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Neal Morse

The Similitude Of A Dream

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Informationen

Allgemeine Angaben

Erscheinungsjahr: 2016 (erscheint am 11.11.2016)
Besonderheiten/Stil: Konzeptalbum; Rock / Pop / Mainstream; RetroProg
Label: Radiant Records
Durchschnittswertung: 10.75/15 (4 Rezensionen)

Besetzung

Neal Morse vocals, guitar, keyboards
Mike Portnoy drums
Randy George bass
Eric Gillette guitars & vocals
Bill Hubauer keyboards & vocals

Tracklist

Disc 1
1. Long Day 1:43
2. Overture 5:52
3. The Dream 2:28
4. City Of Destruction 5:11
5. We Have Got To Go 2:29
6. Makes No Sense 4:10
7. Draw The Line 4:07
8. The Slough 3:03
9. Back To The City 4:19
10. The Ways Of A Fool 6:48
11. So Far Gone 5:21
12. Breath Of Angels 6:49
Gesamtlaufzeit52:20
Disc 2
1. Slave To Your Mind 5:56
2. Shortcut To Salvation 4:36
3. The Man In The Iron Cage 5:16
4. The Road Called Home 3:24
5. Sloth 5:48
6. Freedom Song 3:59
7. I`m Running 3:45
8. The Mask 4:28
9. Confrontation 3:59
10. The Battle 2:57
11. Broken Sky/Long Day (Reprise) 9:59
Gesamtlaufzeit54:07


Rezensionen


Von: Jörg Schumann @ (Rezension 1 von 4)


Demnächst erscheint das neue Studioalbum der Neal Morse Band, "The Similitude of a Dream". Es ist das neunte, seit Morse nach Snow seine frühere Band Spock's Beard verlassen hat.

Die Story von "Similitude" basiert auf dem Buch "The Pilgrims progress from this world to that which is to come, delivered under the similitude of a dream" oder kurz "The Pilgrims Progress", geschrieben vom Baptistenprediger John Bunyan anno 1678, welches in zwei Teilen die Reise ins Jenseits schildert. Bunyan schrieb dieses Buch, welches zu den bedeutendsten Werken der englischen christlichen Literatur gehört, während einer langjährigen Haftstrafe, die er wegen Verstosses gegen das Konventikelgesetz absitzen musste. Thematisch geht es bei "Similitude" um das, worum es bei Neal Morse immer geht: die Suche und das Finden von Gott. Angeblich hatte vor Jahren jemand Morse den Vorschlag gemacht, auf Basis des Buches ein Konzeptalbum zu schreiben. Als er dann vor knapp einem Jahr begann, neues Material zu komponieren, fiel ihm dieses Buch wieder ein. Morse selber hatte und hat das Buch nie gelesen, sondern sich die Informationen zur Rahmenhandlung zusammen gegoogelt und daraus die einzelnen Stücke entwickelt, die durch Ideen der anderen Bandmitglieder ergänzt wurden. Dabei decken die 23 Kompositionen tatsächlich nur die ersten 80 Seiten des Buches thematisch ab. Man hätte also aus dem Stoff tatsächlich ein Quintuple-Album machen können.

Mike Portnoy war am Ende der Aufnahmen der Meinung, dass sie DAS Album ihrer Karriere gemacht und den kreativen Höhepunkt erreicht hätten. Er ging sogar soweit und stellte es auf eine Stufe mit Konzeptdoppelalben wie "Tommy" (The Who) und "The Wall" (Pink Floyd). Grosse Worte, die grosse Erwartungen schüren.

Ich werde zuallererst an Snow erinnert. Ein Doppelalbum mit 20+ Stücken, ein Intro, eine Ouvertüre, kompakte Songs, keine überlangen Epen. Musikalisch kredenzen uns Morse, Portnoy, George, Hubauer und Gillette gewohnt gekonnt dargebrachten Prog der stilistischen Schnittmenge Retro, Rock, Pop und Mainstream. Man lässt sich auf keine Experimente ein, sondern bietet das, was man von der Neal Morse Band erwartet.

Nach einem zarten Intro folgt mit der Overture der erste Höhepunkt. Es beginnt mit einem 10/8-, gefolgt von einem 11/8-Takt, der dann von einem 6/8-Takt abgelöst wird. Das Ganze wird wiederholt und mündet in zwei Durchgängen à zwei 3/4-Takten gefolgt von einem 4/4-Takt, dann ein 7/8-Takt und ein 11/8-Takt.

In diesem Stile geht es weiter. Es holpert und stolpert herrlich aus den Boxen, darüber wird ein typisches Morse`sches Instrumentalgewitter gelegt, bei dem jeder der Akteure mal ein wenig die Sau rauslassen darf. Wie in The Call setzt man gleich zu Anfang mal ein dickes Ausrufezeichen. Anschliessend wechseln sich in schöner Regelmässigkeit rockige Stücke, akustische Balladen, eingängige Melodien (mit "City of Destruction" hat man gar eine videounterstütze Beinahe-Single im Programm) und mit grosser Kelle angerührte Harmoniebögen ab.

Man fühlt sich als Morsianer bei "Similitude" rasch zuhause, vieles ist vertraut, Harmonien kommen bekannt vor, Breaks sowieso und auch der gesamte konzeptuelle und dramaturgische Aufbau des Werkes ist typisch Morse. Das kann man langweilig finden. Ich habe anfangs eine Weile gebraucht, bis ich mich in das Album reingehört hatte. Dann wird es aber immer besser, laufen die einzelnen Fäden zusammen, erkennt man Themen wieder, ergibt sich ein nachvollziehbarer Spannungsbogen.

Ich würde nicht soweit gehen und "Similitude" mit den von Portnoy aufgeführten Klassikern vergleichen. Wirklich nicht. Ich würde eher sagen, dass das Album das nicht kann und auch nicht soll. Es ist ein gutes Morse-Album mit einigen starken Titeln und einem durchgehenden roten Faden. Ich freue mich schon auf die Live-Tour im nächsten Frühling. Denn live kommt Morse-Musik immer noch eine Spur besser rüber.

Anspieltipp(s): Overture, Broken Sky/Long Day(Reprise)
Vergleichbar mit: Snow
Veröffentlicht am: 31.10.2016
Letzte Änderung: 31.10.2016
Wertung: 10/15

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Von: Harald Schmidt @ (Rezension 2 von 4)


„Einmal hin – alles drin!“ – so könnte der Untertitel zum 2016er Konzeptalbum von Neal Morse lauten. Morse kombiniert frickeligen Power-Prog, krasse Instrumentalabfahrten, Classic Rock, Folk, 70ies-Prog-Sounds und Singer-/Songwriter-Stoff sowie balladeske Einschübe und lässt all das zwischen kraftvollen Uptempo-Passagen und entschleunigt-veträumten Momenten ebenso pendeln wie zwischen wolllüstigem Bombast und akustisch-reduzierten Abschnitten. Jedes dieser Felder beackert Morse mit einer technisch perfekten Truppe, die all das locker aus dem Ärmel schüttelt und wie aus einem Guss durchexerziert.

Zugegeben, ich war skeptisch als erneut ein Doppelalbum mit über 100 Minuten angekündigt wurde. Neal Morse konnte in den letzten Jahren über die Länge und Frequenz seiner Solo-Alben nicht mit durchgehend gleicher Qualität überzeugen. Doch die Zusammenstellung einer Band, die sich aus bewährten und neuen Musikern zusammensetzt, scheint der Morse’schen Formel einige positive Impulse beschert zu haben. The Similitude Of A Dream ist ein Genuss.

Der Prog-Rock des Neal Morse ist und bleibt emotional durch und durch. Wirft man vielen Prog-Bands in Sachen Emotion jedoch ihre Weinerlichkeit oder Düsternis vor, trifft man bei Morse auf eine echte Spaß-Variante mit der sich musikalisch Achterbahn fahren lässt: Mitreißend, atemlos machend, zu Tränen rührend – wunderbar.

Ja, natürlich ist das in gewisser Hinsicht typisch Morse, man erkennt die Grundzüge und Charakterzüge. Aber dabei machen Morse und Co alles andere als einen eingefahrenen Eindruck, sondern werfen alles rein an Leidenschaft, Power, Zug, Spielfreude und technischem Können was man sich nur vorstellen kann.

Und noch ein wichtiger Punkt: Erinnern wir uns einmal an die frühen Spock’s Beard. Deren Stärke war es doch besonders, dass sie neben ihren Ultralongtracks und kurzen Liedern zahlreiche Prog-Klassiker im 10-Minuten-Format geschrieben haben. Bei Morse solo hatte man bisher oft nur die Wahl – ähnlich wie bei Transatlantic – zwischen 5-minütigen Balladen oder dann gleich dem 25-, 30- oder gar 40- und 70-minütigen Longtrack. Auf Similitude ist dies endlich, endlich wieder anders: Zwar gehen viele der Stücke ineinander über und bilden damit längere Einheiten, die sich aber dann meist zu Abschnitten von 10 bis 12 Minuten zusammenfügen. Das macht es zwar leichter verdaulich, aber musikalisch keineswegs schlechter, sondern viel konzentrierter als die oft übertrieben lang ausgearbeiteten Longtracks von früheren Alben.

Die beiden CDs dieses Doppeldeckers unterscheiden sich für meine Begriffe am ehesten dadurch, dass mir der zweite Teil etwas songorientierter erscheint und sich die einzelnen Stücke stärker voneinander unterscheiden. Hier hört man dann auch einmal eine isolierte Country-Halbballade die von ein paar Classic-Rock-artigen Gassenhauern von der Bahn geschossen wird.

Vielleicht ist es ein wenig der Zauber von Herbstfarben der sonnendurchfluteten Eifel des frühen Novembers 2016, der sich für mich über das erste Hören dieses Albums gelegt hat, aber auch das sich nun breitmachende regnerische Grau ändert an meiner Einschätzung nicht viel: The Similitude Of A Dream ist ein ungezwungenes und hochqualitatives und ideenreiches Monumental-Epos, das sich mindestens auf einem Level mit den Testimony-Alben wähnen darf und möglicherweise durchaus – wie es Mike Portnoy wertete – das stärkste Morse-Album seit dessen Ausstieg bei Spock’s Beard ist. Ob es sich mit den Klassikern des Prog messen darf oder dies überhaupt soll und will ist an sich eine völlig irrelevante Frage. Wozu muss man ein Album von 2016 zwingend mit Platten von 1973 vergleichen? Similitude ist ein fantastisches Album und kann bestens für sich alleine bestehen.

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 5.11.2016
Letzte Änderung: 5.11.2016
Wertung: 13/15

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Von: Nik Brückner @ (Rezension 3 von 4)


Also, ich weiß nicht, wie's Euch geht, aber ich höre dieses Album jetzt seit drei Wochen ununterbrochen und kriege diese Musik einfach nicht mehr aus dem Kopf! "The Similitude of a Dream" ist ein großartiges Album!

"The Pilgrim's Progress from This World to That Which Is to Come; Delivered under the Similitude of a Dream" ist ein allegorisches Erbauungsbuch des englischen Baptistenpredigers und Schriftstellers John Bunyan, es stammt aus dem Jahr 1678. Es zählt bis heute zu den bedeutendsten Werken der englischen christlichen Literatur und wirkte auf die Entwicklung der fiktionalen Literatur wie auf den modernen Bildungsroman ein.

Bunyan schrieb das Buch während einer insgesamt zwölfjährigen Haft im Bedfordshire County Gefängnis, zu der er wegen Verstoßes gegen das Konventikelgesetz verurteilt worden war, das Predigten außerhalb der anglikanischen Staatskirche unter Strafe stellte. Ein Fest für einen so genannten wiedergeborenen Christen wie Neal Morse! Angeregt durch eine Mail, in der ihm der Vorschlag gemacht worden war, dieses Buch doch mal zu vertonen, vertonte er dieses Buch. Doch mal.

"The Pilgrim's Progress" schildert in zwei Teilen eine allegorische Reise ins Jenseits: Im ersten Teil geht es um einen einfachen Mann namens Christ, im zweiten um die Erlebnisse seiner (zunächst daheim gebliebenen) Frau und die Kinder.

Wie der Name "Christ" schon ahnen lässt, sind die Figuren Allegorien. Christ steht also für jeden Christen. Auf seinem Weg begegnen ihm andere allegorische Figuren aus dem Bereich der christlichen Glaubenswelt, die mal versuchen, ihn aufzuhalten und mal versuchen, ihm weiterzuhelfen. Sein Ziel – und das Ende des ersten Teils – bildet die Himmlische Stadt, eine Allegorie des Himmlischen Jerusalems. Bis er diese jedoch erreicht, muss Christ zahlreiche Aufgaben an zahlreichen Stationen bewältigen.

Seine Reise wird in Form eines Traums berichtet: Im Traum nimmt er von Frau und Kindern Abschied und bricht aus der "Stadt der Zerstörung" (der "City of destruction", einer Allegorie der irdischen Welt) in Richtung jener Himmlischen Stadt auf. Auf ihm lastet eine schwere Bürde – eine Allegorie der Sünde. Die Frage, die ihn leitet, lautet: "Was soll ich tun, damit ich gerettet werde?" Evangelist gibt ihm eine Pergamentrolle mit der Aufschrift: "Fliehe vor dem kommenden Zorn" und deutet mit dem Finger über ein unendlich weites Feld hinweg auf eine kleine Pforte weit hinten mit einem hellen Licht. Dorthin solle Christ gehen. Dabei begleiten ihn zunächst noch zwei Nachbarn: Stur (Obstinate) und Willig (Pliable). Stur kehrt nach kurzer Diskussion um, Willig geht weiter mit, kehrt aber am Sumpf der Verzagtheit (Slough of Despond) auch um. Helfer hilft Christ heraus und zeigt ihm den Weiterweg.

Na, und so geht es weiter. Christ trifft auf Herrn Weltklug (Mr. Worldly Wiseman), den Mann im Käfig der Verzweiflung, aber auch die Strahlenden (Shining Ones), die Boten und Diener des "Herrn der Berge" (Lord of the Hill = Gott). Er wandert durch die enge Pforte zum Palast Schönheit, durchs Tal der Demütigung und der Todesschatten, über den Jahrmarkt der Eitelkeiten (diese sprachliche Wendung geht tatsächlich auf dieses Buch zurück) und gelangt schließlich über den verzauberten Grund in die Himmlische Stadt.

Klingt so recht nach einem Stoff für Neal Morse. Und Mike Portnoy sagte prompt, schon vor Monaten, "The Similitude of a Dream" sei das Album ihrer Karrieren und verglich den Schinken mit Alben wie "Tommy" und "The Wall".

Wer daraufhin große Erwartungen hatte, hätte lieber den Kontext mitlesen sollen. Denn der Anlass für Portnoys Bemerkung war nicht der, zu sagen, wie großartig das Album ist, oder schlichte Werbung - na, bissl vermutlich schon -, es ging ihm aber vor allem um etwas anderes: Er wollte nicht, dass die Leute beim Wort "Konzept-Doppelalbum" an Yes' "Tales from Topographic Oceans" dachten – sondern, nun ja, eben eher an Alben wie "Tommy" und "The Wall". Außerdem hatte auch Portnoys Ex-Band Dream Theater Anfang des Jahres ein Konzept-Doppelalbum vorgelegt und er scheute den Vergleich. Oder richtiger: Er hätte einen Vergleich unfair gefunden, weil die beiden Alben nichts miteinander zu tun hätten (schon gar nicht sei das eine eine Reaktion auf das andere). Aber, hr hr, nach dem, was Dream Theater uns mit "The Astonishing" am Ende präsentierten, muss sich die Neal Morse Band vor dem Vergleich nicht fürchten, so lasch war das Epos der Musicalmetaller. Das Hauptthema war bei Cliff Richard's "Rote Lippen" geklaut - das sagt alles.

Also: Kein verschroben esoterisches Werk wie "Tales". Schade eigentlich, ich mag das ja sehr, aber der Normalproghörer gilt ja als von solchen Großbrocken doch eher abgeschreckt (ich bin mir da ja gar nicht so sicher). Was "The Similitude of a Dream" mit "Tommy" und "The Wall" gemein hat, ist die Tatsache, dass hier vornehmlich Songs zu hören sind. Bei einem Hundertminüter auch keine schlechte Idee, schließlich muss das verdaulich bleiben (man denke nur an Transatlantics 80-Minuten-Schinken "The Whirlwind"). Jörg wurde an Spock's Beards "Snow" erinnert, aus durchaus nachvollziehbaren Gründen - mir geht das trotzdem nicht so. Denn "Snow" war, mit Verlaub, öhrm, nicht gut. Skizzenhaft, nicht auskomponiert, zu wenig auf den Punkt und damit zu lang. Zu wenig Prog. "The Similitude of a Dream" dagegen ist zu Ende gedacht, auskomponiert, auf den Punkt und keine Sekunde zu lang. Allenfalls zu wenig Prog hat's….

Die Neal Morse Band liefert Gewohntes, an vielen Stellen derart gewohnt, dass man die Melodien schon beim ersten Hören mitsingen kann. Zu wenig Prog, sag ich doch. Damit jetzt aber nicht sofort alle wieder (gähn) "Morse of the same" schreien: Morse hat Portnoy, George, Hubauer und Gillette gekonnt ins Songwriting integriert, außerdem darf jeder mal glänzen, sei es instrumental oder gesanglich. Er sorgt damit für die nötige Abwechslung, die es braucht, um ein solches Schwergewicht verdaulich zu halten. Morse erreicht das darüber hinaus durch eine im Vergleich zu früheren Alben breitere stilistische Palette. So gibt es neben dem bekannten und beliebten Morse-Prog auch R(etror)ock, Pop, Country und Mainstream. Und Queen. Experimente gibt es wenige, "The Mask" vielleicht, die Abweichungen vom Gewohnten bleiben im Rahmen, dennoch ist das Album anders genug, um auch den Morse-Vielhörer zu hin und wieder überraschen. Die bunte Story Bunyans hilft: Das Buch ist episodisch, und der Aufbau des Albums aus einzelnen Songs passt perfekt dazu. Auch der unterschiedliche Ton, den die einzelnen Stücke anschlagen, ist der Vorlage angemessen.

Richtige Ausfälle gibt es eigentlich nicht, nur "I'm Running" ist gar zu schlicht geraten. Alle anderen Stücke sind, wenn sie nicht ins Prog-Genre gehören, immerhin so sehr angeproggt, dass die Musik nie wirklich abflacht. Höhepunkte sind, neben den proggigen Sachen (die dann auch oft mal instrumental sind) "Long Day", "City of Destruction", "Makes no sense", das herrlich queenig-beatleske "The ways of a fool", und das Stück mit dem Riff, das alle Riffs zurück in die Schule schickt, "The man in the Iron Cage". Ham! Mer!

Was noch? Das Bild ist von Paul Whitehead. Nicht sein bestes. Er hat sich von flämischen und niederländischen Malern des 14. und 15. Jahrhunderts inspirieren lassen, gut so, aber ach, es ist trotzdem nicht so super geworden. Macht nichts. Dafür ist das Album umso superer.

Ich höre das Album jetzt seit drei Wochen ununterbrochen und kriege diese Musik einfach nicht mehr aus dem Kopf. Damit ist's dann aber auch gut. Jetzt die neue Animals as Leaders – und die neue Meshuggah.

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 15.11.2016
Letzte Änderung: 19.11.2016
Wertung: 12/15
Ungewöhnlich songorientiertes Album, klasse Konzeptalbum, bassd!

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Von: Marc Colling @ (Rezension 4 von 4)


Und zum Ende des Jahres noch ein Konzeptalbum auf über 100 Minuten verteilt! Hab ich „The Astonishing“ von Dream Theater eben erst aus dem Player genommen und verdaut, steht schon die nächste Konzept- Doppel-CD da und will eingeschoben werden. Angst macht mir dabei die Aussage von Mike Portnoy, weil er diese Einspielung hier mit „Tommy“ oder „The Wall“ verglichen hat, aus welchen Gründen auch immer. Wer meine Rezi zum Dream Theater Opus gelesen hat versteht, was ich meine. Rockoper – Musical – Songs - als Grundlage für viel Text........da krieg ich Tinnitus von.

Da die Intervalle der Outputs von Morse gefühlt auch immer kürzer werden liegt der Verdacht nahe, dass er mehr Masse als Klasse produziert. Nun, das zu behaupten, naja, so weit würde ich nicht gehen. Er versteht es immer noch gute Songs zu schreiben, zu arrangieren und von absoluten Top-Musikern einspielen zu lassen. Die dann auch schon mal sehr eigenständig agieren. Dennoch bin ich auch nach vielen Hördurchgängen nicht von den beiden CD's überzeugt.

23 Songs sind 'ne ganze Menge. Da gibt es natürlich tolle Sachen und eben auch weniger tolle. Komplettausfälle sind, außer dem wirklich unsäglichen Countrysong FREEDOM SONG, tatsächlich nicht direkt auszumachen, aber einige Füller besitzt das Werk schon. Manchmal sogar hart an der Grenze des Erträglichen.

Bei einem Konzeptalbum sind natürlich auch die Texte wichtiger Bestandteil. Dass Morse zum wiederholten Male seine religiösen Tendenzen offen legt und den Hörer zu bekehren versucht, das sollte dem Hörer bewusst sein. Entweder man stört sich daran und meidet den Künstler, oder man ignoriert die Texte. So wie ich es mache. Ist zwar im Prog nicht unbedingt die beste Voraussetzung um vollends zu genießen, aber bei mir funktioniert es einigermaßen. Andere singen halt über fremde Galaxien und Dämonen.

CD 1 beginnt flott mit einem kurzen Intro und schon legt die Band mit einem herrlichen Progsong los. OVERTURE macht Lust auf mehr. Höhepunkte sind auf dieser CD noch das hart-riffende DRAW THE LINE, das instrumentale THE SLOUGH und das rockig-hymnische SO FAR GONE. So will man Morse hören.

Schwach dagegen das kitschige THE DREAM und das wie nach Journey oder, noch schlimmer, REO Speedwagon klingende CITY OF DESTRUCTION. Ebenfalls viel zu AOR-lastig ist BACK TO THE CITY und das sehr grenzwertige THE WAYS OF A FOOL. Das klingt furchtbar nach den Beach Boys und verwurschtelt mittendrin noch ein Motiv von Emerson, Lake & Palmer. Da sind Morse irgendwie die Ideen ausgegangen und er bedient sich wie im Prog- Supermarkt an den verschiedensten Zutaten, schmeißt diese zusammen und braut leider keinen Zaubertrank, sondern eine fade Brühe zusammen.

Mit CD 2 begibt sich Morse zu Beginn wieder in die Progwelt, die wir alle lieben. SLAVE TO YOUR MIND wird mit Wucht gespielt, besitzt aber auch langsamere Passagen. Auch die Ballade SHORTCUT TO SALVATION hat Niveau, genau wie das instrumental gespielte THE BATTLE mit seinen Progattacken. Höhepunkt der 2. CD ist aber THE MASK. Hier geht er aus sich raus, bietet einen sehr abwechslungsreichen Progsong mit viel Klavier und tollen Wendungen.

Leider aber gibt es auch hier, neben dem bereits erwähnten unmöglichen FREEDOM SONG, noch weitere Durchhänger. CONFRONTATION übernimmt wieder die simple Melodie von CITY OF DESTRUCTION von CD 1, BROKEN SKY/LONG DAY ist viel zu lang und somit langweilig mit seinen über 9 Minuten und THE MAN IN THE IRON CAGE ist zwar an und für sich kein schlechter Song. Das Gitarrenriff könnte aber auch vom Gitarristen und Namensvetter Steve Morse stammen. Auch I'M RUNNING ist etwas zu einfach gestrickt, allerdings hat Randy George hier einen fulminanten Auftritt mit seinem Bass.

Schlussendlich bleibt ein fader Beigeschmack. Vielleicht bin ich auch selber schuld, weil ich dachte, Morse würde vielleicht etwas Neues bieten. Doch das tut er nicht, außer man zählt das Weglassen langer und komplexer Songs dazu. Und mit der extrem langen Spielzeit tut er sich auch keinen Gefallen. Eine Straffung mit den besten Songs hätte 50 bis 60 Minuten ergeben, was wunderbar auf eine Einzel-CD gepasst hätte. Warum hat er es nicht getan? So passiert dem Album dasselbe wie dem letzten von dem am Anfang zitierten Dream Theater Werk. Es wird mit laufender Dauer immer langweiliger und eintöniger. Die Musik ist voll mit eingängigen Melodien die unendliche Modulationen erhalten. Das ist zu sehr dem Mainstream verbunden. Es fehlt der Prog, wie Kollege Nik bereits feststellte. War die Dosis hiervon auf den vergangenen CD's meist ausreichend, krieg ich hier Entzugserscheinungen. Einige gute Kompositionen bleiben bestehen, aber er macht es sich zu einfach in den ohne Prog gespielten Songs. Da sind Sachen dabei die auf einem Toto oder Kid Rock Album nicht mal auffallen würden. Und die wirklich guten Nummern reißen das nicht raus. In der Politik würde das Album genau in der Mitte agieren. Leichter Schwenk nach links oder rechts, aber bloß nicht auffallen. Wer das als Hörer sucht, gibt locker 3 Punkte dazu. Ich mochte die Mitte noch nie.

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 16.12.2016
Letzte Änderung: 17.12.2016
Wertung: 8/15
1 Punkt Abzug wegen der wieder einmal religiösen Texte. Nervt so langsam

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Alle weiteren besprochenen Veröffentlichungen von Neal Morse

Jahr Titel Ø-Wertung # Rezis
1999 Neal Morse 6.67 3
2000 Merry Christmas From The Morse Family 10.00 1
2001 It's Not Too Late 6.33 3
2003 The Transatlantic Demos 10.00 2
2003 Testimony 9.00 6
2004 One 10.80 6
2004 Testimony Live (DVD) 11.00 1
2005 ? 10.75 4
2006 Cover To Cover - 1
2006 Send the Fire - 1
2007 Sola Scriptura 7.33 7
2007 Songs From The Highway - 1
2007 ? Live 6.33 3
2008 Lifeline 7.40 5
2008 Sola Scriptura And Beyond (2DVD) 12.50 2
2009 So Many Roads (Live In Europe) 10.00 2
2011 Testimony two 10.33 3
2012 Momentum 11.33 3
2013 LIVE Momentum 11.00 1
2014 Songs From November - 2
2015 Morsefest 2014 10.50 2
2015 The Grand Experiment 9.67 3
2016 Alive Again 10.00 2
2017 Morsefest 2015 12.00 2
2018 Life & Times - 1
2018 The Similitude Of A Dream Live In Tilburg 2017 11.50 2

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