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Leitfaden: Italienischer Prog der 70er Jahre
Area
Banco del mutuo soccorso
Il Balletto Di Bronzo
Il Rovescio Della Medaglia
Le Orme
Locanda delle Fate
Museo Rosenbach
New Trolls
Osanna
Picchio Dal Pozzo
Premiata Forneria Marconi
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Franco Battiato
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23701 Rezensionen zu 16201 Alben von 6295 Bands.
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Leitfaden:

Italienischer Prog der 70er Jahre



Neben der stilprägenden anglo-amerikanischen und der skandinavischen Szene erblühte in der Hoch-Zeit der progressiven Rockmusik, also in der ersten Hälfte der 70er Jahre, vor allem die italienischen Szene. Sie erreichte schon früh internationale Bekanntheit und Anerkennung. Nicht zuletzt der Vertrag der wohl populärsten Formation Italiens Premiata Forneria Marconi (PFM) mit dem Emerson, Lake & Palmer-Label "Manticore" trug dazu bei, dass sich italienische Rockmusik in Europa sowie in Nord- und Südamerika ein großes Publikum schuf.

Derweil progressive Rockmusik im angelsächsischen Raum als Folge der psychedelischen Szene und v.a. in direkter Nachfolge zum Beatles-Konzeptalbum "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band" entstand, hat ihre Entstehungsgeschichte in Italien einen etwas anderen musikalischen Hintergrund. Sie entwickelte sich hier zu gleichen Teilen aus der in Italien stark ausgeprägten (Schlager-)Beat-Szene der frühen 60er Jahre, der Ende der 60er aufkeimenden Cantautori-Bewegung und der mit dieser verbundenen Folk-Szene. (Cantautore ist der "singende Autor", so etwas wie "Liedermacher", wenngleich in der italienischen Variante deutlich rockorientierter als im deutschsprachigen Raum.) So ist es nicht weiter verwunderlich, dass der spätere Avantgarde-Musiker Franco Battiato als Schlagersänger begann (was in den 60er Jahren in Italien bei jungen Künstlern fast zwangsläufig "Beat" bedeutete), dass der Grundstock der Gruppe Premiata Forneria Marconi bereits 1971 für den Cantautore Lucio Battisti beim Album "Amore e non amore" im Studio stand, dass das erste Album der italienischen Prog-Band New Trolls vom Cantautore Fabrizio De Andrè getextet wurde und dass dieser wiederum 1978/79 mit PFM als Backing-Band tourte.

Ein weiterer deutlicher Unterschied zur angelsächsischen Szene, zumindest bei einem großen Teil der italienischen Bands, ist der eindeutigere politische Gehalt der Texte. Bands wie Area und Banco (Del Mutuo Soccorso) drückten ihre politischen Überzeugungen sehr konkret in ihren Lyrics aus.

Vielleicht etwas verzögert, jedoch unaufhaltsam näherte sich auch die italienische Progbewegung Ende der 70er Jahre dem Mainstream an oder wanderte komplett in andere Genres ab. In den 80er Jahren bestimmten - wie allenthalben auch anderswo - Marillion-Clones die Szene, die sich nur selten musikalisch signifikant abheben konnte; dasselbe gilt für die danach en vogue geratenen Dream Theater-Surrogate.

Erst Mitte der 90er Jahre, als sich in Italien (wie auch anderswo) die Szene neu formierte und vom bloßen Plagiat emanzipierte, entstanden u.a. mit DFA, Finisterre und Deus Ex Machina eigenständige italienische Bands neuer Prägung, die auch international eine gewisse Relevanz erlangen konnten.

Die Hauptliste

Area (Italien)


Arbeit macht frei, 1973
Area: Arbeit macht frei

Mit "Arbeit macht frei" eröffnete die "International POPular Group Area" 1973 einen Reigen furioser Alben, bis der Leukämie-Tod von Sänger Demetrio Stratos sechs Jahre später einen jähen Einschnitt brachte. Area waren stärker dem Jazz und dem Experiment zugewandt als die meisten anderen Italoproggruppen. Durch die Einbeziehung kraftvoller Rockelemente und nicht zuletzt durch die ausdrucksvollen Vocals Stratos´ vermieden sie aber stets den Eindruck blässlich-bemühter Avantgardistik.

"Arbeit macht frei" wird mit einigen arabisch gesprochenen Worten eingeleitet. Das Kolorit dieses Prologs wird danach durch ein Jazzrockstück voll orientalischer Ornamentik aufgegriffen. Der anschließende Titeltrack erscheint zunächst als purer Jazz. Im weiteren Verlauf treten jedoch immer stärker Rockelemente hinzu, die ihre Dynamik der exzellenten Rhythmussektion um Schlagzeuger Giulio Capiozzo verdanken. Daraus ergibt sich eine Mischung, die bis zu einem gewissen Grad mit dem Mahavishnu Orchestra vergleichbar ist. Wo dort allerdings Geige und Gitarre die führende Rolle spielen, sind es auf Areas Debüt eher die Saxophone Victor Edouard Busnellos und die Keyboards von Patrizio Fariselli. Busnello schied schon nach der ersten Platte wieder aus, so dass die Gitarre Paolo Tofanis fortan mehr in den Vordergrund rücken konnte. Stets prägend blieb hingegen der Gesang von Demetrio Stratos, der mühelos rockige Linien mit virtuoser Stimmartistik und vokalen Experimenten zu verbinden wusste.

Viele klassische Progbands wichen vor der starken Politisierung der 70er Jahre in eine Welt der Mythen und Märchen aus. Area taten das Gegenteil. Der Titel des Debüt-Albums zitiert in herausfordender Weise die berüchtigte Inschrift an den Toren nationalsozialistischer KZs wie Auschwitz oder Dachau. Bei Area war diese (sicher fragwürdige) Provokation Teil radikal linker "Systemkritik", um ein Schlagwort der 70er Jahre aufzugreifen. Doch boten die Lyrics der Gruppe keineswegs nur plakativen Agitprop.

Die Band hat die musikalische Leistung ihres Debüts in teilweise veränderter Besetzung mehrfach wieder erreichen und zum Teil sogar noch übertreffen können wie z.B. mit dem Album "Maledetti" von 1976.

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Banco del mutuo soccorso (Italien)


Banco del mutuo soccorso, 1972
Banco del mutuo soccorso: Banco del mutuo soccorso

Io sono nato libero, 1973
Banco del mutuo soccorso: Io sono nato libero

"Banco del mutuo soccorso" ("die Bank der gegenseitigen Unterstützung", eine Art Genossenschafts-Bank in Italien) sind eine der langlebigsten Bands des italienischen Progressive Rock. Die Anfänge der auch kurz "Banco" genannten Gruppe reichen zurück ins Jahr 1968, als die Brüder und Keyboarder Vittorio und Gianni Nocenzi eine Band zusammenstellten. Für das erste Album, "Banco del Mutuo Soccorso" von 1972, stieß der stimmgewaltige Sänger Francesco Di Giacomo hinzu, der auch die Texte verfasste. Noch im gleichen Jahr erschien der Nachfolger, "Darwin!", ein Konzeptalbum über die Evolution, ein Jahr später "Io Sono Nato Libero".

Die ersten drei Alben der Band vereinen dank der Attacke zweier Keyboarder ELP-artigen Breitwand-Sound, klassische Einflüsse und harten Rock mit komplexen Kompositionen und mediterraner Sensibilität, letzteres vor allem dank Di Giacomos eindringlichem, flehentlichem Gesang. Die eindrucksvolle Kombination blieb auch im Ausland nicht ohne Wirkung. Wie PFM wurden auch Banco unter die Fittiche des ELP-Labels "Manticore" genommen.

Das folgende Album, "Banco" von 1975, war lediglich eine Zusammenstellung älterer Stücke mit neuen, englischen Texten. Das nächste echte Studio-Album "Come in un'ultima cena" wurde parallel als "As in a last supper" auch auf Englisch (mit Übersetzungen von Angelo Branduardi) veröffentlicht, um die nicht-italienischen Märkte besser zu bedienen.

Mit den folgenden Alben, dem Soundtrack "Garofano Rosso" und dem orchestralen Konzept-Werk "...di terra" bewiesen Banco ihre Wandlungsfähigkeit: Beide Alben sind rein instrumental, dennoch spielt Di Giacomo bei der Entstehung eine grosse Rolle. In den frühen 80er Jahren änderten Banco wie so viele andere Bands ihren Sound und ihre Besetzung. Die Musik wurde zugänglicher und in Italien gelangen einige kleinere Hits. Ende der 80er wurde es dann still um die Gruppe. 1991 fand sie sich, wenn auch in kleiner Besetzung ohne Gianni Nocenzi, wieder zusammen und nahm ihre ersten beiden Alben mit neuer Technik und neuen Arrangements noch einmal auf, blieb dabei aber dem Geist der Originale sehr treu. Dies führte 1994 zu einem neuen Studio-Album, "Il 13". Die Band spielte auch wieder regelmässig live und wurde - u. a. dank der immer noch ungebrochen eindrucksvollen Bühnenpräsenz von Sänger Di Giacomo - auch zu den großen internationalen Progressive Rock Festivals wie dem amerikanischen Nearfest oder BajaProg in Mexiko eingeladen.

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Il Balletto Di Bronzo (Italien)


Ys, 1972
Il Balletto Di Bronzo: Ys

1969 in Neapel gegründet, spielte die erste Besetzung von "Il Balletto Di Bronzo" auf ihrer ersten Single "Neve Calda" und dem 1970 veröffentlichten Debütalbum "Sirio 2222" noch sehr rauhen hardrockorientierten Prog, der vor allem von harten, kraftvollen Gitarren dominiert war. Obwohl beim Major RCA erschienen, versäumte es die Plattenfirma wieder einmal, die Band richtig zu promoten, was zu Auflösungerscheinungen im Bandgefüge führte.

Die beiden verbleibenden Urmitglieder Lino Ajello (Gitarre) und Gianchi Stringa (Schlagzeug) holten den aus Rom stammenden Bassisten Vito Manzari sowie ex-Citta' Frontale Keyboarder Gianni Leone in ihre Band. Der musikalische Ansatz des Quartetts war ein radikal anderer. Vor allem durch Gianni Leone, der die Führungsposition an sich riss, wurde der Sound von Il Balletto Di Bronzo maßgeblich verändert.

Auf ihrem bei Polydor erschienen Meisterwerk "Ys" gelingt eine grandiose Verschmelzung von mannigfaltigen Tastensounds (Orgel, Klavier, Mellotron, Moog, Spinett) und harten Gitarrenriffs. Das homogene Miteinander unterschiedlicher musikalischer Stile reicht von sinfonischem Progressive Rock über Jazz bis hin zu cineastischen Grusel-/Horrorelementen. Aufwühlende, gänsehauterzeugende Emotionen werden von virtuosem Progressive Rock voll Dramatik, Tempo und Härte vorangetrieben.

Unglücklicherweise schien die Band ihrer Zeit musikalisch zu weit voraus zu sein, so dass sie vom Publikum fast völlig ignoriert wurde und sich bereits 1973 enttäuscht auflöste. Erst viel später erhielten Il Balletto Di Bronzo die gebührende Anerkennung, so dass Keyboarder Gianni Leone Ende der 90er den Moment gekommen sah, um die Band in Triobesetzung (ohne Gitarre) wieder aufleben zu lassen und mit ihr im In- und Ausland auf Tour zu gehen.

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Il Rovescio Della Medaglia (Italien)


Contaminazione, 1973
Il Rovescio Della Medaglia: Contaminazione

Die Ende 1970 in Rom gegründeten "Il Rovescio Della Medagliaz" oder kurz RDM begannen 1971 mit ihrem Debüt "La bibbia" als progressive Hardrock Formation. Doch bereits mit diesem Beginn flochten die Römer in ihren expressiven Stil klassische Ideen ein, wie z.B. den Rückgriff auf Fugenelemente oder barocke Melodien. Mit dem gerade mal 29-minütigen "Io come Io" setzten sie ein Jahr später unter Einsatz massiver Wah-Wah-Effekte und verzerrtem Bass noch einen drauf, blieben aber stilistisch weiterhin im Hardrock verwurzelt.

Doch mit dem folgenden Album, dem deutlich sinfonischen, in der Rockstilistik wesentlich zurückgenommeneren und klassisch beeinflussten "Contaminanzione" (1973) gelang RDM ein definitiver Meilenstein des Italoprogs. Durch die Hinzunahme des Keyboarders Franco Di Sabatino erreichte man eine neue musikalische Dimension, lieferte bei weitem aber keine leichte Kost ab. Der klassische, orchestrale Einfluss war wesentlich ausgeprägter als auf den Vorgängern, als Grundlage diente dabei J.S. Bach's Werk "Das wohltemperierte Klavier". Dabei wurden RDM vom argentinischen Komponisten Luis Enriquez Bacalov unterstützt, der bereits mit den News Trolls und Osanna zusammengearbeitet hatte. Die Mischung aus Klassik und Rock setzte nicht wie bei vergleichbaren Bands primär auf Bombast, sondern bemühte sich um etwas Neues, dabei zum intensiven Zuhören herausfordernd.

RDM waren für ihre immer am maximalen Lautstärkelimit wandelnden Auftritte berühmt-berüchtigt. Nach der Veröffentlichung einer letzten Single 1975 ging man nach diversen Line-Up Wechseln schließlich 1977 getrennte Wege. Keyboarder Franco Di Sabatino spielte übrigens später in der Band von Angelo Branduardi.

In den frühen 90ern kehrten RDM nochmals auf die Bildfläche zurück, doch das komplett neue Line-Up, bei dem nur noch Gitarrist Enzo Vita als Originalmitglied dabei war, spielte auf "Il ritorno" und "Vitae" nur mehr belanglosen AOR ein, der nichts mehr mit der Vergangenheit zu tun hatte.

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Le Orme (Italien)


Felona e Sorona, 1973
Le Orme: Felona e Sorona

Die Ursprünge von "Le Orme" (zu deutsch: "Die Spuren") lassen sich bis in das Jahr 1966 zurückverfolgen, als auch Italien noch im Zeichen der Beat-Ära stand. Die Band aus der Region Venetien veröffentlichte bereits 1967 eine erste Single mit dem Titel "Fiori e colori". Auf dem ersten Album "Ad Gloriam" aus dem Jahre 1968 flossen in das Grundgerüst der Beatmusik psychedelische Einflüsse ein, womit für die damals noch als Quartett agierende Band ein erster früher Höhepunkt markiert wurde. Mit dem späteren symphonischen Progressive Rock der 70er Jahre hatte das aber nur am Rande zu tun.

Das Jahr 1970 bedeutete für Le Orme die stilistische Wende zur keyboardorientierten, symphonischen Rockmusik. Nach einer Vertragsunterzeichnung bei Philips waren somit die Weichen für die Progphase der Norditaliener gestellt, die sich dazu entschlossen hatten, ihre Karriere als Trio fortzusetzen, womit sie sich in das Kielwasser von ELP begaben. Nach dem Album "Collage" (1971), das noch als stilistisches Bindeglied zwischen der psychedelischen Ausrichtung vergangener Tage und dem symphonischen Rock betrachtet werden kann, folgten mit den drei Alben "Uomo di pezza" (1972), "Felona e sorona" (1973) und "Contrappunti" (1974) die eindeutig progressivsten Veröffentlichungen des Trios.

Das Konzeptalbum "Felona e Sorona" stellt den Höhepunkt im langjährigen Schaffen der Band dar. Auf keinem anderen Alben steht der vom variablen Keyboardspiel eines Könners wie Toni Pagliuca erzeugte dramatische Bombast in solch perfektem Einklang mit zartgliedriger, mediterraner Romantik. Der warme Gesang des Bassisten Aldo Tagliapietra verbreitet zudem eine wunderbare, von Pathos und Eleganz bestimmte Atmosphäre.

Die Mischung wurde von den Fans dankbar aufgenommen, und 1973 machte die Band im Rahmen einer Tournee die ersten Gehversuche auf der britischen Insel. An dieser Stelle sei auch die Zusammenarbeit mit Peter Hammill erwähnt: Er steuerte die Texte zu einer englischen Version von "Felona e sorona" bei, der aber kein großer Erfolg beschieden war.

Nach dem Livealbum "In concerto" (1974) beendete "Contrappunti" im gleichen Jahr erst einmal die progressive Phase von Le Orme, wobei sich schon Abnutzungserscheinungen bemerkbar machten. Man fasste den Entschluss, sich mit einem Gitarristen zu verstärken und es folgten Alben von höchst unterschiedlicher Qualität, die eine Orientierung auf poppigere Gefilde erkennen ließen. Die Bandbreite reichte dabei von höchst unbefriedigenden Ausrutschern wie "Smogmagica" (1975) über recht ansprechende Kompromissen aus der symphonischen Vergangenheit bis zu mainstreamiger Neuorientierung wie im Fall der Alben "Verità nascoste" (1976) und "Storia o leggenda" (1977). Das rein akustische Album "Florian" stellte 1979 eine unerwartete Kehrtwende dar, das die auch zu symphonischen Zeiten unterschwellig vorhandene folkloristische Komponente betonte.

Die 80er Jahre standen für Le Orme unter keinem guten Stern. Es kam zu einer vierjährigen Trennung und stilistischen Orientierungssuche, was sogar zu einer zweimaligen Teilnahme am berühmten Schlagerfestival von San Remo führte. Mit dem Album "Il Fiume" legten Le Orme 1995 in leicht veränderter Besetzung ein Album vor, das eine modernisierte Version der symphonischen 70er-Glanzzeit darstellte. Diese Mixtur vermochte angesichts ihrer entrückten Melodien zu überzeugen. Mit dem bislang letzten Output "Elementi" (2001) konnten die Mannen um Sänger und Bassist Tagliapietra dann eindrucksvoll unter Beweis stellen, dass sie ihre progressive Ader in all den Jahren nicht gänzlich verloren hatten.

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Locanda delle Fate (Italien)


Forse le lucciole non si amano più, 1977
Locanda delle Fate: Forse le lucciole non si amano più

Locanda delle Fate aus der norditalienischen Sektstadt Asti veröffentlichten ihr Debüt "Forse le lucciole non si amano più" leider erst im Jahr 1977, als der italienische Progressive Rock seinen Höhepunkt längst überschritten hatte. So kamen die sieben Musiker ein paar Jahre zu spät und gingen mit ihrem einzigen Album trotz musikalischer Klasse und positiver Pressekritiken unter. Da spielte es auch keine Rolle, dass die LP auf dem Majorlabel Polydor veröffentlicht wurde.

Die Band hatte je zwei Gitarristen und Keyboarder in ihren Reihen, die zum opulenten Symphonic Rock beitrugen. Diese majestätisch wirkende Variante des Progrocks wurde dabei in ihrer ganzen melodischen Schönheit zelebriert. Wundervoll gestaltete Arrangements entfalteten einen verspäteten Höhepunkt des italienischen Progs, und der sonore Gesang von Leonardo Sasso veredelte in eindrucksvoller Manier dieses letzte Aufflackern der symphonischen Rocktradition auf dem Apennin. Das unverblümte Bekenntnis zu Romantik und emotionalem Tiefgang präsentiert sich auch über ein Vierteljahrhundert nach seinem Entstehen in seiner ganzen Schönheit und wirkt nach all den Jahren immer noch völlig klischeefrei. Es handelt sich um eines jener Alben, denen der Zahn der Zeit nichts anhaben kann.

Desillusioniert von der mangelnden Resonanz veröffentlichte die Band in den Jahren 1978 und 1980 noch zwei kommerziell orientierte Singles, bevor sie ganz von der Bildfläche verschwand. 1993 wurden Liveaufnahmen aus dem Jahr 1977 auf CD veröffentlicht, die in guter Bootlegqualität neben sechs Songs ihres Albums "Forse le lucciole non si amano più" einen bislang unveröffentlichten Song boten. Im Jahr 1996 kam es zu einer unerwarteten Reunion der Band, und 1999 folgte mit "Homo Homini Lupus" ein recht songorientiertes Album.

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Museo Rosenbach (Italien)


Zarathustra, 1973
Museo Rosenbach: Zarathustra

Museo Rosenbach aus San Remo entstanden 1971 aus dem Zusammenschluss der beiden Bands La Quinta Strada und Il Sistema. Obwohl ihr 73er Debüt "Zarathustra" von Fans des Genres zu den Alben des klassischen italienischen Progs gezählt wurde, hatte die Band selbst mit Erfolglosigkeit und Vorurteilen zu kämpfen: die Nietzsche-/Übermensch-Thematik von "Zarathustra" und das Mussolini-Bild in der Cover-Collage wurden von ihren Landsmännern als faschistoid ausgelegt. Deshalb löste sich die Band auf, und es blieb bei dem einen Album. Durch die Progressive Rock-Renaissance der 90er Jahre wurden aber auch Museo Rosenbach wiederentdeckt. Das kleine italienische Prog-Label Mellow Records veröffentlichte 1992 postum eine Live- und eine Demo-/Outtakes-CD ("Rare and unreleased"), und schließlich fand sich unter dem Namen "Museo Rosenbach" auch eine neue Formation zusammen, die 2000 das Album "Exit" veröffentlichte. Von der Originalbesetzung waren aber nur noch Bassist und Schlagzeuger an Bord, und auch stilistisch ist - wie so oft bei Reunions - das eher poppige "Exit" mit "Zarathustra" nicht zu vergleichen.

Musikalisch gehört "Zarathustra" zu den heftigeren Alben des klassischen Progs. Ein hardrockiger Sound herrscht vor: kraftvolles, knackiges Riffing trifft auf viel bombastisches Mellotron, wobei gelegentliche sanfte, melodische Passagen für den nötigen Kontrast sorgen. Auch wenn Museo Rosenbach nicht ganz die filigran-mediterrane Brillanz von Bands wie PFM und Banco erreichen, war Zarathustra auf seine Art sehr einflussreich. Unter anderem im 90er Jahre-Meisterwerk "Hybris" der schwedischen Änglagård lässt sich der Nachhall "Zarathustras" entdecken.

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New Trolls (Italien)


Concerto grosso per i New Trolls (Concerto Grosso No. 1), 1971
New Trolls: Concerto grosso per i New Trolls (Concerto Grosso No. 1)

Die Formation New Trolls entstammte der Ende der 60er Jahre blühenden Beatszene in der ligurischen Hafenstadt Genua. Nach einer ersten erfolgreichen Single im Jahr 1967 veröffentlichte die Band 1968 ihr Debütalbum "Senza Orario, Senza Bandiera" - das erste Konzeptalbum der italienischen Rockgeschichte. Der Sound zeigte sich zu dieser Zeit noch stark vom Beat beeinflusst, in erster Linie schlugen sich darin aber Vorbilder wie Jimi Hendrix, Cream und Vanilla Fudge nieder.

Nach einer Ansammlung von Singles auf der LP "New Trolls" (1970) nahm man mit dem dem Album "Concerto grosso per i New Trolls (Concerto Grosso No. 1)" im Jahr 1971 ein sehr ambitioniertes Projekt in Angriff. In Zusammenarbeit mit dem Komponisten Luis Enriquez Bacalov entstand eine Verschmelzung aus dynamischem Heavy-Rock, frühem Progressive Rock und klassischer Musik. Mit ihrem Beitrag zum Klassikrock haben die Italiener wahre Pionierarbeit geleistet. Die mediterrane Verschmelzung aus barocken Klängen im Geiste Antonio Vivaldis mit ausgreifender, deutlich von Jimi Hendrix inspirierter Saitenbearbeitung kann als Meilenstein der progressiven italienischen Rockmusik kaum genug gewürdigt werden. Textlich lehnte man sich unter anderem an Shakespeare an. Manisches Flötenspiel und zarte Streichereinsätze rundeten die innovative Leistung ab, bei der sich die Akteure in der wilden Improvisation "Nella Sala Vuota" intensiv austobten.

Die Musik von den New Trolls erreichte jedoch niemals die Eleganz, Tiefe und Variabilität ihrer Landsleute PFM, Banco oder Le Orme. Auch zeugen die weiteren Veröffentlichungen "Searching For A New Land" (1972) und "UT" (1972) von einer gewissen Zerrissenheit innerhalb der Band. So wechselte sich hier epischer Progressive Rock mit wilden Hardrockausflügen, süßlichem Pop, zurückhaltenden Balladen und typischem Jazzrock ab. Die Stilvielfalt ist da oftmals schon zu viel des Guten, obwohl dennoch auch die kompositorische Klasse der Italiener hervorblitzt.

Ein Teil der New Trolls-Mitglieder hatte sich zwischenzeitlich unter dem Bandnamen "New Trolls Atomic System" dem symphonischen Jazzrock verschrieben, während der andere Teil als "Ibis" zwei Alben im Stile des britischen Progressive Rocks veröffentlicht hatte. Unter dem Namen New Trolls wurde dann 1976 mit "Concerto Grosso No. 2" ein zweiter Teil der Verschmelzung aus Rock und Klassik veröffentlicht. Leider wirkt dieses Werk im Vergleich zum wegweisenden Vorgänger wie ein müder Aufguss, der neben passablem Klassikrock leider auch in kitschiger Popmusik versank, die offensichtlich auf Charterfolge zielte. Mit diesem lockeren Poprock waren den Italienern auch tatsächlich einige Hitsingles beschieden, bei denen sie sich aber von ihren progressiven Wurzeln gänzlich entfernt hatten.

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Osanna (Italien)


Palepoli, 1973
Osanna: Palepoli

1971 brachen die beiden neapolitanischen Bands I Volti di Pietra und Città Frontale auseinander. Aus ihren Trümmern entstand die Gruppe Osanna, der sich noch der Saxofonist der "Showmen" anschloß (aus denen später Napoli Centrale werden sollte). Noch 1971 erschien das Debüt der Band ("L'Uomo"), eine gelungene Scheibe mit flötenlastigem Hardrock, die sich aber noch nicht ganz vom Einfluß insbesondere britischer Vorbilder befreit hatte. Durch ihre extravaganten Live-Auftritte sorgten Osanna in Italien für Aufsehen und waren 1972 zusammen mit Jumbo als Vorgruppe für die Italien-Tour von Genesis engagiert. Mit "Preludio, tema, variazioni, canzona" erschien 1972 die zweite LP, ein Soundtrackprojekt zum Film "Milano Calibro 9" unter Beteiligung des Komponisten Luis Enriquez Bacalov, der vorher schon mit den New Trolls (siehe "Concerto grosso per i New Trolls") zusammengearbeitet hatte. Die Platte stellt den eher misslungenen Versuch dar, Orchesterklänge mit dem Sound einer Rockband zu vereinigen. 1973 erschien dann das wohl beste Album der Gruppe - "Palepoli". Mit zwei je eine LP-Seite füllenden Stücken präsentierte die Platte eine ausgesprochen abwechslungsreiche stilistische Mischung, die ausgehend vom Hardrock, jazzrockige Gefilde genauso streift wie den klassisch-symphonischen Prog, elegisch Melodisches ebenso berührt wie elektronisch Experimentelles. Die Scheibe spiegelt die chaotische, neapolitanisch-süditalienische Lebensart wider und gehört damit sicher zu den eigen(artigsten) und charakteristischsten Hervorbringungen der italienischen Progszene.

Leider kam es danach zu Spannungen in der Band. Sie brach während der Aufnahmen zu ihrer vierten LP auseinander. "Landscape of Life" sollte durch englische Titel und Sontexte auch auf dem ausländischen Markt für Absatz sorgen, musste aber mit Gastmusikern fertig eingespielt werden.

Die Mitglieder von Osanna waren seitdem in verschiedenen Nachfolgeformationen zu finden, insbesondere in den Bands Uno, den reformierten Città Frontale und der Jazzrockgruppe Nova, deren Alben für den an Italo-Prog interessierten Leser durchaus beachtenswert sind. Erwähnt werden soll auch die Band Cervello mit Corrado Rustici, dem Bruder des Osanna-Gitarristen Danilo, die mit "Melos" (1973) ebenfalls eine hervorragende Prog-Scheibe veröffentlicht hat. 1977 kam es zu einer kurzen Osanna-Reunion. Die Band brachte das Album "Suddance" heraus, das aber nur einen müden Abklatsch besserer Tage darstellte. Seit den späten 90er Jahren tritt immer mal wieder eine Osanna-Formation auf Rockfestivals im Raum Neapel in Erscheinung. 2002 kam mit "Taka boom" sogar eine neue CD heraus, allerdings nur mit "Coverversionen" alter Osannastücke.

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Picchio Dal Pozzo (Italien)


Picchio Dal Pozzo, 1976
Picchio Dal Pozzo: Picchio Dal Pozzo

Picchio Dal Pozzo (in etwa "Der Specht vom Brunnen") entstanden Mitte der 70er Jahre in Genua um Aldo De Scalzi (jüngerer Bruder von Vittorio De Scalzi, Mitglied der New Trolls), Paolo Griguolo und Andrea Beccari. Die Band widmete sich für italienische Verhältnisse recht ungewöhnlicher Musik, die nicht an den britischen, symphonischen Prog angelehnt war, sondern eine recht komplexe Mischung aus Jazz und Rock darstellte, ganz offenhörlich von der Canterbury-Szene beeinflußt.

Die erste LP der Band, einem gewissen "Roberto Viatti" gewidmet (Robert Wyatt!) erschien 1976 auf Vittorios eigenem Grog-Label und ist als Original-LP eine recht seltene und gesuchte Platte. Auf dem unbetitelten Debüt sind neben dem Stamm-Quartett auch einige Genueser Gastmusiker zu hören, so Bruder Vittorio, Ciro Perrino und Leonardo Lagorio von Celeste und Renzo "Pucci" Cochis von der Formation Jet. "Picchio Dal Pozzo" stellt in gewissem Sinne einen Anachronismus dar, ist die Scheibe doch eine Hinwendung zu nicht-italienischen Vorbildern, von denen sich der italienische Prog anfang der 70er Jahre zu befreien versucht hatte. Allerdings ist das Vorbild hier - wie schon erwähnt - ein ganz anderes als man vermuten würde. "Pichio Dal Pozzo" ist eine lupenreine Canterbury-Scheibe, wenngleich durch den recht bizarren italienischen Gesang und die Vielzahl der eingesetzten Blasinstrumente doch sehr eigen geraten. Die Platte steht den Produktionen der britischen Ideengeber in nichts nach, sowohl was die instrumentaltechnischen Fähigkeiten der Beteiligten, als auch was den kompositorischen Gehalt angeht.

1980, nach diversen Besetzungswechseln und recht reger Live-Aktivität, ließ die Band ein zweites Album folgen, das nicht minder interessante "Abbiamo Tutti I Suoi Problemi". Mit der Scheibe begaben sich Pichio Dal Pozzo in den Bereich des Avant-Prog und machten damit dieselbe Entwicklung durch wie die aus der Canterbury-Szene hervorgegangenen britischen RIO-Bands. Anfang der 80er Jahre löste sich die Gruppe auf. Einige in den späten 70er Jahren entstandene Demo-Aufnahmen erschienen 2001 ("Camere Zimmer Rooms") und seien, neben der Debüt-LP als gelungenes Beispiel für die Vielseitigkeit der italienischen Rocklandschaft allen jazz(rock)toleranten Proghörern wärmstens empfohlen.

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Premiata Forneria Marconi (Italien)


Storia Di Un Minuto, 1972
Premiata Forneria Marconi: Storia Di Un Minuto

Per Un Amico, 1972
Premiata Forneria Marconi: Per Un Amico

Das Debütalbum des Quintetts Premiata Forneria Marconi "Storia Di Un Minuto" gilt als Initialzündung des Booms in der italienischen Prog-Szene. (Die Ehre des ersten Italo-Prog-Albums gebührt aber wohl eher den New Trolls oder Le Orme). Mit erstaunlicher Reife spielen die fünf damals schon arrivierten (Studio-)Musiker von PFM eine Mischung aus samtweichem, lyrischem, leicht angefolktem Prog, der die Hauptströmung des Italo-Progs prägen sollte. Akustische Instrumente, Flöte, Mellotron-Teppiche, dazu orchestrale (und orchestrierte) Arrangements, ruhiger, zurückhaltender Gesang und als i-Tüpfelchen eine Uptempo-Nummer ("È festa") heben die Premiata Forneria Marconi schon auf "Storia Di Un Minuto" von den großen angelsächsischen Bands ab - sicherlich ein Grund, warum die Gruppe später auch in den USA sehr erfolgreich die Szene aufmischte.

Noch im Jahr des Debüts, also 1972, erschien der zweite progressive Genie-Streich PFMs "Per Un Amico". War schon das Debüt in jeder Hinsicht ausgereift und eigenständig, so im gleichen Maße auch das zweite Album. Die Zutaten waren im Grunde dieselben geblieben (inkl. der Uptempo-Nummer, hier "Generale"), aber PFM gelang es, auf "Per Un Amico" mehr als eine bloße Carbon-Copy des Debüts zu produzieren. Im Vergleich zu "Storia Di Un Minuto" ist "Per Un Amico" vielleicht etwas weniger düster und mystisch, dafür musikalisch etwas virtuoser und folkiger, wohl auch, weil die akustische Gitarre Franco Mussidas und die Flöte Mauro Paganis weiter in den Vordergrund gerückt sind (die beiden haben nun auch das Songwriting übernommen). Ebenso ein unverzichtbarer Klassiker des Progs überhaupt, wie "Storia Di Un Minuto" und, so nebenbei bemerkt, auch das dritte Album L'Isola di Niente sollte in einer gut sortierten Italo-Prog-Sammlung nicht fehlen.

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Tipps abseits der Hauptliste

Arti & Mestieri (Italien)


Tilt, 1974


1974 versammelte der Ex-Schlagzeuger von The Trip, Furio Chirico, einige zuvor hauptsächlich in diversen Jazz-Formationen tätige Musiker um sich, um unter dem Namen Arti & Mestieri (Kunst und Handwerk) progressiven Jazzrock zu machen. Mit "Tilt" (1974) und "Giro di valzer per domani" (1975) brachte die Band zwei hervorragende Alben heraus, die vor allem durch das unglaublich vielseitige Schlagzeugspiel von Chirico glänzten. Beide Scheiben bieten eine sehr ausgeglichene Fusion von Jazz und Rock, die vor allem wegen der Vielzahl der verwendeten Instrumente sehr abwechslungsreich gerät. Schlagzeug, Bass und Holzbläser sorgen für den filigranen Jazzanteil, Gitarre, Violine, gelegentlicher Gesang und besonders ein umfangreiches Arsenal von Keyboards (inklusive Mellotron) steuern die symphonisch-progressive Rockkomponente bei. Leider schleichen sich schon auf "Giro di valzer per domani" einige fade Mainstream-Jazzrock-Elemente ein, die das weitere Schaffen der Band bestimmen sollten. "Tilt" bleibt aber einer der gelungensten Versuche Rock und Jazz miteinander zu verbinden, der in der ersten Hälfte der 70er auf Platte gepresst wurde.

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Celeste (Italien)


Celeste (Principe di un giorno), 1976


Die Geschichte von Celeste beginnt mit der Band "Il Sistema" aus San Remo, aus deren Splittern 1971 Museo Rosenbach und eben Celeste entstanden. Die Band war hauptsächlich eine Initiative des Il Sistema-Schlagzeugers und Multiinstrumentalisten Ciro Perrino, dem sich aber - nach einem kurzen Abstecher zu Museo Rosenbach - auch der ehemalige Sistema-Saxophonist Leonardo Lagorio anschloss. Im Gegensatz zum recht harten, symphonischen Prog der "Schwesterband" spielen Celeste auf ihrer Debüt-LP "Principe di un giorno", die 1976 auf Aldo de Scalzis Grog-Label erschien, sehr delikaten, entspannten Prog mit Folkeinschlag, in dessen Mittelpunkt Flöte und Sax, sanfte Keyboardklänge (darunter auch ein Mellotron) und Perrinos pastoraler Gesang stehen. Eine Vielzahl weiterer Instrumente kommen zum Einsatz: zurückhaltender Bass, dezente Perkussion, Violine, Xylophon und meist akustische Gitarre. Sie schaffen abwechslungsreiche, lyrisch-verträumte Klanglandschaften, die an die ruhigeren Stücke der frühen King Crimson erinnern ("Cadence and Cascade"). "Principe di un giorno" ist mit Sicherheit eine der schönsten Italoprog-Scheiben! Die CD-Version trägt übrigens nur noch den Titel "Celeste".

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Franco Battiato (Italien)


Sulle Corde Di Aries, 1973


Das dritte Solo-Album des sizilianischen Ausnahmekünstlers Franco Battiato "Sulle Corde Di Aries" - das letzte seiner drei Prog-Alben - unterscheidet sich von den beiden Vorgängern "Fetus" und "Pollution" deutlich: Es wirkt reifer und persönlicher, Battiato hat nun seinen Stil gefunden. Er experimentiert ausgiebig mit elektronischen Instrumenten und schreibt lange, verschachtelte Kompositionen mit Reminiszenzen an Fripp & Eno, an den frühen Tangerine Dream, an Terry Riley und John Cage (letzterer wird auf Battiatos folgenden fünf Alben mit "Neuer Musik" neben Karlheinz Stockhausen die Hauptinspirationsquelle sein). Die kryptischen Texte, die auch in späteren Jahren immer wieder Battiatos Markenzeichen sein sollten, sind auf "Sulle Corde Di Aries" nur in den Fluß der Musik eingestreut, und anders als Bands wie Area oder Banco Del Mutuo Soccorso verschlüsselt er seine politische Botschaft in Metaphern. "Sulle Corde Di Aries" wirkt düster, hypnotisch und auf eine fast bedrohliche Weise lyrisch, ganz anders als bei den Speerspitzen der italienischen Szene. Es nimmt, visionär wie immer, die Avantgarde-Experimente von Pierrot Lunaire, Opus Avantra oder Alan Sorrenti vorweg.

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Jumbo (Italien)


Vietato ai minori di 18 anni?, 1973


Die Mailänder Band um den Sänger Alvaro "Jumbo" Fella entstand 1969 und nahm für ihre erste Plattenproduktion dessen Spitznamen als Bandnamen an. Die erste LP ("Jumbo") erschien 1972 und ist eine noch recht unspektakuläre, bluesige Scheibe, in deren Mittelpunkt Sänger Fella steht, begleitet von der meist akustisch zu Werke gehenden Band. Mit "DNA" erschien keine sechs Monate später eine um einiges interessantere LP, mit immer noch blueslastigem Hard(rock)prog, der durch die dominante Flöte etwas an Jethro Tull erinnert. Das reifste Werk der Band ist aber das 1973 erschienene letzte Studioalbum "Vietato ai minori di 18 anni?" ("Für unter 18jährige verboten?"). Aus dem leicht avantgardistisch angehauchten Prog ragt das harte Gitarrenspiel von Daniele Bianchini heraus, während Dario Guidottis Flötenspiel Akzente setzt und Alvaro Fella mit seinem kratzig-schrägen Organ (Marke Roger Chapman) für den Italoprog ungewöhnlich rauhe und aggresive Gesangseinlagen gibt. Darüber hinaus sorgen Piano, Mellotron, Orgel und Synthesizer (hier mit Franco Battiato als Gastmusiker) für das symphonisch-proggige Element. "Vietato ai minori di 18 anni?" ist ein eigenständiges und ungewöhnliches Werk, bei dem auch die im Italoprog seltenen, sozialkritisch-sarkastischen Texte recht expliziten Inhalts auffallen - womit auch der Titel des Albums erklärt ist.

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Pierrot Lunaire (Italien)


Gudrun, 1977


Pierrot Lunaire, benannt nach einer Komposition Arnold Schönbergs, wurden Anfang der 70er Jahre in Rom von Gaio Chiocchio und Vincenzo Caporaletti gegründet. Später stieß noch Keyboarder Arturo Stalteri dazu. Ihr titelloses Debüt, erschienen 1974, ist stark von der italienischen Folklore beeinflusst. Die zwölf meist kurzen Songs sind überwiegend akustisch instrumentiert und von sanfter, verträumter Atmosphäre.

Das eigentliche Meisterwerk von Pierrot Lunaire, "Gudrun", entstand in den Jahren 1975/76. Zu diesem Zeitpunkt war Vincenzo Caporaletti schon nicht mehr dabei, an seine Stelle trat die aus Großbritannien stammende Sopranistin Jacqueline Darby. "Gudrun" tendiert mehr in Richtung Klassik-Rock, allerdings nicht des pompösen Klassik-Rocks im Stil von Emerson Lake & Palmer. Es zeigt sich eher von avantgardistischer Klassik beeinflusst; nicht umsonst hatte man sich ja nach einer Schönberg-Komposition benannt.

Leider trennten sich Pierrot Lunaire schon nach diesem Album. In den 90ern taten sich Chiocchio und Caporaletti zwar wieder zusammen und nahmen Material für ein neues Album auf. Gaio Chiocchio starb jedoch bereits 1996, so dass diese Aufnahmen nicht mehr veröffentlicht wurden.

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