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Martin Lücke/Klaus Näumann (Hrsg.)

Reflexionen zum Progressive Rock



Reflexionen zum Progressive Rock

Informationen

Erscheinungsjahr: 2016
ISBN: 978-3-86906-843-5
Verlag: Allitera
Verlagsort: München


Rezensionen


Von: Ralf J. Günther


Im November 2011 fand an der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität Köln eine zweitägige Tagung zum Thema "Progressive Rock zwischen Kunst und Kommerz" statt. Sie beruhte auf einer Kooperation des Instituts für Europäische Musikethnologie der Uni Köln mit der Münchner Hochschule für Medien und Kommunikation (heute: Hochschule Macromedia). Es dauerte fast fünf Jahre, bis auch der dazugehörige Tagungsband veröffentlicht wurde – herausgegeben von Martin Lücke (Professor für Musikmanagement an der Macromedia Hochschule/Campus Berlin) und von Klaus Näumann (seit Mai 2017 Professor für Musikethnologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, vorher an der Uni Köln). Fünf Jahre sind ein echter Longtrack, und insofern passt es, wenn die erste Rezension auf den BBS ihrerseits mit weit über einem Jahr Verspätung erscheint. Dabei werden die BBS in einem der Beiträge sogar selbst zum Thema, was ich schon bei der Tagung mit verständlichem Interesse vermerkte, saß ich doch damals unter den Zuhörern.

Im Vorwort des Buches, das im Wesentlichen auf den Vorträgen von 2011 beruht, heißt es: "Bei vorliegendem Sammelband zum Thema Progressive Rock handelt es sich wohl um den ersten im deutschsprachigen Raum." Dass sich die Herausgeber selbst ein Lob aussprechen, wird ihnen niemand verübeln, auch wenn sich die Bedeutung einer Publikation bekanntlich nicht danach bemisst, ob es sich um einen Sammelband aus deutschen Landen handelt. Auch kann die deutsche Musikwissenschaft nicht gerade stolz darauf sein, ein Thema erst mit solcher Verspätung aufzugreifen, das im englischsprachigen Raum auch 2011 schon längst Gegenstand zahlreicher Arbeiten war. Doch will ich den Sarkasmus hier nicht übertreiben, schon allein weil auf der Tagung mit Bernward Halbscheffel auch jener deutsche Musikwissenschaftler vertreten war, der von spitzen Bemerkungen ausdrücklich auszunehmen ist. Im Übrigen betont Herausgeber Klaus Näumann in seinem einleitenden Überblicksbeitrag selbst die eher bescheidene Rolle, die ein einzelner Sammelband angesichts des riesigen Themas entfalten kann. Und riesig ist das Thema, wie die Herausgeber auf Seite 8 mit Recht betonen: "Denn was sich seit den 1990ern und insbesondere seit der Jahrtausendwende auf diesem Gebiet [dem Prog, RJG] entwickelt hat, ist geradezu unfassbar." Womit hier nicht nur die Musik als solche, sondern die ganze Welt der Vernetzungen rund um den Progressive Rock gemeint ist.

Näumanns Eröffnungsbeitrag (S. 9-36) schildert die Entwicklung des Progs nicht zuletzt unter dem Blickwinkel seiner geografischen Verbreitung und liefert dabei besonders interessante Bemerkungen über Osteuropa. Zusätzlich wagt der Autor sich auch an die weltberühmte Frage, was Progressive Rock denn nun eigentlich sei. Mehr als ein paar Arbeitshypothesen kommt dabei freilich nicht zustande, gewürzt mit ein wenig Galgenhumor in Form eines Zitats von Will Romano (S. 30): "Prog rock is a bit like pornography – the lines and definitions can be blurred, but you know it when you see it." Seine definitorische Defensive kann man Näumann aber nicht vorwerfen. Denn auch in der Wissenschaft wäre jeder Versuch einer gültigen Progdefinition am allerwenigsten ein Beitrag zu abschließender Klarheit, sondern vor allem ein Anreiz, andere Autoren zur Kritik herauszufordern.

Dem Charakter eines Sammelbandes entsprechend sind die Themen der einzelnen Beiträge äußerst disparat. Volkmar Kramarz befasst sich mit der Frage, wie aus simplen Beatsongs anspruchsvolle Kunstwerke werden konnten, Bernward Halbscheffel belegt die Liebe von Rockern zum Thomas-Kantor Johann Sebastian Bach, und Allan F. Moore fragt nach musikalischen Anspielungen auf die Werke klassischer Progbands in Veröffentlichungen späterer Gruppen wie den Flower Kings, Spock’s Beard, Thieves’ Kitchen und so weiter. Moore gehört zu den wenigen Autoren, die die genaue musikalische Analyse auch dann nicht scheuen, wenn es um Rock geht. Er verwendet dabei auch Notenbeispiele, was in diesem Band nur auf etwa die Hälfte der Artikel zutrifft, von denen sich weitere mit Orchesterprojekten, mit der RIO-Bewegung und mit dem Seitenthema Crowdfunding am Beispiel Marillion befassen. Außerdem gibt es sehr spezialisierte Aufsätze über Progrock in Peru und in Weißrussland sowie einen Text zu den sogenannten "anderen Krauts", vulgo: Kraftwerk.

Für die Leser und Mitarbeiter der Babyblauen Seiten ist der Beitrag von Sidney König über "Die Narrative des Progressive Rock" von besonderem Interesse. Es geht hier laut Untertitel um die "Auswirkungen von Begriffsdefinitionen und historischen Narrativen auf die Geschichtsschreibung des Progressive Rock". König stellt dabei die Wissenschaft der Fan- und Journalistenszene exemplarisch gegenüber – sehr exemplarisch muss man sagen, denn für die wissenschaftliche Sichtweise wird nur die Arbeit von Andreas Hinners Progressive Rock. Musik zwischen Kunstanspruch und Kommerz näher herangezogen. Im Gegenzug legt König bei der Untersuchung "der JournalistInnen- und Fandefinitionen" des Begriffs Progressive Rock explizit "die Seite www.babyblaueseiten. de als leicht zugängliches Beispiel eines Beitrags zum Diskurs im deutschsprachigen Kontext" zugrunde. Dabei beschreibt König die BBS folgendermaßen: "Es handelt sich hierbei um ein umfangreiches Archiv zum Thema ´Progressive Rock´; neben Album- und Literaturrezensionen finden sich hier enzyklopädische Begriffserläuterungen zu Subgenres und dergleichen mehr. Des Weiteren ist die Seite eines der ersten Suchergebnisse zum Begriff ´Progressive Rock´ zumindest im deutschsprachigen Google.“

Für seine Untersuchung konzentriert sich der Verfasser auf den Beitrag unseres ehemaligen Webmasters Udo Gerhards zum Thema "Was ist Progressive Rock?" (zu finden etwas versteckt in unserem FAQ-Bereich). Diskutiert wird von König vor allem die Frage, inwieweit dieser Text der Versuch einer ´Kanonisierung´ ist – denn "Kanonbildung und historische Narrative" seien "speziell im Kontext von Musikgeschichtsschreibung untrennbar verbunden" (so der Autor mit Bezug auf Antti-Ville Kärjä). Königs Fazit: Kanonbildung und historische Narrative stehen in einem Verhältnis wechselseitiger Beeinflussung zueinander: "Sowohl Fans und JournalistInnen als auch WissenschaftlerInnen haben Einfluss auf die Kanonbildung, und alle Instanzen üben Macht aus." Der Begriff "Macht" klingt hier reichlich bombastisch (der Autor lehnt sich an Foucault an), aber auch wenn man das beiseite lässt, geht es um einen interessanten Aspekt – nämlich um die Frage nach der Deutungshoheit bei kulturgeschichtlichen Themen.

Dass auch die BBS versucht haben, Deutungshoheit über ihr Thema zu gewinnen (wenngleich nicht jeder Beteiligte mit dem gleichen Engagement), lässt sich nicht von der Hand weisen. Ich würde noch weitergehen: Dieser Versuch war sogar eine der Voraussetzungen für den schon fast 20 Jahre andauernden Erfolg der BBS (unabhängig von allen Definitionsstreitigkeiten der BBSler untereinander, der die Seiten praktisch von Beginn an begleitete). Denn ohne die Anmaßung einer gewissen Deutungshoheit wäre es unmöglich gewesen, im deutschsprachigen Raum den zahlreichen Veröffentlichungen etwas entgegenzusetzen, die den Prog um die Jahrtausendwende entweder abschätzig belächelten oder völlig ignorierten - was damals explizit für den Journalismus und weitgehend auch für die Wissenschaft galt. Für ähnliche Vorgänge in der Kulturszene ließen sich noch viele Beispiele nennen, so etwa die Etablierung des Autors Karl May als nennenswerten und wissenschaftlich relevanten Teil der deutschen Literaturgeschichte, den die Karl-May-Gesellschaft mit jahrzehntelangem Aufwand (einem Aufwand, von dem die BBS nur träumen können) äußerst erfolgreich betrieben hat. Gerade das Internet hat hier viel möglich gemacht. Was den Prog angeht, so würde ich Königs Satz "Allerdings wird wissenschaftlichen Publikationen gesellschaftlich bedingt ein höherer Stellenwert und damit ein größeres Machtpotenzial im Kanondiskurs zum Progressive Rock eingeräumt" aber vorläufig noch in den Konjunktiv verfrachten. Die Wissenschaft müsste noch so Einiges nachlegen, um ihn tatsächlich wahrzumachen – was hoffentlich so aufmunternd klingt, wie es gemeint ist.

Hinweis: Das Buch im Umfang von 228 Seiten ist sowohl in einer Printversion als auch in einer E-Book-Version (PDF) erhältlich. Letztere ist erheblich preiswerter.

Verfasst am 16.11.2017

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