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Bernward Halbscheffel

Johann Sebastian Bach und die Rockmusik. Zitate, Paraphrasen, Bearbeitungen



Johann Sebastian Bach und die Rockmusik. Zitate, Paraphrasen, Bearbeitungen

Informationen

Erscheinungsjahr: 2018
ISBN: 978-3-943483-06-2
Verlag: Halbscheffel Verlag
Verlagsort: Leipzig


Rezensionen


Von: Ralf J. Günther


Barockmusik gilt wegen ihrer starken Motorik und den häufigen Ostinati bei manchen als eine heimliche Urahnin des Rocks, sozusagen als Riff and Rhythm plus Puderperücke. Besonders Johann Sebastian Bach wird von Rockmusikern gerne als Inspirationsquelle angeführt, weshalb es durchaus gerechtfertigt erscheint, dem Einfluss des großen Barockmeisters auf den Rock nachzuspüren. An Imitationen, Zitaten, Arrangements und Adaptionen von Bakerloo bis Muse und von Emerson bis Karmakanic herrscht schließlich kein Mangel, wie man sich im diskografischen Anhang von Bernwards Halbscheffel neuem Buch überzeugen kann.

Wer den sogenannten Klassikrock (und den Progrock insgesamt) kennt, der weiß allerdings auch: Nicht etwa die hypermotorische Barockmusik, sondern vielmehr die Romantik, die Vertreter nationaler Schulen (wie Sibelius) und die gemäßigte Moderne à la Bartók bilden hier die Haupteinflussfaktoren. Klar – es gibt den "Brandenburger" von The Nice, das "Continuo on B.A.C.H." von Lord/Schoener, "Fugue in D Minor" bei Egg und so weiter und so fort. Doch die Masse der Bach-Anspielungen besteht im Rock eher aus Zitätchen und Imitatiönchen wie etwa in jener ultrakurzen Passage aus dem Wohltemperierten Klavier, die die Band Lake 1976 in den Schlussteil ihres Stückes "Between the Lines" eingeflochten hat. Und wer würde bei Lake ausgerechnet an Johann Sebastian Bach denken?

Halbscheffel diskutiert solche Kurzanleihen denn auch im Zusammenhang mit der Frage, inwieweit sie vom Publikum überhaupt als Zitate oder Imitationen erkannt werden – und welchen Sinn musikalische Anspielungen haben, deren Inkognito vom Hörer nie gelüftet wird. Falls sie überhaupt und unbedingt einen Sinn haben müssen, darf man hinzusetzen, denn mit Recht wendet sich der Autor zugleich auch gegen Definitionen aus der Musikwissenschaft, die das Phänomen "Zitat" mit der vollen Wucht akademischer Künstlichkeit so sehr verkomplizieren, dass es mit realen Hörsituationen nicht mehr viel zu tun hat.

Eigentlich sind wir hiermit schon beim Kern des Buches, das vor allem nach rockmusikalischen Strategien und Motivationen bei Dekonstruktion, Paraphrase, Zitat und Bearbeitung fragt. Bach fungiert dabei vor allem als anschauliches Beispiel, weshalb der Untertitel den Inhalt des Bandes exakter charakterisiert als der Haupttitel. Um dem ziemlich globalen Thema "Johann Sebastian Bach und die Rockmusik" voll gerecht zu werden, hätte die Darstellung weiter ausgreifen und sich außer mit musikalischen Analysen auch mit mancherlei Ereignissen und ästhetischen Haltungen beschäftigen müssen. Erwähnenswert wäre dann zum Beispiel das Projekt "Bach-Rock" zum 300. Geburtstag des Meisters im Jahr 1985 gewesen, das nicht nur mit so prominenten Namen wie Eberhard Schoener, Jethro Tull und Jan Akkermann, sondern sogar mit einem Ballett(!) aufwarten konnte. Bei Halbscheffel wird die damals im TV zu sehende Veranstaltung nicht erwähnt. Auch die im Spannungsfeld von Ambition und Imagepflege stehenden Arbeiten Jon Lords werden zwar in der Diskografie aufgeführt, aber – mit einer bescheidenen Ausnahme – nicht näher vorgestellt (obwohl dazu schon seit zig Jahren eine Studie von Horst Herold vorliegt).

Dass der Band erhebliche Überschneidungen mit anderen Werken des Autors enthält, lässt sich im Sinne der Systematik vielleicht rechtfertigen. Trotzdem wäre es klug gewesen, den Verdacht einer allzu breiten Wiederverwendung von bereits Geschriebenem durch die Hinzunahme weiterer Analysebeispiele stärker zu zerstreuen. Dazu hätte es im Übrigen auch sonst gute Gründe gegeben: Denn wenn zum Beispiel die Band Electra als weitgehend "unbekannt" eingestuft wird, dann klingt diese flüchtige Formulierung wie eine unzulässige Westperspektive. In den neuen Bundesländern hat die Gruppe jedoch – was Halbscheffel natürlich weiß, er betreibt seinen Verlag immerhin in Leipzig – einen hohen Bekanntheitsgrad und bildet zusammen mit Lift und der Stern Combo Meißen einen Teil des vielbejubelten "Sachsendreiers". Leider bleibt bei Halbscheffel das noch zu DDR-Zeiten aufgenommene Electra-Stück Bach 75 unerwähnt, selbst in der Diskografie. Dabei hätte es die Gelegenheit geboten, auf die völlig unterschiedlichen Rahmenbedingungen einzugehen, unter denen man seinerzeit in West und Ost die Bildungsmusik verrockte. Und da der Bach-Band laut Verfasser explizit eine Ergänzung seines Riesenwerks Progressive Rock. Die Ernste Musik der Popmusik sein soll, ist es umso unverständlicher, dass der DDR-Artrock darin nun erneut so stiefmütterlich behandelt wird.

Was die Formalien des Buches angeht: Es wirkt störend, wenn sich Darlegungen zur Geschichte einzelner Bands oder Künstler teilweise mehrfach wiederholen. Querverweise würden hier genügen und auch organisierter wirken. Das Register führt nicht immer die richtigen Seitenzahlen auf, im diskografischen Anhang stehen die betreffenden Einträge oft erst zwei Seiten später, als es der Index ausweist. Da der Autor die Diskografie bei ausreichendem Leserinteresse in Form einer Tabelle auf seiner Homepage weiterführen möchte, könnte sich das Index-Problem insoweit auf die Dauer allerdings auf elektronischem Wege erledigen. Eine Playlist zum Buch ist unter der Bezeichnung "BachRock" bei Spotify bereits erreichbar. Sie soll noch ausgebaut werden.

Über bildungsmusikalische Zitate, Arrangements und Adaptionen in Jazz und Rock wurde oft die Nase gerümpft, obwohl sich eigentlich nur schwer gegen ein Verfahren argumentieren lässt, welches in der Musik seit ewigen Zeiten gang und gäbe ist. Nicht grundlos verweist Halbscheffel in seinem Buch gleich zu Beginn auf Paul Hindemiths Bach-Bearbeitung "Ragtime (wohltemperiert) für Orchester" von 1921. Ihre Werturteile müssen die Leser der Studie natürlich selber fällen – nach der Lektüre aber immerhin untermauert durch 250 Seiten Material.

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Von: Ralf J. Günther


Moderne Bücherproduktion macht es möglich – der Halbscheffel-Band zu Johann Sebastian Bach liegt inzwischen in einer korrigierten und in der Diskografie ergänzten Fassung vor. Leser, die die erste Ausgabe erhalten hatten, haben einen Ersatzband geliefert bekommen.

In der Wochenzeitung „Die Zeit“ erklärt die Titelgeschichte kurz vor Ostern 2018 derweil: Kein Komponist sei wichtiger gewesen als Johann Sebastian Bach. Umso besser, dass auch der Einfluss des Thomaskantors auf die Rockmusik ihre ausführliche Darstellung bekommen hat.

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Von: Nik Brückner


Bernward Halbscheffel fragt sich in diesem Buch, warum die - einige - Rockmusiker zwischen 1965 und 1971/72 sich ausgerechnet Johann Sebastian Bach zum Fleddern aussuchten, in einer Zeit also, in der, wie Ralf richtig sagt, eher die englischen Spätromantiker als Ideengeber fungierten. Wobei - sieht man genauer hin, beginnt deren große Zeit als Inspiratoren eigentlich erst um 1970-72, also genau dann, wenn Bach und der Barock wieder in den Hintergrund treten. Ist 'ne vereinfachte Sicht, weil ich spätere Alben ignoriere, die aus den Barock-Adaptationen eine reine kommerzielle Masche machten (Ekseption), ebenso wie die Rockmusiker, die als allererste die englische Spätromantik entdeckten, bevor das richtig verfing. Ist aber vielleicht einen Denk wert.

Also warum, Herr Halbscheffel?

Klar ist, dass wir Äußerungen der Musiker selbst, man würde auf diese Weise versuchen, junge Hörer an die Kunstmusik heranzuführen, getrost ignorieren dürfen. Die wollten ihre Musik auf den BBC-Kanälen gespielt wissen, und die Eltern nicht verprellen, die ihren Kindern die Platten kaufen mussten - und dabei auf „Qualität“ achten wollten. Das ist der tiefere Sinn solcher Äußerungen.

Halbscheffel weiß das. Er argumentiert anders: Bach war präsent, schreibt er, präsenter als heute. Im Radio, im Fernsehen, in der Werbung. Dann waren es die Keyboarder (damals noch Organisten), die die Idee aufbrachten: Die hatten Bach in der Klavierstunde gespielt. Was noch? Dem Rock und dem Barock gemeinsame kompositorische Formen wie das Chaconne-Modell, also der absteigende Tetrachord. Provokation? Ja, aber nur hier und da: Wenn The Nice das Intermezzo aus Sibelius' Karelia Suite zu einem Bassgefarze dekonstruierten, oder Emerson zu Bernsteins "America" eine Fahne anzündelte. Aber ob Tulls "Bourée" [sic] als Provokation gedacht war?

Na, und vieles ist auch gar nicht schwer zu spielen, das hat für einen Keyboarder durchaus auch seinen Appeal; besonders wenn sich bachsche und rocksche Ästhetik hin und wieder recht nahekommen, in eingängigen Melodien etwa, in kurzen Formen oder in dem Drive, den Barockmusik in ihren fröhlich-weltzugewandteren Momenten zu entfalten in der Lage ist.

In erster Linie aber: Diese Stücke waren die Hits! Toccata und Fuge, Brandenburgische Konzerte, Badinerie. Erkennen Sie die Melodie? Und hier zieht Halbscheffel eine Sache nicht in Betracht, so wie die meisten anderen Autoren, die sich mit der eingangs genannten Frage auseinandersetzen: Oft waren das halt Gags. Ein Spaß. Klar, so einer wie Emerson hatte (im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen) wirklich was drauf, der hat sogar geübt! - aber er hat auch gesoffen, gekifft und gevögelt. Ein Rockmusiker eben. Und so hat vieles, auch vieles Qualitätvolle, nicht unbedingt den tiefsten Tiefgang. Wer The Nices Bassgefarze, die Alben von The Pink Mice, oder Emersons zitatgespickte Soli hört, ohne hin und wieder lachen zu müssen, der hört womöglich am Sinn dieser Exkurse vorbei.

Und deshalb vermisse ich neben den Punkten, die Ralf schon genannt hat (siehe oben, unbedingt), in Halbscheffels Buch vor allem ein Kapitel zum Humor. Humor does nämlich belong in music, das zeigt, nicht zuletzt, die Geschichte der Kunstmusik-Adaptationen. Dass Halbscheffel den Prog ein wenig zu einseitig als "die ernste Musik der Popmusik" ansieht, hat vor einigen Jahren schon Attila Kornel angedeutet (aber wenn ich andererseits manchen Diskussionen so zuhöre, habe ich den Eindruck, dass wir Fans ihn noch viel ernster nehmen als Halbscheffel...)

Aber was beschwere ich mich. Bernward Halbscheffel ist seit langen Jahren, und heute mehr denn je, die Anlaufstelle in Sachen Prog für all diejenigen, die über Progressive Rock gern auf Deutsch lesen. Und bei all den Überschneidungen, die sein neues Buch mit seinen anderen Werken haben mag, unter dem aktuellen Fokus erscheinen die bekannten Verbindungen nochmal unter einem klareren, schärferen Licht. Dass die Beispiele überwiegend aus den 60er- und 70er-Jahren stammen, kann man Halbscheffel kaum vorwerfen. Wer Sweetbox' "Everything's gonna be alright" kennt, der weiß warum: Im Vergleich zu dem, was die Beatles, Ekseption, Procol Harum oder Keith Emerson gemacht haben, sind solche Sachen Kindereien.

Darf man Halbscheffel dennoch wegen seiner fortwährenden Rückkehr zur Beziehung zwischen früher Rockmusik und klassisch-romantischer Bildungstradition für konservativ halten? Keineswegs. Der Mann schreibt für sein nächstes Werk gerade an einem Kapitel über Steven Wilson - und hört seit kurzem Igorrr, einen irren Franzosen, der neben Meshuggah, Cannibal Corpse, und Aphex Twin auch Einflüsse von Johann Sebastian Bach, Domenico Scarlatti und Frédéric Chopin verarbeitet. Bin jetzt schon gespannt darauf, bald über all das zu lesen. Halbscheffel ist dran, am Puls der Zeit. Es kommt nur leider in seinen Büchern nicht immer zum Vorschein.

Das Beste an Halbscheffels Büchern (und das ist auch hier nicht anders) sind seine klaren und wohlbegründeten Urteile. Wer belastbare Einschätzungen des Könnens seiner Helden sucht, ist von allen Progautoren bei Halbscheffel wohl am Besten aufgehoben. Doch man sollte gerüstet sein: Auch wenn man ihm die Sympathie für Keith Emerson anmerkt, Halbscheffels Urteile sind stets nüchtern, zur Heldenverehrung neigt er nicht.

Alles in allem also eine feine Ergänzung der Progbibliothek, auch wenn sie nicht ganz so viel Neues enthält wie andere Werke Halbscheffels. "Johann Sebastian Bach und die Rockmusik" lebt vor allen von seinem klaren Fokus und den präzisen, wohlbegründeten Urteilen des Autors. Empfehlung!

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