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Leitfaden: Prog und Film
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Inquire

The Neck Pillow

Coverbild
Informationen

Allgemeine Angaben

Erscheinungsjahr: 2000
Besonderheiten/Stil: Neoprog; RetroProg
Label: Eigenproduktion
Durchschnittswertung: 12.5/15 (2 Rezensionen)

Besetzung

Dieter Cromen guitar, vocals, bass
Robert Köhler keyboards
Thomas Kohls drums, percussion
Uli Mückenheim bass

Gastmusiker

Carsten Steffens percussion on circles and bettwurst 2
Pasadena Porno Casanovas soccer choir on destination berlin

Tracklist

Disc 1
1. Die Bettwurst part one 20.44
2. Circles 17.39
3. The death of Ase 2.28
4. Swidwin 7.09
5. Die Bettwurst part two 16.22
6. Die Berliner Bettwurst part one 1.57
Gesamtlaufzeit66:19


Rezensionen


Von: Thomas Schüßler @ (Rezension 1 von 2)


1971 drehte der Filmemacher Rosa von Praunheim einen Lowest Budget-Film namens "Die Bettwurst", der sogar von einigen Kritikern ob seines Realismus gelobt wurde. Neulich lief der Film auf arte und dieses Ereignis konnte ich mir natürlich nicht entgehen lassen. Nun, ich glaube mit Fug und Recht behaupten zu können, daß dies der schlechteste Film ist, den ich je gesehen habe. Es geht darin um Dietmar, einen Kleinkriminellen, und Lucy, eine alleinstehende Frau, die zusammenfinden und gemeinsam glücklich werden. Zum Symbol dieses kleinbürgerlichen Lebens wird dabei die Bettwurst, besser als Nackenrolle bekannt. Es kommt, wie es kommen muß: Dietmar wird von seiner kriminellen Vergangenheit eingeholt. Seine früheren Kumpane entführen Lucy und Dietmar errettet sie heldenhaft.

Was hat das Ganze nun mit den BBS zu tun?

Ganz einfach: die Band Inquire hat sich dieser Geschichte angenommen und daraus eine Platte gemacht, die zu dem besten und originellsten gehört, was in diesem Jahrtausend bisher aus deutschen Landen kam. Daß sie hier noch keine Erwähnung fand, ist absolut unverständlich, erklärbar vielleicht dadurch, daß potentielle Rezensenten durch das wahrlich abstoßende Cover vom Kauf der Platte abgeschreckt wurden. Es mag zwar originell sein, den Absatzzahlen ist es aber bestimmt nicht förderlich.

Der Hauptteil der Platte macht also die Bettwurst-Suite aus, geteilt in zwei Hälften, die es zusammen auf 37 Minuten bringen. Zu Anfang gibt es eine kurze Einführung in die Geschichte, ehe es mit zarten Gitarrentönen losgeht. Dann fängt Dieter Cromen an zu singen. Der Gesang ist sicher nicht herausragend, aber ganz sicher auch nicht unhörbar, was auch nicht weiter schlimm ist, da hauptsächlich auf die Musik wert gelegt wird. Es wird übrigens auf Englisch, Deutsch und Latein (sic!) gesungen. Die Musik wird weitestgehend von der Gitarre getragen, die so ziemlich alle Stimmungen beherrscht. Zwischendurch darf auch immer wieder das Keyboard ein paar Einsprengsel beitragen. Immer wieder kommt es zu Rhythmus- und Tempiwechseln, so daß der geneigte Hörer nie Zeit für Langeweile hat. Zwischendurch bekommt man sogar zwei Originalzitate aus dem Film zu hören, die in ihrer gestelzten Sprechweise trashig/kultig/komisch sind, wenn man aber bedenkt, daß der ganze Film so ist, bekommt man einen guten Eindruck, wie schlecht und nervig dieser ist.

Auf "Circles" trägt eine tiefe, vocoder-verzerrte Stimme auf Deutsch philosophische Texte vor, die von Ralph Waldo Emerson beeinflußt sind. Dazwischen gibt es wieder Gitarrensoli en masse. "The death of Ase" ist eine Adaption aus Edvard Griegs "Peer Gynt". "Swidwin" ist getragen mit leicht traurigem Gesang. Als Abschlußgag gibt es noch eine Version der "Berliner Luft" mit dem Titel "Die Berliner Bettwurst". Dies soll darauf hindeuten, daß es, wie bei jedem anständigen Film, eine Fortsetzung mit ebendiesem Titel gibt. Ob Inquire diesen auch vertonen werden, wird die Zukunft weisen. Gerade haben sie aber eine neue Platte veröffentlicht, die jedoch einen anderen Titel trägt. ("melancholia").

Inquire haben mit der Bettwurst eine der erfrischendsten und originellsten Platten der jüngeren Prog-Vergangenheit hervorgebracht. Obwohl sie in Eigenproduktion hergestellt wurde, hört sie sich absolut professionell an. Kleinere Abstriche für den Gesang, ansonsten gibt es von mir 13 Hochdaumen.

P.S. Kalauer der Woche: Alles hat eine Ende nur die Bettwurst zwei...

Anspieltipp(s): Die Bettwurst
Vergleichbar mit: Grobschnitt (?)
Veröffentlicht am: 4.9.2003
Letzte Änderung: 4.9.2003
Wertung: 13/15

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Von: Ralf J. Günther @ (Rezension 2 von 2)


Wie kann man die "Bettwurst" nur - siehe oben - zu einem schlechten Film erklären? Für den skurrilen Streifen aus dem Jahr 1970 lasse ich gerne eine Jahresproduktion von Hollywood-Blockbustern kalt werden, inklusive sämtlicher Hobbits in 3D. Zweifellos ist die Bettwurst einer der merkwürdigsten Filme, die je gedreht wurden, mit einer Story, die sich im Grunde gar nicht erzählen lässt, weil sie erst durch die beiden schrillen Laien-Schauspieler Luzi Kryn und Dietmar Kracht zu einem zwerchfellerschütternden Dokument voll rührender Beklopptheit wird.

Die Bettwurst ist Frank Zappa in Filmform, las ich mal irgendwo. Das würde ich aber gar nicht erwähnen, wenn daraus nicht folgen müsste, dass die Bettwurst doch eigentlich keinesfalls zu Neoprog gerinnen kann. Womit wir bei dem erstaunlichen Album von Inquire wären. Denn das enthält über weite Strecken Musik, die ganz stark von der Melodik und der Rhythmik des Neoprogs geprägt ist. Ein Genre, das mit all seinen Harlekins und Clowns und Rittern ästhetisch normalerweise das krasse Gegenteil von bewusst dilettantischem Experimentalhumor sein sollte.

Inquire sind mit ihrer Themenwahl vermutlich voll am Markt vorbeigeschrammt. Über das Zahnlücken-Cover (die Zahnlücke gehört dem schon 1976 verstorbenen Bettwurst-Star Dietmar Kracht) haben sich schon manche Rezensenten beschwert und viele, für die es im Prog nicht ohne die Tränen eines Jesters geht, werden wegen dieses Covers leider wohl gar nicht erst zugehört haben.

Selber schuld. Denn "The Neck Pillow" ist ein richtig gutes Album, wobei vor allem die Bettwurst Teil 1 den Vogel abschießt und zeigt, wieviel man mit neoproggigen Mitteln anfangen kann, wenn man die weihevolle Ernsthaftigkeit mal beiseite lässt bzw. mit grotesk übertriebener Bildungsbürgerlichkeit ad absurdum führt. (Hier wird zum Beispiel auf Latein gesungen, wo es der Bettwurst-Film als irrwitzige Plastik-Tragödie schon mit Shakespeare versuchte.)

Ich komme zum Fazit, denn diese Rezension versteht kein Mensch, der Rosa von Praunheims Film "Die Bettwurst" nicht kennt (was sich mithilfe einer noch im Handel befindlichen DVD aber jederzeit ändern ließe).

Rein musikalisch ist "The Neck Pillow" ein starkes Album aus deutschen Landen, empfohlen für Progger und Neo-Progger. Der Gesang ist nicht ganz so sattelfest wie die Instrumente, der Sound für eine Eigenproduktion aber wirklich hervorragend.

Die Rezensentenpflicht gebietet es noch darauf hinzuweisen, dass die scheinbaren Originalzitate aus dem Film sich bei näherem Hinhören als von der Band nachgesprochen entpuppen. Es klingt ziemlich echt, aber wirklich nachmachen kann man Dietmar Kracht nicht, der aus seiner Mannheimer Mundart, seinen hyperkorrekten Pluralformen und seiner umwerfend offensiven Tuntigkeit einen Spezialdialekt geboren hat, der mit ihm auch wieder ausgestorben sein dürfte. Und falls jemand wirklich denkt, dieser Tonfall sei peinlich: Dietmar Kracht redete 1970 im Auftrag des ZDFs, und die Bettwurst war auch bei großen Teilen des ganz normalen Publikums ein Riesenerfolg.

Progger, wollt ihr etwa vernagelter sein als das ZDF-Publikum der beginnenden 70er Jahre? Schaut den Film und lobt eine Band, die sich davon zu einem prima Album hat inspirieren lassen.

Die CD ist noch erhältlich, soweit ich sehe allerdings nur noch direkt bei der Band. Aber das genügt ja, und man darf sich darüber "ganz wunderbar freuen", und zwar "jeden Sekunden", wie es in der Bettwurst heißen würde.

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 28.1.2013
Letzte Änderung: 28.1.2013
Wertung: 12/15
11 plus ein Punkt für die Idee als solche.

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Alle weiteren besprochenen Veröffentlichungen von Inquire

Jahr Titel Ø-Wertung # Rezis
1999 Inquire Within 6.50 2
2001 Das Auge ist der erste Kreis 9.00 1
2003 Melancholia 5.00 3

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