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Watchtower

Energetic Disassembly

Coverbild
Informationen

Allgemeine Angaben

Erscheinungsjahr: 1985 (Wiederveröffentlichungen in den 90ern und 2004)
Besonderheiten/Stil: Progmetal
Label: Zombo-Records / Monster Underground
Durchschnittswertung: 12/15 (2 Rezensionen)

Besetzung

Jason McMaster vocal insanity
Billy White guitar
Doug Keyser bass
Rick Colaluca drums, percussion

Tracklist

Disc 1
1. Violent change 3:23
2. Asylum 3:49
3. Tyants in distress 5:59
4. Social fears 4:42
5. Energetic Disassembly 4:37
6. Argonne Forest 4:38
7. Cimmerian Shadows 6:37
8. Meltdown 3:58
Gesamtlaufzeit37:43


Rezensionen


Von: Georg Heep (Rezension 1 von 2)


"Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne", wahrscheinlich hat jeder von uns diesen Satz aus Hermann Hesses Gedicht "Stufen" schon ein mal gelesen und kann nachempfinden, was da so treffend formuliert wurde. Angefangen wird überall, auch in der Kunst. Wenn Musiker eingefahrene Wege verlassen, vorher festgefügte Steine stilprägend ins Rollen bringen und auf diese Weise - wenn auch nur im Kleinen - irgendwie die Welt verändern, so vermag auch ein schnödes Rock-Album jenen Zauber auszustrahlen. Selbst wenn in wenig zauberhafter Weise als Albumtitel die offizielle Bezeichnung für die Detonation eines Nuklearsprengkopfes Verwendung findet und "strahlen" dann plötzlich eine ganz andere Bedeutung bekommt ...

Die dieser Behauptung zu Grunde liegende Grenzziehung erfolgt natürlich subjektiv, aber für mich steht fest: Die Geschichte des Progressive Metals begann vor etwas mehr als 20 Jahren in der texanischen Hauptstadt Austin. Dort fassten im Frühjahr 1982 zwei junge Musiker, der Gitarrist Billy White und der Schlagzeuger Rick Colaluca, den Entschluss, gemeinsam eine Band zu gründen. Den passenden Bassisten fanden die beiden in Doug Keyser. Dieser spielte zwar eigentlich Gitarre, ließ sich aber für das neue Projekt zu einem Instrumentenwechsel überreden. Sänger und Bassist Jason McMaster verzichtete hingegen auf seinen Vier-Saiter und komplettierte die Runde einige Monate später hinter dem Mikrofon. Die Band Watchtower war geboren.

Bereits 1983 unterbreitete das kleine Rainforest Label aus San Antonio (TX) den knapp noch oder gerade nicht mehr Minderjährigen das Angebot, eine Platte aufzunehmen. Doch nach den Aufnahmen im sogenannten BOSS-Studio und leider noch vor irgendwelchen weiteren Aktivitäten löste sich die Plattenfirma in einem Schuldenberg und der Plattenvertrag im Nichts auf. 1984 gelang es der Band zwar, ihren Titel "Meltdown" auf einem texanischen Hardcore-Sampler des Ward Nine Labels zu platzieren, aber die passende (Metal-)Plattenfirma für ein Debutalbum wollte sich nicht finden lassen. Nachdem es Watchtower im darauffolgenden Jahr zuerst noch mit einem Demo, dem "Meltdown"-Demo, versucht hatten, gründeten sie auf eigene Faust das Label "Zombo Records" und veröffentlichten in Eigenregie ihre Debut-LP "Energetic Disassembly". Das Album enthielt neu eingespielte Versionen der BOSS-Studio Stücke von 1983 und zusätzlich den Track "Violent Change", den Insider bereits durch das erwähnte Demo kannten.

Mit Hilfe des Booklets der 2004er Wiederveröffentlichung von "Energetic Disassembly" lässt sich die weltweite Wirkung dieser LP gut nachvollziehen. Die dort abgebildete Collage aus zeitgenössischen Pressereaktionen (Besprechungen, Interviews, Fotos) zeigt, dass der geballten Rezensenten-Kompetenz einfach keine Band einfallen wollte, mit deren Stil sich Watchtowers Musik so ohne weiteres vergleichen ließ. Andererseits war man aber auch noch nicht so weit, eine eigene Schublade für diese unvergleichliche Musik zu erfinden. Die Bezeichnung "Progressive Metal" fällt kein einziges Mal. Man versucht es zwar mit "Tech-Metal", mit "Space-Metal" oder gar "Jazz-Metal", die Vielzahl der Begriffe macht aber nur umso deutlicher, wie weit sich die Band mit "Energetic Disassembly" in einen Bereich vorgewagt hatte, in dem bewährte Bezeichnungen nur noch eingeschränkte Aussagekraft besaßen und über neue noch keine Einigung erzielt worden war. Ein vielsagender Hinweis findet sich jedoch in fast jeder Rezension. Er ist zwar inhaltlich bewusst offen gehalten, vermag aber noch heute beim Leser Neugierde zu wecken: Auf "Energetic Disassembly" sei " Rush at 200 mph" zu hören, man solle sich vorstellen: "What if Metallica had recorded 2112?".

Rush plus Metallica ergibt Watchtower? Progressiver Metal entstand also, als ein paar talentierte Jungs aus Texas auf die Idee kamen, anspruchsvoll arrangierten Hardrock der 70er (denn natürlich waren die "alten" Rush gemeint) und die Härte und Schnelligkeit der neuen ThrashMetal-Bewegung zu kombinieren? War es wirklich so einfach? Beschäftigt man sich intensiv mit "Energetic Disassembly", ist man gewillt dieser Aussage grundsätzlich zuzustimmen, allerdings nicht ohne das eine oder andere ABER.

JA, das Album enthält viel frühen amerikanischen Thrash Metal, es ist schnell und roh, ABER viele Lieder sind bereits in ihrem Grundaufbau viel zu komplex für diesen Metalstil. Nicht nur die vielen Breaks "stören", auch die Soli sind deutlich anspruchsvoller und interessanter als das gesamte 83er Debut von Metallica und finden auch im Schaffen von Rush keine Entsprechung. In welchem Maße hier sogar Vergleiche mit Jazz/Fusion-Größen wie Allan Holdsworth, Jaco Pastorius und Terry Bozzio angebracht sind (siehe besagtes Booklet), sollen kundigere Ohren entscheiden.

JA, auch der mittelbare Rush-Vergleich hat seine Berechtigung. Keysers Bass-Spiel ist offensichtlich von Geddy Lee beeinflusst, auch der selbstbewusste Stil von Metallicas Cliff Burton (DEM Metal-Bassisten überhaupt) scheint ein Vorbild für ihn gewesen zu sein, ABER diese zwei dienen Doug Keyser nur als Ausgangspunkte für eine ganz eigene Herangehensweise an sein Instrument. Der deutlich zu hörende, sehr kernig und natürlich sehr schnell gespielte Bass verstärkt nur selten das vom Schlagzeug vorgegebene Rhythmusgerüst, stattdessen wird er konsequent wie eine zweite Gitarre gespielt und hat folgerichtig auch eine Vielzahl von eigenen Solo-Auftritten. Das bleibt natürlich nicht ohne Auswirkungen auf den Gesamteindruck der Musik. Wenn Bass und Gitarre gleichzeitig komplizierte Figuren spielen und auch der Schlagzeuger nicht gewillt ist, ganz alleine den bloßen Rhythmussklaven zu geben, stellt sich genau das Gefühl von virtuoser Leichtigkeit ein, das man grundsätzlich eher mit Jazz als mit Rockmusik assoziiert.

Rushig ist natürlich auch der hohe, sirenenartige Gesang von Jason McMaster, der sich selbst in der Nachfolge seiner damaligen Idole Rob Halford, Paul DiAnno, Bruce Dickinson und eben Geddy Lee sah. Irgendwie passt das Ergebnis seiner Bemühungen sogar zur sonstigen Musik, aber dennoch ist eines klar: Nicht wenige potentielle Watchtower-Fans werden sich allein aufgrund McMasters zum Teil arg jaulenden Organ mit Grauen von "Energetic Disassembly" abgewendet haben. Der Genuss wird noch zusätzlich dadurch erschwert, dass die ihm in den Mund gelegten Worte von keinem poetisch talentierten oder auch nur ambitionierten Lyriker verfasst wurden. Um nicht missverstanden zu werden: Gerade bei Watchtower sind die Texte wichtig und wert, übersetzt und gelesen zu werden. Sie sind in höchstem Maße politisch und behandeln auf anspruchsvolle Weise gesellschaftlich brisante Themen wie Krieg, die Unterdrückung des Andersdenkenden durch die konforme Masse und natürlich den Umgang mit Atomenergie. Aber gerade weil die Musiker inhaltlich etwas zu diesen Themen zu sagen haben, kommt dies in Hardcore/Punk-Manier ungefiltert und unpoliert ins Mikro. Mitsing-Refrains würden die ernsthafte Botschaft nur verwässern und haben daher keine Chance. Ausnahmen bilden "Tyrants in distress" und der Band-Klassiker "Meltdown". Letzteres Stück behandelt den Atom-Störfall von 1979 in Middletown ("Three Mile Island Incident"). In beiden Fällen harmonieren Text und Musik in für unsere Ohren gewohnterem Maße, was die Lieder sogleich erheblich eingängiger macht.

ABER auch wenn Bass-Spiel und Gesang deutlich an Rush erinnern, liegen dennoch Welten zwischen den Kanadiern und Watchtower. Rush machen trotz Lees Stimme und einiger härterer Momente im ganzen einfach schöne Musik mit den passenden oft abstrakt-allegorischen Texten ("The Trees", "Hemispheres" ...). Dagegen überschreiten Watchtower bewusst die Grenzen dessen, was "gefällt". Bereits im Ansatz viel technischer und direkter ausgerichtet, legen sie mit ihrer Musik den Finger schmerzhaft in verborgen gehaltene Wunden und gehen dabei gedrängt vom noch ungebremsten Enthusiasmus knapp 20jähriger den einen entscheidenden Schritt weiter als alle anderen.

Dem Rush-Fan zu hässlich, dem Thrasher zu komplex? Zum Ausgleich für diese Antiwerbung folgt nun eine Art Hör-Anleitung in die Welt dieses sperrigen Klassikers: Am besten beginnt man mit "Meltdown" oder "Tyrants in distress", denn beide Stücke gehen wie gesagt ziemlich leicht ins Ohr. Ersteres macht den Hörer mit der einfach-thrashigen Seite der Band vertraut und könnte auch auf dem Mekong Delta Debut stehen, "Tyrants in distress" verfügt dagegen bereits über die typisch wirren Soli und den hervorstechenden Bass. Wer sich auf diese Weise warm gehört hat, kann auf den Übersong "Cimmerian Shadows" hinüberwechseln, bei dem es bei mir persönlich "klick" gemacht hat. Zu Beginn noch ungewohnt eingängig, gestaltet sich das Stück mit zunehmender Dauer immer unberechenbarer und die gesamte Platte findet bei 3:36 ihren Höhepunkt: In einem Moment ist noch alles in bester Ordnung, und man lässt sich arglos von einem schönen Bass-Riff treiben. Im nächsten Moment aber scheinen sich plötzlich alle Instrumente in verschiedene Richtungen fortbewegen zu wollen und dehnen dabei den vorher so überschaubaren Raum ins Unendliche aus. Als aufgeschreckter Hörer fühlt man sich dabei wie eine dieser Zeichentrick-Figuren, die flüchtend durch die Landschaft rennt, irgendwann gehetzt einen Blick nach unten wirft und dabei voller Entsetzen feststellt, dass sich bereits seit einigen Sekunden unter ihr nur noch eine bodenlose Schlucht befindet.

Zu Beginn von "Cimmerian Shadow" ist der Rush-Einfluss übrigens sehr deutlich herauszuhören, gleichzeitig erlaubt dieses musikalische Wurmloch auch einen direkten Blick in die Zukunft: Mekong Delta und Anacrusis erscheinen verschwommen am Horizont.

Spätestens durch diesen Track Watchtower-süchtig gemacht, ist die Zeit reif für die geniale Dreierbande "Asylum" (mit der berühmt-berüchtigten "Sänger-singt-Riff-nach"-Stelle), "Energetic Disassembly" und das überraschend melodische "Argonne Forest". "Violent Change" fällt dann schon etwas ab, ist aber immer noch ein tolles Lied. Einzig "Social Fears" will zumindest bei mir nicht so richtig zünden.

An die Produktion des Albums darf man natürlich nicht zu hohe Anforderungen stellen, sie klingt ziemlich alt und kraftlos, zu technisch (vor allem das Schlagzeug) und zu wenig lebendig. Mir persönlich rückt sie auch den Gesang zu Lasten der Gitarren zu weit in den Vordergrund. Der Klasse der Lieder tut dies natürlich keinen Abbruch.

Das Album wurde in den 90ern von der deutschen Plattenfirma "Institut of Art Records" lizensiert und erstmals auf CD veröffentlicht, wobei man die Reihenfolge der Lieder veränderte. Der Rerelease 2004 auf "Monster Records" greift die ursprüngliche Tracklist wieder auf und ist auch aufgrund des erwähnten Booklets jedem wärmstens zu empfehlen, der sich von den ersten Geh-Versuchen des ProgMetals verzaubern und verstrahlen lassen möchte.

Anspieltipp(s): siehe Text
Vergleichbar mit: Rush, Metallica, Mekong Delta, Anacrusis, Sieges Even
Veröffentlicht am: 12.2.2005
Letzte Änderung: 12.2.2005
Wertung: 12/15

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Von: Jörg Schumann @ (Rezension 2 von 2)


Kurz und heftig. Ist das Debutalbum der Texaner, das Georg, mit allen Hintergrundinformationen, schon so ausführlich beschrieben hat, dass mir fast nichts mehr bleibt, ausser noch ein dickes Ausrufezeichen darunter zu setzen.

Einfach Klasse, wieviele Wendungen, Harmoniewechsel, Spielereien, Rhythmuswechsel, Bassläufe, Breaks, Tempo-raus-Tempo-wieder-reins, kurz: wieviel Abwechslung Watchtower in diese knapp 38 Minuten reinpacken. Auch ich bin zwar nicht unbedingt ein Freund allzu inbrünstigen, hohen Metallergesangs, finde Jason McMasters Stimme hier aber absolut zur Musik passend und kaum mal nervend.

Ich finde, dass man das Album durchaus vorne beginnen kann und sollte. Die beiden ersten Stücke führen einen schön "langsam" an die weitere halbe Stunde heran. Hat man sich einmal reingehört, saugt einen die Musik plötzlich ein und man wird in der Folge wohlig durchgerüttelt.

Einziger Wermutstropfen ist der flache und dünne Sound der Produktion. Macht aber irgendwie halt auch den speziellen Reiz dieser Urmutter aller Progmetal-Platten aus und trägt zur Authentizität bei. Die Musik ist trotzdem eine Ohrenweide.

Wer in diesen Tagen ein paar Euro auf der hohen Kante hat, die er eigentlich in das neue Dream Theater Album stecken wollte und nun, aus welchem Grund auch immer, zögert, dem empfehle ich wärmstens, sich Energetic Disassembly zuzulegen.

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 1.10.2011
Letzte Änderung: 1.10.2011
Wertung: 12/15

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Alle weiteren besprochenen Veröffentlichungen von Watchtower

Jahr Titel Ø-Wertung # Rezis
1989 Control And Resistance 12.00 4
2002 Demonstrations in Chaos 13.00 2
2016 Concepts of Math: Book One 15.00 1

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