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Tibor Kneif (Hg.)

Rock in den 70ern. Jazzrock, Hardrock, Folkrock und New Wave



Rock in den 70ern. Jazzrock, Hardrock, Folkrock und New Wave

Informationen

Erscheinungsjahr: 1980 (Nur noch antiquarisch erhältlich)
ISBN: 978-3499173851
Verlag: Rowohlt
Verlagsort: Reinbek bei Hamburg


Rezensionen


Von: Christian Rode


Das Buch, das am Beginn der 80er Jahre einen Überblick über das gerade verflossene Jahrzehnt zu geben versucht, enthält u.a. Beiträge zu den Themen Kulturrock (= Progressive Rock im weiteren Sinne), Jazzrock, Folkrock, Hard'n'Heavy, Krautrock und New Wave. Aber der Prog-Fan sei gewarnt: Bei einigen Autoren wird die progressive Rockmusik unter dem Eindruck des Siegeszugs der New Wave ab Mitte der 70er Jahre quasi als historischer Verlierer bzw. als sowieso überflüssig behandelt. Am deutlichsten ausgeprägt ist diese Perspektive in den Beiträgen von Wolfgang Doebeling, aber auch bei Bernward Halbscheffel.

Dieses immerhin noch antiquarisch erhältliche Buch enthält aber zumindest zwei Beiträge für den an progressiver Rockmusik interessierten Leser. Da ist zunächst der Aufsatz von Bernward Halbscheffel "Living in the Past. Rock-Opern, -Symphonien, -Suiten und Parodien" (vgl. die Rezension der Doktorarbeit Halbscheffels auf den Babyblauen Seiten (Rock barock. Rockmusik und klassisch-romantische Bildungstradition). Entschuldigend bemerkt Herausgeber Kneif, dass durch die Kürze der Darstellung (30 Taschenbuchseiten) "sowohl manches verkürzt erscheint, wie auch der Eindruck entsteht, daß er von der Warte 'höherer' Kunstmusik etwas geringschätzig vom Rock spreche." Im Gegenteil glaubt er, dass die Stärke von Rockmusikern eben im Rock besteht und dass sie sich unter ihr musikalisches wie handwerkliches Niveau begeben, sobald sie es versuchen, sich mit "höheren Kulturgütern" anzubiedern (S. 81) Damit ist wohl Rockmusik allgemein in Schutz genommen, gleichzeitig aber auch die Stoßrichtung gegenüber sogenanntem "Kulturrock" vorgegeben.

Der Aufsatz Halbscheffels geht von der Annahme aus, dass "Kulturrock" keineswegs die Avantgarde moderner Musik sei, sondern dies lediglich irrtümliche Annahme bildungsbeflissener Rockmusiker bzw. im Einzelfall gar "Ausdruck eines Minderwertigkeitsgefühls" (S. 51) sei. Namentlich wird an dieser Stelle Keith Emerson genannt. Er weist auch darauf hin, dass Kulturrock-Bands, die an klassische Musik anknüpfen, in der Regel auf die Musiktradition bis 1900 zurückgreifen, d. h. die musikalischen Experimente der Kunstmusik des 20. Jahrhunderts scheuen. Eine Verbindung von Rockmusik und Bildungsmusik gestalte sich häufig auch als schwierig, weil Rockmusik eben kein Zweig der Bildungsmusik sei.

Unter Kulturrock subsumiert Halbscheffel alles, was wir heute als Progressive Rock bezeichnen: den eigentlichen Kern des Kulturrocks, der durch Bands wie Genesis, Yes oder Emerson, Lake & Palmer, vor allem aber Gentle Giant, die für den Autoren die Kulturrockband par exellence darstellen, markiert wird; ELP gelten aber zugleich als eine der Exponenten des Klassik- bzw. Baroque-Rocks; kulturbeflissenen Hardrock (Queen, Kansas, Styx); Jazzbeeinflusstem (King Crimson, Supersister), Folk (Ougenweide, Angelo Branduardi), Mainstream-Pop (Supertramp, 10cc) und Psychedelic-Rock (Pink Floyd). Hinzugezählt werden außerdem die Anfänge des Kulturrocks in den 60ern (Beatles, Beach Boys, Kinks, Who u. a.) und elektronische Klangmalerei (Tangerine Dream, Klaus Schulze). Er gibt damit dem Begriff eine beachtliche Weitung. Kulturrock wird als Stil der Stillosigkeit definiert, der sich überall bedient. "Im Kulturrock manifestiert sich eine geistige Haltung der Musik gegenüber, die Musik als etwas Absolutes ansieht, keine Verpflichtung ihr gegenüber eingeht, sie vielmehr als ein beliebig verfügbares Material betrachtet." (S. 57)

Halbscheffel bezeichnet in seinem Artikel einige Ansätze des Kulturrocks genauer: Verwendung von Momenten klassischer Musik (Beatles, Nice, Vanilla Fudge, Ars Nova, Ekseption, Renaissance) bzw. Adaptionen klassischer Musik (Emerson, Lake & Palmer, Procol Harum, Jethro Tull), Aneinanderreihungen von Songs zu einer Suite bzw. zu einem Konzeptalbum (Moody Blues: Days of Future Past, Beatles: Abbey Road-Medley, Genesis: Supper's Ready, v. a. aber The Lamb lies down on Broadway, Yes: Tales from Topographic Oceans, Gentle Giant: Three Friends und Interview) und zu Rockopern (Nirvana, Who, Kinks, Pretty Things, Amon Düül II, Genesis). Die Trennschärfe zwischen den Begriffen Suite, Konzeptalbum und Rockoper scheint dabei nicht allzu ausgeprägt zu sein. Schließlich werden noch Rock-Zitate und die Parodie genannt. Als Meister der Parodie gilt Frank Zappa. Einen Überblick über das Phänomen Kulturrock als Ganzes gibt Halbscheffel gleichwohl nicht.

Ergänzt wird diese den Kern des Kulturrocks nur streifende Analyse durch eine kurze Beleuchtung der Motive der Musiker sowie der Konsumenten des Kulturrocks. Der typische Kulturrock-Hörer wird dabei dadurch charakterisiert, dass er zwar gerne überdurchschnittlich komplexe Musik hört, aber nicht generell traditionellen Hörgewohnheiten abschwört. Daher konnte z. B. die überaus komplexe Musik von Henry Cow nie populär werden. Außerdem erwartet der Hörer des Kulturrocks von den von ihm verehrten Gruppen vor allem Perfektion und bewundert "die 'circensische' Leistung, ein Kniefall vor oft leerer Virtuosität." (S. 58).

Die kurze Betrachtung Halbscheffels enthält durchaus einleuchtende Charakterisierungen einiger Aspekte des Kulturrocks sowie einige interessante Hinweise und Denkanregungen. Sie erweckt allerdings insgesamt den Eindruck einer eher unsystematischen und nicht immer begriffsklaren Aneinanderreihung. Andererseits erhebt sie aber auch nicht den Anspruch, den Kulturrock umfassend zu beschreiben.

Von unmittelbarem Interesse für Proggies ist weiterhin die erfreulich systematische, kompakte und gleichwohl ergiebige Darstellung des Krautrock von Christian Kneisel. "Wo das Kraut wächst. Rock in der Bundesrepublik" nennt zunächst einige typische Merkmale des (frühen), Krautrock, der ja kaum auf einen Nenner zu bringen ist: "Auflösung herkömmlicher Songstrukturen und -formen zugunsten ausschweifender Improvisationen" (S. 197), Einbeziehung einiger "Elemente aus Free Jazz, Avantgarde und außereuropäischen Musiken" (S. 198), Aufwertung der Rhythmussektion (Bass und Schlagzeug) und umgekehrt Degradierung von Gitarre, Saxofon und Orgel zu Rhythmusinstrumenten sowie ein Bedeutungsverlust des Gesangs. Er bezeichnet dies auch als "eine häufig zu beobachtende ungenügende Beherrschung traditioneller Instrumentaltechniken", die allerdings "durch ungewöhnliche Instrumentenhandhabung kompensiert werden" konnte (S. 198). "Die Klangfarbe, der Sound, wurde immer wichtiger" (S. 199) Dieser wird auch durch die Aufnahme ungewohnter Musikinstrumente (Sinusgeneratoren, Haushaltsgeräte) beeinflusst. Gerade der Synthesizer bot sich hier Anfang der 70er Jahre an: "Er war neu, bot nahezu unbegrenzte klangliche Möglichkeiten, verlangte (...) kein klassisches Training und glich fehlende Virtuosität durch automatische Prozesse aus." Vor allem reinen Synthesizergruppen wie Tangerine Dream wirft Kneisel denn auch einen Mangel an Kreativität vor, da sie lange Zeit zu schematisch vorgegangen seien.

Nach einer vergleichsweise umfangreichen Darstellung der Berliner (Tangerine Dream, Klaus Schulze, Ash Ra Tempel) und schon wohlwollender beurteilten Düsseldorfer Szene (Kraftwerk, Neu!, La Düsseldorf) folgt ein Überblick über die Wandlungen der Verquickung von (linker) Polit- und Musikszene der 70er (Floh de Cologne, Lokomotive Kreuzberg, Ton Steine Scherben und Checkpoint Charlie). Unter dem Titel "Edelkraut" werden die führenden Krautrockbands dargestellt: Amon Düül II, Can, Guru Guru, Can, Embryo, Kraan, Grobschnitt und Hölderlin.

Nach Einlassungen über deutschen Jazzrock und deutsch getexteten Rock jenseits des Agitprops a la Floh de Cologne (Ihre Kinder, Udo Lindenberg, Nina Hagen) werden kurz verschiedenste Einflüsse genannt (Blues, Hardrock, Folk, Mittelalterliches, Volksmusik), um abschließend bei der damaligen Neuen Deutschen Welle zu landen. Anders als man 20 Jahre später meint, war damit nicht etwa neudeutscher Schlagerjux a la Nena und Markus und Fräulein Menke gemeint, sondern Bands wie Straßenjungs, DAF, Hans-A-Plast und Fehlfarben.

Kneisel unterscheidet in seiner Darstellung übrigens auch Phasen des Krautrock, die analog auf den Progressive Rock angewandt werden können: die wilde, politisierte Zeit bis 1970, der Rückzug ins Private und in Phantasiewelten als Folge der politischen Ernüchterung nach 1970 bis etwa Mitte der 70er Jahre (= eigentliche Hochphase von Krautrock und Prog) und schließlich die Ablösung durch die Neue Deutsche Welle bzw. allgemein New Wave.

Die übrigen Beiträge des Bandes berühren Progressive Rock - wenn überhaupt - eher in negativer Weise. Besonders die Beiträge von Wolfgang Doebeling sind durch eine aggressive Ablehnung des Progressive Rocks der 70er Jahre gekennzeichnet. Der mit allerlei Verbalinjurien gewürzte Stil Doebelings wird von Herausgeber Kneif übrigens bemängelt. Ich halte ihn jedoch für angemessen. Schließlich geht es um die Darstellung von Punk und New Wave! Doebeling zeigt sich außerdem als außerordentlich kompetenter Kritiker dieser Musikrichtung. Sehr kenntnisreich und erhellend ist seine Darstellung der Versuche der Musikindustrie in England und USA, den Punk zu vereiteln.

Für Doebeling ist Rockmusik vor allem Vitalität und Rebellion. Daher sind für ihn die herausragenden Phasen der Rockmusik der frühe Rock'n'Roll, Beat/R'n'B bis 1966 und die New Wave ab 1975. Die Zeiten zwischen diesen für ihn maßgeblichen Abschnitten stellen sich ihm als musikalische Durststrecken dar, die "überbrückt" werden müssen (S. 247). Diese für den Prog-Fan sicher eher provokative Sichtweise, da immerhin die Jahre 1967-1974 - mithin die innovativsten Jahre des Prog - von vorne weg abqualifiziert werden, hat aber durchaus ihren nicht nur sprachlichen Reiz. Hörer des Progrock werden mit einer komplett anderen Sicht ihrer Musik konfrontiert. Und auch mit nicht immer schmeichelhaften Beschreibungen: "Figuren, für die eine Kennzeichnung als BOFs (Boring Old Farts) noch eine Auszeichnung wäre - wie zum Beispiel Rick 'Hip Easy Listening' Wakeman -, distanzierten sich ausdrücklich von den Punk-Kollegen." (S. 261). Sprachrohr der Langweiligen Alten Fürze ist für Doebeling übrigens das Rockmagazin Rolling Stone (S. 134)...

Beim Blick auf ihm fremde Musikstile fehlt ihm oft einfach das Differenzierungsvermögen, wenngleich manche Auslassungen durchaus zutreffend sein mögen: "Ein Eagles-Fan ist potentiell auch für Billy Joel, Fleetwood Mac, John Denver, Stevie Wonder usw. zu gewinnen. An welcher Stelle dieser Kette nahezu beliebiger Austauschbarkeit aber The Ramones oder gar The Clash eingeschleust werden können, war den Marktstrategen unklar." (S. 132). Die Beiträge Doebelings sind - wenn man sie ertragen kann - mit die interessantesten des Bandes.

Jenseits des Prog-Interesses bewegt sich der sehr informative Beitrag über Folkrock von Joachim Deicke. Im Beitrag über Jazz-Rock wird immerhin auf sich dem Jazz von der Rockseite her nähernde, dem Progrock nicht so fernstehende Bands wie Colosseum, Soft Machine oder Blood Sweat & Tears eingegangen. Diese werden auch folgerichtig von den vom Jazz herkommenden Bands von John McLaughlin (Mahavishnu Orchestra), Chick Corea (Return to Forever) und Herbie Hancock abgegrenzt.

Herausgeber Tibor Kneif selbst gibt einen sehr kurzen Abriss (8 Seiten!) über Hardrock und Heavy Metal in den 70-ern. Diesem wirklich nur rudimentären Überblick angegliedert ist wie bei den meisten anderen Beiträgen auch eine - leider - unkommentierte Discographie. Angesichts der Kürze des Aufsatzes, wäre eine Kommentierung der Musikliste mindestens wünschenswert gewesen. Tibor Kneif lädt mit diesem Beitrag auch geradezu dazu ein, die von ihm im Vorwort ironisierend vorgegebene Standardkritik Nr. 9 anzuwenden: "Die zweifellos wichtigste Rockgruppe der siebziger Jahre (hier bitte Namen einsetzen) wird im ganzen Buch nicht genannt bzw. nur beiläufig erwähnt." Proggies würden hier vielleicht RUSH einsetzen...

Wer bis zu 10 EUR für vom Zeitgeist der frühen 80-er geprägte Musikkritik übrig hat, sollte diese getrost investieren.

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Von: Ralf J. Günther


Der Band, den Christian oben ausführlich rezensiert hat, stammt aus einer Zeit, als im Rowohlt-Verlag zahlreiche interessante Bücher über Rockmusik erschienen sind. Das bekannteste, aber sicher nicht das beste davon, war das heute noch aufgelegte "Rock-Lexikon" von S. Schmidt-Joos und Barry Graves. Dazu gehörten aber auch Tibor Kneifs immer noch lesenswertes "Handbuch" zur Rockmusik, der von Volker Kriegel herausgegebene Band über "Jazzrock", die mehrbändige Reihe "Rock-Session", das von Kneif/Halbscheffel erarbeitete "Sachlexikon Rockmusik" und sehr viele andere Titel, die längst vergriffen sind. In Antiquariaten tauchen sie immer wieder auf, glücklicherweise, da tiefergehende Rock-Ambitionen größerer deutscher Verlage heute zumeist einer veränderten Marktlage geopfert worden sind.

Der Begriff "Kulturrock", der in Bernward Halbscheffels oben behandeltem Aufsatz eine wichtige Rolle spielt, klingt auf den ersten Blick wohl abwertender, als er gemeint ist. Halbscheffel knüpft damit u.a. an den Begriff "Bildungsmusik" an, den sein Doktorvater Tibor Kneif gern ironisch als Ersatz für "E-Musik" oder "Klassik" verwendet hat. Trotz der offenkundigen Spitze gegen den "Bildungsbürger" lag es dabei kaum in Kneifs Absicht, die klassische Tradition pauschal abzuwerten, und Analoges dürfte für die Verwendung des Ausdrucks "Kulturrock" bei Halbscheffel gelten. (Von Tibor Kneif liegen übrigens eingehendere Beiträge z.B. über Gentle Giant vor, die keineswegs auf Geringschätzung schließen lassen, vgl. dazu die Nachweise in der Progbibliographie unseres BBS-Kollegen Dominik Brückner.)

Dass der Band "Rock in den 70ern", wie Christian schreibt, "vom Zeitgeist der 80er geprägte Musikkritik" bietet, ist natürlich wahr und auch unvermeidlich. Die Beiträge Wolfgang Doebelings bieten dafür besonders gutes Anschauungsmaterial. Dass diese Beiträge im Rahmen des Buches zu den interessanten gehören, darin stimme ich Christian zu. Sie sind allerdings auch ein Beispiel dafür, wie sich Musik-Betrachtung primär zu Gesinnungs- und Haltungsfragen umdeuten lässt (was in jenen Jahren auch der damals noch selbständigen Zeitschrift "Sounds" zum Auflagenverhängnis wurde). Dass Rockmusik vor allem Vitalität und Rebellion sei (oder sein soll), ist zwar eine schöne Formel, aber in einer Zeit, in der die Sex Pistols-Reste durchs englische Dschungelcamp geistern, wirkt sie selbst etwas geisterhaft. Der Enthusiasmus, mit dem Doebeling in der liedchenhaften Harmlosigkeit der Ramones musikalischen Aufbruch witterte, wirkt auf mich heute äußerst kurios, obwohl - oder weil - ich diesen Enthusiamus mal ein paar Monate lang teilte. Wie auch immer: Es hat schon häufig den Versuch gegeben, "echten" Rock ausschließlich auf Köperlichkeit, Sinnlichkeit, Wut, Rausch und Jugend festzunageln, solche Statements findet man bis heute in großer Zahl und sie richten sich immer noch ganz gerne gegen "Prog". Empirisch hat diese Festlegung aber allenfalls ein paar Jahre lang gestimmt. Als Lehrsatz kommt sie einem Denkverbot nahe.

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