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Colossus Projects (Finnland)

Colossus Of Rhodes

Coverbild
Informationen

Allgemeine Angaben

Erscheinungsjahr: 2005
Besonderheiten/Stil: Konzeptalbum; RetroProg
Label: Cypher Arts
Durchschnittswertung: 10/15 (1 Rezension)

Besetzung

Leviathan Italien
Greenwall Italien
Sinkadus Schweden
Mad Crayon Italien
Velvet Desperados Finnland
Revelation Italien

Tracklist

Disc 1
1. Un pensiero e sempre libero (A thought is always free)   (Leviathan) 26:29
2. The secret passage   (Greenwall) 27:08
3. God of silence   (Sinkadus) 23:10
Gesamtlaufzeit76:47
Disc 2
1. Come vento tornero (Like the wind I will come back)   (Mad Crayon) 24:58
2. Lords and knights   (Velvet Desperados) 24:54
3. A new dawn   (Revelation) 29:26
Gesamtlaufzeit79:18


Rezensionen


Von: Henning Mangold @


32 Jahre (in Worten: zweiunddreißig Jahre) ist es jetzt (2005) her, dass "Tales from topographic oceans" von Yes herauskam, und bis zum heutigen Tag streiten sich sogar Yes-Fans darüber, ob dies ein Meilenstein in der Geschichte des Progs ist oder ob sein Vorgänger bzw. Nachfolger nicht doch viel besser sind. Das hat man nun davon, ein Doppelalbum mit vier Longtracks veröffentlicht zu haben?

Nun passte ja damals nicht so viel Musik auf eine LP wie heute auf eine CD. Vier Longtracks auf einem LP-Doppelalbum entsprächen also - technisch, Kapazitäts-relevant gesehen - in etwa sechs Longtracks auf einem CD-Doppelalbum - nur: welche Band würde sich solchen Ärger nach solchen 32 ergebnislosen, zerstrittenen Jahren antun wollen?

Antwort: Keine natürlich, und selbst ich muss zugeben, dass das wohl auch ganz gut so ist. Longtrack-Wahn richtet Schaden an, denn das äußere Schema sollte nicht wichtiger werden als der inhaltlich nachvollziehbare Sinn, den man rüberbringen will, und welcher Inhalt könnte schon rein zufällig in sechs Longtracks passen? - Obwohl mir da schon wieder der "Herr Der Ringe" einfällt: drei Bücher, in je zwei Teile geteilt, ergäben ja auch sechs Longtracks? - Aber ach, was soll das? Lieber keine schlafenden Hunde wecken...

Jedenfalls - der kurzen Rede langer Sinn - gibt es jetzt ein Doppelalbum mit sechs Longtracks. Welche Band mag das verbrochen haben? - Keine natürlich, der Ärger wird auf breite Schultern verteilt: sechs Bands haben je einen Longtrack verbrochen, alle diese Longtracks gemeinsam erzählen die Geschichte vom "Koloss von Rhodos", alle sind retro-orientiert, die Bands stammen entweder aus Italien oder Skandinavien (was retro-proggig gesehen fast dasselbe ist:-)), und was sie da fabriziert haben, macht mir höllisch-himmlischen Spaß.

Genau gesagt: allein diese vielen italienischen Bands waren für mich Anreiz genug, mir das Album überhaupt zu kaufen - ich meine: selbst Monsignore Berlusconi und Don Vito Corleone persönlich können zusammen nicht so konservativ sein wie italienische Proggies retro sind, und das musste ich hören. Und dann dieses Thema: ein Konzeptalbum über was Antikes - wenn ich bloß dran denke, dass die Punk-Publizisten der späten 70er schon Emerson und Wakeman als "boring old farts" bezeichnet haben: was würden die jetzt erst sagen? Ich habe irgendwie Respekt davor, dass sich die Proggies heutzutage so offen zu dem bekennen, was nun mal zu ihnen gehört. Schon witzig ist das: im Zuge der 68er-Bewegung wurde zwar die individuelle Freiheit propagiert, aber nicht für Proggies - die entdecken ihre Freiheit jetzt erst richtig.

Nach den soziologischen Vorüberlegungen nun endlich zur Musik, und das am besten Longtrack by Longtrack:

Leviathan aus Italien leiten das "Gesamtkunstwerk" ein: mit Flötentönen und Keyboards geht alles los, die Stimmung ist wie zu Beginn von IQs "Last human gateway", das heißt, selbst im Neoprog-Gewand klingt die Musik noch betont retro, so dass an der grundsätzlichen Marschrichtung des Stils keinerlei Zweifel mehr besteht (falls es je einen gegeben haben sollte). Nach sechs Minuten ist eine deutlich an Hackett orientierte Gitarre zu hören, und zwar eine aus dem Dröhnland-Packeis wie auf "Please don´t touch". Weiter geht´s mit schneidenden Keyboards, die genau zwischen Wakeman-Stil und Neo-Du-Di-Du liegen. Aber erst nach fast siebzehn Minuten nimmt der Track eine für meinen Geschmack wirklich überraschende Wendung: ein Instrumentalteil bahnt sich an, der auf einer einfachen Akkordfolge des Keyboards und ihrer Variationen beruht; dieses Gerüst ist ähnlich dem, das den Longtrack "Ocean" von Galleon strukturiert, und erinnert in der Komposition ein wenig an den frühen Oldfield. Natürlich endet das Ganze nicht ohne eine typische lange, getragene Prog-Coda.

Eine für meine Hörgewohnheiten sehr gelungene Einleitung in dieses große Konzept, weil es neugierig auf das macht, was folgen könnte. (10 Punkte als Einzelwertung)

Dann folgen "Greenwall", ebenfalls aus Italien, ebenfalls mit italienischem Gesang. Das Stück beginnt mit Fanfarentönen, die in eine instrumentale Ouvertüre mit Streichern münden. Dieser Teil wird zum Schluss noch einmal durch eine Reprise ergänzt, die ein wenig an den Anfang und Schluss von Pink Floyds "Atom Heart Mother" erinnert. Danach fängt´s an, verwirrend zu werden: verzerrt-schneidender Gesang setzt ein, als Duo einer Sängerin und ihres Partners. Die Gesangsmelodie pendelt irgendwo zwischen Opernstil und Folk, allerdings - wie erwähnt - durch seltsame Zerreffekte nicht gerade angenehm zu hören. Natürlich sind diese Verfremdungen beabsichtigt und stehen wohl im Dienste der Story-Dramaturgie, aber das macht es mir nicht leichter, diesen Malcanto-Sopran auszuhalten. Erst nach über zwölf Minuten entwickelt sich der Song in eine komplett neue und unerwartete Richtung: mit Handtrommeln, Hintergrund-Schweineorgel und eckigem Gitarrensound folgt eine Instrumentaleinlage, die zwischen frühen Camel und Santana liegt und so erfrischend dargeboten wird, dass sie gar nicht lang genug sein könnte. Aber nach fünf weiteren Minuten ist damit Schluss, es kommt wieder Gesang - nur diesmal nicht verzerrt -, bis eine lyrische Klausel mit Piano die sehr lange Reise durch verschiedenste Stile zu einem Abschluss bringt.

Dieser Track ist vielfältig und wirkt engagiert - nur spricht mich diese Mischung aus Abgedrehtheit und fast biederer Opern-Spießigkeit nur wenig an, lässt mich eher ermüden. (7 Punkte in der Einzelwertung)

"Sinkadus" bringen daraufhin einen echten Knüller ins Spiel, der nur für Eilige den Nachteil hat, dass er sich sehr langsam mit fast vier Minuten experimenteller Klänge aufbaut. Aber dann wird´s richtig stark: wuchtige Mellotron-Klänge, weit in den Vordergrund gemischte Drums der alten Zeit ohne Filter und Verkleidung, eine Stimme, die an Peter Hammill erinnert (das gab es so meines Wissens in all den Retro-Wellen noch gar nicht), zwischendurch gar leise Glöckchen-Anklänge an Hackett´s Schlussteil von "Hierophant", dann Flöte, dann wieder die volle Breitseite mit logisch daraus entstehender Schlusshymne - als würde Hammill zusammen mit Liquid Scarlet alte Hackett-Aufnahmen nachspielen. Ein Prog-Abenteuer allererster Güte, für das allein sich das Album schon lohnt - klarer Fall: Schweden liegt bisher ein paar Punkte vor Italien! (12 Punkte in der Einzelwertung)

Die zweite CD leiten Mad Crayon aus Italien ein. Das ist eine seltsame Zusammenstellung von Ideen: zunächst ein solides Songwriting, wie es einen guten 5-8-minütigen Song der mittleren Neoprog-Periode hätte abgeben können, dann verliert sich die Songstruktur in diversen Erweiterungen und Instrumentaleinlagen (z.T. mit guter Gilmour-artiger Gitarre), von denen manchen anzuhören ist, dass sie aus Jam-Sessions entstanden sein könnten. Alles das ist keineswegs schlecht, als Longtrack wirkt das Teil jedoch leicht zerfasert und unschlüssig. Aber die Stilmischung ist abenteuerlich und könnte trendsetting wirken: Neoprog-Melodik mit einer an z.T. an Porcupine Tree erinnernden Instrumentalarbeit, das könnte man "New Art-Prog" nennen:-) (8 Punkte in der Einzelwertung)

Etwas schroff kommen die Velvet Desperados aus Finnland daher: zunächst geben sie sich zwar schwebend-floydig, aber schon bald wird´s richtig ruppig. Der Gesang erinnert etwas an frühe Nektar, manche Passagen könnten unmittelbar aus deren "Journey to the centre of the eye" entsprungen sein. Im Mittelteil wird dann ziemlich hart abgerockt, bis diese Passage unerwartet in einen Blues mündet. Obwohl ich der Mischung aus Blues und Prog eher skeptisch gegenüberstehe, so muss ich doch zugeben, dass das hier funktioniert: die Musik strahlt eine Urgewalt aus, innerhalb derer ein solcher Uralt-Crossover logisch erscheint. Alle Achtung: eine solche Melange aus Zutaten der 70er kommt zwar Anno 05 etwas spät, aber gut, dass überhaupt mal wer auf diese Idee kommt - "Psychedelic Blues" - wieso nicht? (9 Punkte in der Einzelwertung)

Das Ende naht: In Filmen kommt zum Schluss meistens die überraschende Wendung. Nur: was soll den Hörer schon an einer Band überraschen, wenn sie "Revelation" heißt? - "From Genesis to..."? - You get the joke?

Zugegeben: Revelation sind in erster Linie wirklich eine italienische Genesis-Coverband, und Retro-Verächter brauchen schon eine Menge Humor (von wegen: "get the joke"), um auch diese letzte knappe halbe Stunde zu überstehen, aber als echte Verächter würden sie bis hierhin sowieso nicht durchhalten. Ich dagegen kann erst jetzt so feiern, wie ich es die ganze Zeit schon wollte. Revelation bringen Retroprog fast im Stil von The Watch: "fast" bedeutet, sie sind eher noch besser, weil sie ihren Retro-Sound melodischer gestalten. The Watch mit Hooklines - das wäre eine Möglichkeit, ihren Sound zu beschreiben. Natürlich fehlt hier nichts: Hackett-Gitarren, schwelgende Keyboard-Ohrbahnen, Madhatter-Stimme. Nach zwanzig Minuten gibt es gar ein paar Gitarrenakkorde im Phillips-Stil zu bewundern. Nur zum Schluss geht der Ideenreichtum leider etwas aus, da fällt ihnen nur noch gemächliches Ausblenden ein, was einem solchen Mammut-Koloss nicht ganz angemessen ist. (Trotzdem 13 Punkte in der Einzelwertung - das muss ich mir gönnen!)

Falls nun noch jemand einen Grund sucht, sich dieses Werk nicht zu kaufen: man kann es in kein CD-Regal stellen! Man kann es allenfalls auf seine CD-Reihen oben drauflegen; es kommt als Comic zur Story im DIN-A-4-Format. Als ich es aus dem Briefumschlag zog, dachte ich schon, da sei gar keine Musik drin :( (Aber ganz hinten befanden sich die CDs in dünnen Plastikhüllen - wohl dem, der noch ein leeres Doppel-Jewelcase in seiner Hausapotheke hat.

Anspieltipp(s): Selbst, wenn es das irgendwo anspielbereit gäbe - es versteht sich wohl von selbst, dass diese Longtracks dafür völlig ungeeignet wären.
Vergleichbar mit: All dem, was die Proggies der 70er im damaligen Gegenwind nicht mehr gebacken gekriegt haben - irgendwas sagt mir aber, dass man über dieses Werk keine 32 Jahre streiten wird.
Veröffentlicht am: 20.10.2005
Letzte Änderung: 22.1.2013
Wertung: 10/15
ein Durchschnittswert aus den obigen Einzelwertungen

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Alle weiteren besprochenen Veröffentlichungen von Colossus Projects (Finnland)

Jahr Titel Ø-Wertung # Rezis
2003 Kalevala - A Finnish Progressive Rock Epic 11.00 1
2004 The Spaghetti Epic - Six Modern Prog Bands For Six ´70 Prog Suites 9.00 1
2005 Odyssey - The Greatest Tale 9.00 1
2006 The 7 Samurai - The Ultimate Epic 8.50 2
2008 Dante's Inferno - The Divine Comedy Part I 10.50 3
2009 The Spaghetti Epic 2: The Good, The Bad And The Ugly 10.00 1
2009 Dante's Purgatorio - The Divine Comedy Part II 10.50 2
2010 Dante's Paradiso - The Divine Comedy Part III 10.00 2
2010 The Spaghetti Epic 3: The Great Silence 11.00 1
2016 Decameron – Ten days in 100 novellas – Part III 11.00 1

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