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Nik Brückner



Beiträge

Zu allen 1173 Album-Rezensionen, 118 Lesestoff-Rezensionen, 4 Glossar-Einträgen, 1 Beiträgen zu den Babyblauen Annalen von Nik Brückner

Vorstellung

Selbstbeschreibung


The trouble with having four certified musical genuises on the same stage at the same time is that if you aren't enjoying the show, you assume it's your fault.
Ethlie Ann Vare

The inability of this music to "progress" is symptomatic of the postmodern condition, and is a result of forces that extent far beyond prog, or even rock itself: In The Future of Jazz [...] a group of leading jazz critics bemoan the fact that jazz appears to be a music whose future - if it has one at all - involves endless self-repetition. The future of Western classical music has, of course, been in doubt for years. It is significant that the style of music in the Western world that presently shows the most creative vitality, rap, is based on an ideology to which the idea of "progression" is foreign.
The fans do not necessarily deserve all the blame. The owners of most of the prog labels were similarly conservative in their tastes, as were the majority of prog music distributors. The fans who knew what they liked, and liked what they knew, by and large weren't given the chance to find if they might also like what they didn't know.

Edward Macan



Servus!

Okay, Achtung, hier steht viel. Ich bin bekannt dafür, lange Texte zu schreiben. Tut mir Leid. Nein, tut mir nicht leid. Aber ich denke, zur Orientierung ist es vermutlich sinnvoll, wenn ich hier vorweg kurz sage, was weiter unten alles zu lesen sein wird. Gewissermaßen ein Inhaltsverzeichnis. Okay, definitiv ein Inhaltsverzeichnis.

A. Unter A. steht zunächst ein bisschen was über mich und darüber, wie ich rezensiere.

B. Was verstehe ich unter Prog? Ein Definitionsversuch.

C. Meine Gedanken zu der Frage, ob Progressive Rock progressiv war, ist, oder sein muss.

D. Die leidige Rezensiererei - Warum eigentlich Platten rezensieren?
Unter D verliere ich dann auch ein paar Worte zu den Themen Geschmack, Qualität, Objektivität.

E. Dann folgt noch etwas Werbung für Bücher und meine Website www.progbibliography.de.

Zum Schluss gibt's die üblichen Listen:

- meine (mehr oder weniger) aktuelle Playlist,

- meine Top-Alben im jeweils vergangenen Jahr,

- meine all Time Top 10,

- die Prog-Subgenres, auf die ich stehe,

- ein paar Non-Prog-Platten, die ich mag.

Okay! Dann viel Spaß beim Lesen!



A. Ich bin Zeugungsjahr '71 und wie offensichtlich gar nicht so wenige, über Queen an den Prog gekommen: Auf der Suche nach Ähnlichem wurde ich in Rocklexika fündig: Asia. Über Asia kam ich auf Yes, ELP und King Crimson, die ich mir in dieser Reihenfolge erschlossen habe. Dazu muss ich gleich sagen: Ich tendiere nicht dazu, Musik zu hören, weil sie mir gefällt. Ich bin der Meinung, dass man Gefahr läuft, auf der Stelle zu treten, wenn man immer nur das tut, was einem gerade gefällt. Weiterentwicklung (und das nicht nur in Geschmacksfragen), kann es nur geben, wenn man das tut, hört, was einem morgen gefallen wird. Ich weiß noch, dass "Fragile" ein Jahr lang bei mir im Regal stand, weil ich beim ersten Hören vollkommen überfordert war. Es gefiel mir nicht - aber ich hatte kapiert, dass es gut war. Und ein Jahr später hörte ich nichts anderes. Das ist mir später noch ganz oft passiert: Mit Gentle Giant, Magma, RIO, und zuletzt mit Progmetal. Für mich ist es eine Reise, aber eine, die nicht auf Zufall beruht. Ich suche bewusst nach Neuem. Wichtig ist für mich vor allem die Frage: Verändert mich die Musik? Und zwar in zweierlei Hinsicht: Zum einen ist sie ein guter Indikator für die eigene ästhetische Entwicklung: Bemerke ich, daß ich immer wieder zu ähnlichen Sachen greife, dann ist das vielleicht ein Kriterium dafür, dass ich nicht qualitätvoll genug höre: Denn wenn mich eine bestimmte Musik verändert, dann muss ich ja einen Schritt vorwärts machen, um wieder etwas zu finden, was mich weiter verändert, weil eine bestimmte Veränderung ja nicht wiederholbar ist. Ich brauche dann eine neue Musik mit einer anderen Qualität. So wird Musikhören zu einer persönlichen Entwicklung.

Alles in allem kann ich glaubich behaupten, dass ich Musik dann umso ernster nehmen kann (und das schließt humorige oder ironische Sachen ein), wenn man dahinter eine ernstgemeinte künstlerische Haltung spürt. Ein Musiker packt mich dann, wenn es ihm scheißegal ('tschuldigung, aber ich meine es nunmal gerade so) ist, ob ich mag, was er macht, weil er macht was er mag. Oder ob er Kohle verdient mit dem, was er tut. Das Ganze muss von einer künstlerischen Integrität zeugen, sonst finde ich es, naja, nicht unbedingt uninteressant, oder schlecht, das nun nicht, aber - das trifft es wohl am ehesten - belanglos.

Mittlerweile gehöre ich zu dem einen Prozent der Progfans (so jedenfalls das Ergebnis der Umfrage einer amerikanischen Prog-Website), die Zeuhl mögen. Persönlich habe ich es gern krachig und kompliziert, die Rhythmen krumm und windschief, die Melodien schräg. Die Flower Kings und Neal Morse sind meine Untergrenze, Pendragon-Fans sollten meine Pendragon-Rezensionen lieber nicht lesen. In meinen Rezensionen geht es aber nicht um meinen persönlichen Geschmack. Ich gehöre auch nicht zu denen, die ihre Männlichkeit darüber konstruieren, dass sie eine gelungene Melodie krampfhaft kitschig finden (was nicht heißen soll, dass man eine Melodie nicht auch aus anderen Gründen kitschig finden kann), der Progressive Rock ist auch so schon oft genug eine Ausrede für Musiker, die keine Melodien schreiben können.

Ich versuche, mich beim Rezensieren am Objekt, also an der Musik zu orientieren, nicht daran, wie sie auf mich wirkt (dazu schreibe ich weiter unten noch was). Das fängt damit an, dass ich mir über die Jahre einen klaren Begriff von Progressive Rock gebildet habe (dazu unten mehr), deshalb oft schreibe "das ist kein Prog", und dafür immer wieder auf die Nase kriege. Aber ich kann mein Urteil begründen, und ich lege meine Maßstäbe offen. Darauf kommt es an. Vielleicht hilft's dem einen oder der anderen: Für mich sind "As the World" (Echolyn), "Heart of the Sunrise" (Yes), "Clown on Fire" (Hal Darling) oder "Thoughts Part II" (Spock's Beard) nahe am Prototyp - wenn diese Songs auch nicht alle zu meinen Lieblingssongs gehören. Also: Nicht jedes Album, das von mir eine gute Note kriegt, gefällt mir auch - und umgekehrt. Es gibt einen Unterschied zwischen Geschmack und Qualität - wer wüsste das besser als einer, der alles isst was blau ist...

Beim Rezensieren sollte es nicht darum gehen, dass ein Rezensent der Welt mitteilt, was er mag und was nicht. Das wäre reichlich egozentrisch. Den Leser einer Rezension interessiert ja auch nicht, ob der Rezensent die Musik mag, ihn interessiert, ob er selbst sie mögen könnte. Ich wäre ganz schön überheblich, wenn ich eine hohe Punktezahl vergeben würde, nur weil mir ein Album gefällt. Was würdet Ihr sagen, wenn ich "Asia" 15 und GTR 12 Punkte geben würde? Und "Foxtrot" 5?

Was noch? Ich haue gern mal auf den Putz und schreibe ironisch, polemisch oder gar provokant. Ich verstehe, dass Menschen verschieden sind, dass jeder seinen eigenen Geschmack hat, dass diese Geschmäcker sehr unterschiedlich sind, und ich fühle mich nicht im Geringsten persönlich angegriffen, wenn jemand ein Album schlecht bewertet, das ich gerne mag. Ich mag z. B. Asia - und mir ist deren Image als cheesy Pathosrock in vollem Umfang bewusst. Aber wenn jemand deshalb über Asia lacht, beleidigt das mich persönlich nicht im Geringsten - ich bin nicht Asia. Auf den selben Gleichmut, und das gleiche Selbstbewusstsein hoffe ich auch bei meinen Lesern. Niemand hat etwas davon, wenn alle einer Meinung sind, und das Diskutieren über Platten ist eines der Dinge, die ich am Fantum am anregendsten finde.





B. Was verstehe ich unter Prog?

Ich bin Prog-Fan, Ihr ja vielleicht auch. Mir ist es deshalb zunächst einmal wichtig, zu wissen, ob eine Band Prog macht oder nicht. Wenn ich aber beurteilen will, ob etwas Prog ist oder nicht, muss ich klarstellen, was für mich Prog ist, und damit, auf welcher Basis ich rezensiere. Im Folgenden geht's mir also darum, die Grundlagen meiner Rezensionen offenzulegen. Wer schreibt, "das ist kein Prog" muss klarstellen, was für ihn Prog ist, wer schreibt "das ist mir zu simpel" muss klarstellen, was für ihn komplex ist.

Also habe ich Bücher gewälzt, in Nachschlagewerken nachgeschlagen und Webseiten konsultiert. Darunter auch, und nicht zuletzt, die Babyblauen Seiten. Dort fand ich in Udos Definitionsversuch den interessanten Satz: "Keines dieser Merkmale ist hinreichend dafür, daß Prog vorliegt, ebenso wie kein einzelnes davon notwendig ist."

Das ist zwar bedenklich, aber nicht überraschend, denn so ist es wohl mit allen kulturellen Hervorbringungen. So gern unser Hirn kategorisiert, so verworren scheinen die Ergebnisse unseres Tuns. Ich habe mir also, um verworrenes Tun von vornherein zu vermeiden, die gängigen Prog-Kriterien aus allen möglichen Quellen zusammengeschrieben und mir dazu meine Gedanken gemacht. Gehen wir sie doch einfach mal durch:


B.1 Abgeklappert: Die gängigen Prog-Kriterien

- Progressive Rock ist fortschrittlich. Das hat früher sogar mal gestimmt: Ursprünglich, in den Sechzigern, war der Prog die gegenüber der traditionellen fortschrittliche Rockmusik. Aber wie ist das heute? Was ist mit dem ganzen Retroprog? Den Klonbands? Wer Progressive Rock über seine (angebliche und kaum nachweisbare) Fortschrittlichkeit definiert, grenzt diese (und andere) Bands aus. Nein: "Progressive Rock" ist heute der Name eines Stils, mit dem über das Fortschrittlich-Sein seiner Vertreter nichts ausgesagt wird. Das geht ja auch nicht anders: Wie sollte man ein Genre überhaupt wiedererkennen, wenn es sich ständig verändern würde?

- Was ist mit den berühmt-berüchtigten Konzeptalben? Anders gefragt: Braucht es ein Konzept, damit ein Album ein Prog-Album ist? Sicher nicht! Es wäre müßig, Progbands aufzuzählen, die noch nie ein Konzeptalbum aufgenommen haben (Yes, ELP, King Crimson, Renaissance gehören dazu). Es gibt zehntausend Progalben, denen kein Konzept zugrunde liegt. Andersherum gibt es viele Nonprogalben, denen Konzepte zugrunde liegen, sehr berühmte sogar: "Tommy" und "Quadrophenia", "Flash Gordon" von Queen... Aber mal ganz abgesehen davon: Progressive Rock ist ein Musikstil, ein Konzeptalbum aber ist eine Art und Weise, Themen auf einer Platte zu organisieren - es handelt sich also nicht einmal um ein musikalisches Kriterium.

- Gibt es denn einen charakteristischen Progsound? Worin könnte der bestehen? Im Pathos (auch seltsam "Bombast" genannt)? Im Versuch, eine Rockband als eine Art kleines Orchester zu betrachten? In den Keyboardsounds?
Dann wären da die rockfremden Instrumente, die Violine bei Kansas, die Querflöte bei Jethro Tull, das Saxophon bei Van der Graaf Generator, das Cembalo bei Il Balletto Di Bronzo. Doch was ist mit Yes, ELP, Spock's Beard oder Dream Theater? Die setzen die für den Rocksound ungewöhnlichen Instrumente doch allenfalls stellenweise als zusätzliche Klangfarbe ein. Außerdem gibt's solche Instrumente in der Popmusik doch allenthalben, von den Beach Boys und den Beatles bis zu den Stranglers und Manowar.
Und was ist mit den ganzen anderen, - nennen wir sie mal - besonderen Instrumenten, vor allem den Neuentwicklungen, auf die Progmusiker oft so scharf sind? Früher waren das ARPs, Moogs, Mellotrone, später kamen Triple-Neck-Gitarren, elektronische Drums, die Warr Guitar dazu - und gibt es Stickisten und Thereminierer überhaupt jenseits des Progressive Rock?!
Na, die meisten Progbands beschränken sich doch auf das klassische Rockinstrumentarium und empfinden das offenbar keineswegs als Beschränkung. Kann man Prog auch ohne besondere Instrumente spielen? Aber sicher!
Prog ist, im Gegensatz zu einer weit verbreiteten Meinung, keine Musikrichtung, die sich besonders stark über den Sound definiert. Der Sound, also die Klanggestalt, ist nicht der Punkt. Man kann Musik durch die Wahl der Instrumente und die technischen Möglichkeiten des Studios auf die eine oder auf eine ganz andere Art klingen lassen. Man kann "Stayin' Alive" klingen lassen, wie es die Bee Gees gemacht haben, oder so, wie Ozzy Osbourne und Dweezil Zappa es gemacht haben. Hier Disco, dort Metal: Der Sound ist vollkommen verschieden, ja konträr. Es bleibt aber die gleiche Musik: Die gleichen Noten, die gleichen Tonhöhen, das gleiche Tempo. Nur die Klanggestalt ändert sich. Diese Klanggestalt ist der Sound.
Der Prog ist bei weitem nicht so stark über den Sound definiert wie andere Musiken. Das ist bei anderen Musikrichtungen ganz anders: Metal, Klezmer, Reggae, Volkstümliche Musik - klar, auch da gibt es andere Kriterien, aber der Sound steht dort doch relativ stark im definitorischen Vordergrund. Prog dagegen ist keine Musik, die man schon dann automatisch macht, wenn man irgendwas auf einem Mellotron spielt. Es genügt nicht, den Rickenbacker auszupacken, sich eine Gibson ES175 umzuschnallen, das Birotron einzuschalten und schlecht Schlagzeug zu spielen, um wie Yes zu klingen, das haben zahlreiche sogenannte Klonbands bewiesen. Der Sound alleine macht es nicht, noch lange nicht.
Nehmen wir ein paar der frühen Progbands, sagen wir Yes, King Crimson, Renaissance und Henry Cow. Die haben soundmäßig praktisch nichts gemeinsam. Nicht mal die King-Crimson-Alben untereinander haben soundmäßig besonders viel gemeinsam, auch nicht Robert Fripps Gitarre. Fazit: einen Progsound gibt es nicht. Als Proghörer zu sehr auf den Sound zu hören, heißt nach meiner Auffassung, am Prog im Prog vorbeizuhören.

- Was ist mit den anspruchsvollen Texten? Literarische Thematiken wie Romantik, Mittelalter, Science Fiction, Fantasy? Oder spirituelle, religiöse, psychologische und esoterische Themen? Politische oder gesellschaftskritische Inhalte?
Na, da war ja schon so ziemlich alles dabei... Dass in dieser kurzen Auflistung so ziemlich alle relevanten Lebensbereiche abgedeckt sind, scheint darauf hinzudeuten, dass es so etwas wie eine Progthematik nicht gibt. Und es ist müßig, zu zeigen, dass diese Themen auch in anderer Musik in extenso verhandelt werden. Außerdem ist Prog eine Musik, und keine Textgattung. Wir brauchen musikalische Kriterien!

- Die aufwändig gestalteten Plattencover: Ja, auch die werden als Progkriterien genannt. Man glaubt es kaum. Mein, wie gesagt, es geht hier um eine Musikrichtung, nicht um Verpackung.

- Longtracks! Aber das muss es doch nun sein! Das weiß doch jeder: Progbands machen Longtracks. Oder doch nicht? Yes' "Five per cent for nothing" ist mit gerade mal 0:35 veritabler Prog und "Faithful Axe" von Mike Keneally enthält in 1:25 laut dem Ralf J. Günther "mehr authentische Yes-Musik als "Open your Eyes", "The Ladder" und "Magnification" zusammen". Andersherum sind "November Rain" und "Walk on" von Boston keine Progsongs.
Ist eine Band wenigstens dann eine Progband, wenn ein erheblicher Anteil ihrer Musik aus Longtracks besteht? Keineswegs. Von 185 Yes-Songs (Stand: Februar 2011) sind gerade mal 10 über 15 Minuten lang. Und Magma ist aus ganz anderen Gründen eine Progband.
Kann man auch 3minütige Progsongs schreiben? Aber sicher! Wird ein Song automatisch zu Prog, wenn er lang wird? Sicher nicht!

- Mit den Longtracks eng zusammen hängen die angeblich ausnehmend langen Instrumentalsoli, die im Prog gespielt werden. Aber im Vergleich wozu? Zur Popmusik? Da gibt es schon lange überhaupt keine Soli mehr. Nein, in der aktuellen Popmusik meine ich, nicht in der von vor 20 Jahren, die du kennst. Genau. Keine Soli. Gut, dann gibt es eben keine besonders langen Soli im Prog, sondern überhaupt welche. Die gibt es auch anderswo? Genau.

- Aber wie ist das mit der Virtuosität, die in solchen Soli zum Ausdruck kommt? Wirken in Progbands nicht Keyboardwizards, Gitarrenvirtuosen, Ausnahmeschlagzeuger und Meilensteinbassisten? Tja, schön wär's... Wichtiger ist doch: Es kommt weniger auf den Musiker an, als auf das, was er spielt. Denn wenn ein Musiker in der Lage ist, sowohl Einfaches als auch Komplexes zu spielen, dann muss man weniger auf den Musiker schauen, als vielmehr auf das, was er spielt.


Das waren sie, die üblichen Progkriterien. Aber irgendwie scheint mir das nicht hinzuhauen. Aber es gibt noch ein paar andere. Schauen wir uns die doch mal an:


B.2. Nachgetragen: Die interessanten Prog-Kriterien

- Eng mit der Virtuosität verbunden ist die Versiertheit mancher Prog-Musiker in verschiedenen Stilen, die dann oft in der Einbindung aller möglicher Musiken, von Klassik über Folk und Jazz bis hin zur Avantgarde zum Ausdruck kommt. Dies können Übernahmen verschiedenster Art sein, etwa Neuarrangements klassischer Stücke, einzelne Zitate, Anspielungen, Stilzitate und so weiter. ELP sind damit berühmt geworden, bei ihnen finden sich Bezüge in die Klassik und die Avantgarde hinein ebenso wie zu Jazz, Dixieland, Ragtime, Music Hall, Rock 'n' Roll, Filmmusik und natürlich Folk und Rock. Das lateinische Wort "textura" ('Gewebe') aufgreifend nennt man so ein Gewebe von Bezügen "Intertextualität". Und weil sich der Prog über all diese Musiken hinaus auch mit sich selbst beschäftigt, nennt man ihn in solchen Fällen auch selbstreferenziell: der Prog ist nicht nur Musik über Einhörner, Schachbretter und Außerirdische, der Prog ist auch Musik über Prog. Dream Theater z. B. verwenden Motive immer wieder in neuen Zusammenhängen, King Crimson bezeichnen sich selbstreferenziell als Dinosaurs, der Retroprog ist ein Dialog mit seinem eigenen Genre (und mit Genesis). Der Prog zieht damit eine Metaebene ein, auf der es ihm möglich ist, über sich selbst nachzudenken - und zu musizieren.

- Auch das Kriterium der musikalischen Komplexität wird oft genannt. Der Progressive Rock unterscheide sich vor allem durch komplexe Strukturen, Harmonik und Melodik, Rhythmik von der herkömmlichen Rockmusik. Aber was bedeutet "Komplexität"? Unterscheiden wir:

a) Formale Komplexität: Wir kennen das: Die Popmusik beschränkt sich selbst auf eine immer nur wenig variierte Struktur, die aus den Elementen Strophe, Refrain und Bridge besteht. Der Prog geht darüber hinaus, pfeift auf die rocküblichen 4-, 8-, 16-Takte-Schemata, stellt Lautes neben Leises, Aggressives neben Lyrisches, bringt mitten im Song plötzlich neues Material, greift bereits Bekanntes danach wieder auf, oder übernimmt Bauformen aus der Klassik: baut etwa a la Sonate Variationen und Durchführungen bereits vorgestellter Themen in seine Musik ein oder bastelt (mehr oder weniger geschickt) Suiten zusammen. Selbst Fugen soll es hier und da geben. Nicht schlecht! Jetzt müssen wir fragen: Gibt's das nicht auch anderswo? Oh ja, in der Klassik natürlich. Aber die ist nun einmal die Klassik - und daraus ist es ja entlehnt. Das könnte mir bei meinem Definitionsversuch also weiterhelfen.

b) Harmonische Komplexität: Öfters liest man, der Prog nutze (offenbar ist gemeint: im Gegensatz zur Popmusik) ungewöhnliche Intervalle, die nahe an der Dissonanz liegen, wie die Sekunde, die große Septime oder den Tritonus. Selbst atonale Passagen seien ihm nicht fremd.
Klar, all das gibt es und zu alledem fallen mir auch tolle Beispiele ein. Aber: Wo war noch gleich der nächste Tritonus jenseits von ELP, King Crimson und RIO? Schwierig. Viele Progsongs - und ich denke dabei an eindeutige Progsongs - gehen über die in der Pop- und Rockmusik weit verbreitete Orientierung an einer Grundtonart, auf die sich alle verwendeten Akkorde stützen, nicht hinaus.
Dennoch, es fällt auf, dass viele Progbands versuchen, sich in Gefilde jenseits von Powerchords und 3-Akkord-Schemata zu bewegen, das Festklammern an der Grundtonart aufzulösen oder die Akkorde selbst (etwa nach dem Vorbild des Jazz) mit zusätzlichen Tönen auszubauen und dadurch interessantere Klangfarben entstehen zu lassen. Also noch ein brauchbares Argument.

c) Kommen wir zur rhythmischen Komplexität: Dazu zählen vor allem die beliebten Breaks (Taktwechsel), die ungeraden Takte (5er-, 7er-, 9er-Takte) und die Polyrhythmik, also die Überlagerung verschiedener Rhythmen, bzw. die Polymetrik, also die Überlagerung verschiedener Taktarten. Auch das ist ein brauchbares Argument.

Diese letzten paar Kriterien scheinen im Vergleich zu den vorigen schon viel interessanter zu sein. Wenn ich definieren will, was ich unter Prog verstehe, dann muss ich mich wohl oder übel mit diesen begnügen.


B. 3. Die Grundlagen meines Definitionsversuchs

Zunächst einmal denke ich, dass man mit Beispielen vorsichtig sein muss. In den meisten Definitionsversuchen werden als Beispiele nämlich Bands genannt, die sich um 1970 gegründet und zehn Jahre später stilistisch neu orientiert oder gar aufgelöst haben. Dies ignoriert die jüngeren Entwicklungen im Genre, damit die weitaus überwiegende Zahl der Veröffentlichungen, und birgt so die Gefahr, an der Realität und vor allem an der Gegenwart des Prog vorbeizudefinieren. Eine brauchbare Progdefinition muss also den Stil im Blick haben und nicht die Geschichte des Genres - schon gar nicht ausschließlich seine Frühgeschichte. Darüber hinaus muss sie sowohl progressiven Prog als auch regressiven Prog (Retroprog, Neoprog, die Klonbands) beschreiben können - womit ich mich schon mal von dem Kriterium der Fortschrittlichkeit verabschieden kann.

Was muss noch im Voraus bedacht werden? Für meinen Definitionsversuch braucht es zwei Grundlagen. Erstens: Prog ist eine Musikrichtung, meine Definition sollte also musikalische Kriterien verwenden. Texte, Plattencover, Albumkonzepte oder Bühnenshows schließe ich aus. Zweitens: Es scheint nicht zu genügen, sich auf die Oberflächenstruktur der Musik (Sounds, Klangfarben etc.) zu beschränken, weil man es dann mit vielen Charakteristika zu tun hat, die es auch in anderen Musikstilen gibt. Ich will also auch auf abstraktere Ebenen achten.

- Ein Kriterium für Prog könnte die Absicht des Musikers sein, Prog zu spielen. Seltsamerweise ist dieses Kriterium in der Diskussion so gut wie nie aufgetaucht. Dabei ist der Gedanke wirklich naheliegend, denn es ist schwer vorstellbar, dass jemand Prog hervorbringt, wenn er gar keinen Prog machen will. Oder doch? Was ist mit den Urvätern des Genres? Die konnten das gar nicht wollen, denn sie wussten ja nicht, was Prog ist. Sie mussten den Stil ja erst schaffen. Und so liest man oft in Interviews, das die Musiker damals dachten, sie machten einfach nur Rockmusik, auch wenn sie mit ihrer jeweiligen Spielart über das Bisherige ein kleines Stück hinausgingen. Aber sie sahen das als eine Kontinuität, und nicht als Bruch an, schon gar nicht als einen, der Stilgrenzen hervorgebracht hätte.
Heute ist das etwas ganz anderes: Ein Neal Morse, ein Roine Stolt oder ein John Petrucci setzen sich hin, um Prog zu schreiben, es ist ihre Absicht und Prog ist die Musik, die sie schreiben. Aber ein Keith Emerson, ein Jon Anderson oder ein Robert Fripp konnten das 1970 nicht tun.
Andersherum ist es durchaus möglich, trotz der festen Absicht, Prog zu machen, keinen Prog zu machen. Absichten können scheitern. Wenn ich das, was Prog zum Prog macht, nicht kenne, oder nicht leiste, kann das passieren: Jemand will Prog machen, aber das Ergebnis ist AOR, Neoklassik, Jazz - oder schlecht, klar, das gibt's auch.



Also: Ich habe langatmig zerlegt, was den Prog in meinen Augen nicht definiert und auseinandergefummelt, wie meine Definition beschaffen sein soll. Was definiert ihn denn nun?

- Da wäre zunächst die Komplexität in Struktur, Harmonik und Melodik, Rhythmik und Stilistik. Interessanterweise scheinen mir dabei für den Höreindruck die strukturelle und die rhythmische Komplexität am wichtigsten zu sein: In Rushs Progphase sind 16% ihrer Takte unregelmäßig, in der Phase, die gemeinhin als nicht mehr proggig gilt, nur noch 3%. Man höre sich mal "Limelight" an, der Song ist überhaupt nur deshalb Prog, weil er rhythmisch komplex ist. Aber wer ihn kennt, weiß, das allein reicht völlig aus.

Ebenso ist es mit formalen Aspekten: Obwohl eine Struktur jenseits des Strophe-Refrain-Bridge-Schemas keine notwendige Bedingung ist, liegt der Progverdacht bei verschachtelt gebauter Rockmusik doch recht nahe.

- Einige Kennzeichen des Postmodernismus scheinen mir im Prog eine besondere Rolle zu spielen. Da ist zum einen die Intertextualität, die vor allem auf der stilistischen Ebene zum Ausdruck kommt, und die Selbstreferenzialität, die man in vielen Zitaten und Anspielungen erkennen kann, die aber auch ganze Subgenres hervorgebracht hat, vor allem all jene, deren Namen mit "Retro-" beginnen.

- Ein weiteres Kennzeichen muss man wohl - auch wenn ich das ungern tue - in Abgrenzung zur Popmusik durchdenken: Popmusik beruht auf Wiederholung. Ihr repetitiver Charakter bringt es mit sich, dass das Hören von Popmusik ein in die Zukunft hinein gerichtetes Hören ist: Selbst bei einem mir unbekannten Popsong weiß ich im Vorhinein einige Dinge wie z. B. dass ich nach ca. 45 Sekunden den Refrain zu erwarten habe, dass ich die Strophe, die ich gerade höre, nach dem Refrain noch einmal zu hören bekomme und dass ich auch den Refrain, den ich gerade höre, nach der nächsten Strophe noch einmal zu hören bekommen werde. Das ist es wohl auch, was die Popmusik zu vorhersehbar macht, so mitsingbar, und damit in den Ohren Vieler so harmlos.
Schaue ich von hier aus auf den Prog, ergibt seine Komplexität für mich plötzlich Sinn: Diese Komplexität des Prog, diese Abkehr von den repetitiven Schemata der Popmusik in Struktur, Motivik, Rhythmik und Melodik, macht es mir unmöglich, die Wendungen der Musik vorauszuahnen. Das Hören von Progressive Rock ist daher rückwärtsgerichtet, analytisch, die Beschäftigung mit ihm kann nicht im Vorausahnen des immer Gleichen bestehen, sondern in der nachträglichen Analyse des eben Gehörten.
Ein Beispiel: Dream Theater lieben es, in einer Reihe gleicher Takte am Ende einen Taktschlag auszusparen, also etwa die letzte Achtelnote in einem 4/4-Takt. Den Hörer, der eine Fortsetzung des 4/-4 erwartet, überrascht das, er hat den Eindruck eines "Vorziehens" dieses nächsten Taktes durch das Aussparen der Achtelnote und kommt mit seinem Hören ins "Stolpern". Zumindest in den nächsten Sekunden wird sein hörendes Interpretieren erst einmal hinterherhinken. Wer "The Mirror" kennt, weiß, wovon ich rede.
Aber das gibt es nicht nur im Kleinen, in der kurzen Zeit, die zwischen dem einen und dem nächsten Takt vergeht, das gibt es auch im Großen. Denn auch die strukturelle Komplexität, also den Bauplan ganzer Songs möchte ich unter diesen Stichpunkt fassen. Auch bei der Abkehr vom Strophe-Refrain-Bridge-Schema geht es darum, dem Hörer die Möglichkeit zu nehmen, auf Anhieb alles zu verstehen, was ihm da vorgesetzt wird, oder gar vorauszuahnen, was noch kommt.

Für mich ist das der Kern der ganzen Angelegenheit. Denn man kann nun versuchen, davon ausgehend auf das ästhetische Wollen der Komponisten rückschließen, dem Hörer die Möglichkeit zu nehmen, der Musik beim ersten Hören gleich zu folgen. Zweck könnte die Überraschung sein, ein Eindruck des (so) noch nie Gehörten, oder auch der, dem Hörer das Gefühl zu geben, dass es auch nach mehrmaligem Hören noch etwas zu entdecken gibt. In jedem Fall glaube ich, dass es dieses Phänomen ist, das Gezwungensein zum nachträglichen Analysieren des Gehörten, das zusammen mit Intertextualität und Selbstreferenzialität dafür verantwortlich ist, dass der Progressive Rock den Ruf hat, besonders anspruchsvoll zu sein, intelligent (und das ist nur eine Metapher, denn der Prog hat keine Neuronen) und damit - bäh! - elitär.

So! Eine Definition ist, das zeigt die Tradition des Definierens, nur etwas wert, wenn man sie in einen einzigen Satz packen kann. Das ist zwar Unsinn, macht aber Spaß. Und darum - und nur darum - will ich jetzt versuchen, all diese verschwurbelten Gedanken in einen einzigen Satz zu packen:


B. 4. Mein Definitionsversuch:

Der Progressive Rock ist als Subgenre der populären Musik eine in seinen exponierteren Ausprägungen im Vergleich zu anderer Rockmusik auffallend häufig, aber nicht notwendigerweise von Longtracks, virtuosem Spiel und rockfremden Instrumenten geprägte Musikrichtung, die mit dem musikalischen Mittel der (vor allem strukturellen, harmonischen, melodischen, rhythmischen und stilistischen) Komplexität versucht,
- aus Gründen wie z. B. der Suche nach einem (z. B. eine Aufwertung mit sich bringenden) Anschluss an andere (z. T. kulturell als etablierter angesehene) Musikrichtungen, einer (kritischen) Selbstreflexion und Humor bzw. Ironie, selbstreferenzielle Verweise und/oder intertextuelle Bezüge zu anderen Musikrichtungen, Gattungen, Komponisten, Bands, Alben oder einzelnen Stücken herzustellen und dem Hörer bewusst zu machen
und vor allem
- durch die Verwendung kompositorischer Mittel, wie z. B. rhythischer, harmonischer oder struktureller Brüche oder durch die Kombination als inkompatibel angesehener Elemente, Überraschungseffekte zu erzielen
und dadurch eine Interpretation des Gehörten in die Zeit nach dem Hören zu verlegen (vor allem im Gegensatz zur übrigen Rock- und Popmusik, deren Hauptanliegen durch das Wiederholen sowohl einzelner Passagen als auch ganzer Kompositions- und Strukturschemata im "wieder"erkennenden Antizipieren des Gehörten durch den Hörer liegt), wodurch beim Publikum der Eindruck einer für Pop- und Rockmusik als ungewöhnlich erachteten Kühnheit und Fortschrittlichkeit bzw. Überlegenheit gegenüber dem Mainstream, eines erhöhten Anspruchs an die Aufmerksamkeit und einer für Pop- und Rockmusik ungewöhnlichen Intellektualität entstehen kann, entsteht oder entstehen soll.


B.5. Nachgetragene Gedanken

Wenn ich also schreibe „das ist Prog“, oder „das ist kein Prog“, dann bezieht sich das auf diese, meine Definition. Es ist kein Werturteil, sondern eine Genrezuschreibung. Wenn so ein Album dann wenige Punkte bekommt, dann nicht, weil es kein Progalbum ist, sondern weil ich es - unabhängig davon - für nicht besonders gut halte. Wenn man solche Alben auf ihren kompositorischen Gehalt hin abklopft, entpuppen sie sich nämlich im Vergleich zu Alben von meinetwegen Henry Cow, King Crimson oder Dream Theater oft als deutlich einfacher gestrickt. Und das muss sich doch auch irgendwie in der Note wiederfinden. Schlagt es nach, bei Yes, Genesis und Konsorten sind die Bewertungen eingebrochen, als die um 1980 herum Poprock gemacht haben. Aber bei Beardfish, Steven Wilson, Mastodon oder Shining soll's jetzt plötzlich keine Rolle spielen?

Und wenn die Mehrheit trotzdem der Meinung ist, das ""Operation: Mindcrime" ein Progalbum ist?

Dann entgegne ich: Wir haben keine Ahnung, a) wer diese Leute sind, b) ob das wirklich die Mehrheit ist, und c) wenn ja, wovon, d) was sie von Musik verstehen, e) was sie von Prog verstehen, f) wie genau sie sich das Album angehört haben etc. etc. Und ganz prinzipiell: Was Prog ist und was nicht, entscheiden doch nicht die Hörer, auch nicht mehrheitlich, das wird durch die Musik determiniert.

Und ich bin bereit, meine Meinung sofort zu ändern, wenn mir jemand die Progelemente auf solchen Alben zeigt.




C. progressiv vs. Progressive

Was ist am Prog progressiv? Diese Frage wird immer wieder gestellt, die daran anschließenden Ergüsse resultieren meist in dem Vorwurf, "Progressive Rock" sei ein eitler und elitärer Name, wobei dann immer auf den Retroprog als bestes Gegenbeispiel verwiesen wird. Das dem Progressive Rock zum Vorwurf zu machen, ist aber unsinnig, verliert ein Genre doch seinen Genrecharakter, wenn es sich ständig anders zeigt als eben noch. Es muss schon ein paar stilistische Gemeinsamkeiten geben, sonst wäre der Prog nicht als Prog erkennbar. Welche das sein könnten, habe ich weiter oben beschrieben.

Und natürlich gibt es im Prog auch Fortschritt. Progressive Künstler gibt es in allen Genres, im Prog ebenso wie im Jazz, in der Klassik, im Alternative oder im Pop. Herrje, Astor Piazzolla hat den Tango revolutioniert, und selbst in der alpenländlerischen Volksmusik gibt es Revoluzzer.

Nein progressiv war der Progressive Rock vor allem in seiner Frühzeit. Ursprünglich (so um 1967, 1968 herum) meinte der Ausdruck ein Fortschreiten im Verhältnis zu der traditionellen Rockmusik der 50er und 60er. Und ich finde, den Anspruch hat er vollauf eingelöst: Selbst der aktuelle Retroprog und die Klonbands stellen gegenüber der Rockmusik der 60er einen Fortschritt dar. Heute ist "Progressive Rock" der Name eines Musikstils, dessen Charakteristika (s. o.) zwischen, sagen wir, 1968 und 1974 entwickelt wurden. Musik, die diese Charakteristika aufweist, darf zum Prog gezählt werden. Musik, die darüber hinausgeht, also zusätzlich progressiv ist, muss zumindest einige intertextuelle Bezüge zu diesen Charakteristika aufweisen - sonst ist sie vielleicht progressiver Jazz, progressive Klassik, progressiver Alternative oder progressiver Pop. Wir müssen aufpassen, die nicht alle automatisch dem Prog zuzurechnen, sonst verschwimmen die Genregrenzen bis hin zur Unbrauchbarkeit, der Prog schwingt sich zum allumfassenden Avant-Genre auf, und vielleicht wollen's die betreffenden Musiker auch nicht, weil sie sich nicht als Progger verstehen.

Und den Fortschritt als reine, ständige Neuerung zu sehen, würde ja auch den Fortschrittsbegriff ziemlich stark einschränken. Fortschritt, Progressivität, kann mehr sein als der reine Bruch mit dem Althergebrachten. Gerade für ein Genre, dass sich so schwer tut mit dem Begriff "Retro" wie unseres, ist das ein wichtiger Punkt.

Also nehmen wir ihn doch gleich mal, den Retroprog. Der heißt so, weil es sein Sinn, sein Zweck und damit seine Daseinsberechtigung ist, gerade nichts Neues zu bieten. Das ist es schließlich, was das Wort „Retro“ bedeutet. Der darf das. Retroprog ist Musik von Leuten, die es bedauern, dass die klassischen Progbands nicht noch mehr klassischen Prog aufgenommen und veröffentlicht haben, für Leute, die es bedauern, dass die klassischen Progbands nicht noch mehr klassischen Prog aufgenommen und veröffentlicht haben. Retroprog richtet sich nicht an Leute, die das Progressive im Progressive Rock suchen. Also tun diese Musiker genau das: klassischen Prog aufnehmen und veröffentlichen.

Unter künstlerischen Gesichtspunkten ist das Genre Retroprog damit natürlich höchst zweifelhaft, so wie jedes Retrogenre, sei es in Literatur, Film, Kunst oder Design. Beim Prog liegt der Fall jedoch ein wenig anders: Progressive Rock greift als typische kulturelle Erscheinung der Postmoderne schon von Beginn an Elemente aus ganz verschiedenen Musiken auf und stellt auf diese Weise zahlreiche intertextuelle Bezüge zu und zwischen diesem Musiken her: Er greift bereits in seinen frühesten Ausprägungen, etwa bei The Nice, King Crimson oder den Moody Blues, neben Elementen aus dem Rock auch solche aus dem Jazz und der Klassik auf. Von diesem Gedanken ausgehend ist der Retroprog nun einfach diejenige Spielart des Progressive Rock, die zusätzlich zu diesen Elementen aus Rock, Jazz und Klassik auch solche aus dem Progressive Rock selbst aufnimmt. Im Retroprog nimmt der Prog also Bezug auf sich selbst. Die Motive dafür sind sicherlich verschiedener Natur, künstlerischer Fortschritt gehört aber wohl nicht dazu. Man kann das akzeptieren, zu Beispiel, weil man zu den Leuten gehört, die es bedauern, dass die klassischen Progbands nicht noch mehr klassischen Prog aufgenommen und veröffentlicht haben, oder einfach, weil man Retroprog mag (und dann fragen, ob es nicht guten und schlechten Retroprog geben kann, darf, unabhängig davon, dass er nicht neu ist). Wer das Neue sucht, darf es im Retroprog nicht suchen - und sich schon gar nicht beschweren, wenn er es dort nicht findet. Das Interessante am Retroprog liegt in seinem Spiel mit den vielschichtigen intertextuellen Bezügen, die auf diese Weise aufgebaut werden können, ein intellektuelles Spiel, zugegeben, aber eines, das darum nicht unbedingt weniger reizvoll sein muss. Progressiv ist anderer Prog.

Nein, der Name "Progressive" ist tatsächlich nur ein Name, der Name eines Genres, in dem es, wie in jedem anderen progressive, weniger progressive und rückwärtsgewandte Künstler gibt, er bedeutet überhaupt nichts, wie eben jeder andere Name auch. Bernhards sind ja auch nicht alle stark wie Bären.






D. Die leidige Rezensiererei

Daß Kritiker kritisch sind, ist nicht das Schlimme an ihnen, sondern daß sie sich selbst gegenüber so unkritisch und humorlos sind.
Heinrich Böll

If we want to encourage new blood of the highest ability into the genre we need to be able to call a spade a spade. [...] Too much "prog" is produced in homage to the glory days of the past. Too many of those doing it are people who have failed to develop the necessary compositional skills needed.
Robert John Godfrey


D.1. Warum eigentlich Platten rezensieren?

Ja genau! Warum rezensiere ich eigentlich Platten? Es gibt ja eine ganze Reihe von Vorurteilen über (Platten-)Rezensenten, einige davon versammelte Jerry Lucky in seinem Progressive Rock Handbook:


1. Mein Favorit gleich vorneweg: Rezensenten leiden an einem Neidkomplex, weil sie selbst keine Musik machen können - deshalb rezensieren sie Platten. Damit sie auf den Musikern rumtrampeln können.

Herrlich oder? Ich kann auch keine Romane schreiben und doch rezensiere ich keine. Ich kann auch nicht malen und bin trotzdem kein Kunstkritiker. Ich kann auch nicht Fussballspielen (hey! Progger eben) und schreibe trotzdem nicht für eine Sportzeitschrift - Punkt klargeworden?

Nein?

Dann andersrum: Wenn das stimmt, warum gebe ich dann den Alben der Musiker, die ich am allermeisten beneiden sollte, immer die besten Noten?!? Mal eine Plattenrezension eines Musikers gelesen? Und? Wie war sie?


2. Nummer zwei: Plattenrezensenten tun es, weil sie sich so gerne gedruckt sehen.

Yeah - wir sind alle soooo große Stars. Deswegen kennt auch jeder unsere Namen. Und (das Beste): hat uns gern! Wir werden ja so sehr geliebt.


3. Nummer drei: Plattenkritiken sind unnötig, durch Kritik sei noch keine Band besser geworden.

So ist es. Aber auch nicht schlechter. Als sollten Plattenkritiken die Bands besser machen! Wenn das ihr Zweck wäre, müsste man sie nicht veröffentlichen, dann reichte ein Brief an die Band. Kann also nicht der Sinn der Sache sein. Was ist er aber dann? Offenbar richten sie sich an ein breiteres Publikum, nämlich: die Käufer. Oder besser: die potenziellen Käufer. Denn das würden diese gerne bleiben, potenziell nämlich, wenn es um Platten geht, die entweder mies sind oder die ihnen nicht gefallen. Da ist es gut, wenn es jemanden gibt, der ihnen einen Tipp gibt. Umso besser dann, wenn dieser Tipp verlässlich ist, ihnen nicht die Entscheidung abnimmt, sondern sie ihnen ermöglicht. Denn letztlich entscheidet der Leser einer Kritik, ob ihm die Musik gefällt, nicht der Rezensent. Nikolaus von Kues: "Der freie Geist bewegt sich selbst."

Also: Plattenkritiken sind nicht dazu da, den eigenen Neidkomplex auszuleben, sie sollen auch nicht die Musik oder die Künstler verbessern, sie haben vielmehr den Zweck, Menschen bei ihrer Kaufentscheidung zu helfen. Ob das ihr einziger Zweck sein sollte, lasse ich dahingestellt, zum Beispiel haben viele Rezensionen einen gewissen Eigenwert, umso mehr, als sie Teil der Unterhaltungsbranche sind - und diese Rolle auch übernehmen müssen. Aber solche Zwecke sind wohl eher zweitrangig.

Als, wann ist eine Rezension eine gelungene Rezension? Wenn sie diesen Zweck erfüllt.

Meine Hauptmotivation, hier Progalben zu rezensieren? Potenziellen Käufern bei der Kaufentscheidung zu helfen. Yep, tatsächlich. Aber es gibt noch eine weitere, ganz persönliche: Ich unterhalte mich gern mit anderen über Prog, und wenn diese Texte eine Möglichkeit sind, mit Lesern ins Gespräch zu kommen, dann will ich sie gern nutzen.


D.2. Ich möchte über Musik reden

Leuten bei der Kaufentscheidung zu helfen, setzt aber eines voraus: Ich muss über Musik schreiben. Und da lese ich oft, in anderen Rezensionen: Musik sei atmosphärisch, sehnsuchtsvoll, melancholisch, erdig, traurig, aggressiv - kurz: emotional. Und offen gestanden: Mich nervt das. Denn jeder empfindet Musik anders. Ich weiß noch, dass ich mich als Junge unzulänglich gefühlt habe, weil ich "The Wall" einfach nicht als düster empfinden konnte, obwohl das ja wirklich jeder sagt und man es überall lesen kann.

Das mit der Emotionalität - nein, ich sehe nicht ein, warum der Hauptzweck von Musik immer (nur) im Anregen von Emotionen bestehen sollte. Musik ist doch (wie jede Kunstform) ein Mittel der Kommunikation, und kommunizieren kann man alles Mögliche. Außerdem: Musik selbst hat keine Emotionen, sie kann sie allenfalls auslösen. Und von wessen Emotionen sollte ich dann schreiben? Von meinen? Die interessieren Euch doch nicht. Von denen des Lesers/Hörers? Die kennt Ihr selbst. Von denen des Künstlers? Die kenne ich nicht. Musik kann Emotionen auslösen, ja, aber jeder Hörer empfindet anders, ein anderer Hörer hat andere Emotionen. Von welchen Emotionen könnte ich also schreiben? Musik hat keine Emotionen, Emotionalität ist kein objektives Charakteristikum, sie ist nicht mal intersubjektiv. Wenn wir also über Emotionen in der Musik reden, reden wir also in Wirklichkeit über uns selbst. Ich dagegen möchte aber über Musik reden.

Also: Ich beschreibe Euch gern die Musik, fühlen müsst Ihr sie selber. Ihr beurteilt, ob sie Euch gefällt, berührt, bewegt, aggressiv macht oder nervt. Ich kann schließlich nur beurteilen, ob sie mir gefällt, mich berührt oder nervt. Ihr allein entscheidet, was Ihr hört und was Euch gefällt! Denn ein Leser, dem ich sagen würde, dass er ein bestimmtes Album so und nicht anders zu empfinden hat, würde sich doch (hoffentlich) von mir gegängelt fühlen.


D.3. Geschmack und Qualität

Die allgemeine Lebenserfahrung zeigt, dass es in allen Gebieten menschlichen Tuns nur ganz wenige herausragende Talente gibt, dann eine große Menge an Leuten, die ihrer Sache einigermaßen gut machen, mittelmäßig vielleicht, und dann wieder einige, die richtig schlecht sind. Mein Punkt: Dies gilt auch (und man glaubt das weniger, als man sich eingestehen möchte) für den Progressive Rock. Es gibt mehr schlechten Prog als guten. Aber haben wir nicht alle den Eindruck, dass unter den Platten, die uns gefallen, kaum eine schlechte ist? Wieso ist das so?

Das hat mit Geschmack und Qualität zu tun: Da gibt es nämlich einen wichtigen Unterschied. Ich persönlich z. B. mag viele Alben, die nicht besonders gut sind. Widersprüchlich? Gar nicht. Denn andererseits wird ja jeder sofort zugeben, dass es einen Haufen guter Platten gibt, die uns nichts sagen, vielleicht, weil uns die Musik zu stressig ist, oder aus irgendwelchen anderen Gründen. Legen wir doch mal "The ConstruKction of Light" von King Crimson und, sagen wir, "American Life" von Madonna mal nebeneinander, und vergleichen Rhythmus, Melodik etc. Um den Unterschied zu erkennen, muss man den persönlichen Geschmack gar nicht erst bemühen.

Geschmack und Qualität sehen halt auf den ersten Blick sehr ähnlich aus. Man darf sie trotzdem nicht verwechseln. Denn sieht man genauer hin, stellt man fest, dass sie überraschend wenig miteinander zu tun haben. Madonna zu mögen, und zu verstehen, was an King Crimson so großartig ist, sind zwei vollkommen verschiedene Dinge. Das kann man z. B. daran erkennen, dass es ohne weiteres möglich ist, beides zu tun. Es besteht da nämlich überhaupt kein Widerspruch. Man kann auch weder Madonna mögen, noch verstehen, was an King Crimson so großartig ist. Und man kann sogar Madonna mögen, obwohl man weiß, dass das Wegwerfpop ist. Und man kann ebenso verstehen, was an King Crimson so großartig ist, ohne sie zu mögen. So schwierig sie auch manchmal auseinanderzuhalten sind, Geschmack und Qualität sind zwei vollkommen verschiedene Dinge.

Und ja, auch in der Kunst gibt es Dinge, die nicht abhängig vom jedermanns persönlichem Geschmack sind. Man kann z. B. hören, ob ein Fis ein Fis ist, ob ein Takt ein 5/4 ist, ob ein Musiker sich verspielt, oder ob die Band synchron ist. Man kann hören, ob es Jazz ist oder Klezmer oder Metal oder Folk. Man kann hören, ob es akustisch ist oder elektrisch, live oder Studio, loud oder dynamisch. Es gibt eine Fülle objektiver Kriterien. Die Qualität von Textzeilen wie "You may never come back from a nuclear attack" (aus Greg Lakes "Nuclear attack") und "every time I see you my heart starts beating boom boom boom" (aus seinem Song "I don't know why I still love you") ist nicht relativ zu irgendeinem persönlichen Wertesystem unterschiedlich zu beurteilen. Dinge können misslingen. Und man kann hören, ob sich jemand verspielt. Manche Verspieler sind sogar berühmt geworden, die auf "Tubular Bells" zum Beispiel. Dass es Menschen gibt, die den Quark in diesen Texten nicht erkennen, diese Verspieler nicht hören können (die Affinität für Lyrik ist ebenso unterschiedlich ausgeprägt wie das musikalische Hörvermögen), ist kein Argument dagegen, das ein Text doof, oder ein Ton falsch ist. Dinge können misslingen.

Kann man "Tubular Bells" trotzdem mögen? Na, aber sicher! Millionen tun es, ich auch. Und wenn man trotzdem in der Lage ist, über die Verspieler zu sprechen, ist genau das der Unterschied zwischen Geschmack und Qualität.


D.4. Objektivität bedeutet, sich am Objekt zu orientieren

Es geht also offenbar um Objektivität. Aber ist nicht Objektivität eine Abstraktion? Ein unerreichbares Ideal? Eine reine Fiktion, von der wir uns gleich verabschieden können, weil sie eh nie verwirklicht werden kann?

Objektivität ist für mich weder ein absoluter Wert noch eine Fiktion, sondern ein Mittel zur Verständigung. Ein Mittel, eine Methode. Nicht mehr, nicht weniger. Objektivität bedeutet für mich die Orientierung am zu rezensierenden Objekt. Nur wenn wir am Objekt orientierte Aussagen von am Subjekt orientierten Aussagen trennen, ist eine Verständigung möglich. Eine objektive Aussage, das ist ihr Vorteil, kann jeder - ein gewisses Wissen vorausgesetzt - anhand der Musik überprüfen.

Wie funktioniert das? Nun, auf einer Platte ist nun mal drauf, was auf einer Platte drauf ist, und das ist für jeden dasselbe. Relativ zum jeweiligen musikalischen Kenntnisstand müsste das also auch jeder von uns mehr oder weniger gleich beschreiben. Denn es gibt natürlich jene Dinge, die für jeden Hörer, egal wo und wann er hört, egal, in welcher Stimmung er hört, immer vollkommen gleich sind. In Dream Theaters "The Dance of Eternity" gibt es 15/16-Takte, eine Abfolge von synkopierten dissonanten Figuren in den Takten 152 - 163, die einer Stelle in Strawinskys "Le sacre du printemps" ähnelt, und Petrucci spielt in den Takten 84-86 13,2 Noten pro Sekunde. Das ist für uns alle gleich - ob wir das hören können oder nicht (und wer kann das schon). In solchen Fragen müssen wir uns einig sein. Und wo wir verschiedene Kenntnisse haben, können wir uns auf Fachleute verlassen, wo wir verschiedene Ausgangspunkte haben, können wir uns für die Dauer unserer Konversation auf eine gemeinsame Definition einigen, so wie ich es oben in Bezug auf den Progbegriff gemacht habe.

Nicht gleich ist aber, ob wir diese Elemente in "The Dance of Eternity" aggressiv, anspruchsvoll oder geil finden. Das empfindet der eine so, die andere anders. Schönheit, Anspruch, Sperrigkeit, Schrägheit, Gewalt, Geilheit, Krässe, oder Lust, Wut, Liebe, Angst, Sex, Hoffnung finden im jeweiligen Hörer statt, sind Aspekte seiner jeweiligen Interpretation, und die ist das subjektive Element beim Musikhören. Das empfindet jeder anders. Das muss man respektieren, vor allem ich als Rezensent. Deshalb versuche ich, auf die Musik zu fokussieren, weniger auf mich, und die Wirkung, die sie auf mich hat, und schon gar nicht auf die Wirkung, die sie auf Euch haben könnte.


Beispiel

Jemand könnte in einer Rezension schreiben: "Yes' "Awaken" ist aus drei Teilen plus Intro und Outro aufgebaut, die Melodien basieren weitgehend auf einer dreitonigen Figur und ihren Umkehrungen. Quintenzirkel, Durtonarten und die Dreierfigur erzeugen eine stark positive Grundstimmung und die höhenbetonte Produktion verleiht dem Stück eine festlich tönende Atmosphäre. Ich halte das Stück für ganz großartig, weil Yes damit den positiven Botschaften ihrer Texte (und, nebenbei, ihres Namens) mit am nächsten gekommen sind."

So könnte man sich eine dreistufige Argumentation vom Objektiven zum Subjektiven gut vorstellen. Vorausgesetzt, der Leser findet "Awaken" ganz furchtbar, müssten wir uns dann zumindest über Stufe eins (erster Satz) einig sein (das ist das, was auf der Platte eben drauf ist), bei Stufe zwei könnten wir über die Grundstimmung diskutieren, nicht aber über Produktion und Melodik, und bei Stufe drei (letzter Satz) wären wir vermutlich uneins, weil's meine subjektive Meinung ist.


D.5. Die Rolle des Rezensenten

Für Rezensionen bedeutet das, dass sie immer dann nachvollziehbar sind, wenn sie objektiv orientiert sind, also am Objekt, wenn sie die Musik beschreiben. Nicht oder nur scheinbar nachvollziehbar sind sie, wenn sie subjektiv orientiert sind. Denn dann sagen sie weniger über ihr Objekt aus, die Musik, und mehr über das rezensierende Subjekt, also den Rezensenten. Allerdings hat eben jeder seinen eigenen, persönlichen, subjektiven Geschmack. Und niemandes Geschmack ist mehr wert, als der irgendeiner anderen Person. Deshalb wäre es ziemlich überheblich, einer Platte einen hohen Punktwert zu geben, nur weil ich sie mag. Dazu müsste man sich schon für reichlich unfehlbar halten.

Klar, auch ein Rezensent kann seinen persönlichen Geschmack nicht ignorieren. Wir sind schließlich keine Maschinen. Das verlangt aber auch niemand. Was ich meine, ist folgendes: Ich mag als Rezensent meinen Geschmack nicht ignorieren können, aber ich bin andererseits auch kein hilfloses Opfer meines Geschmacks. Ich kann mir bewusst machen, was ich mag, und warum ich es mag, ich bin in der Lage, mir meines Geschmacks bewusst zu werden. Zu erkennen, wenn ich rein aufgrund meiner geschmacklichen Vorlieben affektiv auf etwas reagiere. Klar, die Filterung durch den persönlichen Geschmack ist unvermeidlich, aber Objektivität haben wir deshalb erfunden, damit man unterscheiden kann zwischen dem beschriebenen Objekt und dem Filter. Der Rest ist dann eigentlich nur noch eine Frage der Ehrlichkeit: Bin ich gerade voreingenommen und gebe die Note, die ich gebe, aufgrund meines Geschmacks? Wenn die ehrliche Antwort "ja" ist, dann muss ich einen Schritt zurück gehen, mir den Unterschied zwischen meinem subjektiven Geschmack und dem, was auf der Platte ist, noch einmal klar machen, und dann das bewerten, was auf der Platte ist. Denn das ist es schließlich, was Euch Leser interessiert. Interessieren sollte. Ich möchte nicht, dass sich jemand eine Platte kauft, weil ich sie gut finde, sondern weil diese Person sie gut findet.

Das allein reicht aber nicht. Denn wenn man sich des eigenen Geschmacks und seines ständigen Dazwischenfunkens bewusst ist, heißt das noch nicht, dass man dadurch schon automatisch objektiver urteilen kann. Das Schlüsselwort ist: "kann" - das muss man können. Und dieses Können erwirbt man sich, mühsam, durch langjähriges Hören, möglichst unterschiedlicher Musik, darunter - wichtig - Musik, die einem nicht gefällt (weil man sonst wieder in die Geschmacksfalle tappt), durch viele Gespräche mit vielen anderen, durch Lesen, und so weiter. Deshalb lese ich so viel. Ich bin nämlich nur ein Hobbyschreiberling und bin schön aufmerksam, wenn sich ein Musiker oder ein Musikwissenschaftler über Prog äußert, weil ich dabei immer was lernen kann.

Ist halt anstrengend. Das ist vermutlich der heimliche Grund, warum die meisten, die dagegen anargumentieren, dagegen anargumentieren. Vielleicht ahnen sie, dass sie sich anstrengen müssten, weil am Ende eben doch die fundierte Meinung mehr zählt, als ein affektiv geäußertes Geschmacksurteil. Man erkennt diese Haltung oft an Sätzen wie: "das ist alles subjektiv", "jeder hat nun mal seinen eigenen Geschmack", "das ist alles Geschmackssache ", "das sind doch alles nur Meinungen", "es gibt nun einmal keine objektiven Bewertungskriterien in der Kunst", "das ist doch alles relativ", "was bringt einem das ganze Wissen über Musik, am Ende kommt es doch nur auf den Geschmack an", "bei uns herrscht Meinungsfreiheit, die ach so gebildete Meinung des Musikwissenschaftlers ist genauso eine subjektive Einzelmeinung wie die des Fans" und so weiter. Hauptsache, man muss nichts begründen. Am Ende fühlen sich alle mittelgut, weil alle Platten am Ende irgendwie gleichgut sind, denn irgendwer auf dem Planeten wird sie schon mögen, und da ja alles subjektiv ist, ist damit dann auch eine schlechte Platte gut. Aber am Ende kann sich dann doch keiner von dem heimlichen Verdacht freimachen, dass es vielleicht besser ist, wenn man von einer Sache mehr versteht, als wenn man weniger davon versteht. Ich glaube jedenfalls fest daran, dass es möglich ist, schlechte Platten zu machen.

Ich will nicht sagen, dass man auf solche Äußerungen gar nichts geben soll, aber es ist halt so wie bei allen Dingen im Leben: Auf die Begründung kommt es an. Kennt Ihr Darren Lock? Dann wisst Ihr, was ich meine. Man muss, will man objektiv sein, konzentriert hören, sich vielleicht Notizen machen, viel lesen, und das dauert. Aber danach hat man seine Meinung abgesichert, von geschmacksbedingter Voreingenommenheit befreit, oberflächliche erste Eindrücke berichtigt, Vorurteile überwunden, und all das ersetzt durch eine Beschreibung dessen, was auf der Platte ist. Die Orientierung am Objekt, die ständige Selbstkorrektur durch die kritische Frage "ist das, was ich da schreibe, tatsächlich auf der Platte zu hören?" - das ist Objektivität. Eine Methode, ein Prozess eben. Objektivität gedacht nicht als ein zu erreichendes Ziel, sondern als Weg dorthin. So verstanden, ist Objektivität selbstverständlich möglich.

Na, ich schaffe das auch nicht immer. Es gibt einige Rezensionen, die mir in dieser Hinsicht besser gelungen sind als andere, zu Yes' " Close to the Edge "etwa, zu den ELP-Alben, oder zu einigen Scheiben von Zappa. Bei anderen habe ich ein anderes Interesse - und die sehen dann ganz anders aus.

Man sollte als Rezensent halt keinen Anspruch auf Meinungsführerschaft erheben. Wir geben keine Meinung vor, wir geben nicht einmal Hilfestellung. Ich jedenfalls verstehe meine Leser nicht als Leute, die meine Hilfe benötigen. Schon gar nicht dadurch, dass ich Euch sage, was mir gefällt. Denn meine persönlichen musikalischen Vorlieben sind nicht wichtiger, bedeutender oder vorbildhafter als die irgendeines anderen Menschen. Ein Fachmann ist jemand nicht aufgrund dessen, was ihm gefällt, sondern aufgrund dessen, was er weiß. Die Menschen sind verschieden, jeder hat seinen eigenen Geschmack, und keiner davon ist so wie der meine. Jeder kann äußerst kompetent für sich selbst entscheiden, was ihm gefällt.

Damit sind wir am Knackpunkt: Jeder kann für sich selbst entscheiden, was ihm gefällt - aber nicht jeder kann gleichermaßen kompetent entscheiden, was gut ist. Dafür braucht es, wie gesagt, langes Hören unterschiedlicher Musiken, Gespräche mit anderen, Lesen - kurz: Bildung. Ein Fachmann ist man aufgrund dessen, was man weiß. Und das ist kein Privileg, sondern eine Verpflichtung: Je mehr wir über die Musik wissen, die wir rezensieren, desto kompetenter sind unsere Urteile, und desto bessere Argumente können wir Euch liefern - damit am Ende Ihr selbst entscheiden könnt. Das ist mir wichtig.

Was ist also ein guter Rezensent? Nope, ein Rezensent ist nicht gut, wenn er das gleiche denkt wie Du. Eine Rezension ist nur so gut, wie die Argumente, auf die sie sich stützt, und diese Argumente wiederum sind nur so gut, wie die Informationen, auf die sie sich stützen. Und deshalb ist es mein Ehrgeiz, dass auch diejenigen, die meinen Geschmack nicht teilen, meine Rezensionen lesen, und damit etwas anfangen können. Weil es nicht um meinen persönlichen Geschmack geht, sondern um die Musik.


D.6 Meine Kriterien

Bei der Beurteilung der Qualität von Musik sind für mich folgende Fragen wichtig:
Welchem Genre/Subgenre ist die Musik zuzuordnen? Ist die Musik komplex oder eher simpel? Macht die Komplexität Sinn? Dient sie einem höheren Zweck? Wichtig dabei: Ist dieser Eindruck eher produktionsbedingt oder sind die Kompositionen wirklich anspruchsvoll? Sind eventuelle Longtracks gut entwickelt oder einfach nur zusammengestückelt? Dominieren abwechslungsreiche oder krumme Rhythmen (5/8, 7/8, 11/8) und einfallsreiche Melodieführung? Oder ist alles relativ banal und schon (vielfach oder besser) dagewesen? Will die Band etwa wie irgendeine andere klingen, oder macht sie ein eigenständiges künstlerisches Statement? Wie ist die Komposition umgesetzt, gespielt? Von jedem einzelnen Musiker, aber auch von der Gruppe? Funktioniert das Zusammenspiel? Auch vier Vollprofis müssen nicht unbedingt eine funktionierende Band sein! Erreichen die Musiker ihr selbstgestecktes, eventuell sogar explizit formuliertes Ziel? Was ist mit dem Text? Ist er klug? Schlecht? Ein Schmarrn? Politisch? Religiös? Verständlich? Poetisch?

Weniger wichtig sind mir Fragen wie: Ist die Qualität der Produktion professionell oder eher Marke Eigenbau? Denn das hängt vom Budget der Band ab, und ich mag Musikern einfach nicht vorwerfen, dass sie zu wenig Geld haben. Das wäre asozial. Dafür kenne ich zu viele Musiker, die zu wenig Geld haben.

Sound interessiert mich überhaupt nur ganz am Rande. Es ist mir relativ gleichgültig, ob Streichquartett oder Metalband: lasst das Zeug, was derzeit in den Charts ist, von Rolf Zuckowski singen, und es werden perfekte Kinderlieder draus. Dass das kaum jemand bemerkt, liegt daran, dass im Rock/Pop-Bereich allgemein zu viel auf die Soundgestalt und zu wenig auf den Gehalt gehört wird. Aber natürlich kann man den gleichen Popsong nehmen, und ihn für Manowar, Madonna oder Zuckowski arrangieren, und er wird jedesmal authentisch und überzeugend klingen. Das geht aber eben nicht mit jeder Musik. Und die, bei der es nicht geht, finde ich interessant.

Tja, und dann ergibt sich am Ende die Frage: Wie stimmen all diese Komponenten zusammen? Gibt es hier und da Übergewichte - etwa wenn ein hervorragender Text nicht zur banalen Musik passt, oder umgekehrt? Oder sind alle Teile schön ausgewogen (was dann auch wieder langweilig sein kann)? Und, nicht zuletzt: Verändert mich die Musik? Lässt sie mich anders zurück, als sie mich vorgefunden hat? Eröffnet sie eine neue Sichtweise auf Neues oder Altbekanntes?

All diese Kriterien liegen noch vor meinem persönlichen Geschmacksurteil - vielleicht mit Ausnahme der letzteren, die bereits einen Übergang markieren. Mein Geschmack ist aber eh' eher diffus und melodieorientiert - und das wäre mir dann doch ein bisschen zu einseitig.





E. Zum Schluss noch etwas Werbung:

Ich rezensiere auf den BBS auch und gern Bücher, wer eine umfassende Bibliographie zum Progressive Rock sucht, kann gern mal auf meiner Website vorbeischauen:
www.progbibliography.de

Was? Progfans lesen nicht? Das ist doch wohl ein Gerücht! Tibor Kneif hat mal gesagt, die Musik von Gentle Giant könnte man ohne Musiktheorie überhaupt nicht verstehen, also: ran an die Bücher! Was? Über Musik schreiben ist wie über Architektur tanzen? Antiintellektuelle Propaganda! Warum sollte man nicht über Architektur tanzen! Außerdem gibt es Prog-Songs über Architektur, "Angkor Wat" von Yes zum Beispiel, oder "Brutal Architecture" von den Rocket Scientists. Also, wenn man Musik über Architektur machen kann, dann kann man auch über Architektur tanzen oder über Musik schreiben.

Aber Vorsicht! Wer liest, kann in der Zeit nicht Musik hören....

Aktuelle Playlist


Scardust - Sands of Time
King Crimson - Sailors' Tales
Dave Bainbridge

Hier meine Top-Alben 2017 (in alphabetischer Reihenfolge):

Bubblemath - Edit Peptide
The Hirsch Effekt - Eskapist
Igorrr - Savage Sinusoid
Isildurs Bane - Off the Radar
Kansas - Leftoverture Live & Beyond
King Crimson - Live in Chicago
Kotebel - Cosmology
Miriodor - Signal 9
Nova Collective - The Further Side
Orpheus Nine - Transcendental Circus
Panzerballett - X-Mas Death Jazz
Utopianisti - Brutopianisti
Sons of Apollo - Psychotic Symphony
Stewart Bell - The Antechamber Of Being (Part 2) - Stories From The Antechamber
Thinking Plague - hoping against hope
John Zorn - The Garden of Earthly Delights

All Time Top 10


Hier mach' ich gleich mal drei Listen - warum einfach, wenn's auch kompliziert geht. Also erstmal die Top 10 aus der ersten Reihe, die Inselalben:

Yes - Relayer
Gentle Giant - Octopus
King Crimson - The ConstruKction of Light
Jon Anderson - Olias of Sunhillow
Jethro Tull - A Passion Play
Refugee - Refugee
Magma - Mekanik Destruktiw Kommandöh
ELP - Tarkus
Isildurs Bane - MIND vol. 2
Platz 10: Italienischer Prog der 70er


So, und jetzt noch ein paar Platten "aus der zweiten Reihe", die ich nicht missen möchte, sozusagen meine Halbinselplatten (ohne besondere Reihenfolge):

Dün - Eros
Mirthrandir - For You The Old Woman
Yezda Urfa - Sacred Baboon
Cathedral - Stained Glass Stories
Hal Darling - D2R
Il Rovescio della Medaglia - Contaminazione
Greenslade - Greenslade
Gnidrolog - In spite of Harry's toenail
Banco del Mutuo Soccorso - Seguendo le Tracce
Isildurs Bane - Mind Vol. 2
Änglagard - Jedes Album
Doctor Nerve - Jedes Album
Miriodor - Jedes Album
Spock's Beard - V
Liquid Tension Experiment - Liquid Tension Experiment
Yugen - Labirinto d'acqua
Picchio Dal Pozzo - Abbiamo Tutti I Suoi Problemi
Kansas - Two for the Show


Viele BBS-Leser, die bei unserer Umfrage 2008 mitgemacht haben, wollten wissen, auf welche Prog-Subgenres wir stehen. Hier also meine Liste, angelehnt an unsere BBS-Stilkriterien:

Jazzrock/Fusion
Klassikrock/Adaptionen
Klassischer Prog
Moderne Klassik
Retroprog
RIO/Avant
Zappaeskes
Zeuhl

Oder kurz: Klassischer prog, Funprog a la Kansas/Spock's Beard und Abgefahrenes, am liebsten mit kreischenden Japanerinnen. Das Ganze gern auch improvisiert oder instrumental. Ausserdem stehe ich auf alternate oder early versions, weil einem das Einblick in die Entstehung der Stücke gibt - etwas, das der Künstler aus seinem Bild eines Songs ja nie ausblenden kann: So kann man seiner Sicht der Dinge etwas näherkommen.


Und hier kommen noch ein paar Non-Prog-Platten, die ich mag:

Khatchaturian - Suites
The James Bond Collection
Dimitri Schostakowitsch - Sonate für Violine, Cello und Klavier (Ma/Stern/Ax)
The complete musical work of Marcel Duchamp
Queen - Queen II, Innuendo
Huey Lewis and the News - Fore!, Small World
Boston - Walk on


Statistik

Lesestoff-Rezensionen:118
Glossar-Beiträge:4
 
Band-Bemerkungen:195
Album-Rezensionen:1173
Davon mit Wertung:1064
Durchschnittswertung:9.9 (Alle Rezensenten: 9.91)

Wertungsverteilung


15%
Wertung 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 keine
Anzahl 12 17 15 23 32 45 65 70 103 147 176 169 134 38 18 109

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