.

"Unfortunately, the potential for any balanced critical appraisal of progressive rock has been tainted by faulty generalizations caused by a lack of familiarity with progressive rock as a whole."

Was soll man sagen. Die Arbeit dürfte in den Augen der meisten BBS-Leser eine klassische Themaverfehlung sein. Was drinsteht, ist teilweise gar nicht falsch, es steht nur der falsche Titel drüber. Statt um "Progressive Rock: Issues and Concepts" geht es um "Power Metal: Virtuosity and the Image of the Guitar Hero".

Die Arbeit ist übrigens im Netz zu finden, einfach nach dem Titel gugeln, oder direkt bei Scribd.com.

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