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Jerry Lucky

The Psychedelic Rock Files



The Psychedelic Rock Files

Informationen

Erscheinungsjahr: 2002
ISBN: 9 781896 522975
Verlag: Collector’s Guide Publishing Inc.
Verlagsort: Burlington


Rezensionen


Von: Christian Rode


Jerry Lucky ist dem proginteressierten Leser vielleicht von seinen Progressive Rock-Files oder seinem Bändchen Progressive Rock für die Reihe 20th Century Rock and Roll her bekannt. Die englischsprachigen Psychedelic Rock Files überzeugen auf den ersten Blick durch das absolut geschmackvolle, mit rosa-rot-lila Pastellfarben gestaltete Cover. Eine Zierde für jedes Bücherregal! Wirklich sehr edel. Auch vom Buchrücken her gesehen. Überschlägt man den Inhalt, erscheint allerdings nicht alles so überzeugend.

Zunächst die „schlechte Nachricht“: Ich rätsele noch immer etwas darüber, wozu man die Psychedelic Timeline braucht, die immerhin auf fast 200 Seiten (von knapp 350 insgesamt!) mehr oder weniger Tag für Tag die Jahre 1965-1971 Revue passieren lässt. 1965 war dabei im Psychedelic Rock noch nicht so viel los. Kein Wunder, die herausragenden Alben erschienen ja erst ab 1966... Wir erfahren so aber, dass John Lennon und George Harrison bereits im Februar 1965 der Droge LSD ausgesetzt wurden. Im Dezember 1965 kam dann das Album Rubber Soul heraus, was einen milden psychedelischen Einfluss aufweist. Ab 1966 machen den Löwenanteil der Timeline die Präsentationen von Billy Graham im Fillmore East und West aus. Alle Nase lang liest man also „Billy Graham presents ... at Fillmore...“. Mit dem Schließen der beiden Spielstätten im Sommer 1971 erledigt sich dann auch die psychedelische Timeline. Das ist eine tolle Fleißarbeit, die Lucky hier geleistet hat. Wer glaubt, dass dies ihm etwas bringt, der sei darauf hingewiesen, dass er es hier findet. Knappe 200 Seiten lang annähernd DIN A 5-formatig. Beachtlich.

Vor der Timeline gibt Lucky bereits auf 20 Seiten eine History of Psychedelic Rock, die es für den Hausgebrauch eigentlich auch getan hätte. Hier geht er auch der interessanten Frage nach, warum die psychedelische Welle in den USA ausgerechnet in San Francisco ihr Zentrum hatte. Im Anschluss an die Timeline gibt es einen kurzen Beitrag über psychedelische Poster, die sich auch in einiger Anzahl, z.T. farbig, im Buch abgebildet finden. Das macht die Sache anschaulich. Danach wird über psychedelische Lightshows berichtet und die Auftrittsstätten der Jahre zwischen 1965 und 1971 werden dargestellt.

Den Band schließt eine alphabetische Übersicht über die Bands der psychedelischen Zeitspanne ab, die Lucky für erwähnenswert hält. Die Bands werden kurz vorgestellt und jeweils einige LPs aufgeführt. Die Auswahl ist stark am anglo-amerikanischen Raum orientiert. Über 60 Seiten lang zweispaltig und in kleinerer Schrifttype als der Rest des Bandes. Für mich ist dieser Teil der Praktischste, weil hier viele Bands kurz beschrieben werden, über die sonst wenig oder gar nichts zu lesen ist!

Unmittelbar vor dem Band-Listing versucht Lucky allerdings auch noch, sich dem Phänomen Psychedelic Rock theoretisch zu nähern. Dieses Unternehmen währt immerhin über 25 Seiten. Lucky stellt hier einen durchaus bedenkenswerten theoretischen Ansatz vor. Die Psychedelic ist für ihn eine Bündelung unterschiedlichster Musikstile, sodass es eigentlich schwierig ist, von „der“ Psychedelic zu sprechen. In die Entstehungsbedingungen gingen in USA und England, den beiden wichtigsten Ländern des Psychedelic Rock mit den Zentren San Francisco und London, jeweils landestypische Musikstile ein. In den USA mehr die amerikanischen Stile Folksong, Country, Blues, Bluegrass etc. und in England stärker der Beat und britische Folk. Für kurze Zeit existierte auf dieser Basis eine ozeanübergreifende psychedelische Welt, die sich ab 1968/69 aber wieder aufspaltete. So gingen die amerikanischen Bands mehrheitlich wieder zu ihren landestypischen Stilen über, während viele britische Psychedelic Bands zu Progressive Rockbands mutierten bzw. die Basis für progressive Bands darstellten.

Lucky versucht sich auch an einer Definition der Psychedelic, gibt allerdings zu bedenken, dass nicht alle Psychdelic Bands, die er am Ende aufführt, tatsächlich all diese Merkmale oder auch nur mehrere von ihnen aufweisen konnten. Er nennt als psychedelische Kennzeichen v.a. längere Songs, Improvisationen, Soli, dünne Orgelsounds, Fuzz-Guitar-Effekte, Wah-Wah-Effekte, Gitarren-Feedback, 12-string Guitar, Einführung von rockuntypischen Instrumenten (z.B. Sitar), interpretationsoffene Lyrics, trippig-spacige Soundeffekte und Studioexperimente. Das zentrale Instrument der Psychedelic ist übrigens die E-Gitarre (wie im Prog die Keyboards).

Nach Luckys Auffassung kann auch heute noch durch die Mischung dieser Elemente ein typisch psychedelischer Sound erstellt werden. Er hält es aber nicht für sinnvoll nach 1969 noch von einer einheitlichen Stilrichtung Psychedelic Rock zu sprechen. Die Psychedelic war für ihn – anders als der v.a. an der Musik orientierte Progressive Rock - eine komplette Gegenkultur mit Musik, Mode und Lebensphilosophie, die in die bestehende Kultur übergegangen ist und diese verändert hat. D.h. Spuren der Psychedelic finden sich für ihn vielerorts, ohne dass eine einheitliche musikalische Bewegung noch gegeben wäre. Lucky sieht zwar ähnlich wie DeRogatis (Turn on your Mind) psychedelische Einflüsse auch noch bei aktuellen Bands wie Porcupine Tree, Mercury Rev, Chemical Brothers, Beck, Oasis, Portishead, Spiritualized oder Moby, aber diese Einflüsse stellen für ihn nur Versatzstücke dar, keine genuine Fortführung der psychedelischen Rockmusik. Die Einheit der psychedelischen Szene ist für ihn nach 1969 unwiederruflich zerbrochen, weil Psychedelic eben immer mehr als nur Musik war.

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