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Jonathan Coe

Erste Riten [The Rotter´s Club]



Erste Riten [The Rotter´s Club]

Informationen

Erscheinungsjahr: 2002 (Das englische Original: "The Rotter´s Club" ist 2001 erschienen)
ISBN: 3-492-04370-4
Verlag: Piper
Verlagsort: München


Rezensionen


Von: Ralf J. Günther


Zwei junge Leute sitzen im Restaurant des Berliner Fernsehturms. Unter ihnen dreht sich die abendliche Stadt. Sie reden über ihre Eltern.

"Mein Vater war noch nie in seinem Leben in einem Club. Seine neueste Platte ist von Barclay James Harvest." - "Von wem?" - "Genau."

Dieses Buch stellt unter den hier vorgestellten Titeln eine Ausnahme dar, denn es handelt sich um einen Roman - einen Roman allerdings, in dem "progressive rock" eine große Rolle spielt. Schon der Titel des Buches weist darauf hin, zumindest im englischen Original: "The Rotter´s Club" ist eine LP der Canterbury-Band Hatfield and the North, die für die Hauptperson der Geschichte eine besondere Bedeutung hat. Diese Hauptperson ist der Vater des anderen Jugendlichen aus dem Eingangsdialog (also nicht der BJH-Fan).

"Erste Riten" - wie Coes Roman auf deutsch wenig geistreich heißt - spielt in der Hauptsache in den 70er Jahren, als jener Vater selbst noch ein Jugendlicher im englischen Birmingham war, in einer Prog-Schülerband spielte und seiner ahnungslosen Schwester Fragen beantworten musste wie: ´Was ist eigentlich ein Freak?´ Einer seiner Freunde veröffentlicht derweil in der Schülerzeitung eine Rezension zu "Tales from Topographic Oceans" und kommt nach angestrengtester Bemühung um Objektivität - die BBS lassen grüßen - zu dem Ergebnis: Yes seien "unumstritten" die ideenreichste und beste Band Englands, "wenn nicht sogar der ganzen Welt. Und es steht außer Frage, daß wir es hier mit einem Meisterwerk zu tun haben". Kein Wunder, dass dieser Freund gleichzeitig an einer großen Rocksymphonie arbeitet, und fassungslos miterleben muss, wie die Punk-Bewegung jede Achtung vor seinen Lieblingsgruppen hinwegzuspülen droht. "Verdammt, was hatten alle auf einmal alle an Camel, Curved Air und Gentle Giant auszusetzen? Wie ungerecht und grausam die Welt doch manchmal war..." In der Tat. Und um so tragischer, weil hier jemand mit wahrhaft visonärer Kraft spricht, der bereits den Namen "Isildurs Bane" für seine Band ernsthaft erwägt...

Ein bisschen schablonenhaft wird die Konkurrenz der unterschiedlichen Musikstile in den 70ern von Coe zwar behandelt, lachen muss man aber trotzdem. Übrigens scheint des Verfassers eigene Liebe v.a der Canterbury- und RIO-Szene zu gelten. Der englische Titel ist da ja schon ein eindeutiger Hinweis, und im Nachwort gibt es Dank für Hinweise u.a. an Pip Pyle. Man wird allerdings den Verdacht nicht ganz los, dass der Autor seinen Roman durch all das auch ein wenig vor heute noch virulenten Anti-Prog-Verdikten zu schützen versucht hat, die sich ja vor allem auf das sogenannte Dinosauriertum à la ELP beziehen.

Coe´s Roman behandelt weit mehr als nur Musik. Es geht um das Schülerleben während der 70er, um Industriearbeiterstreiks und IRA-Terror. Ein literarisches Großereignis ist der Band zwar nicht, verglichen mit Frank Goosens Bestseller über die 80er ("Liegen lernen"), in dem die Musik der 70er ja durchaus auch eine Rolle spielt, schneidet Coe allerdings deutlich besser ab, seine Konzeption ist weniger dürftig und schielt nicht so penetrant auf das Schenkelschlagen des Lesers. Die deutsche Übersetzung scheint leider recht ungenau zu sein. Das englische Original ist als Penguin-Taschenbuch aber auch hierzulande leicht zu beschaffen.

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