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Kevin Holm-Hudson (Ed.)

Progressive Rock Reconsidered



Progressive Rock Reconsidered

Informationen

Erscheinungsjahr: 2002 (Tatsächlich bereits 2001 erschienen)
ISBN: 0815337159
Verlag: Routledge
Verlagsort: New York/London


Rezensionen


Von: Ralf J. Günther


Dieses Buch enthält insgesamt elf Aufsätze verschiedener Autoren, die Mehrzahl davon Musikwissenschaftler. Gegliedert ist der Band in drei Hauptteile:

I. "History and Context"

- Sheinbaum, John J.: Progressive Rock and the Inversion of Musical Values, p. 21 - 42. - Holm-Hudson, Kevin: The "American Metaphysical Circus" of Joseph Byrd's United States of America, p. 43 - 62

II. "Analytical Perspectives":

- Cotner, John S.: Pink Floyd´s "Careful with that Axe, Eugene": Toward a Theory of Textural Rhythm in Early Progressive Rock, p. 65-90 - Weinstein, Deena: Progressive Rock as Text: The Lyrics of Roger Waters, p. 91-109 - Holm-Hudson, Kevin: A Promise Deferred: Multiply Directed Time and Thematic Transformation in Emerson Lake and Palmer's "Trilogy", p. 111 - 120 - Karl, Gregory: King Crimson's Larks' Tongues in Aspic: A Case of Convergent Evolution, p. 121 - 142 - Rycenga, Jennifer: Tales of Change within the Sound: Form, Lyrics, and Philosophy in the Music of Yes, p. 143 - 166 - von der Horst, Dirk: Precarious Pleasures: Situating "Close to the Edge" in Conflicting Male Desires, p. 167 - 182 - Bowman, Durrell S.: "Let Them All Make Their Own Music": Individualism, Rush, and the Progressive/Hard Rock Alloy, 1976 - 77, p. 183 - 218 (Für weitere Infos zu diesem Aufsatz klicke hier!)

III. "Don´t Dare Call us ´Progressive´"- ´Post-Prog´ and other Legacies

- Robison, Brian: Somebody Is Digging My Bones: King Crimson's "Dinosaur" as (Post)Progressive Historiography, p. 221 - 242 - Cateforis, Theo: How Alternative Turned Progressive: The Strange Case of Math Rock, p. 243 - 260

Zusätzlich enthält das Buch die Einleitung des Herausgebers, die u.a. die Frage nach dem historischen Hintergrund und nach dem "Kunst"charakter des Progressive Rock behandelt und dabei Querverbindungen sowohl zu bereits vorliegenden Veröffentlichungen (etwa von Lucky, Macan und Martin) als auch zu den nachfolgenden Einzelbeiträgen schafft.

Unter allgemeineren Gesichtspunkten ist insbesondere der Aufsatz von John J. Sheinbaum interessant. Sheinbaum erörtert die Frage, inwieweit das Phänomen Prog zu veränderten musikalischen Wertmaßstäben führen kann. Der konventionelle Gegensatz von "high" und "low art" steht dabei im Mittelpunkt. Der Autor plädiert dafür, konkrete Musik nicht einfach in vorgegebene Bewertungsschemata einzusortieren, da sonst rasch der oberflächliche Eindruck einer "Mangelhaftigkeit" entstehen kann. Diese - insbesondere am Beispiel Yes gewonnene - Quintessenz ist vielleicht nicht allzu originell, der Aufsatz enthält aber im Einzelnen viele aufschlußreiche Bemerkungen. Denn nicht nur das traditionelle Vorurteil der "Hochkultur" gegenüber der "populären" Musik wird in Frage gestellt, sondern umgekehrt auch die Vorstellung, Rock könne nur als "low music" von authentischem Wert sein. Auf den ersten Blick verblüfft es, daß ausgerechnet die Singleversion des Yesstückes "Roundabout" das Hauptexempel der Untersuchung liefert. Die Begründung ist jedoch nachvollziehbar. Es geht hier nicht darum, das "beste" Stück auszuwählen, sondern um das Ausmaß der Rezeption: "Indeed, the importance of "Roundabout" is best seen from the point of view of its reception. The popular understandig of the progressive rock style is best shown by studying a hit single by one of the most successful progressive rock outfits." (S. 30)

Wie in vielen anderen Publikationen erfährt die Gruppe Yes auch in diesem Band eine etwas überproportionale Aufmerksamkeit. Anders allerdings als bei Sheinbaum führen die Beiträge von Jennifer Rycenga und Dirk von der Horst Yes weniger als Objekt musikalischer Analyse, sondern eher als Katalysator sexueller Selbstfindungsprozesse vor. Bei von der Horst geschieht das aus der dezidierten Perspektive schwuler Musikbetrachtung, bei Jennifer Rycenga von einem marxistisch-feministisch-lesbischen Standpunkt aus. Rycenga weist bei ihren Darlegungen über die "Yes-Philosophie" zwar mit Recht auf die peinliche Ahnungslosigkeit hin, die sich hinter der angeblichen Inspiration von "Tales from Topographic Oceans" durch hinduistische Schriften verbirgt (Infos dazu unter www.progbibliography.de/inspbooks.htm ). Auch ihre Beobachtung, daß Jon Andersons Lyrics unter dem Einfluss des "New Age"-Denkes der 80er Jahre an Originalität nicht eben gewonnen haben, scheint mir zutreffend. Der Versuch jedoch, die Texterei des Yes-Vokalisten trotz all dieser Einwände unter positiven Gesichtspunkten abzuhandeln, hat ihn mir als Dichter nicht näher gebracht. Eher sympathisiere ich da mit Dirk von der Horst und seiner in einer Nebenbemerkung formulierten Erkenntnis, daß sich die Yes-Texte zum Glück um so leichter ignorieren lassen, je mehr in den Stücken der Gruppe musikalisch los ist.

Das eigentliche Thema des von-der-Horst-Aufsatzes ist ein anderes. Der Autor stellt anhand sehr persönlicher Erfahrungen dar, daß ein formales, auf äußere musikalische Gestaltungsprinzipien ausgerichtetes Hören (wie "Close to the Edge" es zu erfordern scheint) seiner Ansicht nach einer neoplatonischen Vernachlässigung der physischen Welt und damit einer Verdrängung von Sexualität und Körperlichkeit gleichkommt. Dieser Fragenkomplex hat ihn im Rahmen seiner homosexuellen Identitätsfindung offenbar sehr beschäftigt. Vielleicht haben andere Hörer ähnliche Erfahrungen, wenn sie sie auch kaum in die gleichen Worte fassen würden. Jedenfalls wäre das wohl die Voraussetzung, um einer derart subjektiven Betrachtungsweise etwas abgewinnen zu können. Es ist aber nicht meine Absicht, den Aufsatz (mit seinen ungewöhnlichen Reflexionen über das Verhältnis von Männlichkeit und Weiblichkeit im Bauplan einer Sonate) hier einfach als Blödsinn abzutun. Im Grunde vollbringt er etwas, womit die meisten Rockfans offenkundig überfordert sind, nämlich zwischen einem musikalischen Werk und einer Hörstrategie zu unterscheiden. Es geht ihm nicht darum "Close to the Edge" als "Musik ohne Eier" abzutun, wie ein bekanntes Diktum von Georg Danzer lautet (das sich, um Mißverständnisse zu vermeiden, nicht auf Yes bezieht). Sondern er analysiert die eigene Erwartungs- und Rezeptionshaltung.

Werden Yes in "Progressive Rock Reconsidered", wie man sieht, eher unter textlich-philosophischen Gesichtspunkten behandelt, so rücken dafür King Crimson in den Mittelpunkt der musikalischen Analyse. Ausführlich befasst sich zum einen Brian Robison mit dem King Crimson-Song "Dinosaur". Zu den Highlights des Buches gehört aber vor allem Gregory Karls sehr eingehende Deskription und Interpretation des Stückes "Larks' Tongues in Aspic". Karls reich untermauerte These lautet: "Without the aid of words or programs, LTA exhibits a sophisticated form of narrative content and organization heretofore associated only with instrumental art music of the nineteenth and twentieth centuries Moreover, this is achieved primarily by transforming the materials of rock music from within, rather than by importing unassimilated material and procedures from a foreign realm." (S. 122) Der ganze Ansatz dieses Beitrages, der hinsichtlich der Formentwicklung im 70er-Jahre-Prog nicht nur nach der äußerlichen Adaption "klassischer" Vorbilder, sondern auch nach einer inneren Entwicklungslogik fragt, erscheint mir ein notwendiges Gegengewicht zu vielen anderen, oft sehr klischeebeladenen Interpretationen. Zu bemängeln wäre allenfalls, daß bei Karl jeder Hinweis auf Allan F. Moores 1993 erstmals veröffentlichtes Buch "Rock: The Primary Text" mit seinen vielen Bezugnahmen auf King Crimson im allgemeinen und "Larks´ Tongues in Aspic" im besonderen fehlt. Ein Zufall dürfte es hingegen sein, daß in Deutschland der Journalist Raoul Hoffmann bereits im Jahr 1974 einen Aufsatz veröffentlicht hat, der mit all seinen musikpädagogischen Besorgnissen aus heutiger Sicht zwar eher kurios wirkt, hinsichtlich "Larks´ Tongues in Aspic" jedoch zu einem verblüffend ähnlichen Urteil kommt wie Gregory Karl. (Siehe: Raoul Hoffmann: Die elektrische Klassik. Emanzipations-Versuche der Rock-Bands. In: Ders.: zoom boom. Die elektrische Rock- und Popmusik. München (dtv) 1974, S. 136-152.)

Nicht alle Beiträge zu dem von Holm-Hudson herausgegebenen Band können hier in aller Ausführlichkeit vorgestellt werden. Detaillierte musikalische Analysen finden sich in dem Buch zu Stücken von Pink Floyd, ELP und Rush. Der Herausgeber selbst erörtert zudem noch ausführlich die Rolle von Joseph Byrd´s oftmals legendenhaft verklärten "United States of America".

Besonders hervorheben möchte ich den abschließenden Beitrag zum Thema "Math Rock" aus der Feder von Theo Cateforis. "Math Rock" ist eine vor allem auf metrische Vetracktheit und Riff-Sophistication bauende Entwicklung in der Alternativmusik der 90er Jahre. Cateforis stellt sie anhand von Don Caballero´s "Stupid Puma" näher vor. Auf diesem Feld scheinen noch zahlreiche Entdeckungen möglich zu sein (zumindest für mich). Der Beitrag verhindert zudem, daß das Buch sich ausschließlich auf "Reconsideration" beschränkt. Obwohl das natürlich eigentlich nichts Verwerfliches ist. Denn wie heißt es schon bei Yes? "Think it over."

Zum Schluss noch folgende Hinweise:

Die Einbandillustration des Buches ("Storm in a Teacup"; 1999) stammt von Paul Whitehead, der u.a. durch seine Coverzeichnungen für mehrere Alben von Genesis bekannt geworden ist.

Der Band hat das Copyrightdatum 2002, war aber bereits im Herbst 2001 erhältlich. Die ISBN-Nummer bezieht sich auf die Paperback-Ausgabe.

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