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Leitfaden: Konzeptalben
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20. Motorpsycho and Ståle Storløkken
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24893 Rezensionen zu 17064 Alben von 6650 Bands.
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Motorpsycho and Ståle Storløkken

The Death Defying Unicorn

(Siehe auch: Leitfaden "Konzeptalben")
(Tipp des Monats 3/2012)
Coverbild
Informationen

Allgemeine Angaben

Erscheinungsjahr: 2012
Besonderheiten/Stil: mit Orchester; Konzeptalbum; Folk; HardRock; Independent / Alternative; Jazz; Moderne Electronica; Moderne Klassik; Psychedelic; sonstiges
Label: Rune Grammofon
Durchschnittswertung: 12.8/15 (5 Rezensionen)

Besetzung

Kenneth Kapstad drums
Hans Magnus Ryan guitar, vocals
Bent Saether bass, vocals
Ståle Storløkken keyboards

Gastmusiker

Ola Kvernberg violin
Kåre Chr. Vestrheim mellotron, various sonic mayhem, gongs
Kjetil Traavik Møster clarinet, tenor and baritone saxophones
Hanna Paulsberg tenor saxophone
Klaus Ellerhusen Holm alto saxophone
André Roligheten tenor saxophone, bass clarinet
Mathias Eick trumpet
Eivind Nordset Lønning trumpet
Mats Aleklint trombone
Kristoffer Kompen trombone
Daniel Turcina violin
Ase Vag Aaknes violin
Sigrid Stang violin
Stina Andresson violin
Frøydis Tøsse viola
Marianne Lie cello
Tabita Berglund cello

Tracklist

Disc 1
1. Out In The Woods 2:41
2. The Hollow Lands 7:37
3. Through The Veil 16:01
4. Doldrums 3:07
5. Into The Gyre 10:22
6. Flotsam 1:33
Gesamtlaufzeit41:21
Disc 2
1. Oh, Proteus - a Prayer 7:35
2. Sculls in Limbo 2:21
3. La Lethe 7:53
4. Oh, Proteus - a Lament 1:05
5. Sharks 7:56
6. Mutiny! 8:33
7. Into The Mystic 7:05
Gesamtlaufzeit42:28


Rezensionen


Von: Thomas Kohlruß (Rezension 1 von 5)


“Ein fantastisches und ziemlich weitreichendes Musikmärchen“ ...was war ich vorfreudig, als der Rune Grammofon-Newsletter ein neues Album von Motorpsycho ankündigte. Und es sollte gleich noch eine Zusammenarbeit mit dem ziemlich genialen Keyboarder Ståle Storløkken sein. Und überhaupt, was soll beim einem Albumtitel wie “The death defying unicorn“ noch schiefgehen? Meine Erwartungen wurden weit übertroffen...

Dem norwegischen Jazzforum verdanken wir letztlich dieses Werk. Anlässlich des 40jährigen Jubiläums des Molde-Jazzfestivals sollte Ståle Storløkken ein besonderes Werk erstellen. Er sprach die Jungs von Motorpsycho an, mit denen er schon immer mal etwas unternehmen wollte. Flugs entstanden an die 2 Stunden Musik, es wurde ein Streicherensemble und eine Jazzformation integriert und flugs wurde das Stück - nahezu komplett instrumental - 2010 uraufgeführt. Das war zwar schon gewaltig, aber noch nicht das Optimum. Es sollte etwas richtig Großes entstehen. So fanden sich also die Musiker wieder zusammen und strafften die Musik auf ca. 84 Minuten, schrieben einige neue Melodien und Hooklines, erfanden eine Geschichte und Texte, die nun für größere Gesangsanteile sorgten. So fand das Ganze seinen Weg auf CD, Vinyl und so weiter.

Zur Geschichte erzählt uns Bent Saether: Es ist der Reisebericht eines seltsamen jungen Kerls, der unter Seekrankheit leidet, sich aber trotzdem an Bord eines Schiffes schleicht. Das Schiff geht unter, er strandet auf einer Insel und muss sich mit der Natur, Halluzinationen und Visionen, und noch manch anderem auseinandersetzen. Es ist eine Art psychedelisch-metaphysischer Trip, dessen Ende - wie so vieles im Leben und Tod - offen bleibt.

Und was bringt uns das nun für Musik? Ehrlich gesagt: Erstmals bin ich wirklich der Überzeugung, dass Worte nicht das mindeste darüber aussagen, was einen hier erwartet. Alle Versuche, diesen musikalischen Malstrom, diesen Orkan in Worte zu fassen, wirken spröde und leer. Frei von künstlerischen Zwängen bedient sich dieses Rock-Jazz-Klassik-Orchester dem vollen Spektrum aus Ruhe und Eskalation, aus leichten Melodien und überbordendem Chaos. Keckernde Saxophone stehen neben psychedelisch-verzerrten Gitarren, dröhnendem Boller-Bass, wuseligem Schlagzeug und elegischem Streicherbombast. Typische ausladende Motorpsycho-Rocker verschmelzen mit jazzigen Interludien und an moderner Klassik-angelehntem Ensemble-Spiel. Es ist eine Rock-Oper (jetzt nur keine Angst-Gefühle entwickeln! Es gibt auch gute Opern!), die spielerisch leicht den Bogen von der Psychedelic-Ära Ende der 60er Jahre über den klassischen Progressive Rock der 70er bis hin zum Hard Rock der Moderne und dem Alternative-'Nu'-Prog der Neuzeit spannt. Gewaltige Creszendi stehen neben lyrisch-kontemplativen Momenten, elektronische Klangschwebereien entstehen ebenso wie beinharte Abrock-Passagen.

Beinhart und scharf gespielte Passagen werden von sanften Melodien aufgefangen. Dynamische Laut-Leise-Spiele münden in filmmusikartige Passagen, nur um im Alternative Rock zu enden. Geschickt bauen Motorpsycho und Storløkken immer wieder Reminiszensen an frühere Zeiten und Vorbilder ein, die einfach sympathisch und verschmizt 'rüberkommen (am auffälligsten vielleicht das „Changes“-Rhythmus-Pattern in „Mutiny!“). Saethers gar nicht so spektakulärer Gesang passt wie die sprichwörtliche Faust auf's Auge und die Chorpassagen beschwören schon mal Yes-Gefühle herauf. Die Komposition ist ein Ganzes und so wirkt das dem Tod die Stirn bietende Einhorn nur als Ganzes und in der vorgesehenen Abfolge. Einzelne Songs aus dem Zusammenhang gerissen wirken verloren und leer, am ehesten ginge vielleicht noch „Through The Veil“.

Was soll ich mehr schreiben? Tut Euch selbst einen Gefallen und kauft Euch dieses Album und erlebt den musikalischen Urknall am eigenen Ohr. „Tommy“, „Arthur“, „Lizard“ (oh ja, sehr viel „Lizard“), „Larks' Tongues in Aspic“, „The Wall“... und in neuerer Zeit „TAO of the Dead“, „The Octopus“, „Grace For Drowning“... über 40 Jahre ungewöhnlicher Rockmusik finden sich nun einem grandiosen Werk zusammen, das nicht mehr und nicht weniger als ein Monument für den Progressive Rock an sich ist. Für mich das erste makellose Meisterwerk des 21. Jahrhunderts. Lobhudelei? Ja, aber ich kann - nach durchaus schwierigem Beginn, denn das Werk ist mit all seinen Schattierungen und Überraschungen nicht sofort und nicht leicht zu erfassen - nicht anders.

Anspieltipp(s): nur mal anspielen? Sakrileg!
Vergleichbar mit: "Tommy", "Lizard", "Larks' Tongues..." und "The Wall" kulminieren in einer modernen Rock-Oper (Kurzform für monumentales, nahezu unvergleichliches Konzept-Werk ;-) )
Veröffentlicht am: 24.2.2012
Letzte Änderung: 17.9.2012
Wertung: 15/15

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Von: Michael Büttgen @ (Rezension 2 von 5)


Motorpsycho waren mir bisher nur vom Hörensagen bekannt. Ein paar Titel mal hier gehört, mal da gehört, davon ist nicht wirklich viel hängen geblieben. Warum auch? Ich mag eigentlich weder Psychedelic- noch Spacerock und mit Retroprog stehe ich seit Ewigkeiten auf Kriegsfuß.

Warum mich nun dieses Mammutkonzeptwerk der Norweger trotzdem mit ohne Socken aus den Trekkingsandalen haut, ist die unglaublich packende, musikalische Vielfalt, die durchdachte, kreative Konzeption der einzelnen Songs und deren Stimmigkeit. Alles passt hier wie die Faust aufs Auge, dabei verwendet die Band Trademarks aller möglichen Stilrichtungen: Schwere Hardrockriffs, schräg verspielte Crimson-Melodien, locker flockig (mit dem Trondheim Jazz Orchestra) arrangierte Jazzanleihen, klassische Streicherarrangements und Melodien zum Dahinschmelzen. Über diesem Topf aus sprudelnden Ideen mieft ein wenig der Duft der 70er, allerdings ohne unangenehm die Riecho(h)rgane zu verunreinigen.

"The Death Defying Unicorn" lege ich auf, und höre es von CD1 über CD2 komplett durch. Zwischendurch einsteigen oder einen Song rauspicken geht natürlich, macht aber weniger Spaß als der Gesamtgenuss dieses Meisterwerks. Allein die versteckten Ehrdarbietungen an die großen Vorbilder zu entdecken ist ein großer Spaß für sich und wird jeden Progger tagelang beschäftigen. Empfehlen kann ich dieses Album: JEDEM! Sei er Retroprogger, Crimson-Veteran, 70er Hardrocker oder Jazzrocker. Große, anspruchsvolle Kunst!

Anspieltipp(s): Durchhören!
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 27.2.2012
Letzte Änderung: 27.2.2012
Wertung: 13/15

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Von: Andreas Pläschke @ (Rezension 3 von 5)


"...was war ich vorfreudig, als der Rune Grammofon-Newsletter ein neues Album von Ståle Storløkken ankündigte"- mit diesem leicht abgewandelten Zitat meines Kollegen möchte ich die Rezi beginnen, denn mir scheint bei aller Euphorie über dieses Album vergessen zu werden, dass er und nicht Motorpsycho der Initiator für dieses Werk ist. Darüber hinaus hat er die Arrangements für das Trondheim Jazz Orchestra und die Trondheimsolistene geschrieben, von seinen kompositorischen und musikalischen Beiträgen zum Album mal abgesehen.

Da ich das Album eher aus dem Blickwinkel von Storløkkens bisherigen Aktivitäten höre, entdecke ich neben den schon genannten "Reminiszenzen" auch eine Menge von Supersilents (seiner Stammband) Musiksprache in dem Album, besonders wenn die Musik hauptsächlich von den beiden Gruppen aus Trondheim gespielt wird. Schon der Opener "Out of Woods" ist dafür ein Beispiel, ebenso "Doldrums" oder die flirrende Elektronik zu Beginn von "Sculls in Limbo". Hier gibt es die improvisiert wirkenden Klangschöpfungen, die SUPERSILENT auszeichnen. Das sind dann auch die Dinge, die mir persönlich stärker gefallen, als der "Rock"-Einfluss von Motorpsycho. Spannend wird es allerdings, wenn beide Seiten wirklich fusionieren und sie sich als Musiker in ihnen fremden Gefilden tummeln und dabei augenzwingernd an viele Bands aus den 70ern erinnern lassen. Das Suchen an diese macht wirklich einen Heidenspaß.

Fazit,ein wirklich gelungenes Album!

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 2.3.2012
Letzte Änderung: 2.3.2012
Wertung: 12/15

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Von: Nik Brückner @ (Rezension 4 von 5)


Neulich sagte (mal wieder) jemand, ich würde Alben umso höher bewerten, je komplizierter die Musik darauf sei. Und tatsächlich liegt der Gedanke durchaus nahe, dass etwas, das schwieriger ist, auch mehr Können voraussetzt, sowohl beim Komponieren, als auch beim Spielen. Da Rockbands ihre Musik im Gegensatz zu klassischen Komponisten selbst spielen (müssen), ist es für sie nur folgerichtig, sich beim Komponieren auf Musik zu beschränken, die sie auch spielen können. Das ist der Grund dafür, dass es mit der Virtuosität im Rock oft nicht so weit her ist – und auch dafür, dass es immer einen etwas komischen Eindruck macht, wenn ein Rockmusiker übt.

Aber zurück zum Ausgangspunkt: Ist Musik besser, wenn sie schwierig ist? Weit gefehlt! Es ist wie in der Malerei: Malt jemand einen Punkt, weil er nichts anderes malen kann? Oder kann er viel mehr, will aber mit dem Punkt ein künstlerisches Statement machen? Und in der Musik? Musik muss nicht kompliziert sein, Musik muss gut sein. Und wenn sie nur deshalb einfach ist, damit die Musiker sie auch spielen können, dann – Ihr wisst, worauf ich hinaus will.

Motorpsycho und Ståle Storløkken gehen so ziemlich jedes Wagnis ein, das man im Prog eingehen kann: „The Death Defying Unicorn“ ist eine Doppel-CD – gefährlich, denn das provoziert den Vorwurf, Teile der Musik seien Füllmaterial. Auf „The Death Defying Unicorn“ ist ein Orchester zu hören - gefährlich, denn das macht zwar so ziemlich jede Progband, die gelungenen Scheiben dieser Art kann man aber an einer Hand abzählen. „The Death Defying Unicorn“ enthält Jazz – gefährlich, denn Progfans mögen keinen Jazz. „The Death Defying Unicorn“ enthält unkomplizierten Alternative Rock – gefährlich, denn dass bringt Progbands meist der Vorwurf ein, ihre Alben enthielten unkomplizierten Alternative Rock. Und nicht zuletzt: „The Death Defying Unicorn“ ist ein Konzeptalbum…

Das nahezu Unglaubliche ist, dass Motorpsycho und Ståle Storløkken all diese Fettnäpfchen aufstellen, nur um dann derart geschickt um sie alle herummanövrieren, dass man am Ende dieses Hörerlebnisses - und nichts weniger ist es – mit offenen Mund dasitzt und kaum glauben mag, dass so etwas möglich ist. Allzu oft hat man Bands schon an nur einer einzigen dieser Aufgaben scheitern hören, Motorpsycho und Ståle Storløkken stellen sie sich alle, und es ist die Leichtigkeit, mit der sie sie bestehen, die an ein Wunder zu grenzen scheint.

Der Punkt, auf den ich mit meiner Einleitung hinaus wollte, ist nun dieser: Das Album ist an vielen Stellen eben gerade nicht besonders kompliziert. So schroff, so abweisend es beim ersten Hören ist, so sehr einen diese eigenwillige Soundgestalt fordert, nach wenigen Hördurchläufen entpuppt sich „The Death Defying Unicorn“ als derart eingängig, dass man die Scheiben dauerrotieren lässt. Ja, es gibt hier und da mal einen 7/8-Takt, aber das war es dann oft schon. Die Komplexität versteckt sich eher in einzelnen Passagen, die, das darf man ruhig vermuten, eher auf Ståle Storløkken als auf Motorpsycho zurückgehen. Die Saxophonquartette zum Beispiel. Diese werden dann aber oft von weitaus nachvollziehbareren Strukturen überlagert, so dass man sie nicht gleich bemerkt. Die meiste Zeit über wird sie aber vor allem mittels einer dichten Schichtung von Dissonanzen hervorgewoben, denen dann aber wiederum fast immer irgendeine einfache Struktur zugrunde liegt, ein einfaches Motiv, ein Riff, irgendwas in dieser Art. Das Geheimnis: Die meisten Bands greifen, wenn sie die Musik weniger komplex machen, auf altbewährte Pop- und Rock-Strukturen zurück. Wenn sie einen guten Produzenten haben, lässt der die Musik dann verquer genug klingen, dass das nicht gleich beim ersten Hören auffällt. Motorpsycho und Ståle Storløkken dagegen benutzen zwar Elemente aus Pop und Rock, verwenden zum Beispiel Strophe-Refrain-Schemata, Riffs, Bluesskalen und so weiter, aber sie verwenden sie auf popmusikfremde Weise und kombinieren sie auf diese Weise zu etwas, das hier nun endlich mal den Namen „neuartig“ verdient hat. Es muss nicht immer kompliziert sein – aber es muss gut sein.

Und die Erfahrung zeigt ja auch, dass es leichter ist, etwas nicht so gut zu können, weshalb es auch immer mehr Leute gibt, die etwas eben nicht so gut können. Motorpsycho und Ståle Storløkken können es und sie können es verdammt gut: „The Death Defying Unicorn“ ist ein Album, wie es alle Jubeljahre mal erscheint und nicht nur, weil es alle möglichen Fehler vermeidet, sondern weil es so vieles richtig macht: Das Album hängt sich nirgends dran, es ist eigenständig und Ausdruck eines individuellen Kunstwillens. Das Album bildet einen eigenen Klangkosmos, der Inkompatibles zu einer funktionierenden Mischung verwebt: Jazz, Rock, Alternative, Prog, Klassik, Avantgarde, was immer Ihr wollt. Wird es dadurch unoriginell? Seit wann machen stilistische Bezüge Musik unoriginell? Und ganz wichtig: Das Album wurde aus etwas größerem verdichtet und nicht aus etwas kleinerem aufgeblasen, das vermeidet Füllmaterial. Es lässt seiner Musik Raum, sich zu entwickeln, es ist weder auf Stückelprog, noch auf Crossfades angewiesen. Und nicht zuletzt: „The Death Defying Unicorn“ ist ein Konzeptalbum…

Für alle, die Prog mögen, weil er progressiv ist, für alle, die Prog mögen, weil er anspruchsvoll ist, für alle, die Prog mögen, weil man sich auf ihn einlassen muss, für alle, die Prog mögen, weil er einen auf eine musikalische Reise mitnimmt, für alle, die Prog mögen, weil er dem Hörer bei jedem Hören etwas neues offenbart: „The Death Defying Unicorn“ ist Euer Album!

Anspieltipp(s): Wirklich: Ganz hören!
Vergleichbar mit: anderen Meilensteinen unseres Genres
Veröffentlicht am: 17.9.2012
Letzte Änderung: 22.10.2012
Wertung: 15/15

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Von: Michael Hirle @ (Rezension 5 von 5)


Zugegeben, ich werde immer ein bisl hellhörig und skeptisch, wenn man durch die Bank Höchstnoten zieht. Also auf, zum Plattenverkäufer meines Vertrauens und das Scheibchen besorgt. Von außen eher unspektakulär, erinnert es doch eher an eine klassische Veröffentlichung aus den 60er, 70er Jahren. Der Bezug zur E-Musik ist aber schon mal hergestellt.

Und so beginnt die erste Seite auch, mit einem Querverweis zu Gershwins „Rhapsody in Blue“ und einer anschließenden Verbeugung vor Michael Nymans Minimal Music. Diese mündet dann in ein „Magmaeskes“ Klangspektakel, welches selbst wieder in eine andere Assoziation mündet. Und so geht’s auch weiter, Assoziation mündet in Assoziation: Yes, ELP, Kansas, Beach Boys, Van der Graaf Generator, King Crimson, die herbstlichen ECM Künstler, alle und noch mehr sind da und drin im großen Prog-Kochtopf. Ach ja und Motorpsycho haben sich natürlich selbst auch mit ein paar Tröpfchen verewigt. „The Death Defying Unicorn“ ist ein Spiel der Assoziationen. Minütlich, teilweise sekündlich fühle ich mich an eine andere Band/Komposition erinnert, da fährt das musikalische Gedächtnis ganz schön Karussell. Vielleicht liegt darin auch die Faszination der Scheibe, irgendwann ist man gelähmt von all den Eindrücken und gibt sich dem Assoziationsstrom hin. Man muss sich treiben lassen um das Gehörte wirklich genießen zu können.

Nun kann man von einem Meisterwerk sprechen? Meisterwerke sind genuin. Sie sind der entscheidende Schritt weg vom Zitat, hin zu einer singulären Aussage. Natürlich unterliegt ein Meisterwerk auch der Evolution, nur wird diese von der neuen Aussage überlagert und fordert den Betrachter aufgrund seiner Neuartigkeit heraus. Nein, neu ist da nichts. Höchstens die Ballung der Assoziationen. „The Death Defying Unicorn“ klingt, als würde man all die genannten meisterlichen Bands gleichzeitig laufen lassen. Das gibt schöne Überschneidungen und hat auch eine ungemein, klangliche Sogwirkung. Auch Qualitativ lässt sich da nicht meckern, denn wenn man nur das Beste in den Topf schmeißt, wird man auch am Geschmack nicht viel zu mäkeln haben. Keine Frage, dies ist große Kopfarbeit und auch den Instrumentalisten wurde einiges abverlangt, doch was auf den Teller kommt, muss auch durch den Bauch und dieser/meiner zumindest, nimmt dies ohne Rumoren hin. Kam ja alles schon mal auf den Tisch. Es gibt ungemein faszinierende Momente z.B. der düstere Marsch „La Lethe“ und auch wunderbar delikate Melodien wie z.B. „Into the Gyre“ doch es bleibt ein bitterer Nachgeschmack. Ein ganz ähnlicher übrigens, der mich letztes Jahr bereits mit „Heritage“ und „Grace for Drowning“ befallen hat. Der Prog-Historische Spagat war auch dort ein großer. Aber Motorpsycho haben im Vergleich zu Opeth und Steven Wilson offenbar die fülligsten Schenkel und decken entsprechend großflächig den Proghistorischen Boden ab.

Ein Meisterwerk also? Wären alle Ideen und Zitate, Originale, dann ja, ohne wenn und aber. Menschen, deren euphorischste Momente sich aus Erinnerungen speisen, werden jubeln, auch Fans der Band und „Neulinge“ die mit diesem Doppeldecker ein funkensprühendes Fass Prog-Geschichte ins heimische Wohnzimmer rollen, werden einen kleinen Schrein errichten. Doch für jene, die vielleicht etwas „Neues“ suchen und „progressiv“ wortwörtlich nehmen, ist das vielleicht zu wenig. Vielleicht.

Anspieltipp(s): Janz oder gar nicht!
Vergleichbar mit: BBS A-Z
Veröffentlicht am: 14.10.2012
Letzte Änderung: 14.10.2012
Wertung: 9/15
Prog mit all seinen Hochs und Tiefs, Klischees und Großartigkeiten, aber auch mit einer dicken Staubschicht

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Jahr Titel Ø-Wertung # Rezis
2015 En Konsert For Folk Flest - 1

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