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24297 Rezensionen zu 16607 Alben von 6473 Bands.
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Höyry-Kone

Huono Parturi

(Siehe auch: Leitfaden "Skandinavischer Prog der 90er Jahre")
Coverbild
Informationen

Allgemeine Angaben

Erscheinungsjahr: 1997
Besonderheiten/Stil: RetroProg
Label: APM
Durchschnittswertung: 12.5/15 (4 Rezensionen)

Besetzung

Topi Lehtipuu Vocals, Violin
Jarno Sarkula Basses, Flute, Backing Vocals
Jussi Karkkäinen Guitars
Tuomas Hänninen Guitars
Teemo Hänninen Drums
Marko Manninen Cello

Tracklist

Disc 1
1. Beata Viscera 6:53
2. Terva-Antti Ku Häihin Lähti 4:02
3. Karhunkaato 4:21
4. Lumisaha 4:39
5. Baksteri 1:57
6. Huono Parturi 4:52
7. Ullakon Lelut 2:19
8. Tottele 2:39
9. Kala 5:11
10. Laahustaja 6:21
11. Laina-Ajalla 5:27
Gesamtlaufzeit48:41


Rezensionen


Von: Udo Gerhards (Rezension 1 von 4)


Nach ihrem Erstlingswerk "Hyontesia Voi Rakastaa" veröffentlichte die finnische Band "Höyry-Kone" wiederum beim schwedischen Label "Ad Perpetuam Memoriam" ihr zweites, grossartiges Werk: "Huono Parturi", zu deutsch: "Der schlechte Barbier".

Dass diese CD etwas besonderes ist, wird schon mit den ersten Tönen des eröffnenden "Beata Viscera" deutlich; wer sonst traut sich schon, ein Album mit einer Komposition eines mittelalterlichen Kirchenmusik-Komponisten (Perotinus) zu beginnen: über sanften Akkorden schwebt minutenlang schwermütig und voll die klassisch geschulte Stimme von Sänger Topi Lehtipuu. Und welch ein Übergang zum nachfolgenden "Terva-Antti Ku Häihin Lähti": zirpende Gitarre, schwerer rockiger Rhythmus, kratziges Cello.

"Höyry-Kone" zelebrieren mit beeindruckender Lässigkeit einen ebenso überraschenden wie absolut mitreissenden Stilmix: heftige, "King Crimson"-inspiriertes Geriffe à la "Anekdoten" (in der Tat gastiert "Anekdoten"-Drummer Peter Nordins auf zwei Tracks), darüber Violine und Flöte, dann das ganze mit Heavy Metal-Einflüssen, diese oft genug im Cello!!! Kennt jemand die vier ebenfalls finnischen Extrem-Cellisten "Apocalyptica" mit ihrer "Metallica"-Hommage? Man stelle sich diese in einen Prog-Bandkontext (schräge Klänge, schräge Rhythmen) eingebettet vor: voilà "Lumisaha" oder "Ullakon Lelut". Allerdings wird dieser Vergleich der Musik von "Höyry-Kone" natürlich lange nicht gerecht, denn da gibt es noch den Sänger, der mit schwermütigem, klassischen Timbre manchmal sogar einen Hauch von Salon-Sound in die Arrangements trägt; dann wieder meint man sich inmitten einen abgedrehten Kosaken-Chor versetzt ("Karhunkaato") mit dem unmittelbaren Drang mitzugrölen: Hahahahooooo Hahahahahoho. Endgültig am Haken hatte die CD mich mit "Baksteri": wie aus dem nichts zelebrieren drei Bläser zusammen mit der akustischen Gitarre eine burleske Polka. Grandios! Und gleich danach im Titelsong Anklänge an Tango, gebrochen durch seltsame maulige Gitarre.

Aufgepasst, hier ist eine Band, die sowohl ihr Handwerk perfekt beherrscht als auch sehr skandinavische melancholische Ernsthaftigkeit mit einem Augenzwinkern zu präsentieren weiss, das Ganze seltsam und schräg, ebenso rockig wie ergreifend und nie prätentiös oder schwierig, sondern stets absolut unterhaltsam. Mit einem Wort: fantastisch. Ich sage Euch: geht hin, und kauft "Höyry-Kone"-CDs, auf dass uns auch in Zukunft solche Kleinode beschert werden!

Anspieltipp(s): Karhunkaato
Vergleichbar mit: teils Anekdoten
Veröffentlicht am: 12.5.2002
Letzte Änderung: 12.5.2002
Wertung: 12/15

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Von: Marion Schoger @ (Rezension 2 von 4)


Es ist ein schöner Sommertag, die Sonne scheint hell und freundlich- und ich bin in einer Kirche. Was mache ich hier überhaupt? Ich gehöre doch eigentlich zu den Leuten, die nur an Weihnachten in die Kirche gehen und das eben auch nur, weil man das nun mal so macht. Außerdem könnte ich doch jetzt schön in der Sonne liegen und mich über das Vogelgezwitscher und den Blumenduft freuen.

Eine wundervolle, warme Tenorstimme erklingt wie aus dem Nichts und jetzt weiß ich genau, was ich hier mache: Einfach nur dem Gesang lauschen, ihn genießen und staunen.

Ich sehe, wie Straßenmusikanten, die offenbar auch von dem schönen Gesang angelockt worden sind, in ihren abgerissenen Klamotten hereinkommen. Zwei von ihnen tragen eine alte Gitarre mit sich, ein anderer seinen Bass und eine Flöte, der nächste ein Cello, der übernächste eine Violine. Der letzte zieht gut gelaunt sogar Teile seines Schlagzeugs hinter sich her.

Kein Wunder, dass alle braven Kirchengänger verdutzt dreinschauen und der Sänger aufgehört hat zu singen. Selbst der Pfarrer weiß nicht so recht, was er tun sollte. Ob er die Meute einfach rausschmeißen sollte? Immerhin findet hier ein Gottesdienst statt, auf den er besonders stolz ist. Solch einen Sänger findet man schließlich nicht alle Tage.

In diesem Moment durchqueren die Straßenmusikanten diese Gedanken und stimmen ihr fröhliches, rockiges Liedchen an. Die Gitarre rockt, das Cello kratzt und sie hüpfen fröhlich in der Kirche umher und reißen alle mit- selbst der Pfarrer fängt an zu klatschen und legt all seine Zweifel ab. Nachdem der Sänger seinen ersten Schock überwunden hat, stimmt er schließlich auch mit ein und beeindruckt durch seine variable, sogar manchmal auch rockige Stimme.

Wahnwitzige Polka-Rhythmen, Flötengezwitscher, Gitarrengebratze, Cellogekratze, Violinengespiele und heftiges Schlagzeuggeklopfe später finde ich mich in meinem Bett wieder. Soll das alles nur ein Traum gewesen sein? Ich blicke auf meine Höyry-Kone-CD, lege sie ein und weiß, dass ich diesen Traum und diesen Wahnsinn immer wieder erleben kann.

Anspieltipp(s): Karhunkaato
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 27.5.2006
Letzte Änderung: 27.5.2006
Wertung: 12/15

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Von: Thoralf Koss @ (Rezension 3 von 4)


Acht Jahre später – der Traum von Marion geht weiter bzw. ist zum Greifen nahe! Endlich ist es wieder möglich, gemeinsam mit meiner Vorkritikerin in crimsonesken, extrem progressiv-musikalischen Träumen zu schwelgen und das seit langem vergriffene zweite und zugleich letzte Album der Finnen mit dem zutreffenden Spitznamen Finn Crimson zu erstehen.

Höyry-Kone kombinieren auch auf „Huono Parturi“ (Der böse Barbier) erneut eine wilde Musik-Mixtur aus Jazz-Rock mit deutlichem Hang zu King Crimson und Gentle Giant, wobei sie eine besondere Musikbreitseite zwei Streichinstrumenten, nämlich Violine und Cello, einräumen. Allerdings tragen die Streicher nicht etwa getragene, klassisch anmutende Klänge bei, sondern ballern den Hörer mit harten progrockigen Einlagen, wie sie selbst ihre finnischen Landsleute von APOCALIPTICA nicht besser hinbekommen würden, regelrecht zu.

Während uns anfangs mit „Beata Viscers“ mittelalterliche Kirchenmusik und klassisch geschulter Gesang regelrecht zu foppen vermag, kennt der progressive Wahnsinn, dem dieser „Böse Barbier“ (fin. Huono Parturi) unterworfen ist, ab dem zweiten Titel keine Grenzen mehr. Röhrende Gitarren, krachendes Schlagzeug, wummernde Bässe, charismatische, ungewöhnliche Gesänge und immer wieder Streicher, Streicher, Streicher, die jagen durch Höllenqualen und Himmelspreisungen jagen, bis wir nach dem letzten Ton von „Huono Parturi“ sehr eindrücklich zu dem Schluss kommen, dass für diese finnische Band wirklich nur der Name Höyry-Kone (Dampfmaschine) zutreffend sein kann, während der böse Frisör sein Rasiermesser ansetzt. Egal! Hauptsache er schneidet uns nicht die Ohren ab, denn die haben jede Menge zu tun, so lange dieser Silberling in unserem Player kreist.

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit: King Crimson, Gentle Giant
Veröffentlicht am: 19.2.2014
Letzte Änderung: 19.2.2014
Wertung: 13/15
Zwar nicht der Frisör unseres Vertrauens, dafür aber einer mit gigantischem Musikgeschmack! Hier sollte sich Robert Fripp die Haare schneiden lassen!

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Von: Nik Brückner @ (Rezension 4 von 4)


Wie schön, dass Kollege Thoralf zur Zeit die guten alten Höyry-Kone-Alben noch einmal bespricht. Danke Thoralf! Die haben wirklich Aufmerksamkeit verdient.

Das Album beginnt mit "Beata Viscera", von dem ich vermute, dass uns Topi Lehtipuu damit nicht bloß foppen wollte. Dafür ist das zu ernst vorgetragen. Anderswo (selbstverständlich nicht auf den BBS) liest man, das sei klassische Musik, tatsächlich handelt es sich um mittelalterliche Musik, und zwar, wie Udo schon schreibt, um Musik von Perotinus, dem bedeutendsten Komponisten der Pariser Notre-Dame-Schule, der so um 1200 herum lebte. "Beata Viscera" ist ein marianisches Stück, geschrieben für die Kommunion. Es lehnt sich an Psalm 45 an.

Gar nicht mal so ungewöhnlich ist die Gegenüberstellung von Alter und Neuer Musik, wie sie hier, nur vermittelt durch eine Reihe von Obertönen, nun ebenfalls geschieht. Die Neue Musik wird vertreten durch das, was man so landläufig Kammerrock oder RIO nennt. Diese Musik ist sperrig, aber noch in der erträglichen Hälfte des Übergangsbereiches zwischen King Crimson ("Larks'"/"Red"-Phase, das muss man bei dieser Band immer dazusagen) und, naja, sammerma Present angesiedelt. Ich lese zwar immer Univers Zero, aber da scheint mir Present treffender zu sein. Na, machen wir ein Dreieck draus.

Obwohl von acht auf sechs heruntergeschrumpft, machen Höyry-Kone nicht weniger Krach als auf dem Vorgänger. Ein wenig gepflegter vielleicht, obwohl schon "Hyönteisiä voi rakasta" nicht gerade ungepflegt war. Dazu trägt Topi Lehtipuus klassisch ausgebildete Stimme viel bei, sie ist der eigentliche klangliche Gegenpol zu den doch sehr rauh gespielten Gitarren, dem Bass und den Kratzinstrumenten.

Die Krässe der Stücke 2-11 (nicht alle sind Songs, es sind auch Instrumentals dabei) wird nun eher durch die Melodik erzeugt als durch allzu verstiegene Krummtaktigkeit. Die es natürlich gibt, aber in Maßen, jenseits technomaner Frickeleien, so dass die Musik mit ihren Riffs doch recht wuchtig daherkommt. Das hat bisweilen sogar Headbangqualitäten ("Lumisaha", "Tottele"). Die Melodien sind vorhanden, aber halt eher schräg. Die Band fürchtet keine Dissonanz – und dennoch bleiben die Melodien immer nachvollziehbar, umso mehr als sie mit einer wirklich kompetenten Stimme vorgetragen werden. Wie gesagt: Höyry-Kone bewegen sich oft in der Nähe von King Crimson anno 1973.

Oder von Frank Zappa. "Baksteri" läuft hier gerade durch.

Und dann auch wieder nicht. Schon mit dem Titeltrack geht es wieder zurück in brachialere Gefilde. Bei solchen Stücken werden die Gitarren und das Cello als Riffreibeisen eingesetzt. Doch Höyry-Kone lieben die Kontraste: "Kala" enthält eine wunderbare Passage in einem hypnotischen, floydig-beckenlastigen 6/8-Rhythmus, vor dem sich Cello, Stimmen und Gitarre zu einem immer dichter und dichter gewobenen Gewebe verweben. Das Faszinierende an Kammerprog ist ja immer, dass die Bands bei aller Düsternis und Brachialität mit unglaublicher subtiler Präzision spielen, und dadurch die Klangfarben ihrer Instrumente in den verschiedenen Kombinationen zur Wirkung bringen können. Das ist weitaus eindrucksvoller, als wenn das jemand mittels Soundtricksereien im Studio zurechthübschen muss, weil die Band es nicht alleine kann. Die hier konnten das, und sie zeigen auf eindrückliche Weise, wie man dabei zugänglich bleiben kann. Und schön. Denn diese Musik ist oft auch einfach nur schön.

Für Einsteiger geeignet? Aber sicher! Obwohl sicher nicht jeder damit einverstanden sein wird, dass Udo diese Musik mit reichlich Chuzpe als Retroprog eingestuft hat. Ich frage mich ja immer, wie viele mutige Menschen es dort draußen geben mag, die den Schritt vom Progressive Rock zum progressiven Rock wirklich wagen. Sie seien hiermit ausdrücklich dazu ermutigt! Höyry-Kone könnten genau die richtige Einstiegsdroge sein.

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit: King Crimson ("Larks'"/"Red"-Phase), Present, Univers Zero; Gentle Giant höre ich dagegen eher nicht. Die hatten einen ganz anderen Approach.
Veröffentlicht am: 20.2.2014
Letzte Änderung: 20.2.2014
Wertung: 13/15

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Alle weiteren besprochenen Veröffentlichungen von Höyry-Kone

Jahr Titel Ø-Wertung # Rezis
1995 Hyönteisiä voi rakastaa 12.50 2

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