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Akitsugu Kawamoto

Forms of Intertextuality: Keith Emerson's Development as a "Crossover" Musician

über: Keith Emerson



Informationen

Erscheinungsjahr: 2006 (Dissertation eingereicht an der University of North Carolina, Chapel Hill)
ISBN:
Verlag:
Verlagsort:


Rezensionen


Von: Nik Brückner


Es ist lange her, dass Bernward Halbscheffel in seiner Dissertation auf Unterschiede zwischen Coverversion (Arrangement), (Stil-)Zitat, Bearbeitung u. ä. im Progressive Rock hingewiesen hat. Mittlerweile hat die Musikwissenschaft ein zentrales Paradigma moderner Kulturbetrachtung aufgegriffen, für das schon vor längerer Zeit von Michail Bachtin und Julia Kristeva die Grundlagen gelegt wurden: das Konzept der Intertextualität. Kurz gesagt stellt man sich die Welt der Texte, je nach Ausformulierung der vielen verschiedenen Intertextualitätskonzepte, als eine Vernetzung vor, in der die Texte einander gegenseitig beeinflussen. Nicht mehr der Autor steht im Zentrum der (etwa psychoanalytischen oder sozialgeschichtlichen) Kulturbetrachtung, sondern der von ihm losgelöste Text, der gewissermaßen sich selbst ständig neu schreibt, bzw. von seinen so genannten Prätexten geschrieben wird. Ein Prätext ist dabei ein Text, der in irgendeiner Form im betrachteten Text präsent ist, sei es, dass aus ihm zitiert, auf ihn angespielt, er parodiert oder kritisiert wird. Der betrachtete Text kann dabei natürlich selbst wieder Prätext für andere Texte werden, und er ist es im Normalfall mit vielen anderen.

"Text" wird dabei meist sehr allgemein gefasst, oft wird das Wort sehr etymologisch verstanden, als "textura", Gewebe also, was durchaus jede menschliche Kommunikation, aber auch Werke der bildenden Kunst, Architektur oder eben Musik, neben, in radikalen Ansätzen, jeder anderen menschlichen Lebensäußerung, umfassen kann. Denn auch in ein Gebäude schreibt sich natürlich die textura, der textlich-kommunikative Zusammenhang seiner Zeit und ihrer Sicht auf Vergangenheit und Zukunft unweigerlich ein, und zwar, und darin liegt der Grund für die Loslösung des Texts von seinem Autor, weitgehend unabhängig davon, was ein Autor zu wissen sich bewusst ist. So lässt es sich für einen Europäer nicht vermeiden, in nahezu jeden denkbaren Text unweigerlich christliche "Links" einzubauen, ob er es merkt oder nicht, weil auch der radikalste Agnostiker nicht umhin kann, aus der Kultur zu schöpfen, die er kennt, und diese ist eben durch 1300 und mehr Jahre Christentum geprägt.

Ein Beispiel für solche intertextuellen Bezüge ist das Netz, das sich von Dan Browns "Sakrileg" aus verfolgen lässt: Bekanntlich schlachtet der ein Buch der englischen Journalisten Lincoln, Baigent und Lee aus, über die sich schon Umberto Eco in seinem Roman "Das Foucault'sche Pendel" lustig gemacht hat. Eco wiederum hat sich theoretisch mit der Semiotik esoterischer Schriften auseinandergesetzt. Gemeinsamer Prätext aller beteiligten Texte ist natürlich die Bibel mit ihren zahlreichen Auslegungen. Man könnte das Ganze noch auffächern, für einen Eindruck von Intertextualität sollte das aber genügen. Ich brauche sicher nicht zu sagen, dass es sehr viel mehr Spaß macht, das literarisch unsägliche "Sakrileg" zu lesen, wenn man seine Prätexte kennt...

Nach dem langen Vorlauf eine Zwischenbemerkung: Wir alle kennen natürlich intertextuelle Bezüge auch aus unserer Lieblingsmusik, wissen wir doch, dass ELP's "Pictures at an Exhibition" auf ein Klavierstück von Modest Mussorgsky bzw. dessen Orchestrierung durch Maurice Ravel zurückgeht, oder dass "Jeremy Bender" oder "Pirates" von derselben Band Stilzitate aus Hillbilly- bzw. Piratenfilmmusik enthalten. Kawamotos Dissertation, angeregt durch den Proglesern bekannten John Covach, untersucht nun sechs verschiedene Formen von Intertextualität in Stücken von Keith Emerson, von seinem "Medley" (1958, von "Emerson plays Emerson") bis hin zu "Inferno" (1980). Ziel ist es, das, was wir Laien schlicht als "Coverversion" oder "Crossover" kennen, zu systematisieren, und gleichzeitig eine Entwicklung Emersons im Umgang mit diesen Formen aufzuzeigen. Kawamoto gliedert seine Arbeit gemäß seiner Einteilung in "Background Intertextuality", "Dialectic Intertextuality", "Revisionary Intertextuality", "Subtle Intertextuality", "Multi-Ply Intertextuality" und "Framed Intertextuality", wobei er jede einzelne Form ausführlich und verständlich erläutert, und anhand von Beispielen aus dem Werk von Emerson, The Nice und ELP belegt. So zeigt er etwa unter der Überschrift "Dialectic Intertextuality" auf, wie bei The Nice und in den Frühwerken ELPs Klassik- und Rock-Kontexte gegeneinander ausgespielt werden, unter "Multi-Ply Intertextuality", wie vielschichtig intertextuelle Phänomene sein können (wenn etwa "Nutrocker" sich über B. Bumble (Honky Tonk und 50er-Jahre Rock'n'Roll) auf Tschaikowsky (also Klassik), aber auch auf Blues und Hard Rock der 60er bezieht), oder unter "Framed Intertextuality", wie verschiedene Formen von Intertextualität sich gegenseitig rahmen bzw. einbetten können. Die Beispiele sind dabei klug gewählt und immer einleuchtend.

Ein Manko sehe ich in dem immer wieder durchscheinenden narratologischen Ansatz, den Kawamoto bei seinen Interpretationen anwendet. Man mag "dramatis personae" in den frühen The Nice-Sachen erkennen können, die eine oft heftige Auseinandersetzung von Rock (Jugend) und (gegen) Klassik (Elterngeneration) zu erzählen mehr als nur scheinen, allzu oft sieht er sie jedoch in Stücke hinein, in denen so deutlich keine zu sehen sind, oder deren Text eine ganz andere, manchmal sogar gegenläufige Lesart nahelegt.

Alles in allem ein Buch, das mit den fadgewordenen sozialgeschichtlichen oder notenklauberischen Ansätzen traditionellerer Zeiten bricht, und das daher jenen Fans empfohlen werden kann, die, Englisch- und Notenkenntnisse vorausgesetzt, in die aktuelle progwissenschaftliche Hermeneutik einsteigen wollen (der Text ist, mit ein wenig Mühe, auch für Intertextualitätsneulinge verständlich). Das Buch kann man kostenlos aus dem Netz holen, z. B. hier: http://dc.lib.unc.edu/cdm/ref/collection/etd/id/66.

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