Sieben Jahre Babyblaue Seiten
Weather Report
I Sing The Body Electric
Zum englischen Original-Text
Das Album, das ich ausgewählt habe, besteht eigentlich aus zwei Produktionen: Einer Studioaufnahme in den Columbia Studios, New York City, und einer Live-Aufnahme vom 13. Januar 1972 in der Shibuia Kokaido Hall, Tokyo, Japan.
"Musik ist ein Mittel, um das Unausdrückbare auszudrücken"! Dieser Satz von Robert Hurwitz, den ich vom Albumcover zitiere, war immer mein Ziel beim Komponieren von Musik, und dieses große Kunstwerk von Weather Report ist das perfekte Beispiel, da es zeigt, was Worte nicht zeigen können, und es bringt Dir Deine eigenen Gefühle näher.
Joe Zawinul war immer extrem präzise in seinen Kompositionen und benutzte alle seine Fähigkeiten als großer Musiker und Komponist. Er traf in New York mit Wayne Shorter zusammen, und das war ein großer Wurf für sein musikalisches Leben. Diese beiden Musiker mit jeweils solidem musikalischen Hintergrund spielten - unter anderen - mit Cannonball Adderly (Zawinul war sein Pianist) und schließlich beide, auf verschiedenen Platten, in den 60ern mit Miles Davis. Shorter und Zawinul blieben über die ganze Bestehenszeit der Band das Herz von Weather Report, allerdings glaube ich, dass das Line-Up von "I Sing The Body Electric" das beste war. Die Musik, die im Zusammenspiel dieser Musiker geschaffen wurde, ist herausragend, der Sound ist einzigartig, ebenso wie die Interpretation.
Für gewöhnlich sind Musiker keine guten Musikhörer, oft hören sie auf einzelne Instrumente und deren Linien und verpassen so das große Ganze und dessen Sinn. Dieses Album ist so gut komponiert und gespielt, dass ich, als ich es zum ersten Mal hörte, die Instrumente gar nicht bemerkt habe, sondern nur Musik hörte. Ich war gefangen genommen, von den Eindrücken, die es auslöste, und lebte die Geschichte, die es erzählte. Später, nachdem ich es mehrere Male gehörte hatte, gelangte ich zu einer kälteren - könnte man sagen -, aber trotzdem interessanten Analyse der Kompositionen und der Art wie die Instrumente eingesetzt werden.
Miroslav Vitous setzt seinen Kontrabass unglaublich gut ein und erzeugt sogar trompetenartige Klänge, indem er den Bass verzerrt streicht, manchmal spielt er auch über ein Wha-Wha-Pedal, verändert die Klangfarben und Stimmungen mit seinen Sololinien und seinem Wechsel zwischen gezupftem und gestrichenem Spiel. Dom Um Romao formt und färbt die Musik um ihn herum mit seinem großen Percussion-Arsenal jeder Art, das er genial in jeder Situation einzusetzen versteht. Eric Gravátt ist ein überaus eleganter Schlagzeuger, dessen Sound perfekt mit der Band verschmilzt und jede Art Spannung in der Musik zu unterstützen versteht. Wayne Shorter ist ein herausragender Tenor- und Sopran-Saxophonist, er spielt großartigen Jazz mit chromatischen Linien genauso wie mythische, auf Quarten und Quinten basierende Klänge oder schlicht wunderschöne lyrische Skalen-Melodien - er liegt einfach immer richtig.
Schließlich Joe Zawinul, der die Textur webt wie eine Spinne ihr Netz. Er schafft die musikalische Umgebung, indem er zwischen Wurlitzer E-Piano, Flügel und Mini-Moog hin und her wechselt. Als später in den 70er Jahren polyphone Synthesizer gebaut wurden, hat er sie alle meisterhaft benutzt: Er ist alleine ein unglaubliche Orchester, das dazu imstande ist, zu improvisieren und die ganze Zeit Musik zu schaffen.
Alle Stücke auf "I Sing The Body Electric" lassen mich mit dem Eindruck zurück, dass ich gerade meine tiefsten Gefühle durchlebt habe und schaffen einen Moment, in dem man die Realität der eigenen Existenz erkennt.
Ich könnte tagelang über all die Stücke schreiben, aber das wäre keine gute Idee, denn wir wissen, dass Worte niemals ausdrücken können, was wir fühlen. Ich will aber jedem empfehlen, sich dieses große Musikwerk zu besorgen und einfach das Geschenk menschlichen Lebens zu spüren, wenn man es hört.
Zur "Sieben Jahre BBS"-Seite
|